Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1931
- Issue
- Nr. 2 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 - ebenso wie die griechiscbe» Tragödien — ein dichterischer .'lusdruck des retigiöfen Pessimismus ist. der nicht an gute Göller, sondern an böse Dämonen gttuvt („Nibelungen" :>eitzl ia „ptevelgelfter"). Mischt sich aber in den Fe>tes- :ubel das Klirren zerhrochenen Geschirrs. dann .tauben die unsichlvaren Lauscher, datz l>e Ereignige einen . alastrophaten Verlauf „e„„ien. und datz sie, die (Sötler. >ch nicht erst bemühen müssen, um ein Unglück herbeizuführen. :ie ziehen also befriedigt ab, das Glüc! des Brauipaares ucht weiter bedrohend. Daher gilt dis Zerbrechen von Glasern, Tellern usw. noch, heule als Gli cksverheitzung. mag ach die Gedankenlette, die zu dieser Schl ützfolgerung sührle, elgessen sein und der besprochene Brauch z » einem imisterioieii, .ichl inehr verstandenen Symbol erstarrt sein, j Da die pessimistische Auslassung vor, göttlichen Wese» >ichl aus dem Unterbewutztsein. wohl abe> aus dem Bewutztcin der Jiiben verdrängt ist, müssen die guten Leute die Lucken, die ihre heidnischen Vorfahren den Dämonen zuchriebcn, auf ihre lieben Mitmenschen übrrtragen. So ckuch?e» „bösen Blick". Die „Feige", die noch hegte die Ojtjudenl gegen den bösen Blick machen, ist nichu anderes, als ein erotisches Symbol und nur als solches in diesem Zu ainmenhang^ verständlich: Dem Verna chtungstrjebe iuirt> das Symbol der Zeugung als Ausdruck des E r - altungstriebes entgegengesetzt. . I Dieselbe aus dem Gebiet der Erotik geholte Symbolik begegnet uns im „Davidfchild". Die „Ertlarung" der uns unier diesem Ätamen belannten Figur als Kreuzung der Schilde Davids und Abrahams ist ohne Zweifel sehr poetisch, über erhellt sie wirklich das Geheimnis d^s Symbols? Für veijcn Deutung ist weniger die Frage entscheidend, was ■id, in dieser Figur kreuzt, als die Tatsache der Kreuzung clbst. Diese ist das Symbol der Fortpslanzung und Veruichrung. Als solche ist sie nicht nur das Synibol des I u d e n t u m s. sondern auch das des Chiistentums geworden. Auch der ursprünglich zunehmende Hilbmond des Islam ns ein Symbol der Zunahme, Vermehiung.) Das Kreuz oer Christen hat mit dem allrömijckzen Hiarichtungsiiistruinent nichts zu tun. Dieses halte (siehe Renan, „Das Leben öe,u"; die Gestalt eines lateinischen l. ^>agegen machte der .ermanische Bauer, schon lange bevor <r das Christentum lennen lernte, über sein Brot das heute übliche Zeichen des Kreuzes. Dieses ist also ursprünglich kein Symbol der ..Kreuzigung", sondern der „Kreuzung", der Vermehrung, und als solck>es wird es auch jetzt noch den Schulkindern i» der Rechenstunde geläufig gemacht: cts Additionszeichcn utchend r) und als Rtultiplilalionszciche l (liegend X). Die «'ilaubenssymbole des Jüdentums und d/s Christentums bedeulen also im Grunde dasselbe. Bei dm einen kreuzen! nch zwei Linien, bei dem anderen zwei Dreiecke. Das ijt| ganze Unterschied. (Ueber die große Rolle der Zahl djre i in der erotischen Symbolik kann mag bei Freud Näheres Nachlesen.) Datz die einander kreuzende» Dreiecke auch i»r verenglauben eine Volle spielen, erklärt sich zwanglos atzs dem erotischen Charakter dieses Glaubens. Und wenn in mittelalterlicher Wirt das Zeichen auf seinem Gast- Ii a u s s ch i l d anbrachte, dckutete er den Vorübergehenden an. i"iii in seinem Hause nicht blotz gastronomische, sondern auch 'cpuiellc Genüsse des Wanderers harrten. Diese einleuchtende Deutung wird »ranchem zum Mystizismus neigenden Gemüt erschreckend prosaisch erscheinen. Aber sie gibt uns die immerhin tröstliche Gewähr, dag wenigstens unser Glaubenssymbol nicht aus den Geiilden des Aber» g l a u b e n s geholt /wurde, wie sogar viele jüdische Gelehrte glaube». Cs vleibrn auch jo noch genug avergläudische Clemenle mit der jüdifchen Religiosität verwoben, uno zwar so eng, datz »ran vielsach gegen \ en e nicht vorzugehen wagt, aus Angst, diese zu,verletzen. Sie sind aber keineswegs dem Judentum tünstlich von autzen aufgepfropft worden, sondern vielmehr, wie ich gezeigt habe, das ursprünglich Vorhandene, die im Unterbewutzlsein forlwuchernden Rudimente der ver, drängte» peijimistifchen Gottesvorstellung. Das ist frühzeitig ertannt worden uno schon die Bibel hat den höchst mterejjanlen Versuch gemacht, dem Uebel mit demseloen Mittel an den.Leib zu rücken, dessen sich heute die psychoanalytische Heilmethode bedient: nämlich durch Agnoszierung der das Unterbewutzlsein vergiftenden Mächte und ihre Hervorzerrung ins helle Licht des Tages. Das, Prodult dieses bivtijchen Versuches ist das Buch Hiob.tiih dein es sozusagen zu einer offenen Aussprackze zwischen dein bösen Geist, der Unschuldige leiden lützt, und dem gerechten Gott Israels kommt. Die beiden Repräsentanten ertremer. einander sonst ausjchlietzender religiös-sittlicher Vorslellungen treten in diesem mertwürdigen Buche' als gleichberechtigte Wcltpartner auf. Das Problem, das hier tiefsinnig zur Distussion gestellt wird, ist' dasselbe wie das, welches heule »och den Be kämpf er des A b er gl au d e n s beschäftigt: nämlich die Frage, wie trotz der unleugbaren Beobachtung, die das reale Leben, immer wieder bietet: datz auch der Gerechte und Fromme vom Schicksal verfolgt wird, doch die optimistische Gottesauffassung des Judentums über den pessimistischen Dümonenglauben zum Siege geführt werden tann. Das Buch Hiob löst das Problem leider nür theoretisch. Die Praris sieht weit betrüblicher aus: sie dokumentiert sich in der schon befprochnen Beschwörungsformel „tlnberufen!" gegen den „Reid der Götter" und in der osljüdisck>cn Furcht . vor dem „bösen Auge". Cs ist wahrhaftig kein Zufall, datz man diesen religiösen Fremdkörpern gerade iir den Kreisen begegnet, die m der unbedingten Pflege des rituellen Z e r e »i o n i a l s das integrierende Moment des religiösen Lebenswandels erblicken. Zeremonien sind symbolische Handlungen, deren ursprüngliche Bedeutung, wie in diesem Aussatz an mehreren Beispielen gezeigt wurde, im Lause der Zeit in Vergessenheit gerät. Daher ist gerade das Zeremonial die Pforte, durch die sich der Aberglaube am leichtesten ins gläubige Gemüt einschl/iicht. Zur Abwehr dieser Gefahr ist es notwendig, die Geister immer wieder pom Zeremoniell zurück zu den klaren Quellen des Glaubens zu führen. Der Glaubensborn des Judentums ist der Optiinismus, der die Erlösung der Welt vom Uebel durch das sieghafte Ethos erhofft und . im Triumph der Moral den Sinn des Welt geschehens erdlirkt. In dieser Religion hat der pessimistische 'Glaube an den „Neid" bosl-after Schicksalslenter — sie mögen heitzen, wie sie wolle» — keinen Platz. Er ist ein zersetzendes Element im Seelenleben der Menschheit, die in der Zuversicht aus das Wallen eines sittlichen Prinzips einen Halt findet. Einen Halt, dessen die heutige Generation dringender bedarf, als je ^uvor. Bücberfcbau. i i Joseph Roth: Hiob. (Gustav Riepenheuer Verlag. Berlin.) .! Joseph Roth erzählt dje Geschichte eines armen russischen Inden. Solange dieser Jude in Rutzland lebt, ist sein Körper i>t Rutzland, sein Geist in Palästina, alsihn das Schicksal nach Amerita verschlägt, ist sein Körper in Amerika, sein Geist in — Rutzland. Im bösen, geliebten Rutzland mit seinen Bauen» und Kosaken, seinen unendlichen Weilen, seinen Schneeseidern, seinen „Stimmen der Grillen und Frösche". Das ist ein sehr seltener und sehr erfreulicher Zug in einein jüdischen Buch: diese Liebe, nicht zu dem Land, das man vor Jahrtausenden verlassen hat. sondern zu dem Land, in dem man geboren ist. dessen Sprache man spricht, in dem seit Jahrhunderten die Gebeine der Eltern ruhen. „Jonas hat recht gehabt, Jonas, das dümmste von meinen Kindern!" Und was hat Jonas getan? Er hat nicht an Palästina gedacht wie der Vater, noch ans Reichwerden wie Bruder Sam — et ist unter die Kosaken gegangen und hat mit russische» Bauen» und russischen Frauen gelebt wie irgendein Russe. Er hat lieber in Rußland sterben als in Amerika Geld machen wollen. Er ist vielleicht Weihgardist geworden. Roch en» schritt weiter und Mendel Singer begreift, datz ein Gott, der »mr die Juden erlösen will, kein gerechter Gott ist. Roch ein Schritt weiter und Mendel Singer begreift, datz die/höhere Treue des Herzens dem Lande gilt, in dein man geboren Ist, und nicht einem Idol. Künstlerisch lmt der Roman seine Schwächen. Der „Hiob" ist kein grotzeic Roman: grobe Romane laim Joseph Roth nicht schreiben. Joseph Roth kann nicht aus dem Vollen schöpfen wie Balzac und nicht ins Unendliche fabulieren wie Goetl>e. aber er kann aus seiner Seele sprechen, einfach und bescheiden. Mendel Singer hat nichts von der Dämonie Hiobs, er ist ein armer jüdischer Schullehrer mit viel Unglück im Leben. Im ersten Teil des Romans ist Dcborah alles und Mendel nichts!, und es ist unwahrscheinlich geimg, datz Deborah ihre ganze Mutterliebe an Mendel abgeben soll. Unwahrscheinlich ist auch die Metamorphose Menuchims, und die Frage ist berechtigt, ob ein Schriftsteller der Gegenwart derart mit der Wahrheit umspringen darf. ' Doch dieb alles ist nicht wichtig. Wichtig ist der arme, entgeisterte, hilflose Jude mit seinen Psalmen und seinen komischen Verrenkungen. Hier spricht die Stimme der Menschlichkeit und sie begleitet den Leser durch das ganze Buch. Das liebenswerte Buch eines liebenswerten Menschen. Ernst Berg.