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Der nationaldeutsche Jude · 1930-11-01 · Nr. 11 (November 1930) · p. Seite 7

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1930
Issue
Nr. 11 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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'■ M WH 6in Amerikaner über ^2ttOndll9tt1UBt Ton fritdridi von Opp<ln-Bron!how8ti|{. Der amerikanische Geschichtsprofessär I. <5. H. Hanes, der durch Herders und Lesfings Ideen tief beeinflußt ist und im Weltkriege Eeneralstabshauptmann war. hat ein Werk '„'Nationalismus" versaht, das jbfet auch deutsch «von I.- F. Friedländer) irn Ncue-Geist-Verlqg in Leipzig erschienen ist. Es zeichnet sich durch ehrliches'Streben nach Sachlichkeit sowie durch große Klarheit der Darstellung aus. wenn cs das grobe Problem auch nicht ganz erschöpft. Für uns Deutsche sind die Ausführungen des Amerikaners gerade deshalb von Interesse, weil sie von einem Angehörigen der „Liegerstaaten" herrühren. Nationalismus und Militarismus sind nach Hanes durchaus moderne Gewächse und keineswegs identisch mit dem aus dem Heimatgefühl erwachsenen Patriotismus. Sie sind hervor gcgangcn aus dem fürstlichen Absolutismus und Mcrlanli lisinus des 16. bis 18. Jahrhunderts, »er Lehre vom Raturrecht und der von Machiaoolli aus antiken Schriftgucllcn abgeleiteten Lehre von der Staatssouveränitat, die erst durch Rousseau zur Lehre von der Volkssouveränität uingcinünzt wurde. „Die Monarchie spielte eine führende Rolle bei der Hebung des Nationalbcwuhtseins und i des Rationalgefühls. Der Monarch war das Snmbol nationaler Einheit und Unabhängigkeit: auf ihm ruhte die nationale Souveränität." Besonders „in Deutschland wurde bi/e nqtionale Einigung nicht von einem demokratisch gesinnten Parlament, sondern von einem militaristischen König und einem aristokratischen Staatsmann vollbracht". Aber auch die Rcformationsbewegung trug entscheidend zur Entwicklung des Nationälgefühls bei: in Eng land und Holland nahm sic sofort ein« nationale Form an. Die amerikanische Freiheitsbewegung v m 1776, an der sich die französische Revolution entzündete, u id deren Gegenschlag: die Romantik, erhob den Rationalismüs zum Snstein: die Demokratie und die Dampfmaschine, d e Leitungen und die öffentliche Schule erweiterten seine Machtsphäre ins Ilm gemessene. In seiner unduldsamen Ai sschließlichkeit, seinem Fanatismus und sciiter Ueberhebung ist der heutige Rationalismus trotz aller Phrasen von Huminität und Fortschritt eng verwandt mit der Allmacht der Kirche des Mittelalters, die er abgelöst hat. aber ungleich herrschfüchtiger und unbarmherziger, und statt ihrer großen übernationalen Einheit zerfällt er in ebenso viele Staatsreligionen und sich bekämpfende Setten, wie es Nationalitäten gibt. Er hat seinen Sicgeszug vurch Europa ' vollzogen, die Reue Welt erfaßt, selbst das bolschewistische Rußland national eiizgcstchlt, und heute erblüht er in Afrika und Asien, in Aegypten, dtr Türkei, Japan und Ehina. Sein Wettrüsten und Säbclrasseln. seine zunehmenden Reibungsflächen und Konfliktstoffe cherden schließlich alle Kultur vernichten, wie Franz Grillparzer prophezeit hatte: „Bon der Humanität durch die Nationalität zur Bestialität.", Diese bittere Absage an den Nationalismus in seiner heutigen übersteigerten Form trifft natürlich nicht Deutschland, das wehr-, los den bis an die Zähne bewalffncten Sieger-! il aalen der ganzen Welt gegenüber steht und! —i selbst über das erzwungene Maß hinaus — eine „Per-! standigungspolitik" treibt, die auch nach sAnÜcht durchausnicht' „nationalistischer" Deutscher die einfachsten nationalen Be- - lange preisgibt. Die Kritik des Amerikaners richtet sich vielmehr faktisch an die tauben Ohrei) der S i e g c r st a a t e n. aber gerade deshalb ist sie auch für-die deutschen Belange von Wert, denn sie zeigt, daß aus diesem auf die Spitze getriebenen Nationalismus der Siegerstaaten und der in ihre Fußtapfen tretenden Staaten früher oder später ein neuer Weltbrand entstehen muß. Theoretisch, sagt Hayes, müßt-c ein Nationalstaat, dox 'eine Einigung erkämpft und seine „nationale Selbstbestimmung" erreicht hat, friedfertig werden, aber das Gegenteil tritt ein: er wird erpansio und aggressiv. Außer politischen und wirtschaftlichen Prestige- und Jnteressenfragsn ist vor allem die Jrredenta ein ewiger Konfliktsstoff.'Der Begriff stammt aus Italien und ist für Italien typisch. Um die Italiener in Triest und Fiume zu „erlösen", mischte sich Italien in den Weltkrieg und annektierte Istrien und Dalmatien, aber auch Südtirol, und schuf damit eine neue deutsch-österreichische und jugoslawische Jrredenta. Man wird sich nicht wundern, sagt Hayes, wenn in der nächsten Generation Jrredentisten in Deutschland und Jugoslawien die „Erlösung" ihrer verlorenen Provinzen fordern und zu einem Vergeltungskrieg au,ru',en. In Elsaß-Lothringen besteht die gleiche Jrredenta: sowohl de: Krieg von 1870/1871 wie der von 1914—1918 zwischen Teutichland und Frankreich waren Jrredentakriege. -'Der ganze Balkan ist eine große Jrredenta und somit ein' Brandherd. Aber auch der Griechisch-Türkische Krieg von 1920—1923 war ein Jrredentakrieg, so grausam und furchtbar wie möglich, und hier führte der Waffengang zu einer ganz neuen Lösung des Problems? alle Griechen in der Türkei mußten Hab und Gut preisgeben und nach Griechenland ziehen, und umgetehrt die Türken in Griechenland. Der Patriotismus, die Liebe zur Heimat, wurde hier also der Nationalidee geopfert. Hayes findet diese Lösung die beste und vernünftigste, aber sie' gemahnt verzweifelt an die viehmäßige Umsiedelung ganzer Völker, wie sie im Altertum Brauch war. Jedenfalls nehmen die Jrredentaprobleinc. wie er fest stellt, mit dein Entstehen und Erstarken der Nationalstaaten nicht ab, sondern zu. Gerade der Weltkrieg hat zahlreiche „wunde Punltc" geschaffen die' heute Brutstätten des Jrredcntafiebers sind und vielleicht morgen Jrredentakriege hervornifen, denn die Siegerstaaten haben die Jrredcntäansprüche ihrer Freunde und Verbündeten auf Kosten Deutsch lands und seiner Verbündeten befriedigt und dadurch dem JrredentisinuS in den besiegten Ländern starken Vorschub gel leistet. Auf den Wahnsinn dieser Methode geht «o. 133 ff.) sehr ausführlich ein. und er zieht daraus: den Schluß: /.Die Kriege um die nationale Sclbstbcstimninng sind schwerlich zu Ende: vielleicht haben sic erst angefangen." Doch das Jrredentaproblcin ist damit nicht erschöpft. Die „nationalen Interessen" Polens, sagt er. forderten einen Seehasen: deshalb wurde das deutsche Danzig und ein „Korridor" deutschen Gebiets dem Deutschen Reiche genommen. Ebestso forderten die „nationalen Interessen" Italiens die Hegemonie in der Adria: deshalb wurden OesterreichUngarn Seehäfen genommen, und Jugoslawien mußte sich mit minderwSr)igen Häfen begnügen. Die „nationalen Interessen" Frankreichs forderten mehr Eisen und Kohle: deshalb genügte Elsaß- Lothringen mit seinen reichen Erzbergwerken nicht, sondern Frankreich erzwang sich auch noch die Ausbeutung des-Saarkohlenbcckens. ' Wenn aber Polen. Italien und Frankreich diese „nationalen Interessen" haben, so hat Deutschland, das gleiche nationale Interesse an der Wiedergewinnung von Danzig, dem Korridor und dem Saarkohlenbecken. haben Magyaren und Jugoslawen das gleiche Interesse an brauchbare» Seehäfen usw. Doch es gibt noch eine andere nationalistische Bewegung, die die Konflikte! der Nationalstaaten verschärft, nämlich den „Pannationalisrnus". Der „PanlatiNismus" bewvg Napoleon III., mit Italien 1859 gegen Oesterreich zu kämpfen, 1862 die Einigung Rumäniens zu sichern, 1863 in Mcriko zu intervenieren und sich 1870 der Hohcnzolleriischen Thron kandidalur in: Spaliiev zu Widerscheini Aus dein gleichen Grunde beteiligte.sich Garibaldi 1870 am Kriege Frankreichs gegen Deutschland. Die Folge war, daß Italien ußd Rumänien sich im Weltkrieg an Frankreich anschlossen und dem verbündeten Deutschland die Treue brachen. Rußland übernahm die Führung oes Panslawisiiuls gegen Oesterreich und >dic Türkei und vernichtete schließlich beide Reiche. Deutschland dagegen mußte, um die deutsche Minderheit in Oesterreich gegen die Umtriebe des Panslawismus zu schützen, den letzten Mann aufs Spiel setzen, um die Habsburger' zu stützen und die nationalen Selbstbestimmungen in der Donaumonarchie zu vereiteln. Ebenso mußte es die Türkei gegen die pan slawistischen Angriffe Rußlands schützen. Hayes betont das Paradore dieses gefyhlsmäßigen Uebernalionalismus. der das Russische Reich, das den stammverwandten Polen, die nationale Selbstbestimmung versagte, zum Vorkämpfer für die nationalen Wünsche anderer slawischer Völkee machte und das ' Deutsche Reich, das sich durch Kriege national geeinigt hatte, sich für die Unversehrtheit nicht nationaler Reiche einsetzen ließ. Auch die angelsächsischen Reiche. ’ die ein Gemisch lgtci irischer und germanischer Kultur sind^ stellten sich im Weltkrieg auf seiten des Panlatinismus und Panslawismus, um die Selbstbestimmung von — Belgien und anderen Kleinstaaten zu verteidigen.. „Denn gerade die Länder, die daheim so nationalistisch sind, sind so stahlhart, wie nieDynasten es waren, geg.cn die nationale Selbstbestimmung unterworzc - ner und angeblich minderwertiger Völker im A u s l a n d." . Einzige Rettung erblickt Hanes nicht in der Rückkehr zu in Weltbürgertum «Kosmopolitismus) des 18. Jahrhunderts, sondern in einer Weiterentwicklung des Nationalismus zum Internationalismus auf der Grundlage der heutigen Weltwirtschaft. Unter den bestehenden Wirtschaftsvcrhältnissen. sagt er «S. 239), ist keine Nationalität wirklich ganz unabhängig, kein NäUonalstaat wirklich souverän. Wissenschaft und Industrie, die Weltreligionen, selbst die internationale Arbeiterbewegung bilden Gegengewichte gegen den überspitzten Nationalisnius. Eine Fülle internationaler Vereinbarungen und Einrichtungen ist geschaffen worden, als letzte der Völkerbund. Ehrlich gibt Hayes zu, daß der Völkerbund bisher weder die nationalen Rüstungen herabgesetzt noch dem Krieg und den Kriegs-

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