Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Greuel war. während wiederum die Azteken nicht begriffen, daß die Spanier ohne Gemütserichütteruna Andersgläubige auf dem Scheiterhaufen verbrannten und keine Fedcrkleider trugen und sich toll und voll soffen und das 'Go d mehr liebten als das Leben der Mitmenschen -un.d nicksts von Bedürfnisanstalten wußten, die es in Merico schon ocr Jahrhunderten gab und die in Berlin erst vor -Sin paar Jahrzehnten mit großen Schwierigkeiten eingeführt wurden. Es iil nicht io einfach mit der Nebenwelt, auch wenn man sie schlicht die Unterwelt nennt, und das Moralische versteht sich wohl doch nicht immer von selbst, und vielleicht -kommen alle Schwierigkeiten der Welt, der wirklichen Welt der Welten im Weltenraum, nur davon, daß alles iso relativ ist. besonders die Kulturen^ und daß im Grunde jeder Mensch, big ..kleine Narrenwekt", eine Kultur für sich hat und nicht einmal }«. allen Zeiten seines Lebens die gleiche. Und uran versteht sich so schwer, von Kultur zu Kultur, und manchmal hetzet inan an sich selbst vorbei, weil man das Gestern noch für das Heute hälti : . 3 Aber das Ungereimteste iit. daß man alle diese Dinge nicht an'sich herankommen lassen darf, auch wenn man sie begreift. Denn mit dem Relativen ist praktisch nichts anzufangen. und das Leben ist nun einmal verdammt praktisch^ und erhält 'ich nur dadurch, daß einer den anderen frißt. ob> der andere nun ein Mensch ist oder ein Kohlkopf, der ja schließlich auch ein Lebewesen ist, oder ein Glas sterilisierte Milch, in dem vorher die höchst lebendigen Mikroben lebendig zu Tode gesotten worden sind, auf daß dein Kind oher deine Katze blühe, wachse und gedeihe. Und so kann es eben kommen, daß ein durchaus ethisch fundierter Mensch den Mitmenschen aus der eigenen Welt oder -aus der Rebcnwclt beiseite boien muß öder lebenslänglich einsperren oder mit dem Tode bestrafen oder mit Granaten zudecken, alles uni der berechtigten und im Schöpfungsplan begründeten Sclbstcrhaltung und Arterhaltung willen und weil das fortgesetzte 'Weltmitleid nur zur Knochenerweichung führt und dazu, daß' man selbst gefressen wird. Und der Mensch ist schon so gut, wie er seiy kann und darf, wenn er ohne Zorn und Selbstüberhebung totschlägt und zu seinem Schlachtkalb io nett iit,, wie das betuliche Männchen in Alfred Döblins, -Tchlachthauie zu dem seinen. Ja, und dann iit da noch das mit den Inden. Mit den Oistuden aus der Grenadicrstraße oder so. die den Franze Biberkopf retten, als er aus dem GefängnisAommt und sich nicht mehr in der Welt zurcchtfinden kann. Sie haben inner- „Krankheit der Jugend" \> lief), kulturell mit Franze gar nichts zu tun und-! er nichts mit ihnen. Er verkauft ja dann später auch Hstkenkreuz- Zeitungen, ohne etwas gegen die Juden zu habem aber er hat auch vorher und nachher nichts für sie und sie haben nichts für ihn. denn er ist schließlich ein Goj und ein Lude .und wegen Totschlags bestraft. Aber sie retten ihn doch, ohne vstl zu fragen, denn er ist eben ein Mensch und also schließlich ein Lebewesen, und es ist viel Platz in dieser Welt und den Nebenwelten, auch wenn es uns manchmal etwasf eng wird. Und Franz Biberkopf dankt es ihnen, auch noch als Hakenkrcuz-Zcitungsverkäufer. und das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Und dann geht er eines . Tages wieder zu ihnen, um das alles ins Reine zu bringen, und dankt ihnen mit Worten und sie sind sich fremd und eigentlich gar. nicht sympathisch und reden gehemmt über Belangloses und gehen dann auseinander und werden sich wohl nicht Wiedersehen,, wahrscheinlich nicht einmal in Gedanken. Und das ist auch gar nicht nötig, denn Menschen brauchen durchaus nicht befreundet zu lein und können in ganz verschiedenen Welten leben, und vielleicht bricht einer von Franzens Kolonne einmal bei den Juden ein oder bei ihrem Vetter, dem Kaufhausbesitzer, aber deshalb kann man sich doch bei Gelegenheit wieder einmal gegenseitig retten, wenn man sich nicht zufällig totschlagen muß. Es war sehr recht von Alfred Döblin, daß er uns das alles einmal gezeigt und seinen Scheinwerfer auf den Aleranderplatz eingestellt hat. Und es ist ' auch recht von Ernst. Berg, daß er ihm und uns sagt: wir müssen l e b e nj. „Und Schritt gefaßt und rechts und links." Das Leben ist nun einmal da, und es iit. wie es ist. und wir können cs allenfalls mildern durch Verstehen, aber Verstehen braucht nicht immer Verzeihen zu sein, denn verzeihen darf nur.Gott, der nicht unter dem Zwange der Selbsterhaltung steht: wenn der Mensch zu viel verzeiht, ist er meist ein fader Wichtigtuer, der den lieben Gott spielen will, und ein Dummkopf obendrein. In der alten Militärvorichrift hieß es: rm feindlichen Feuer wird Tritt gefaßt. Ein bißchen viel verlangt, aber .man hat es getan und ist vorwärts gekommen. Das Leben "schießt heute auf uns mit Maschinengewehren, die es früher nicht gab. Aber das Trittfassen ist noch immer ein gutes Mittel um durchzukommcn, und wenn du selbst fällst — dein Nebenmann kommt vielleicht hin und die nächste Staffel noch eher, und das ist wohl das Wichtigere. „Und rechts und links und rechts und links." Wer nach Notizen der populären Tageszeitungen und aus Darstellungen in Bühne und Film ein Bild de - jungen deutschen Generation gewinnen will,, muß einen Verhängnis-, vollen Eindruck bekommen. Weil die Konjunktür der mondänen Dekadenz noch immer gefragt zu sein scheint, werden Filme gedreht, in denen reiche Mädchen auch mal „si> neben-, bei" studieren, oder --= noch aparter — selbständig Lc kale der .Unterwelt im Apachinkostüm aufsuchen. Bücher werten nicht nur geschrieben, sondern auch verlegt und tinden reißenden Absatz, in denen die Söhne aus feudalem.Adel zwar ejne Liebelei mit einer Ilaisenbewußten Proletin haben, aler dann doch Ihr „altes Blut" fühlen und sich mit der stände-gleichen Komteß verloben, wenn iie auch nebenbei "tippt. Theater-' stücke haben trotz der Wirtschaktsmiü-re ausverkamte Häuser, wenn sie darstellen. in wieviel Arten erotischer Bei Wirrung^ eine neue Generation sich zu verstricken beliebt — um nur ein paar prägnante Beispiele herauszugreifen, die'nicht m r einem Publikumsgeichmack Rechnung tragen wollen, sondern darüber hinaus den Ehrgeiz haben, Zeugnis abzulegen ffy: die deutsche Jugend. Ich will nicht behaupten, daß andere Lander weniger unter dieser Umdrehung des Tatsachenmaterials zu leiden : haben, aber, wenn ich von den amerikanischen Kitschg schichten absehe, neben, denen einige höchst naturalistische Schillerungen aus dem Girl- und Studentenmileu eristieren. scheint mir die Jugend-Kriie gerade in Deutschland ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Das Merkwürdigste an dieser „Krise" ist. daß sie eigentlich mehr als literarisches Gezückt eristiert, denn in Wirklichkeit. Die Gefahr besteht darin, daß Einzelfälle aus dem Leben Jugendlicher sensationell ausgeschlachtet werden nach der gutdummen These: „wie die einen, so die andern". Aber die andern würden gar nicht daran denken, in tauienderb i Kompleren ihre Gefühle zu sezieren ynd sich, .mit krankhafter 'Aengstlichkeit in jeder Situation zu beobachten, wenn nicht das Beispiel des Romanhelden oder der .Filmhel >in zur Imitation reizen würde. Bedenkt man. wie leicht sich Jilgendliche von irgendeiner Wirksamkeit beeindrucker lassen,, wird die Massenpsychose der „Auflehnung gegen die Litern", der „Freiheit der Eros" in ihren Ursprüngen hlcßqelegt. Das frühe Reifwerden inmitten des Weltkrieges, trug ein gut Teil dazu bei. die komödiantischen Instinkte der Junoen noch stärker zu entwickeln, die Nerven sensibler zu machen — wo ist die Grenze zwischen Fantasie und jener legendären .Krankheit der Jugend?" Einen bemerkenswerten Versuch, wenn auch nach anderer Richtung, hat kürzlich die Studentenschaft Heidelbergs unternommen. Einmütig haben die studentischen Korporationen gegen einen Film protestiert, der ein „Alt-Heidelberg" dar stellt, wie es kaum in Vorkriegszeiten bestand, mit der Begtzjudung, „daß eine solche Darstellung dem Ansehen der schwerringendcn deutschen- Studentenschaft schade". Die Parallele zwischen dem Brucknerschen Stück „Krankheit der Jugend" und diesem „Alt-Heidelberg" ist leicht zu ziehen: auf -der. einen Seite soll die Tragik erotischer Einzelfälle eine ganze Generation snmbolieren. auf der andern Seite versucht man das Elend unseres deutschen Werkstudententums durch die, Tüncke alter Burschenherrlichkeit zu überdecken. Ist das die' deutsche Jugend, die in dem Roman „Begierde" von Zarek triebhaft ihre Tage hindämmert oder hei Süßkind greisenhaft überlegen das Cbaos der Inflation beherrscht? Sind unsere deutschen Mädchen so smart amerikanisiert, wie es unsere Magazine zeigen — haben wir wirklich keine andern Ambitionen als „am Steuer des neuen Noadster fitzend" ge fotot zu werden oder eventuell als Ertrem auf „soziale Note" znrechtgemacht? Nein, nicht die Jugend:, ist schuld daran, sondern die nichtsnutzigen Geschäftemacher, denen nicht mal das Reifen einer Generation heilig genug ist, um seitab zu .stehn und der Vollendung zu harren. Gewiß, neben den vielen, die bewußt der deutschen Zukunft dietzen, unter den vielen, die nicht ablasten vom Ziel, unter all denen, die tausendfach Not leiden stnd gestempelt sind durch Entbehrung. Hunger und Aussichtslosigkeit im Weiterkommen, gewiß, unter all digsen sind auch die andern: die Müden, die früh Welkenden, die Aengstlichcn. die das Leben fürchten, weil sie ihm nicht gewachsen sind aber: haben diese Outsider, diese Typisierten das Recht, als-Repräsentanten einer jungen Nation gewertet zu werden? An dieser Stelle setzt die Gefahr ein. drohend genug, das Schicksal einer Jugend zu vernichten. Aufgabe der gestaltenden Künstler muß es sein, nicht eine Gruppe innerhalb der Jugend zu kennzeichnen, sondern darüber hinaus das Wesentliche zu erfassen — nicht der Einzelfall, sondern die Masse entscheidet für,die Wesenheit einer Generation. -..Krankheit der Jugend?" — eine Konjunktur-Sage. Die deutsche Jugend ist am Werk, neue und gesunde und eigene Wege zu gehen. M. w. “Sät, « . '