Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 12 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Die ttlablen zum öfterrctcbtfcbcn JSationalrat. Von Or, Buge öpfcglcr (3Qicrt; (Ein Witz berichtet vom Kaiser Franz.Josef, das; er auf die Kunde vom Ausbruch des Weltkrieges gesagt habe: „Keben's uns^denn nochrnme: leine Ruhe. die Preuhen?" Der Witz fit schlecht, denn Kaiser Franz Zoief 1. war trotz seines hobeln Alters zur Zeit des Kriegsausbruchs ebenso im Vollbesitze seiner geistigen Kräfte, wie tzer heute im selben Alter stehende deutsche Reichspräsident Hindenburg. und das? der Kaiser im Jahre 1914 noch in den-Gedankenas'oziätionen von 1866 gesteckt habe, iit natürlich ein: lächerliche Ilebertreibung. Weniger lachhaft i>t die Tatsache, das; das. was damals als Ausgeburt einer i n Grotesk-Karikatureh.harten schwelgenden Phantasie hingenommen wn^de.' jetzt .vom'Ertzit. des Lebens und noch in gesteigertem Ausmatze —' in der Wirklichkeit nachgeichanen wurde. Oesterreich besitzt zur Zeit,' da dieser Bericht niedergeschrieben wird, einen Innenminister namens Rüdiger ftfirit Stnrhembcrq. Dreier Name qenieht hier;ülande eine gewisse Popularität, denn so.hieb der siegreiche Verteidiger Wiens gegen die Türken im Jahre 1689.' Sein später Nachfahre, der jetzt diebeschicke leiterreiche leitet, soweit sie vom Innenministerium abhäNgen. hat bald nach seiner Ernennung eine Rede gehalten, in der er' eine markante Persönlichkeit der Gegenpartei 'mit Anspielung auf ihre jüdische Abstammung als! einen „Asiaten" hezeicknete. dessen Kopf in den Sand rollen mime.... Dieser jugendliche Staatsmann er i>t erit 30 Jahre alt i't alio faktisch nicht blas; in der Ideologie, sondern sogar auch in der Terminologie seines Ahnherrn aus der Zeit der Türkenkriege stecken geblieben. Wie ein solcher Mann in die österreichische! Regierung kommen konnte, das bildet die Vorgeschichte zu den am 9. November abgehaltenen Wahlen in dieösterreichische Nationalversammlung und zimteich den Schlüssel zum Verständnis des Ausfalls dieser Wahlen. Wie in qan; Europa macht auch in Oesterreich die Demokratie eine Krist's durch. Und wie in Deutschland haben auch hier beide Richtungen, die demokratische und die Antidemokratische. bewaffnete Formatianen organisiert. Der „Republikanische Schutzbund" -- zum Unterschied vom „Reichsbanner" in Deutschland rein sozialdemokratisch mvchte sich durch seine Reianng für häufige, meistens reckt wenia motivierte Aufmärsche mibliebiq, weniger, w"il man di- Errichtung einer „Diktatur des Proletariats" wirklich in greifbare'Nähe genickt gekühlt hätte, als weil solche Aufmärsche das geschäftliche Leben sehr ungünstig beeiiiilutzte»,. Die'Mitglieder dös Schutzbunds und Arbeiter, die ans das Kommando ihrer Führer hin mitten am Werktag ans den Fabriken und Werkstätten auf die Strotze eilen und dort bald für. bald geaen jemanden demonstrieren mutzten. Als dann eine , solche Demonstration — es war zufällig eine „wilde", nicht non der Parteileitung arrangierte am 15. Juli 1927 die-bekannten blutigen Erze'se und die-Einäscherung des Wieder- Iustizvalckstes zur Folge hatte, wandte üch die Snmvathie werter Bürgerschichten der gegnerischen Formation zu, der Heim wehr. Speziell die jüdischen Bürger bearützten diesen neu aufstrebende, Faktor im politischen Leben Oesterreichs mit besonderer Genug tnung. Denn da die bürgerlichen Parteien in Oesterreich die ^.christlich-soziale" nnd die „grotzdeutsche", offiziell anti semitisch sind, hatten die Juden nur die Wahl, sich entweder der sozialdemokratischen Partei anzuschlietzen oder auf ein Teilnahme am politischen Leben zu verzichten. Die Heimweh aber betonte ihren übervarteilichen Charakter sowie ihr Objektivität in konfessioneller Beziehung und verkündete, da, ihr jeder willkommen sei. der treu zur Heimat stehe. Reick Substdien jüdischer Finanzgrötz.eii und viele Mitgliedsbeiträg minder kapitalskräftiger Inden waren der Dank für diesen i Oesterreich leider nicht alltäglichen Leberalismus der — Ani liberalen. Aber bald folate die Ernüchtenmg. Zunächst auf wir! s ch a f t l i ch e m Gebiete. Die Heimwehr, geführt vo> Offizieren der alten österreichischen und zum Teil auch d prentzischen Armee (Maior Pabstl. die in den neuen Verhäi nissen nach dem Ilmstur, wirtschaftlich nicht festen Futz - fallen vermocht batten-und ietzt froh waren, eine einträgli., .Beschäftigung, die ihren alten Gewohnheiten entsprach, g-, künden zu Haben, übertraf den „Schutzbund" noch in d Neigung zbm Demonstrieren. Und statt dielen in Sckach un' von der Strotze fern zu halten, provozierte sie ihn zu ständig»! Gegenkundoebungen. Die Wirtschaftskreise, denen schon di ständigen Aufmärsche der Schutzbündler auf die Nervin ge fallen warin. mutzten jetzt fast allwöchentlich zwei Aufmärlck Hinnehmen — und teuer bezahlen. Denn jede Demonstrativ', der Heimchehr rief auch den Gegner auf den-Platz, und di Polizei, verstärkt durch Gendarmerie und Militär, hatte dir grötzte Mühe, die beiden feindlichen Laaer getrennt zu Halter Sie hat diele Aufgabe stets bravourös gelöst, aber der finanzielle Aufwand dieser Arbeit war grötzer, als manch wirtlchafts- und kulturpolitische Aufgabe gekostet hätte, deren Lösung immer wieder unter Hinweis auf die Armut de NachkriegstOeiterreichs hinausgezögert wurde. Die Förderung der Eleimwehr hatte also blotz zu unfruchtbaren Ausgabe,' geführt, wje sie für fruchtbare Zwecke zugunsten van Wirticka' und Kultur vom Staate niemals erlangt werden konnten Was Wunder, datz sich die allaemeine Snmvathie der Bürge, immer me)r vonden Heimwehren ab- und der Polizei, die wenn auck unter ungeheurem Aufwand non Steuergeldern doch wenigstens die Ruhe und Ordnung im Staate aufrecht erhielt, zuwandte? Einen sichtbaren Ausdruck fand bien- Snmpathie in der Berufung des Polizeipräsidenten Pr Schober zum Bundeskanzler. Dieser Mann hatte durch die Energie, mit der er di, Revolte vom 15. Juli 1927 uiederaelchlagen batte, die Sun, pathien delinks eingestellten Volkskreise verloren, jetzt aber gewann er "Tic durch feine unbeirrbare Objektivität wieder zürn» Leider verscherzte er sich gerade dadurch die Zuneigung jener Politiker, die einen ertremen R e rh t s fürs anstrebten un'. non der Bundeskanzlerschgft Kr. Schobers eine Fördern,, dieser Absichten erwartet hatten. Als er sich weigerte, eine" Reichsmark eingestellt, d. b. obo, ein Moratorium in Anspruch genommen werden. Eine Vergünstigung - übrigens, Hie leider dadurch lehr an Wert verliert, datz wir nach Ablauf der Aufschiib'rist 'unverzüglich sämtliche Zahlungenin Auslandswährung n a ck H o l e n müssen. Zudem erfährt die „freie Entschlietzung" der Reicksregierunq dadurch eine gewisse morali'cke Ein'chränkuug, datz tie durch A rtik :l 8 des Haager. Abkommens 'vom 20. Januar 1930) v,rpflichtet wird.liech auf jegliche Weile zu bemühen, .die» Erklärung eines Mviatoriums zu vermeiden". Was jchlietzlich den „Beratenden Sonderausichutz" betrifft, io erlchäoft sich ieine Befugnis damit, für eine etwaige Revision Vorschläge m machen, deren Annahme oder Ablehnung ganz im Beließen der Gläubigerregierunaen liegt. Es wird nicht nur von. deutschen Sachkennern des Reuen Planes als lein, grösstes Pass vum für Deutschland bezeichnet, datz er keine unmittelbare und präzis formulierte Revisionsklausel enthält, sondern nur eit e völlig unverbindliche und verschwommen-verklaüsulierte Revisions- Möglichkeit.... immerhin als Versuchsmittel bauchbar. Es wird der deutschen Regierung nichts anderes übrig bleiben, als über kurz oder lang dieses Mittel anzuwendeii. Don grötzer Wichtigkeit ist hierbei die Erwägung, spann der „psyck alogische Moment" kür die Aktion gekommen ist. Die übere Ite, viel zu frühe Einberufung des Voungausschusses.hat uns h> schwerwiegende Nachteile gebracht, datz der Fehler in der Wahl des Zeitpunktes sich keinesfalls wiederholen - darf. Andrerseits mutz aber auch vermieden werden, datz der Reichsvegierung die Ereignisse über den Kopf wachsen Und der Sondeiansschutz erst Zusammentritt, wenn auch die Gläubigerregierungen angesichts der Wellwtrtschaftskrisis nicht mehr Herrinnen ihrer En schlüjse lind. Die Arbeitslosigkeit und Notlage in DeulE land hat schon jetzt ein solches Ausmatz erreicht, datz d Sonderausichutz heute wie morgen zu einer ganz ander Auffassung der Dinge kdmmen wird, als die Sachverständig des Voungvlanes im Sommer vorigen Jahres. Zudem Hab die Preisstürze auf dem Weltmarkt den Wert des Goldes d. matzen gesteigert, datz unsere auf Eoldmark berechneten N varationszahlungen. an ihrer Kaufkraft gemessen, schon s e; geraumer Zeit erheblich höher sind, als in d Tagen der Pariser und Haager Konferenzen, und in ihreffektiven Wert vermutlich noch weiter steigen werden. Die' Umstand allein schon ist geeignet, eine deutsche Revision fordentng zu rechtfertigen, und ist einmal die erste Bresche das Reparationsgemäuer geschlagen, so werden auch no andere Stleine aus dem nur scheinbar festen Gefüge fall-' Auf eines aber kommt es an: Bevor sie die Eläubigerniäck anruft, muh die deutsche Regierung ihre im vorerwähnte Artikel 8 auferlegte Verpflichtung, „sich auf jegliche Wei zu bemühen, die Erklärung eines Moratoriums zu ve> meiden". — erfüllt haben. Diele Erfüllung kann nur dari bestehen, datz sie ihre ganze Tatkraft anwendet, Ordnung,w die Finanzen zu bringen. Der Erfolg ihrer Bemühungen wirf um so grötzer sein, je weniger sie sich der Einsicht verschliefst datz... Einschränkung der öffentlichen Aus gaben im Reich, in den Ländern und Koni munen der bitteren Not des deutschen Volker weit mehr entsprechen, als alle Steigerungen der Steuern und Tarife.