Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 12 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Zur ]Metbodtk des Antisemitismus-Problems. Eine Stimme vom anderen Oker. l. Faht man die antisemitische These ganz allqemein dahin, dah der ,üd,sche LAensch genngwertiqer sei als bestimmte, viele iiber gar alle Menschenqruppen. so beruht ein solcher Sah. wie shne weiteres ersichtlich. auf drei Grundlagen: , a) Zunächst setzt eine solche Auslage voraus, dah derartige Gruppen überhaupt Subjekte möglicher Urteile sein können: b) sodann setzt er voraus, dah es anerkannte Wertmahstäbe gibt, an denen gemessen die Höherwertigkeit oder Minderit-ertigkeit eines Einzelnen oder einer Gruppe mit dem Anspruch mf Allgemeingültigkeit festgestellt werden kann: c) drittens letzt er voraus, da Beurteiler, die weder der behelfenden beurteilten Gruppe noch irgendeiner Geaengruvpe gngehören, nicht möglich sind, dah gleichwohl ein Werturteil der zu b genannten Art von ihnen als sonach nicht neutralen Beurteilen, gefällt werden kann. . Erst wenn diese drei grundlegenden Sähe sich bejahen »iien. kann man d) im einzelnen darüber streiten, ob tatsächlich einer bestimmten Gruppe bestimmte Eigenschaften, anhaften und den Beurteiler berechtigen, die Gruvpe als minderwertig anzu; -prechen, wobei dann die Gegenfrage gestellt werden muh. ob licht in anderer Beziehung kompensierende Mehrwertigkeiten »orhanden sind. i ll. Die Fragen zu I b und c hängen eng zusammen und gehen übe" das hier in Betracht kommende Gebiet weit hinaus. Die Frage der Wertbildunq gehört als längst bekannte Dinivlin der Philosophie an. und die * relative Unsicherheit. iie bei ihr daraus herrührk. dal, der Urteilende lelblt innerhalb und nicht auherhalb der Wertkämofe« steht, ist ebenfalls tst»e Selbstverständlichkeit, an der sich nichts ändern läht. Die Hamit gegebenen Fehlerquellen müssen hier wie lonst in den Kaut genommen und anszumenen versucht werden, können aber nicht dazu führen, eine derartige Fragestellung, die natürlich ebenlognt auf beliebige andere Rassen. Böller, Stände. Ge'chlechter usw. anaewendet werden kann, von vornherein ab,»lehnen. Das Merten ist eiae nrimäre Aeuherung der Vitalität. gerade auch derjenigen der hier in Betracht kommende» Gruvnen. und der Berstich. objektive Werte zu linden, kann nicht deshalb unterbleiben, weil auch im objektivsten Wert ein subjektives Element notoedrnngen verbjeibrn muh. Im übrigen kann die letztgenannte Fshlerauelle zum Teil ausgeschieden werden, wenn der Urteile ide der beurteilten Gruvne selbst anqehort. Dabei besteht allerdings wiederum die Gelohr. dah er infolge eines ihm anfgedrungenen Minder- »ertiakeitskompleres das Urteil aegneri cher Gruppen aus icheinbar eigenem Erleben reproduziert. III. Die Frage zu <l ist ebenlalls eine allgemein^»LthoKische Frage. Sie kommt auf di? Znlälsjakeit »n) di» Grenzen lowie die techn>lch?n Bedingungen eines induktiv», Schluhverfahrens heraus. Auch diele Frag» ist i» der alleemeinen Methoden-- lehre länast behandelt. Wenn die Bekämpfung eines allgemeinen Werbirtcils der Formel: .-.Gruvve a minderwertiger als Gnivve b". also mit dem Argument overiert, dah derartige Erfahningssätze überhgunt nicht gebildet werden könnten, lo lchieht lje über das Siel hinaus und tstit d»r von ihr vertretenen Sa-ch» einen schlecht»» Dienst. Das L»ben kann mit deduktiven Schlüssen allein nich' auskommlen. Gerade iüdilch? Forscher sind es gewesen, dib-ilvielsweile. im Rechtsleben der Rechtstatlachenkorschung" bclonders das Wort geredet haben, ö'ine ernsthafte Diskussion kann also nicht mit dem Argument ooerieren. dah es non vornherein ausgeschlossen sei. aus der Erlohrung aeuzisse Eigenschaften gewisser Gruooen fcstzustellen. IV. Das Boraenanntc gilt auch von der Frage ,» a. Sie ''»trifft das Subjekt des ansaesvrochrnen, Werbirteils (b. b. nicht den Sprecher, sondern denienigen. von dem der Wert oder Unwert ausgesagt wird), wie die Fkäge zu b das Prädikat, den der Gruvpe beigemessen»n Wert, betrifft, während die Frage c den Berhänger des Werbirteils, das Tnbiekt in diesem Sinne, zum Gegenstände hat. Gerade das Hauvtargument nämlich dah man nicht verallgemeinern dürfe, ist daher selbst in di-s»r Verallgemeinerung unhaltbar, sowohl kür die allgemeine Meitbodik wie für die spezielle Frage. Auch hier mutz d?rjenig»i der sich seiner bedienen willj sich vor Augen halten, dah die von ihm bekämpfte BeraUgemeineninasmetbode tagtäglich von ihm selbst und den Seiniqen angewendet wird, wenn es sich um positive Werte handelt, die er seiner Gruppe nachsagt. V. Auch gerade wieder jüdisch? Forscher sind es vielfach gewesen, die mit besonderem Nachdruck in der Rechtsentwicklung, wo ja die Schuldfrage. eine Wertfrage ersten Ranges, namentlich in Strafsachen von jeder eine entscheidende Ralle gesvirlt hat. mit Nachdruck den Standounkt vertreten haben, dah diele soziologisch gar nicht entscheidend lei. sondern dah es soziologisch zulässig sei, ohne jede Rücksicht auf subtektives Verschulden und subjektiven Unwert die rein objektive Ge- I Ton Siegfried vort der Crend,. ' i fährlichkeit eines Einzelnen oder einer Gruppe für eine andere Gruppe zum Anlah z» nehmen, um dem „Gefährlichen" Nachteile zuzufügen. i Dies geht über die Unwerts-Theorie noch hinaus, indem ' es ohne Rücksicht auf Wert und Unwert Kamvima^nahmen für zulässig hält, wenn die Gefährlichkeit bejaht wird. Methodisch kann aber diese Fryge mit der vorstehenden inigfrrn verbunden werden, als sie auf eine Korrektur des Wertbcgtiffs hinäuskommt, den sie von subjektiven Berschuldensmomenten freilcgt und auf rein objektive Momente/ abstellt. VI. Sowohl die Unwerts-Tlicorie wie die Gefährlichkeits- Theorie sind Dinge des theoretischen, ernsten, nachdetzkenden Menschen. Dieser Mensch macht hüben und drüben eine verschwindende Minorität aus. In der Praris ist das Schlechtmachcn und Schlecht-"- behandeln eines fremden Individuums - oder einer fremden Gruppe Ausfluh des Lebenskampfes in leinen niederen Formen. , Hier findet irgendeine Konieguenz und Gerechtigkeit überhaupt nicht statt, sondern es wird der andere Teil gerade deshalb schlecht gemacht und schlecht behandelt, weil er Eigenschaften hat und betätigt, die der Verurteilende selbst hat oder haben möchte. Danach schlagen sich liier die Verurteilenden > in der Regel mit ihren eigenen Waffen. Hierher gehört bfispiels- . weise folgendes: ' , a) Gruppe T z. D. iRaisen-Theoretikcr) werfen derGtnvveV l «beispielsweise Juden) Rasienengherzigkeit vor. während sie selbst den Rasiegedanken zum Urvrinziv der Welt- und Wertordnung erheben. Offenbarer Widersinn. Denn ihr. eigener Wertmahstab mühte sie dazu führen. Gruppe V über den grünen Klee zu loben. Umgelehrt: Gruppe V bekämpft die Gruppe T. weil letztere den Rassegcdankcn verficht, während sie ilm selbst in Tlieorie oder Praris in den Vordergrund ihres Erlebens und Handelns stellt. Offenbar widersinnig: wiedenim. mühte Gruppe?) streng genommen die Gruppe $ besonders rühmen. Praktisch und plump gesagt: Niemand hat so wenig Rocht, den Juden zu diskreditieren, wie der „Völkische", und niemand so . wenig das Recht, den Völkischen bcrabznsetzen, wie derjenige _ Jude, der auf seine Rasse hält.!. b) Gruppe X «beispielsweise Nationalist) erklärt es im Ver^ hültnis zu anderen Nationen für die höchstwertige Lebcnsanss fassung, mit allen Mitteln der Brutalität und Perfidie die Gegengruppe zu bekämpfen, erklärt _ aber gleichzeitig die Gruppe 71 für minderwertig, weil sie besonders brutal oder be sonders perfide sei. Wiedenim absoluter Widersinn: Wer cs bedanirt. das; das Land .T in einem Kriege keinen Pressechef gehabt habe, der einen so brutalen Lügenfeldzug gegen die Kriegsicinde getätigt habe, wie der Lord N es auf der Gegenseite tat, kann uicht im selben Atemzuge der Gruvpe 71 zum Vorwurf maäsen. das; . dieser Lord zu ihr gehört habe und für sie typisch gewesen seil .. er mühte vielinehr dafür plädieren, alle Stellen seines Landes, mit Angehörigen der Gruppe 71 zu besetzen, weil sie nach seiner' Meinung sich durch besondere Persidie und-'Brutalität auszeichnen. ■!. Auch hier wieder das Gegenspiel: Gruppe Tl.dgr; nicht die Theorien der Gruppe X als Rohlings-Theorien^ abtun, wenn sic selbst stolz darauf ist, dah jener Lord 7! zu ihr gehört hat. . 1 VII. 'Will man also gemüh Id werten, io mutz>naii einerseits gemäh l c besonderes Gewicht aus diejenigen Gharakte- < rjstilen der beurteilten Gruppe legen, die aus ihrem^ eigenen Lager stammen. 'Andererseits muh man gemäh V hier wie sonst auf möglichst wertfreie Wertmahstäbe zurückgelzen, also mehr aus charakterisiörende Beschreibungen als auf Auszeichnungen. die von vornherein mit einem Wert- oder ilnwertzeichcn versehen sind. ‘ _ Andererseits soll inan wiederum aus Gründen der Neutralität (I c) — als 'Angehöriger der Gruppe X nicht gerade diejenigen Beurteiler der.Gruppe 7) und deren eigene Angehörige zu Eideshelsern machen, die der Gruppe X oper Demjenigen Teil derselben, dem man selbst an,zugehören glaubt, und deren Wertung besonders nahe stehe», weil dann die oben lll a.f.) berühtte Gefahr der Reslerwertang besteht. Deshalb JpII der nicht!üdisck>e Deutsck>e. auch wenn er die Bestrebungen einer Gruppe wie derjenigen der natio na l de ul schon Juden . empsindungsmähig mit besonderer Freude begrüht. sich dem Streite zwisck>en Zionisten. Mittelgruppe und Assimilationsgrupuc möglich fern halten. Er mag sich freuen, dah letztere vorhanden ist und die Möglichkeit menschlicher und persönlicher Berührung bietet. Aber er soll seine Einstellung nicht Bus diese ihm vielleicht nahestehende Gruppe beschränken, sondern versuchen, gerade weil er selbst die besondere 'Ausprägung der Eigensck>aften der eigenen Gruppe für wertvoll hält, dieses Recht und diese Pflicht auch der anderen Gruppe zuzugestehen.