Mannheim
Compact Memory

Der nationaldeutsche Jude · 1930-07-01 · Nr. 7 (Juli 1930) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1930
Issue
Nr. 7 (Juli 1930)
Date
1930-07-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/6682492-5438679-5438866--513-4871703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ihr schon seid. Das sind die Leute, die etwa sagen: Du bist als Deutscher aeboren. also besser als Andersrassige: oder: Du bist als Prolet geboren, hast Hlso mehr.Rechte zu beanspruchen als Andersständige. Das ist falsch. Denn was einer ist, das iit igar nichts: und was einer aus sich macht, das ist alles.. - Es gibt eine Art Mariismus, es gibt eine Art Demokratie. und es gibt eine Art Nationalismus, die sich recht ähnlich sehen: ne wollen alle drei ein Rezept gefunden haben, wie man die Welt verbessern kann, ohne bei sich selber anfangen zu müssen. Sie berufen sich alle drei auf ihre alleinseligmachende Staatsformen: auf Diktaturen eines Einzelnen oder eines Standes oder auf ein Parlament. Sie können Veränderungen schaffen, durchgreifende Veränderungen sogar, aber keine Besserungen. Staatsformen sind wie Kleider: es ist recht gut. wenn sie bequemen Sitz haben: einer fsndet die Uniform beauem und schön, und der andere de» Sakko, darüber kann mart streiten, aber prügeln sollte man sich deswegen nicht: denn entscheidend bleibt der nackte I Mensch. Ein Zustand etwa, der das Proletariat in den Besitz der Produktionsmittel bringt, iit erstrebenswert nur dastn, wenn jenes Proletariat mit seinem Besitz nun endlich mal j roas gefeiteres anfängt, als bisher im Verlauf der Weltjgelchichte^ damit angefangen wurde. Und ein grohes uNd Mächtiges Deutschland kann nur dann Kampfziel sein, wenn es Macht und Reichtum besser verwendet als etwa das Deutschland Wilhelms des Zweiten. Und eine Demokratie, cmch das muh einmal gesagt werden, kann tausend Mal rückständiger sein als eine Monarchie und iit es im Verlauf der Geschichte oft genug gewesen. Das Stimmrecht fann so gut ein Fluch sein wie ein Segen: Auf den Menschen' kommt es an. der es ausübt: der Mensch und die Arbeit am Meirichen. am inneren Menschen. lind das Kriterium jeder Staatsform. Es. mühte doch sonderbar zugehen.', wenn die Jugend für solche Arbeit nicht zu begeistern wäre. Einmal mühte doch ein Geschlecht heranwachsen, das aus dem tragischen Scheitern aller Revolutionen, welche die Weltgeschichte kennt, gelernt hat. Roch keine hat das erreicht, was sie doch eigen» lich wollte: den Menschen glücklicher zu machen. Bestenfalls hat sie ihm mehr Rechte gegeben: und es hat sich dann immer gezeigt, dah die beseligende Wirkung der Rechte überschätzt wurde: vielleicht weil Rechte eben nur formal zu fassen sind, und weil der Mensch im Grunde keine Rechte will, sondern Liebe. Wirklich: es bleibt nichts als die unablässige, als die Sisyphusarbeit am Menschen, nichts, 'als die gegenseitige Stützung im Kampf um eine fruchtbare Stellungnahme zur Welt und in der Welt: es bleibt nichts anderes, aber das in viel. Alan werfe hier nicht das skeptische Wort vom ufer losen Idealismus ein: ein Idealismus, der die Jugend be geistern soll, kann gar nicht uferlos genug sein. Schon einmal hat die Jugend in ahnungsvollem, stürmischem Drauflos? gehen diesen Weg gesucht: in der Jugendbewegung: als die ersten ihn eben in seinen Umrissen erkannten, griffen die wohl meinenden und skeptischen Erwachsenen ein und lenkten den Strom in die sanften Kanäle der Jugendpflege oder in die trüben Rinnsale der Politik: so versandete die Revolution der deutschen Jugend. Hier aber gilt es dennoch anzuknüpfen: nur eine solche, auf innere Ziele eingestellte, nicht unpolitische, aber überpolitische Bewegung wird Rettung bringen für eine Zeit, in der Politik nichts ist als die Weltanschauung des kleinen Mannes: nur eine solche Bewegung wird das unsinnige Schlagwort von der „politischen Weltanschauung" entlarven und^ wissen, dah es, trotz allem, gehen muh ui» weltanschauliche Politik: nur eine solche Bewegung wird das politische Rowdytum an seinen Quellen aufspürcn und läutern. Ihre Zusammenkünfte werden unorgani irrte. impulsive, wahrhafte Demonstra'icmen sein, und über dem mihhandeltcn Gesicht der um ihre Weltan'chauung betrogenen Jugend wird sie die Inschrift des Krates anbringen: „Die Politikaster haben es getan." Zum Cage von Versailles. Am 28. Juni hatte sich zum elften Male Deutschlands dies ater, dies aterrimus gejährt: Für den historischen Irrtum des 9. November, das Blankoakzept der Unterwerfung auf Gnade oder Ungnade, wurde dem Vertrauensseligen der wucherische Wechsel vorgelegt, und er hat ihn unterschrieben. Was auch blieb ihm denn anderes übrig, dem Unglücklichen, dem Q p t i misten, der alles, aber auch alles auf eine Karte, Wilsons-trügeriiche Karte gesetzt — und verloren hatte? Schon im düsteren Walde von Compiegne. wohinein er als Wancnstillstandsparlamenlär mit verbundenen Augjen kam, war er über die Wurzel alles Unglücks, den Ausbruch d e r. R e v o l u l i o n . gestolpert,!und als er. in Finsternis' der Ungewihhcit tappend, vdr dem triumphierenden Gewinner stand, waren ihm üuch die Hände gebunden. Mil dieser seiner gebundenen, von Foch's eiserner Faust geführten Hand setzte er willenlos, -wer l'wehrlos die Unterschrift unter Bedingungen, die an vorsorgender Grausamkeit nur mit Scipio's Vernichsungsdiktat zu vergleichen sind, welches, jeden künftigen. Widerstand vereitelnd, Karthagos Untergang besiegelte. Selbsterkenntnis, Bekenntnis der für die Ldmut — arum, i denn V o r - t zum Mannes Nichts ist io bitter, wie schmerzliche und erschütternder als jede Anklage ist eigenen Schuld. Nichts aber auch ist heilsamer kranke Seele des Einzelnen wie des Vvlkes, als und Demütigung vor sich selbst. — Darum, nur d und aus keinem anderen Grunde-, es se dem, zugleich auch einen ungerechter wurs zu widerlegen und' der Wahrhe Siege zu verhelfen, sei hier der Bericht eines, wiedergegeben, der als Sekretär der deutschen Whffenstillstandskommission Augenzeuge aller Verhandlungen war. Ein Bericht, der noch zu Lebzeiten des deutschen Hauptdevollmächtigten in der Breisgauer Ze-itung veröffentlicht, weder von diesem, noch, bisher, von einem andern dementiert worden ist und mit unwiderleglicher Logik den j Beweis liefert, dah die Oberste Heeresleitung alles Menschenmögliche getan hat, den bedingungslosen Abschluh des Waffenstillstands unter Foch's Diktat zu verhindern. Dah weder der Generalfeldmarschall Hindenburg, noch sein (»Eeralstabschef Groener von einer Katastrophenstimmung im Heere .etwas gesagt hatten, ihr nach Compiegne entsandter militärischer Bevollmächtigter. General v. Gündell, vielmehr die Weisung erhielt. Herrn Erzberger das Rückgrat zu stärken. Spannend und nicht ohne Bitterkeit schildert Dr. Rohde-Liebenau, wie v. Gündell bei der deutschen Delegation erschien und d o rst eine Katastrophenstimmung vorfand, wie die Verhand- , 'Von 5. )V a ft. lungen ergebnislos sich hinzogen, bis aus Berlin die längst erwartete Rachricht vom Ausbruch der Revolution eintraf, und damit, der üble Anfang vom bösen Ende, die auf deutsches Land und Volk herniedersausende Lawine ins Rollen ge kommen war. „Die Wirkung dieser Nachrichten", schreibt Or. Rohde-Liebenau. und die Fortsetzung seines Be richtes soll hier, um die Schlagkraft nicht aözuschwächen, im Wortlaut wicdergegeben werden, — „die Wirkung dieser Nachrichten auf die einzelnen Herren war sehr verschieden. Erzberger sagte nichts"-<An dieser Stelle folgen Anmerkungen. die aber, weil persönlicher Art und vielleicht resfimental, hier unterdrückt werden sollen.) l)r. R.-L. fährt dann fort: ,>,Es wurde noch verhandelt, es gingen noch chiffrierte Funksprüche an die deutschen Stellen ab. Aber die ganze Spannung — sicher beider Delegationen — galt dep noch ausstehenden Antwort aus Berlin und Spaa «deutsches Hauptouartier). Schon war die Nacht vom 10. zum 11. November herabgesunlen. Gegen 10 Uhr übergab ich getade „drüben" im französischen Zug dem Offizier vom Dienst ein chiffriertes Telegramm zur Weiterbeförderung als Filnkspruch tnach Berlin). Während er mir eine Empfangs bestäligung ausschrieb, öffnete sich eine Tür. General Weygand, der schlanke, jugendlich-elastische Generalstabs chsf Foch's, mit dem' klugen energischen Gesicht, winkte mich heran: „Sagen Sie Herrn Erzberger, dah ich ihn in etwa zehn Minuten aufsuchen werde. Ich habe ihm eine sehr wichtige Mitteilung zu machen." — — Was war das für eine „sehr wichtige Mitteilung", um derentwillen Weygand zu so später Stunde Erzberger persönlich aufsuchker Ein offener Funksvr u ch aus Berlin! Lassen wir Erzberger selbst das Wort: 10.30 Uhr nachts wurde uns in offener Depesche die Mitteilung, dah die deutsche Regierung (die „Volksbeauf kragten") mit den am 8. November übergebenen Waffen still st andsbedingungen ein verstanden ist und Staatssekretär Erz berger ermächtigt wird, den Waffenstill standsvertrag zu unterzeichnen. Gleichzeitig sollte er eine ebenfalls durch offenen Funt jpruch mitgeteilte Erklärung verlesen. Es be rührte ungemein peinlich, dah diese Reso solution offen gegeben und hierdurch das Resultat der zweitägigen Bemühungen erheb lich in Frage ge st eilt wurde. — — Von der Obersten Heeresleitung lag noch keine Weisung vor. Endlich. um Mikternacht, kam ein endloses Chiffre-Telegramm Ter Hauprteil des vom Chef des Generalstabee (Groener) Unterzeichneten Telegramms enthielt Weisungen an den milr tärischen Delegierten (General v. gündell), in welcher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.