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Der nationaldeutsche Jude · 1930-08-01 · Nr. 8 (August 1930) · p. Seite 2

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1930
Issue
Nr. 8 (August 1930)
Date
1930-08-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Zur Relativität der Kultur. tt Berlin Hlexanderplatz“, Betrachtungen zu einem Buch von Grnft Berg. I Ich lese: Alfred Döblin, Berlin, Alerander« platz. Das Buch hält mich fest. Seit langem ist mir kein Zeitbild von gleicher Bedeutung vor Augen gekommen. ' Das Vorwort sagt was geschehen soll? Franz Möexkopf erlebt seine Schicksale und wird durch, sie zur Erkenntnis geführt.! Ein festumrissener Plan — mit gezügelter Hand ustd einer bewunderungswürdigen Sicherheit durchgeführt. Döblin lebt nicht mit seinen Geschöpfen, das wäre! zu viel gesagt, aber er hält sie fest in der Hand. Er taucht sie in das Ehaos der Zeit, er verliert sie nicht. Ec bleibt in Distanz. In einer bemühten, gewollten, unbeirrbaren Distanj. Ein Schöpfer, der sich selbst bedauert, schaut er auf sie, herab, Lächelnd, mitleidig, spöttisch. Er schaut auf sie heräb und 'läßt sie tanzen. Was Döblin gibt ist ein Zeitbild. Nicht das Bild heutiger Menschheit, nicht einmal das Bild eines Volkes. Rur eine Stadt wird gezeigt, und auch von dieser nur ein Teilt Ber-lin Aleranderplatz. Gesehen aus der Perspektive des Verfassers. Auf diese Perspektive kommt es an. Der Berfgsser ist Grohstadtmensch, Arzt, Sude. Das heitzt, er hat nicht fecht ein Vaterland, das ihn liebt, keinen Glauben^ der ihn trägt, keine Scholle, die ihn nährt. Er hat seine «prechstunde. sund er macht Besuche. Krankenbesuche in Berlin O.. Elendsviertel. Als Erotzstadtmensch nimmt er den Rummel'der Zeit auf. als Arzt sieht er täglich und sicht' mit unheimlicher Deutlichkeit den Jammer des physischen Menschen, als Jude -4- -->• nun, als Jude ist er am Ende seiner Weisheit. Phantasieren, schwärmen — dafür ist er zu alt, auch zu ehrlich. Kämofen —L wofür? Er kann nichts tun, als das, was er sieht und erlebt, aufzcichnen. Sachlich, nüchtern, mit unerbittlicher Ehrlichkeit aufzeichnen. > Wahrheit um jeden Preis. Man ist innerlich sauber und fühlt sich zur Wahrheit verpflichtet. Verpflichtet als Mensch, Arzt und Jude. Die Gegenwart verlangt Wahrheit. Sie hat genug von Illusionen. Sie will Wahrheit. Sachlichkeit. Nach dem Zusammenbruch von Religion und Wissenschaft, kehrt sie zum Anfang zurück. „Ich will/euch aus dent Elend Aegyptens führen in das Land der Kanaaniter. lHetiter» Amoriter, Phäresiter. Hephiter und Jebusiter, in das Land darin Milch und Honig flieh tt" Die Gegenwart verlangt Arbeit. Löhne. Borkämpfe. Man muh ihr folgen. Weil sie so will und weil man es selbst nicht anders weih. Schade nur, dah Wahrheit nicht immer Wah^eit ist. Zum Beispiel ist zwischen Wahrheit des Alters, und Wahrheit der Iugend ein beträchtlicher Unterschied. Was man früher mit Lust und auf Gottes Geheih erkämpfte — Länder.!Völker, Weiber — ist heute eine Schurkerei und em internationales Verbrechen. „Viehmarktaufttieb: Schweine 11543, I Rinder 2016, Kälber 1920, Hammel 4450." Die arnzen Källierchen. Woher nehmen wir das Recht, sie zu töten? „Uno haben alle einerlei Odem, und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh." Wir bedauern sie, die Kälberchen. Wir haben ein schlechtes Gewissen und — wir fressen sie doch. Was herauskommt ist ein Bild von schreckencrregendcr Sinnlosigkeit. Dem Herrn Neroendoktor erscheint die Well als eine Hölle, -schlimmer als die Hölle. Er hat keine Hoffnung. keinen Glauben. Er hat kein Ziel. Er weih nicht wofür er kämpfen soll. Er kann nicht raten, nicht helfen Er hat nur seinen Galgenhumor. „Ich gebe Ihnen die neuesten Wetterberichte .... ." „Und vergessen Sie nicht ,Egü ist das beste für die Schuhe/" Herr Döblin ist überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Und zugegeben: Hier ist ein Stück Wahrheit. Aber nur eilt Stück. Wahrheit von Berlin Aleranderplatz zwanzigstes Jahrhundert christlicher Zeitrechnung und Wahrheit aus der Perspektive eines jüdischen Neroendoktors. Berlin Aleranderplatz ist nicht nur Verkehr, Reklame und Schnaps und Berlin Aleranderplatz ist nicht Berlin und nicht Deutschland. Wird eine Stückwahrheit als Wahrheit schlechthin geboten, so ist-sie nicht Wahrheit, sondern — Lüge. Herr Schiller übertreibt. Die Jungfrau, von der er dichtet, ist nicht nur Edelmut. Aber Herr Döblin übertreibt auch. Die Frau im dritten Stock ist nicht nur Eierstockentzündung. Der Unterschied zwischen Herrn Schiller und- Herrn Döblin liegt darin, dah Herr Schiller idealisiert und Herr Döblin materialisiert. Dah Herr Schiller angenehm lügt und Herr Döblin unangenehm. Der Aleranderplatz ist nicht Berlin und die Hure Babylon ist. nicht Deutschland. Neben Franze Biberkopf, Liberkopf. Schniberkopf gibt es noch eine ganze Anzahl Leute, für die das Leben kein Tollhaus ist. Es gibt noch deutsche Bauern, die mit Freuden ihren Acker bestellen. Es gibt sogar noch geistige Menschen, die kämpfen. Sogar solche, die glauben. Das Leben ist nicht nur Licht, aber das Leben ist suchen ich t nur Dunkelheit. Das Leben ist Licht und Dunkelheit, und, so man wahr sein will, muh man beides geben: Licht und Schatten, llebertreibung ins Ueberhelle, Ueberdunkle ist nur dem Kämpfenden gestattet. Döblin kämpft nicht. Er hält das Ziel aller Kämpfe für Illusion. Er hat recht. Aber der Kampf selbst ist nicht Illusion. Der Kampf selbst ist Glück. Der Kampf selbst ist Glück auch wenn die Lämmlein und die Miezekes auf der Strecke bleiben. Am Ende bleiben wir alle auf der Strecke. Das ist hart, aber noch nicht sinnlos. Künstlerisch-technisch ist der Roman meisterhaft. Döblin hat die alte Form des Romans aufgelöst. Was er gibt, ist eine künstlerische Neuschöpfung. Er gibt einen Roman der Sachlichkeit, in dem die Menschen selbst zu Sachen werden. Ein Film läuft ab. der nur das Aeuhere der Dinge ersaht, aber in jedem Augenblick die Hand eines Meisterregisseurs empfinden läht. Was — Berlin Aleranderplatz — den Kopf eines Menschen füllt. Geräusche und Geschwätze, Redensarten, Nummern, Zeitungsartikel, Reklame findet hier seinen Widerhall. Ein betäubendes Durcheinander, eine harte Nuh, selbst für einen, der zu lesen versteht, doch nie verwirrt. Gedanken, päische Einheit? d. h. Europa ohne England und Ruhland? Was verbindet einen Deutschen mit einem Portugiesen oder Serben mehr, als mit einem Argentinier oder Canadier? Fühlt nicht gerade der Deutsche sich dem Engländer gegenüver geistig näker verwandt als dem Italiener? ' . Und endlich die entscheidende Frage: Wo liegen die deutschen Lebensinteressen der Zukunst? In dem guten Verhältnis zu den drei Weltstaaten. Ruhland, England und' Nordamerika. Es genügt nicht, dah man allein auf die Ein- und Äusfuhrzahlen hinweist, und sagt, dtzr Handel mit diesen drei grohen Mächten uiit weit gröher als mit allen anderen europäischen Staaten zusammengenommen. Diese Dinge liegen tiefer als die wirtschaftlichen Verbindungen allein. Es bedeutet eine verhängnisvolle Verwechslung der wesentlichen und unwesentlichen Fragen der Zukunstspolitik, die „Schicksaljsseiten" Deutschlands in irgendeinem der angrenzenden Länder, einschliehlich Frankreich, zu suchen. Das gute Verhältnis Deutschlands zu Frankreich ist gewih eine sehr wichtige und notwendige Frage, — auf weite Sicht gesehen ist d« Verhäljtnis zu den drei Weltstaaten viel wichtiger. Die Vereinigten Staaten von Europa aber haben — das ist gar kein Zweifel —, eine Spitze gegen Amerika und gegen Ruhland, von dem unklaren Verhältnis zu England zu schweigen. Diese Nachteile können von keinem noch so groben Vorteil aufgehoben werden. Es gibt nur einen Weg kontinentalen Zusammenschlusses, der keinen Lebensgegenscch mit den drei Weltmächten darstellt: et liegt auf dem Wege eines Mitteleuropas. Mitteleuropa ist eine geographische Einheit, aus die gerade Deutschland wie kein anderer Staat Europas kulturell entscheidend eingewirkt hat. Der ganze mitteleuropäische Raum ist mit deutschen Siedlungszellen übersät, die deutsche Sprache gilt noch heute allgemein als die übernationale Verkehrssprache, eine Tatsache, die viel zu wenig bei uns bekannt ist. Gegenüber diesen deutschen Zukunftsmöglichkeiten in Mitteleuropa bedeutet em Paneuropa den Verzicht auf alle groben Aussichten, die uns noch offen stehen. Briand hat mehr Ursache als wir. die Vereinigten Staaten von Europa zu preisen. Sie entsprechen französischen, aber nicht deutschen Lebensinteressen.

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