Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 3 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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.Bräuche der fremden“.! Beitrag zur Grundlegung eines deutfcben Iudenlt Wo Menschen sich zu gemeinsamem Werke vereinen, muh tS sich Herausstellen, bah ihre Ansichten da auseinanderachen, wo ihre Absichten eine Vereinigung erstreben. Das inß so sein und ist ein Zeichen des lebendigen Waltens der Jintiir, die jeden Fortschritt vom Bestehen eines Kampfes abhängig macht. Darum ist es auch alles eher als ein Fehler, dah es in den Religionsgemeinschaften Parteien gibt. .Mn Christentum wie im Judentum bilden sie ein sichtbares ,»cicl>en für das rege Leben, das in diesen Gemeinschaften pulsiert. , Worum aber geht der Kampf? Das katholische Christen-;um der Gegenwart nimmt eine Sonderstellung ein. da einen Organen der Weg von Machthabern vorgeschrieben wird, an deren göttliche Vollmachten man glaubt. Für unsere Betrachtung ist es unwesentlich. Anders steht es ui» den Protestantismus. Die Bewertung des apostolischen ' Glaubensbekenntnisses und der Sakramente bildet neben anderen Punkten gleicher Wichtigkeit den Anlah zur Parteibildnng. Bei uns Juden stehen andere Dinge zur Verhandlung. Zeit und Ort des Gottesdienstes, Einrichtung der Gotteshäuser. Anordnung und Sprache der Gebete führen ,» heftigen Gegensätzen zwischen Liberalen und Orthodoren.?ie Bestrebungen der Zionisten dagegen sind hier auszuchalten, da sie mit der uns allein interessierenden jüdischen Religion nur gelegentlich Berührung finden. Ist es nicht etwas beschämend, dah wir uns um all :old>c kultischen Aeuherlichkeiten befehden, wo unsere christlichen Freunde Fragen nnt frommem Eifer erörtern, die in aie Tiefe des religiösen Empfindens eindringen? Woran liegt es denn, dah wir Juden immer wieder unsere beste Kraft verschwenden, indem wir über Formen und Formeln streiten? , Da muh zunächst ganz ehrlich gesagt werden, dah uns liberale ganz gewih nicht die Schuld trifft an dieser bedauerlichen Tatsache. Wir haben stets freimütig bekannt, dah'wir auf einen groben .Teil jener Aeuherlichkeiten keinen 'JUert legen: die Orthodorft aber sucht sie zu erhalten. Dagegen könnten wir nichts sagen, wenn sie für ihr Verhalten positive religiöse Gründe anführen wollte, aber leider ist das durchaus nicht der Fall. Was macht ihr denn einen Gottesdienst zum Greuel, bei dem eine Orgel und ein geuiischter Chor Mitwirken? „Neginoth hagojim", antwortet uns der gesetzestreue Jude, Gebräuche der Fremden sind Ihm das. Ihm genügt dieser Ausdruck vollkommen, um ms unjüdisch, als unrellgiös einen Brauch schon dann zu bezeichnen, wenn er aus einem anderen Kulte stammt. So würde ein örthodorer Rabbiner sich zii versündigen glauben, wenn er eine Orgelsynagoge überhaupt stur beträte. Aber wir wollen weiter ehrlich sein und ruhig! zugeben, dah auch grobe Teile unserer liberalen Freunde Vorurteil leiden. Hat doch unlängst ein ume. Ton 8tu4i<nrat Dr. f. da eben er; Einsicht begnadet hat. Das Christentum ist, genau wie das prophetische Judentum, Weltr. ligiön, aber es hat vor unserem unter dem gleichen Berliner Rabbiner. Glauben etwas voraus: Er seinen Kultus den Völkern brachte, es hat eben niemali hat in weitgehendem Mähe angepaht, denen es das Licht Bedenken getragen, Neginoth der sich für ganz liberal hält, es abgelehnt, eine neue Synagoge zu besuchen, da dort Männers und Frauen nicht mehr getrennte Plätze erhalten! | Welche Ueberheblichkeit liegt darin, zu glauben, das Judenliim habe für alle Zeiten die religiösen Wahrheiten für sich gepachtet! Welche Lieblosigkeit gegenüber dem Kultus von Menschen, die wir immer .wieder als rechtschaffene Freunde lennen lernten. Schon der Talmud hat hen Satz aufgestellt: ..Die Frommen aller Völker haben vollen Anteil am ewjgen i/eben." . Im Sinne dieser Anschauung läge es, den «atz auch auf das sachliche Gebiet zu übertragen. Dann könnte er etwa lauten: „Fromme Gebräuche aller Religionen haben Anspruch auf unser liebevolles Interesse." Auch inhaltlich darf das „Neginoth hagojim" nicht mit linjüdisch identifiziert rotjhm. Es ist doch Tatsache, dah im Judentum allerhand faul war. als Christus auftrat, dah er gerade manchen Gedanken unserer Propheten, der längst unter einem Wust von Unwesentlichem verschüttet war, in unserem Sinne weiterführte. So hat das Christentum die ' Auswüchse der Sabbatruhe beseitigt, während unsere Orthodoiie an ihnen großenteils noch starr festhält. «ie hat kein Recht darauf, in solcher Unnatur die Eigenart des Judentums für sich zu reklamieren. Was gegen die Vernunft geht, geht gegen Gott, nicht die Eigenart soll hier! verewigt werden, sondern die Eigenliebe, der gröhte Feind/ aller Religiosität. , . t m , . ( „Suchet Gott, so werdet ihr leben!", mahnt der Prophet.^ Suchet ihn aber nicht bloß.bei euch, suchet ihn ohne Vorurteil überall da. wo man ihn in Bräuchen verehrt, die eurem ehrlichem Empfinden Zusagen. Und, dah dies Suchen und Finden nicht in fernen Landen vor sich gehen soll, muhte eigentlich denen längst klar geworden sein, die im täglichen Morgengebet ihrem Schöpfer dafür danken, dah er sie mit hagojim, Gebräuche der Frei» >en, zu seinen eigenen zu machen, wo sie sein eigenes Weser gut veranschaulichten. Der sogenannte Christdaum trägt >ie jüdischen Chanukalichter, aber er ist die deutsche Tanne, niht die Zeder des Libanon, die sich der ursprünglick-en Sage itilecht cingefügt hätte. Und all die Personen des Krippensp eles trage» deutsches Gewand, mit alleiniger Ausnahme ler Drei Könige, die ja aus fremden Landen loinmen sollen. Unser Chanukafest dagegen bleibt unlöslich mit dem Ori:nt verbunden, mit einem Volk, das nicht mehr das unsere ist. mit einem Gotte, der sich in seinem Rationalhciligtum mit Sieropfern huldigen läßt und längst von anderen Gottesvörstellungen in uns abgelöst wurde. Was also heute noch inmer als „Neginoth hagojim" abgelehnt wird, ist in sehr vielen Fällen nichts typisch christliches^ aber typisch deutsches. Denn ein deutsches Christentum gibt es seit 400 Jahren, während sich ein deutsches Judentum erst seit etwa IM Jahren zu bilden beginnt. Trotzdem verhält man sich dem derüschen Judentum gegenüber noch immer ablehnend mit der Begrün >u»g, die. Unterschiede zwischen Judentum und Christenlum dürften nicht durch Angleichung des Kultus verwilcht. werden. ' Vom religiösen Standpunkt aus ist gerade dieser Grund >ur künstlichen Absonderung nicht stichhaltig. Zum werstvollsteii Besitz des Judentums gehört ja der Glaube an dir messt mische Zeit, jene ferne Zeit, in der ein Eotteshausi alle Bewohner der. Erde einen soll. Doch nicht unverdient wird jene herrliche Zeit der Menschheit geschenkt werden wir alle müssen dahin wirken, dah sie einst unsern spatest Enkelin zuteil wird. Dazu aber ist es unbedingt erforderlich, dah mm alles daran setzt, die religiösen Gegensätze, nicht nur istnerhal > des Judentuins, zu überbrücken. Die grundsätzlichen Verschiedenheiten zwischen dem religiösen Empfinden des größten Teiles der deutschen Juden und der christlichen Volksgenossen sind weit geringer, als man gewöhnlich annimmt. Das kultische Beiwerk aber darf nicht' grundsätzliche Bedeutung - erhalten. Wer bewußt darauf ausgeht, die Unterschiede! hervochuheben. ist unreligiös, und mag er auch Ehrendoktor aller! theologischen Lehranstalten der Welt sein. i Uebrigens ist es auch wzeder anmaßend, zu glauben, daß eine so kleine Religionsgememschaft, wie die jüdische, inmitten des deutschen Volkes! leben > könnte, ohne, absichtlich oder unabsichtlich, eine große Anzahl „Neginoth hagojim" in sich auszunehmest. Gleiches Klima, gleiche Nahrung, gleiche Gewohnheiten. gleiches geschichtliches Erleben bedingen eine Angleichung der religiösen Empfindungen und ihrer Ausdrucksmöglichkciten. Auch für den Juden ist Petrus der Schlechtwettermacher, auch er haßt „St. Bürokratius", | der ihn zwingt, „von Pontius zu- Pilatus" zu laufen, wenn er eine wichtige Sache nicht ad kalendas Oraccasvertagen will. Ohne Martin Luther, der uns erst eine deutsche.Schriftsprache schuf, wäre Moses Mendoksshn nicht möglich gewesen, ohne Händel fund Bach kestr^Sulzer und Lewandowski. die Begründer der fälschlich als jüdisch oder gar hebräisch bezcichneten Synagogenmusik. Auch für den orthodoresten Juden ist das Hebräische, wenn er nicht gerade durch zionistischen Einfluß dazu gekommen ist. das Neuhebräisch plötzlich als seine Muttersprache zu entdecken, eine Fremdsprache. Auch in der strenggläubigen Gemeinde sind Predigt und Gebet für das Vaterland in deutscher Sprache. Warum ist man. da nun einmal diese Neginoth hagojim in jeden Gottesdienst eingedrungen sind, nicht konsequent und beseitigt die fremde Eebetsprache nicht weiter? wurde dem dummen Volke Im oberschlesischen Wahlkampf . . .. . von polnischen Geistlichen eingeredet, die Mutier Gottes verstehe kein deutsch. Wir reden uns und ynsern Kindern ein. unser Gott verstehe nur hebräisch, unsere deutsche Muttersprache aber nicht. Steht es wirklich schon so böse um seine Allwissenheit?; Allein, wir wollen doch! nicht etwa „den Christen nachlaufen". Nein, gewiß nicht. Aber wir wollen den Satz der Schrift beherzigen: ».Suche dqs Gute und jage ihm nach!", selbst dann noch, wenn «s ass ursprünglich jüdisches Gut im christlichen Kultus verwandt! wird. Wahre Religion schafft niemais der einzelne Mensch auch nicht die Tradition, die sich in einer Gemeinschaft gleichartiger Menschen bildet, sondern nur das enge Zusammenleben mit andersartigen Menschen und deren Gemeinschaften.! Darum wird für die Zukunft eines deutschen Judentums alles davon abhängen, tme weit es der Gesamtheit der deutschen Juden gelingen wird, mit