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Der nationaldeutsche Jude · 1930-09-01 · Nr. 9 (September 1930) · p. Seite 3

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1930
Issue
Nr. 9 (September 1930)
Date
1930-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Vom Unwert literarischer Bildung B,».» e. «u.».. Begriff und Wesen der Bildung, wie sie Goethe geprägt hat. beherrschten bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein das geistige Gesicht und die Erziehung der Deutschen. Die Dichter und Philosophen bauten a!uf ihntn weiter, die Wissenfdxiftler wurden getragen von jenem humanistischen Fundament, das unerschütterlich schien, die Generale" fahten" ihre Berichte im Geist und der Sprache der Klassiker ab. und selbst der einfache Bürger ahnte etwas voii diesem Weimarer Strahl, der vom Katheder aus durch tausend Kanäle in sein Bewußtsein geleitet wurde, und bezeichnete sich stolz als einen „Ge. bildeten". Mit Theodor Fontane wurde 1819 fast für ein halbes. Jahrhundert der letzte dichterische Mensch von Rang geboren. Mit ihm. der bereits bewußt die Wenduim ins Journalistische vollzog und damit zum Mittler zwischen Dichter und Publikum werden wollte, erstand für die deutsche Literatur der letzte Geist, der hinreichend schöpferische Kraft besah, den klastischen Begriff „Bildung" mit Leben zu erfüllen. Die Entwertung des Bildungsbegriffes wurde schrittweise vollzogen. Das Vakuum an neuerstehenden Dichtern in den Jahren 1820 bis 1668 wirkte sich erstaunlich aus. Dichterische. Menschen wie Hauptmann (geboren 1862) und andere lasten — vor allem im fortschreitenden Alter — immer deutlicher erkennen, was hier verloren gegangen ist. Erst mit Stefan George <1868) erstand der zeugende Geist, der die abgerissene Kette wieder anknüpfte und menschlichen und dichterischen Rang besah, von einer Keimzelle aus neue Fundamente zu legen. * \ Im Volk selbst freilich lebt der Bildungsbegriff weiter. Er hatte jedoch zusehends seine ursprüngliche Gestalt aufgegcben und erfuhr eine wachsende Verwässerung, so dah es sich in unfern Tagen herumgesprochen hat. es wäre kein absoluter Vorzug, „gebildet" zu sein. Diese Erkenntnis besteht im Hinblick auf die Verflüchtigung eines ehemals kraftvollen und blutdurchbrausten Gedankens durchaus zu Recht. Vor allem allerdings deshalb, weil" von dem sich vorbereitenden Neuen in die Oesfentlichkeit wenig und im Grunde nur das Nebensächlichste gedrungen ist. Wenn die Zwanzig- bis Vierzigjährigen heute auf das Stichwort ..Bildung" skeptisch zu lächeln anfangen, wird ihnen eine spätere Zeit das historische Verständnis nicht versagen. Wie jedoch Jdxen, die gestorben sind, noch als Schlagwort eine makabere Eristenz weiterführen, wird hier ersichtlich an der Ueberschähung vieler Menschen vom Wert literarischer Belesenheit. Heute noch führt der einstmals große Gedanke der Bildung ein höchst fragwürdiges Scheindasein im Glauben mancher, es wäre lebcichwichtig, über die Neuerscheinungen der Literatur orientiert zu sein. Auf einen Eiirwand dagegen hört man im günstigsten Fall das Argument, man müsse sich doch mit den geistigen Strömungen der Gegenwart auseinandersetzen, und die wären am sichtbarsten im literarisck)en Schrifttum zu finden. Häufiger allerdings ist der geschickt verhehlte oder offen zugegrbene Standpunkt, man müsie doch in der Gesellschaft milreden können — würdig einer höheren Tochter aus den neunziger Jahren, die Klavier spielen, singen, malen und Konversation erlernen muhte, um heiratsfähig und auf der Höhe zu sein. Die Literatur, mit der wir es heute zu skun haben, erfüllt im günstigsten Fall völlig andere Funktionen als die, die beanspruchen dürften, ins Bewuhtsein des ganzen Volkes übersetzt zu werden. ,Die Literatur der Gegenwart hat von sich aus eil en Trennungsstrich zwischen sich selbst, und der Allgemeinhe t gezogen. Sie wählt mit Vorliebe den psychologischen Spnderfall, sie baut auf dem einmaligen, nicht wiederholbaren Individuum des Autors oder des Helden auf. Sie entbehrt fast immer der allgemeinverbindlichen Fundamente. Soweit sie welche besitzt, sind sie aus eigener Kraft geschaffen, einmalig und kaum übertragbar. Damit fällt von selbst die Notwendigkeit einer Lektüre als Pfiicht fort. Mit dem Fehlen der allgemeinen Verbindlichkeit, wie sie die klassische deutsche Dichtung stets besah, entfästt auch der Zwang zur Bildung, wenn man den Begriff „Äildung" in seinem ursprünglichsten Sinne versteht. Ein außerordentliches Buch, wie Döblins „Aleianderplatz", erfüllt durchaus seinen Sinn, wenn es eine Lektüre der wenigen bleibt. Die Gedichte vön Rilke als Bildungsstoff aufzufasien, wäre absurd. Der Bildungsbegriff in der Literatur selbst erweist die Schemenhaftigkeit seines Daseins am deutlichsten dort, wo er mit dem Anspruch auftritt, wirklich Bildung zu vermitteln. Die biographischen Romane von Ludwig, Mautois, Zweig, die ihren Auflagenerfolg eben jenem heute völlig verwässerten Bildungsbedürfnis verdanken und nur für dieses geschrieben worden sind, werden in ihrer Daseinsdauer vom den Autoren selber überlebt werden. Die Billigkeit, mit der hier Geschehnisse der geistigen und der Tatwelt für das Verständnis des kleinen Mannes umgebogen und entstellt werden, verurteilt sie zu einem Tod im Kindesalter. Bildung ist nicht Sammlung eines mehr oder wenig fragwürdigen Wissens. sondern Formung der seelischen Substanz auf Grund einer geprägten, allgemeingültigen und im Grunde ewigen Weltschau. Dah man diese vergeblich in jenen Biographien suchen wird, in denen der jeden Tag von neifem sterbende Begriff der Aktualität herrscht, wird jedem einleuchten. Aus diesem Grunde haben die jungen Leute heute völlig recht, wenn sie lieber Racket, Ruder oder Volant in die Hand nehmen, als die gegenwärtige Literatur, \— zumal sie die Väter derjenigen sein werden, für die das' Lesen nicht mehr aktuelle Unterhaltung, sondern wieder Formung sein wird. „Der Korridor“. „Weil einmal vor zweiundeinhalbtausend Jahren ein Mann namens Pythagoras aus Freude über seine Entdeckung icne historische Hekatombe schlachten lieh, brüllen voll Empörung noch heutigen Tages die Ochsen, wenn eine neue Wahrheit gefunden wird." — Ich habe meinen Heine nicht zur Hand und muh mich auf mein Gedächtnis verlasse». Gleichviel aber, ob dem Wortlaut oder nur dem Sinne nach richtig zitiert, es zeigt sich wieder einmal die Wertbeständigkcit weisheitgeprägter Sentenzen. „Goldene Worte" sind's, die ihre Gültigkeit auch dann behalten, wenn sie im Gedankenaustausch auf Fälle angewendet werden, an die der Prägende nicht im entferntesten gedacht hat. Treviranus hat eine Rede gehalten und darin Wahrbeiten ausgesprochen, die uralt sind, bei denen das Reue aber darin besteht, dah sie zum ersten Male aus berufenem deutschem Ministermund kommen: Dah Unrecht mit den Jahren an Rechtmähigkeit nichts gewinnt. Dah Unrecht, aus Unverstand gezeugt, jede ' aufkeimende Hoffnungssaat friedlicher Verständlgung um so fiefer niederstampft, je „höher es zu Jahren kommt". Dah Unrecht nach Gesetzen der Naturnotwendigkeit sich am Ende gegen den zurück richtet, der es zugefügt hat. und dah dieser zum eigenen Besten handelt, es beizeiten wieder gutzumachen. i Aus solchen doch ganz natürlichen Gedankengängen hat eine böswillige, man mutz schon sagen:! stierstirnige Interpretation jenseits der Weichsel und des Rheines eine — mit Kriegsdrohungen gepflasterte Aufmarschstrahe gemacht, und wiederum war es das „Echo de Paris"] das im aufgeregt brüllenden Chor beider Chauoinistenherden die Rolle jenes Stentor übernahm, von dessen Stimme Homer gerühmt hat. sie überschrcie fünfzig Ochsen. — Auch sonst hat das „Echo de Paris", dem zur gewalfigen Kehle sich ein winziges Hirn paart, bei dieser Gelegenheit seine Zugehörigkeit zu jenen „schwer' dahinwandelnden" Wesen dargetan, deren Lebensgewohnheit ist. Dinge malmend wiederzukäuen. von denen man meinen mühte, sie seien längst verdaut. Seit fünf Jahren— ist über nichts so viel gesprochen und geschrieben worden, wie über den „Locarno-Vertrag". Dah dieser sich einzig und allein auf die französische Grenze bezieht, doch ganz und gar nicht auf die postrische, dah sein Sinn vielmehr, nach Stresemanns wiederholt bekräftigter und vom Vertragspartner Briand niemals widersprochener Erklärung darin besteht, im Westen reinen Tisch zu machen, uni für den Osten freie Hand zu haben — diese Tatsache pfcifefi die Pariser Spatzen von den Dächern, und auf ihrer Hirtenflöte pfeift's die Kuhmagd der Touraine. — Die sture Begriffsstutzigkeit des „Echo de Paris" aber vermag das Selbstverständliche nicht zu fassen, und mit einer Einfalt, die in ihrer Gröhe beinahe etwas Ergreifendes hat, brüllt er Herrn Briand die Mahnung ins Gesicht, er solle die deutsche Negierung — „an den Sinn des Locarnopaktes erinnern". Und die anderen Pariser Zeitungen: „Temps" — „Liberte" — „L'Avenir" — „Journal des Debats“ Ami du Peuple“ und wie sie alle heihen mögen? Nun. ihr lieben Landsleute und unentwegten Verständigungspolitiker, leider hat es sich auch bei dieser Gelegenheit wieder gezeigt, dah, wo es sich einmal — ausnahmsweise — um ein deutsches Recht handelt, ganz Frankreich darin einig ist, in der In-

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