Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 10 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 T In seiner Hauptaus^abe vom 16. September schreibt nochmals das „Neue Wiener Sournal": „Die ganze Welt steht unter dem Eindruck der katastrophalen politischen Ileberraschung. die die deutschen Reichstagswahlen gebracht haben. Seit dem Wahlsonntag in Deutschland sind erst knappe vierundzwanzig Stunden vergangen imd doch hat man in den politischen Kreisen aller Länder bereits den Eindruck, daß nicht mir die^ deutsche Innenpolitik, sondern auch die außenpolitische Situation Europas sich in diesen vierundzwanzig Stunden grundlegend verändert hat. Werken doch vor allein in. den westlichen \ Staaten der Wahlsieg der Nationalsozialisten und der Kommuniiten, die Verluste der deutschen MiNelparteien als eine Niederlage des Verständigungsgedankens gewertet, als der Bankrott einer politischen Idee, der man in Genf gerade Pate stand. - - > Anstatt das Ergebnis der deutschen Wählen aber schlechtweg als ein Bekenntnis zum inneren und äußeren ^Ehaos zu bezeichnen, tüte man vor allcni in den ehemaligen Siegerstaatcn besser, diesen Wahlausgang völkerpsychologisch zu ' durchleuchten. Dut man das nämlich, ld erkennt man klar, daß die deutschen Reichstagswahlen in ihrem Wesen gar keine politischen Wahlen, sondern Wirtschaftswahlen gewesen sind, 'daß He nicht politische Ideale bekennen, sondern wirtschasttiche Mißstände anprangern wollten. 11m zu begreifen, daß diese Deutschen im Reiche sich in so großer 3nhl dem Teufcil Nationalismus, dem Teuiel Bolschewismus verschrieben haben, soll maw weniger die Neben Hitlers und die kommunistischen Manifeste Nachlesen, sondern vielmehr die Friedensvertrüge, den Dawes- und den Voung Plan. Nur. wer erlebt hat. was das deutsche Volk in dem Jahrzehnt seit dem Kricgscnde durchlitten hat, wie viele Hoffnungen es zuschanden, wieviel Elendsgeieße es Wirklichkeit werden sah. nur der kann die Verzweiflung ermessen, die sich dieses Volkes beinäch,tigt hat. Nur dem politisch Naiven konnte die sogenannte Verständigungsära in der europäischen 'Politik die Illusion vom Dölkerfriedcn. von der restlosen Kriegsliguidierung vvrgaukeln *. . . . . In diesem Zuiamnicnbang betrachtet, erscheinen die deutschen Wahlen alio Protestwahlen eines an den Rand der ' Verzweiflung geratenen Volkes gegen'die ganze Welt. Es sind die S.-D. S. Ruse eines Volkes, das sich bis an die Grenze der Möglichkeit ausgeblutet, das beinahe' nichts mehr zu verlieren hat. Und darum meinen wir. daß nian in den ehemaligen Siegerstaaten auf diese deutschen Wahlen nickt politisch reagieren sollte, sondern ebenfalls wirtschaftlich. Nicht durch Stärkung des militaristischen Geistes, der nationalen Unduldsamkeit, sondern vielmehr durch ein sorgfältiges Studium der tatsächlich bestehenden Möglichkeiten, Deutschlands Kriegsschulden seiner Leistungsfähigkeit, dem Eriitenzniinimuin des Volkes wenigstens einigermaßen anzuvaisen.Deutschland kann zum Zünglein an' der Waage der bolschewistischen Weltrevolntion werden, wenn der Westen es nicht bald zu sich hcrüberzi'eht, ihm Bedingungen stellt, die es erfüllen kann." Die linksgerichtete „N e u e 3 ü r ch e r 3 e i t u n g" schreibt in ihrem'Leitartikel vom 16. September: „Wie erklärt sich der sensationelle Ersoklz der Nationalsozialisten? Nur eine tiefgehende pinchölogische Untersuchung der deutschen Wählermassen lönnte vollen Ausschluß geben. Denn mn eine Art Psychose handelt es sich zweifellos, um eine offenbar unbezähmbare Gefühlsaufwallung aus bedrücktem. enttäuschtem Herzen heraus. Die wirtschaftliche Krise, der Steuerdruck, die Verbitterung über die Unfähigkeit des Parlaments, der Notlage Herr zu werden, der Durchbrucheines initinktiven - Freiheitsdranges: all das trieb Millionen von Wählern einer Partei in die Arme, die in schrankenloser Demagogie dem Volke diele Freiheit versprach, ohne auch nur im geringsten anzugeben, wie sie verwirklicht werden könnte. ..." Aus dem Haag wird am 18. -September der „D.A. Z." gedrahtet: . ’ „So kritisch man auch über das Anschwellen des Radikalismus im deutschen Parteiwesen denken mag, ein Gutes haben nach Auffassung politischer Kreise in Holland die deutschen Reichstagswahlen doch gehabt: Sie scheinen der Welt endlich die Augen darüber geöffnet, zu haben, daß Deutschland gezwungen wurde, im Vedlailler Diktat und im Voung-Plan Verpflichtungen auf sich zu. nehmen, die weit über'das für ein großes Volk erträgliche Maß hinausgehen. Man hatte sich im Laufe der Nachkriegssahre im Auslände daran gewöhnt, daß man Deutschland vieles, ia vielleicht alles zumuten könne, da die deutschen Unterhändler auf den verschiedenen Konferenzen, wenn es hart auf hart ging, sich doch niemals zu einem entschiedenen „Nein" aufraffen konnten. 3udem machte man sich über die Höhe und die Durchführbarkeit der deutschen Äterpfkichtungen niemals ernstliche Besorgnisse oder Gewissensbisse, da man ja von den deutschen Erfüllungspolitikern stets wieder optimistische Erklärungen zu hören bekam. ..." Das in Genf weilende Mitglied der Chefredaktion des „Alg emeen Handelsblad" vertritt in einer von Idem Blatt an erster Stelle veröffentlichten Betrachtung die Auffassung, daß von seht ab in leder deutschen Regierungs-! koalition der Drang nach der Führung einer aktiveren Außenpolitik und damit auch das Revisionsstreben eine sehr große Rolle spielen werde. Unter diesen Umständen tauche eniit ‘ lich die Frage auf. ob die unparteiischen Völkerbundsmilglieder, insbesondere die Niederlande, nicht die Aufgabe hätten, die Revisionsfrage, deren Erörterung auf die Dauer doch unvermeidlich erscheine, zur Debatte zu stellen. Eine ähnliche Ansicht findet sich im „Eroninger Dag blad", das betont, der. 14. September solle für di>- curopäischen Machthaber und die führenden Völkerbunds Politiker eine Warnung ‘fein. Es müsse nun endlich einnvl etwas Entscheidendes zur Befriedung Europas geschehen. Sehrgroß ist das Interesse der englischen Oeffenl lichkeit an dem Ergebnis der deutschen Wahlen, und de sondere Aufmerksamkeit verdient ein Artikel der „Times", worin zum Ausdruck kommt, daß deren bisherige Eiikschähung der Hitler-Partei eine radikale Revision ztrfohren hat: „Der' „Inlaut zu diesen Kreisen kann nicht mehr: lediglich auf Vor liebe für Radauinachcrtum oder auf den Wunsch der U„ zufriedenen nach einer neuen Revolution angesehen werden. Wie die italienischen Faschisten, so kämpfen auch die deutschen Nationalisten für ein nationales Ideal, so nebelhaft es auch im Augenblick erscheint. Die 'Wahl zeigt, daß der konservativ, denkende Bürger mit dem fortgesehten Parteihandel unzu frieden iit, und endlich darf man nicht vergessen, daß hierinauch der Unwille über die durch die Friedensverträge am erlegten wirtschaftlichen Bedingungen zum Ausdruck kommt. Es würde falsch sein, die Vorgänge zu pessimistisch auszulegen, da die politischen Verhältnisse in Deutschland sich in einer Zeit des Ueberganges befiuden. Im Augenblick mutz man die Nationalsozialisten als eine unbekannte Größe be trachten." — — Auch die in London erscheinenden politischen Wochen s ch r i f t e n nehmen den deutschen Wahlen gegenüber einen durchaus ruhigen und sachlichen Standpunkt ein. So schreibt die «liberale) „Nation": „Der Erfolg der Nationalsozialisten gehört zu den Früchten des P o i it c a r v s ch e n Regimes. Briands Versöhnungspolitik iit zu spät gekommen und nicht weit genug durchgesührt worden, um den angerichtcten Schaden wieder gutzumachen. Eine 'Rückkehr zur Politik Poincarös mit sogenannten Sicherheit? Maßnahmen würde unfehlbar die faschistische Bewegung in' Deutschland stärken. Es ist höchste Zeit für Paris und Warschau, sich kl arzu machen, daß eine große Nation picht ständig unterworfen bleiben kann oder ständig entwaffnet inmitten einer Welt von Waffen. Nur wenn patriotische Deutsche Ifühlen können, daß Deutschland wirklich und nicht nur förmlich als ein gleicher Partner in die Gemeinschaft!dcr Völker aufgenommen wird, und daß ein ausreichender Schuß für die deutschen Minderheiten geschaffen!wird. würde der nationalsozialistische Schlachtruf nach einer Reviüon der Verträge seinen Widerhall verlieren." —- — In ähnlichen Gedankengängen bewegt sich die am m e i st e n gelesene englische Wochenschrift „Spectator": „Als der Vertrag von Versailles unterzeichnet wurde, sind die Deutschen willens gewesen, die harten Bedingungen der Ab rüstung anzunehmeu, in der Vorausseßung. das übrige Europa werde ebenfalls allmählich abrüsten. Ießt sehen die Deutschen, daß keine Abrüstung erfolgt ist. Die Hindernisse scheinen im Gegenteil immer größer zu werden, statt abzunehmeu. Es gibt in Deutschland einen echten Nationalismus. der nichts mit Putschismus zu tun hat. und der nichts anderes verlangt, als daß die theoretische Gleichheit, die Deutschland in Genf znqestanden wird, endlich einmal Wirklichkeit werde. Insofern sind die Wahlen ein heilsamer Kommentar zur französischen Politik, die darauf besteht, daß die Sicherheit die Vorbedingung für die Abrüstung sein müsse. Die deutschen Nationalisten wollen glicht länger die Demütigung ertragen, andere ficherzumackien und selbst in eilner hilflosen Lage zu bleiben."«- Auch die amerikanischen Pressekommentare sprechen, gm allgemeinen übereinstimmend, von einem . . . „Eefühlsaus!bruch der verzweifelten Unzufriedenheit mit der trostlosen Wirtschaftslage und einer spontanen Geste des Protestes gegen bei; Versailler Vertrag und den Aoungplan." Die der Regierung nahestehende „H era ld- Tri bu n e" erklärt, die für die Nationalsozialisten abgegebene Stimmenzahl lasse ein Urteil über das Prestige Hitlers kaum zu. Das deutsche Volk habe seinem Groll und Unmut, den es seit dem Waffenstillstand und der Ruhrbeseßung aufgespeichert habe, endlich einmal Luft machen wollen. (Ä. V. 3. Funkspruch vom 16. September aus New Pork.) . Die italienischen Pressestimmen hier zu Gehör zu bringen, so interessant sie auch in ihren Tonarten sein mögen, kann aus dem Grunde unterbleiben, daß sie kaum den Anspruch auf Unparteilichkeit erheben dürfen. Auch bedarf es keiner Belege dafür, daß der Sieg des deutschen Nationalismus von Messina bis Mailand mit stürmischem Jubel begrüßt worden ist. ,