Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 5 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ßriefwccbrcl mit einem Deutfcbvchlnfcben. I>r. MarNaumann ('Berlin) an. Dr. W i l h eck nt Stapel > (Altong-Erotzflöttbeck). 24. Ap^il 1931. Sehr geehrter Herr Doktor!; Mein Name dürfte Ihnen bekannt sein. Ich gehöre zu den Gründern des Verbandes nationaldeutscher Juden. In unserem Mitteilungsblatt „Der nationaldeutsche Jude" ist mehrfach zu Aeutzerungen, die von Ihnen in, Bichern und Zeitschriften getan worden sind, Stellung genommen worden. Ich wende mich an Siein aller Offenheit, weil ich Sie stets für einen zwar unbelehrbaren, aber ehrliches und iw der Form anständigen Gegner unserer Bestrebungen angesehen habe. In der „Jüdischen Rundschau", dem Organ det Zionisten, findet sich unter der Ileberschrift „Aussprache über Iudenfrage" der Bericht über ein Referat, das Sie gelegentlich der Sttidentenkonferenz von 'Rnon gehalten haben. Hinsichtlich der nalionaldeulschen Juden gibt die „Jüdische Rundschau" Ihre angeblichen Ausführungen wieder, .wie folgte „Bezüglich der Raumänn-Grupve, die eine Verbindung1 mit dem Gesamtjudentnm überhaupt leugnet, erklärt, er. es sei eine Unverschämtheit, von anderen die Aufgabe ihres Volkstums zu verlangen." . Dieser Passus ist mir völlig unverständlich. Ich kann mir nicht denken, das; Sie unsere Bestrebungen und unsere Auffassung des Problems so gründlich mißverstanden haben sollten. Es wäre mir sehr erwünscht, von Ihnen zunächst zu erfahren, was Sie wirklich' gesagt haben, und demnächst mit Ihnen in einen rein persönlichen Meinungsaustausch zu treten. Dieser Meinungsaustausch, dqr natürlich — vorbehaltlich späterer anderweitiger Einigung.— streng vertraulich stattfinden würde, könnte aut schriftlichem Wege oder noch besser, wenn Sie in nächster Zeit einmal nqch Berlin kommen, in persönliä>cr Aussprache erfolgen. Ich sthe demgemäß Ihrer Rückäutzerung gern entgegen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. N a um ann. II. Dr. Wilhelm Stapel an Dr. Mai Naumann. 28. April 1931. Sehr geehrter Herr Dr. Naumann! Eben von der Tagung der Fichte Gesellschaft in Berlin zurück, finde ich, Ihren Brief vor. klm Sie nicht warten zu lassen.' antworte ich Ihnen sofort handschriftlich. . Eben traf auch die st e n o g r a p h i s ch e Aufnahme meines «frei gesprochenen) Bortrages in Nyon ein. Danach habe ich über die ..nationaldeutschen Juden" wörtlich folgendes gesagt: „Me soll sich der Jude in dieser Welt ( s ist die Rede von der 'Well der entstehenden.Imperien) benehmen? Wir haben Juden, dis empfehlen völlige. Aisimilc tion: die Naumann Gruppe. Diele Gruppe soll aber sehr lein sein. Ich m e i n ei i c i t s als Nichtjude kann selbstoirständlich leinein Juden zumuten, sein Bolkstum aufzugeben: wollte man mir Entsprechendes ^zumuten, so würde ich den Tod vorziehe». Dasselbe wird für den Juden gesten." Das. heißt deutlich: Ich mähe mir nicht an. dm Juden eine io ins Innerste greifende Forderung zu steten. Das ist ihre Angelegenheit. Ich als Deutscherkön ite mein Deulsch'kum nicht ausgeben, ich könnte mich nicht as imilieren. Das würde tödlich sein für mich. Was du nichtu illst, das man dir tu', das mute keinem andern zu. Also mu > ich dem Juden das Recht auf Selbstbehauptung seines Irdentums zugestehen.. ' Ein Wort wie „Unverschämtheit" habe, ich selbstverständlich nicht in den Mund genömmen. Ich habe mich beMilht, jedes Urteil über die innerjüdische Auseinandersetzung treng zu vermeiden, und ich denke, diese Nichteinmischung in. d n Bannkreis innerjüdischen Levens, ist mir gelungen, Worte wie Unverschämtheit vor einem' internationalen Publik tm unbeleidigt zu gebrauchen, liegt außerhalb meiner Lebensgewohnheiten. Es ist sehr Hählich, das; man mir sosche Ausdrücke unterschiebt. Dies'in aller Eile. Ich bitte um Entschuldigung für diesen etwas nachlässigen Brief. Aber ich bin nach^den ausgedehnten Debatten in Berlin recht Müde. . Sie Hallen mich für unbelehrbar und nur in de: anständig? Ich bitte Sie! | Mit vorzüglicher Hochachtung Wilhelm S tj i III. Dr. Nauinan n an Dr. S t a p ek. ', 30. April 1331. Sehr geehrter Herr Dr. Stapel! Ich bestätige mit' bestem Dank Ihr Schreiben vom 28. April 1931 und unser Ferngespräch, in dem sSie mir sehr Form > a p e I. freundlichtt die Erlaubnis erteilten, unseren Briefwechsel zu veröffentlichen. [ 1 Da« die Schlutzbemerkung Ihres Schreibens nur scherzhaft gemeint war. haben Sie mrr erfreulicherweise bestätigt. Ich habe natürlich keineswegs daran gedacht. Ihnen zu unter stellen, dah Sie ein „nur in der Form" anständiger Gegner seien. Hätte ich nicht die Anständigkeit Ihrer Gesinnung als selbstverständlich vorausgesetzt, so hätte ich Ihnen nicht so rückhaltlos schreiben können. Aber: unbelehrbar. 4das habe ich ganz ehrlich gesagt, bisher angenommen, und zwar auf Grund Ihrer eigenen Schriften. Ich würde mich be sonders freuen, wenn sich ergeben sollte, datz ich mich jg dieser Hinsicht geirrt habe. Etwps von „Unbelehrbarkeit" finde ich allerdings auch noch in Ihrem Bericht.über die Ausführungen, die Sie in Nyon gemacht haben. Ich war von vornherein der Ueber^ feugung.^ datz Sie den gehässigen Unsinn nicht gesagt habe» könnten,! den Ihnen der jüdischnationale Tendenz-Bericht erstatter in den Mund gelegt hat. Aber das. was Sie wirklich gesagt hüben, ist immerhin — entschuldigen Sie meine Offen heit — noch reichlich abwegig. Sie sagen — und zwar gerade bei Würdigung unserer,: der sogenannten „Naumann-Gruppe". Bestrebustgen — es sei, vom Standpunkte des Nichtjuden betrachtet, eine unzulässige Zumutung, daß Juden „ihr Volkstum aufgeben" sollten. Sie gehen also, wie von etwa-. Selbstverständlichem, davon aus, für jeden Juden, auch und insbesondere für die Gesamtheit der deutschen Juden, sei ein „jüdisches Volkstum" das Naturgegebene, mindestens das Primäre.; Diese Betrachtungsweise mag auf Juden oder Gruppen 6on Juden in anderen Ländern, sie mag auch aus die deutschen Juden einer längst zurückliegenden Zeit anwendbar sein, — für die deutschen Juden von heute und selbst auf die von gestern trifft sie nicht zu. Wo ist Ihr Beuiei. material'? Es ist in der Retorte gebraut — aus Ingredienzien, deren jedes eine petitio princivii, eine Ueberlieferung von Anno dazumal öder ein unzulässig verallgemeinertes Einzel erlebnis ist.: Sie berufen sich auf die Biologie. Aber ist nicht Biologie! die Wissenschaft vom-Leben und steht nicht das Leben, jedes Leben, unter dem Gesetze der Entwicklung? Es gab einmal ein jüdisches Volk, und dieses Volk hat zweifellos, bei aller Verschiedenheit der Individual typen, einen gemeinschaftlichen Grundtypus gezeigt. Und es . trifft auch zu, datz dieser Grundtypus noch heute erkennbar ist, — überall dort, wo die Juden unter völkischen Verhältnissen leben, im aufgezwungenen oder selbstgewählten Ghetto. , Auch in Deutschland gibt es solche Ehetti, heute noch, wenst auch nicht mehr bei Einbruch der Dunkelheit das Tor geschlossen und der Stadtsoldat baoor gestellt wird. Die Z i o n i st e n leben im Ghetto, so laut sie auch schreien, datz sie. nur sie, den Juden die wahre Freiheit der Persönlichkeit bringen, und so jongleurhaft geschickt sie auch, wie Ihr Gesprächspartner in Nyon, der Ministerial zionist llr. Äadt, den Staatsbegriff und den Volksbegriff umeinander wirbeln. Und die von Ihnen selbst so Herzhaft angeprangertcn it u n [t b e t r i e b I e r leben im Ghetto, die Tucholsky, Zerr usw., die nur für Juden und mit Jude» leben, „dichten" und trachten, die jede Erscheinung des Lebens durch die Brille ihres selbstgefälligen ..Judeseins" beäugeln und aller Welt vorschwafeln, ihr Weltbild fei das einzig wahre und gerechte, lind Herr Siegmund Zwischenfeld lebt im Ghetto, dessen schwankende Gestalt in unserem Alit leilungsblatt so oft mit Versknütteln gestreichelt wurde. Aber sind diese Juden, die im jüdischen Volkstum steckengebliebei: sind oder den Futz gerade auf die erste Sprosse der Entwict lungsleiter gesetzt haben, sind sie wirklich d i e deutschen Juden? Wenn Sie, sehr geehrter Herr l)r. Stapel, das Judenbild, das Sie aus dem Studium der Vergangenheitsgeschichte entnommen haben, einmal an lebenden Juden überprüfen wollten, an einer möglichst groben Zahl lebender deutscher Juden und dabei möglichst an solchen, die von ihrem Judentum nicht allzu viel Geschrei machen, so würde es Ihnen nicht entgehen, das; Judentum im völkischen Sinne kein character indelcbilis ist, datz es neben Jüdischnationalen und ..Zwischenschichtlern" auch national deutsche Juden gibt, dre in das deutsche Vollstum hineingeboren . sind, wie Sie selbst, die also nicht erst ein „jüdisches Volkstum" aufzugeben brauchen, um Deutsche zu sein. Gegenüber diesen deutschgeborenen Juden ist auch der Ausdruck „Assimilation", der aus dem Tendenz-Wörterbuch der Zionisten stammt, nickt am Platze. Wir .brauchen uns nicht $u „assimilieren", brauchen uns nicht äuherlich oder innerlich durch eine Willenshandlung anzualeichen. denn auf das „deutsche Aussehen", das Ziel der Sehnsucht, aller wahren „zwischenschichtlichen" Assimilcnrten, legen wir kern Gewicht und im deutschen Empfinden, in der Gewißheit unserer unauflöslichen Verbindung mit dem deutschen .Volke, in unserem Wesen fühlen wir uns jedem deutschen Menschen, welchen Stammes er auch sei. völlig gleich. Ob wir nationaldeutschen Juden wirklich nur eine