Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Oeffent liebe Meinung. Vorbemerkung. _®ie nachstehenden AuStührungen drücken nur die peisonliche Ansicht de« Ver asserö au«. Dir verweilen auf unser Nachwort. Di- Lchristleitung. . CTiner-.^vni*rtnu,r zeitlich — zurückliegende Staatskunde ptlcgtc sich der simplen Doktrin von ..Volkskörper" zu bedienen: Behörden (Herrschaft. Regierung. Verwaltung) und Bcrufsstanden (Wehr-, Lehr-, Nährst rnds wurden für Aufbau und Erhaltung des Gemeinwesens gleichbedeutende Funktionen -»gewiesen. wie Organen und Glied:rn des Leibes für das (.'eben der Einzelnen. Diese, wie gesagt, etwas naive Nebeneinandcrstellung auf unser Volk anwendend, muh man leider sagen, dah Deutschland dem Lazarrs der Heiligen Schrift gleicht — nur nicht in der Erkenntnis eines gesund gebliebenen Geistes: „Mea culpa!" Weit entferit von innerer Einkehr, erheben die einen ihre klagende Stimme gegen die Sünden der Vätcrzeit. der „verruchten Vergangeilhcit", die anderen erblicken den Ursprung von allem Wel und Ach in den Auskchweifungen des gegenwartbeherrschenden ..Zeitgeistes" — Volksglieder. Berufs- und Standesorganisatlonen, um im Bilde zu bleiben, schieben sich gegenseitig die Schuld am Siechtum des Staatskörpers zu. und nur darin gleicht eine Partei der anderen, dah jede sich selbst für gesund erklärt und i h r Programm als das allein heilbringcrde Rezept anpreist. — Ein altes Wort sagt. Selbsterkenntnis sei der erste Schritt zur Besserung — wie fast jeder, ist auch dieser Spruch nur zur Hälfte wahr. Unser Unglück ist er ja eben, dah jeder nur nch selbst erkennt und anerkennt, für Den anderen aber weder Verständnis noch den Willen däzt hat. Des Deutschen schwäche ist sein starker Glaube ail „das Prinzip": fiat principium — pereat munclns! — <£r krankt an „seiner" Weltanschauung, und. wenn er sich einmal im blinden Idealismus zu den Steinöden gefährlicher Ideologien verstiegen har. so wird er lieber abstürzen. als z> geben, vom Wege jener wahren Philosophie und Metaphysi ' Lcibniz die ..Bernunftwissensc» lehre" erkennt. Denn „Sniteme" ständen dazu da, fortzubestehen, auch haltbar erweisen, und „Theorien", d e an der harten Logik der Tatsachen wie Tongefähe zersch llen, werden leichteren Herzens zusammengekittet, als zum Kihricht geworfen . . . Eine solche tönerne Theorie, uni vom Abstrakten zum Konkreten zu kommen, ist die „Heiligkeit der Verträge". Darüber hier — aus Gründen der „Neutialität" — zu schweigen, liegt um so weniger Anlah vor, ab: die Aussprache einer Erkenntnis, welche bereits )um Gemeingut auch der Vertragspartner geworden ist, jenseits aller Parteipolitik liegt. Wie man auch sonst über den 14. -eptember denken mag. cr hat der Welt die Augen geöffnet. T as schon in der vorigen Nummer des „Mitteilungsblattes" barüber Gesagte kann heute durch die Anmerkung ergänzt werden: Inzwischen haben auch „die Magier" Sinn und Bedei tung der „Schrift an wciher Wand" ersaht. Selbst Frankreich, von allen Gläubigern der hartherzigste, beginnt sich stillen Betrachtungen darüber blnzugeben. was es schon nutzen kann,! auf seinem Schein zu bcilchen, wenn aus dem mageren deutschen Wirtschastskörper i’in Pfund gesunden Fleisches mehr hqrrmszuschneiden ist. Der diese Frage zum ersten Male, hörbar für die erstaunt ä»shorchende Welt, zur öffentlichen Erört rrung gestellt und zur rsienen «frage auch gleich eine Antwort, einen Vorschlag zur Verständigung entworfen hat. ist Gustave Herve. Sein Entwurf, m sechs Punkten formuliert, laijtet: Erstens Streichung aller Kriegsschulden. — iZweitens Verzicht auf die Volksabstimmung in: Drittens Zustimmung zum Ansch au Deutschland. — Viertens Rü Saargebiet, uh Oesterreichs gäbe von. Togo und Kamerun an das D eutsch^ Reich. — Fünftens Zubilligung des deutschen Rechtes auf eine rmacht von der Gröhe un MtJ c Stichs. — Endlich Korridors. d Stärke Franksechstens Rückgabe des polnischen Von den französischen „Eharakte'köpfen ut H er o e der interessanteste. Vor dem Kriege war er S o z i a l r st. nn Kriege glühender Nationalist, auch während der Friedensverhandlungen und lange nachher noch gehötte er Zu denen, die das überwundene Deutschland ganz und gar totichlagen wollten, und keine „Sicherung' schien ihm sicher genug. Dann aber kam die Wandlung.: Klüger und weiter blickend, als Poincare. ein besserer Patriot, als dieser^ verchlieht er sich nicht der Einsicht, welche furchtbare Gefahr, für Frankreich ein durch dauernde Demütigung zur Verzweiflung getriebenes Deutschland bedeutet.! Klüger auch und zugleich ehrlicher als Briand, erkennt et, dah die Zeit der 'f u Von 8. N« ft. und und freie Entfaltung werden darf. und. mp eitlen Worte einer grohen, vergaiigenheitsstolzen Nation sechzig Millionen, sefn sittliches Recht auf eeren Versprechungen vorüber ist. dah einem Volk von . Selbstbestimmung der Lebenskräfte nicht ungestraft versagt solchen Gedanken mutig die Konsequenz ziehend, lehnt er das Verbot der stammesbrüdcrlichen Vereinigung mit Oesterreich ab und fordert die Rückerstattung des Korridors und der Kolonien. — Ein wahrer Pazifist. ein Pazifist mit dem Herzen und nicht nur mit dem Munde, verabscheut er die Hybris eines angemahten und. weil bis an die Zähne bewaffnet, zugleich feigen Herrentums gegenüber einem halb wehrlos gemachten Lande, und da er den Frieden wirklich will, verlangt er die deutsche Aufrüstung bis zum Grade der französischen, das beste Mittel in der Tat. sein eigenes Land zur Abrüstung und das übermütige Polen zur Mähigung zu zwingen. Eie echter Ftanzose auch, liebt er die schöne, die edle Geste der fr^willigen Gabe und kommt der Abstimmung im Saargebiet zuvor. — um „Frankreich eine sichere Blamage zu ersparen". wie er mit bemerkenswertem Freimut selbst sagt. Vom Eifer beseelt, die Revision der Friedens- Verträge zu beschleunigen, erläht er in seinem Bka'tte. der „Victoire". einen Aufruf an alle französischen Kriegsteil nehmerverbände. sie sollen „durch ‘: 'e ihren Friedenswillen bekun - Kundgebung soll in der feierlichen Form anr Tage des Waffenstillktands- 11. November, die vereinigten Frontsoldat,emverbände ein den tdeut schein) Stahlhelm eine grohe G est > den." Diese ~ erfolgen, dah Vertrages, am französiichen Telegramm an senden mit dr Frage, ob dieser „bereit Ehre! un.b Gewissen zu erklären. v o r g e sch la g e n e Revision deutsch-französischen und Versöhnung ohne Hinterabgeirrt zu sein, in der aft" und „Wesensind unter allen Umwenn sie sich als unsei. auf die von Herpe werde zü einer deutsch-polnischen gedanken führen." Nun sollte man meinen. Herves Heroldsnif mühte im deutschen Blatterwalde, zumal in den Revieren der Friedensfreunde. brausende Stürme der Begeisterung entfesselt haben. Man mühte meinen, dieses franzosenradikale Revisionsanerbieten, eisten Teil des Unrechts wieder gutzumachen, das Versailles und Haag uns zugefügt. würde als endlich reifende Frucht der so sorglich gehegten „Erküllungsvolitik" gewürdigt werden, gerade von denen, die seit Iahr und Tag: jede natiolistische Warnung verachtend, eben diese Politik als den einzigen Weg zur Verständigung beharrlich verfolgt haben: Zum ersten Male ruft ein Franzose Worte der Freundschaft über den Rhein — doch nicht den deutschen ..Genossen" ruft er sie zu. nicht den unentwegten Verständigungsfreunden und Pa-ifisten. sondern — welche Taktloiigfeit! — an die Nationalisten wendet er sich und ..Militaristen". an die stahlhelmbewehrien „Erzfeinde der Demokratie". ^Was Wunder also, dah im deutschen Blätterwald kein Beifall rauschte . . . „O e f f e n t l i ch e Meinung" — was ist sie. wie entsteht sic?.Ein geistreicher -Snötter. der Valkswirtschaktler v. Raumer, antwortet: „Die öffentliche Meinung ist das Geräusch, welches entsteht, wenn die Bretter vor den Kövfen der Politiker und Publizisten aukcinander schlügen." Wir haben erwäbnt. welchen Widerhall Gustave Herves Friedensbotschaft bei uns gefunden bat. Inzwischen aber hat Herve noch ein übriaes getan und sich auch an Herrn Hitler gewendet als einen Führer, hinter dem 6> Mil'innen De»t>cker stehen, die es ganz und gar nicht als Beleidigung aukkassen werden, wenn man ihnen nachsagt. sie seien „militaristisch eingestellt". den Führer einer Massenbewegung also, mit der die französische Politik, wie die deutsche, immerbin rechnen muh. im guten wie im böken. Glich schon bei Herves erster Aktion die „öffentliche Meinung" dem RaUmerschen Bild von den Männern, die mit drohend gesenkten, brctterbewehrten Stirnen sich geaenübersteben. so war sein Brief an Hitler das Signal, mit hölzernem Ketöle auk beide loszustürmen, und man weih nicht recht, ob die öffentliche Meinung mehr auf Herve erbost war oder mehr auf Hitler. - Dah bei diesem ganzen Handel Herr Hitler es war. der — von Herv^ abgesehen — sich vernünftig verhalten-bat. muh ihm auch sein Gegner lassen. Wenn er.-picht ohne Wärme, Herves Derständiaungsvorschlaq begrüht. Zdem znzustimmen. sein eigenes Gefühl ihn Zwingt." wenn er diesen Lyrismen kühl und sachlich die Feststellung folgen läht: „D e m von privater Seite unternommenen D.ersuch einer Besserung der Beziehungen kommt erst dann eine entscheidende Bedeutung zu. wenn sich die französische Regierung selbst und die anderen in Frage kommenden Nationen dazu positiv geäuhert haben" — so braucht man durch-