Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 7 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu deutfcber Politik. |l Vorbemerkung. _r" . *m Folgenden die Reihe unserer politischen Aufsätze fort. Die Verfasser gehören verschiedeüen Richtungen an. -er Dichter M o st a r (Nichtjude) steht politisch links, unser Mitglied , J politisch rechts. Daß wiij uns als Verband nicht mit den von unseren Mitarbeitern ausgesprochene» politischen Anschauungen identifizieren, sei nochmals betont. ' Die Schristleitung. politische Roxpdies ..? von „Krates. der i «rühmte Eyniker, lullte vom Musiker Nikodromos eine b starke Ohrfeige erhalten, daß ihm das Gesjcht angeschwollen und blutrünstig geworden war: darauf' befestigte et an seiner Stirn ein Brettchen mit der Irschrijt: „Nikodromos hat es getan." wodurch jgroße Schande auf den Flötenspieler fiel . .{V (Schopei Hauer: Aphorismen zur Lebcnsweifhcit.) Dieser von Schopenhauer erzählte Vorgang bildet, rein äußerlich ünd zunächst ohne Berück ichtigung seiner moralischen Nutzanwendung betrachtet, de s typische Beispiel für Demonstration und Geaendemonstra ion. wie sie sein sollen. Die Leidenschaft demonstriert, .die Ljeishcit unternimmt eine Gcgenkundgebung: beides ist genau so berechtigt, wie es etwa die Zusammenrottung des Volkes w>r der Bastille war oder das Auftreten Luthers gegen die B lderstürmer: hier demonstrierte ein Einzelner und dort eine Gemeinschaft, hier tat cs das Gefühl und dort der Geist, iminer aber geschah es notwendig. zwangsläufig, impulsiv.. Solche Demonstrationen sind Anfangserschcinungen fast jeder' großen Bewegung, sind oft ergreifende pder hinreißende Wendepunkte dct Weltgeschichte gewesen und werden das immer sein. Aus dem Wissen um! diese Wirksamkeit der Demonstration rekrutiert der Glaube an iie, der die politisck-en Maßnahmen unserer FIngelvarteien bestimmt jund die „täglickü: Demonstration" veranlaßt. Wie aber siekt-djese tägliche Denionstration aus? Wenn wjr die eine Partei RHodkinnos und die andere Krates nennen wollen, dann ungefähr so: Nikodromos läßt in den Leitungen bekanntgeben. daß er und seine Anhänger am soundsovielten abends soundsoviel Uhr gegen Krates demonstrieren werden: Treffpunkt daundda. Anzug feldmarschmäßig mit Gummilnüppel, Abmarsch in Viererreihen. Irgendwo wird man schon auf einen schwächeren Trupp Kratesianer treffen, der prompt verdroschen wird. Krates seinerseits setzt eine stattliche Anzahl Malermeister in Brot. Sie müssen in sorgfältigen und schreienden Farben Schilder anfertigen, auf denen zu ' lesen steht: „Gegen die nikodromesischen Uebergriffe!", „Nieder mit Nikodromos!", „Gegen den > Rechtsradikalismus!" uiw. usw. Inkerate in der Krates-Presse, Demonstration dannunddann, Treffpunkt daundda. Anzug — siehe Nikodromos. So entsteht die Demonstration von heute, Zwar überzeugt sie niemanden von den- Unbeteiligten, und von den Gegnern überzeugt sie schon gar keinen. Aber das will sie wohl auch nicht. Demonstrieren lzeißt auf deutsch ungefähr herzcigen: nun gut. man zeigt was her» zumindest zeigt man sich selbst, was und wieviel man ist: und das Meiste zeigt her, wer am besten organisieren kann. Und hier liegt der Trugichluß offen zutage, der die Unzahl der Demonstrationen aus dem Gewissen hat. Die organisierte! Demonstration, die Herzeigung. hat mit der impulsiven Dsmonstration. der Kundgebung. gar nichts gemein, nnd!>estimmt nicht die überzeugende Kraft. Die impulsiv« Demonstration ist ein Sturmangriff. die organisierte allerbesten sülls ein Parademarsch: aber der ist eben noch besser organisiert. Es ist verwunderlich, daß der kindliche Glaube an die Wirksamkeit der Herzeigung nicht sch vmden will: die absolute Eindruckslosigkeit auf den Unbeteiligten oder den Gegner müßte doch jedem klar sein. Empfu ktden wird sie wohl hier und da. und deshalb tritt als wesentlicher Zweck immer mehr lzeroor die Erzeugung des Kraftraisches. und deshalb wohl ködert man sich für Demonstrationen die für KraftrSusche noch am meisten Empfänglichen: die Jugendlichen. Und diese Kraftberauschten tun. was die Mehrzahl aller Berauschten tut: sie hauen zu. oder sie stechen zu. oder sie schießen zu. Dann tauchen sie in den Berichten der eigenen Presse als Märtyrer auf» in denen der feindli bat als Bestien, und m denen der Unbeteiligten als „oolit fche Rowdies. Aber das sind sie ni<& weder "es noch jenes, noch das dritte. Sondern sie sind H«eingefall me. Serhart 6errm»nn hl o sr a r. i Hereinsallen gber konnten und mußten sie. weil man auf die vielleicht betrüblichste Seite des Menschen spekulierte: auf seine Denkfaulheit. Der Mensch, auch der simpelste, hat sich zu allen Zeiten, in demjenigen Gedankenbercich. den ihm der Bentf zur eigenen Verwendung ließ, herumzuichlagen gehabt mit der Frage: wie bin ich. und wie sind die anderen: wie muß ich werden, und wie müssen die anderen werden, damit mir miteinander leben könn.'n: wie gewinne ich Selbstkenntnis und Menschenkenntnis und deren Summe: Weltanschauung. Dumpf und im breiten Vormarsch der Gefühle ringt um eine gesicherte Einstellung zur Umwelt der eine, klar und in spitzfindiger Gedankenarbeit sucht sie der andere: wer nicht weiter kommt, resigniert oder übernimmt eine. Wer sie hat, sucht das Erkannte praktisch zu verwirklichen, indem er sein Leben nach seinen Wünschen zu gestalten lucht: soweit dazu eine Verändening der Umwelt vonnöten ist. greift er zu den-Mitteln der Politik. Diesen Kampf um die Weltanschauung kann man nicniandem vorkämpfen, wie man etwa den Kampf um die Liebe oder den Kamps mit dem Tode niemandem vorkämpfen kann: das ist alles milliardenmal durchgefochten und muß doch von jedem einzelnen aufs neue durchgelebt werden mit aller Bitternis und aller Luit. Wo nun dieser Kampf gekämpft, wo aus Innenwelt Kenntnis und Außenwelt-Kenntnis ein Weltbild, eine Weltansckzauung errungen ist. da wird sich als Konsequenz eine politische Anschauung ergeben: vor solch einer notwendig gewordenen politischen Anschauung wird auch der Gegner Achtung haben. Der Mensch, der sich in der bestehenden Umwelt glücklich.fühlt, wird diele Umwelt notwendig politisch bejahen müssen: wen sie quält, der wird ihr ein verändertes Morgen wünschen müssen. Der konservative Mensch wird einer itaatscrhaltenden. der revolutionäre Mensch einer staatsveränderndcn Partei aus Notwendigkeit und innerer Ehrlichkeit angehören müssen. Seine politische Ansckzauung ist ein Ausfluß oder eine Ausführungsbestinimung oder eine der praktischen Einwendungen seiner Weltanschauung. Er wird vielleicht für sie sterben, aber er wird sich nicht für >ie prügeln. Hier jedoch setzt heute die Spekulation der Parteipolitiler auf die Denkfaulheit ein. Sie liefern dem ringenden jungen Ricnschen ein fires und fertiges parteipolitisches System, das schnell mit einigcti verwaschenen Ideen drapiert ist. und fordern die Jugend aus. sich dafür' einzusetzen. Und wie gern setzt sich der junge Mensch für etwas ein. mit all seiner Verve und all seinem Mut! Und er macht Halt auf dem 'Wege zur Weltetkcnntnis. Halt auf dem Wege zur Persönlichkeit, er kämpft nicht mehr um eine Anschauung, sondern für eine Anschauung, er sieht diese Anschauung gern als recht und billig ein und bemerkt nicht, daß sie meist mehr billig ist als recht. Er wird, was seine Ver-Führer sind: Nurpolitiker, Politikaster : — und damit nie mehr wirklicher Politiker. Dem: es ist ja nicht wahr, daß eine politische Anschauung eine 'Weltanschauung ersehen könne, oder zu einer Weltanschauung führen könne. Es ist ja nicht wahr, daß es Pflicht sei schon für den jungen Menschen, am politischen Leben teil-' zunehmcn dadurch, daß er sich einer Partei anschließt. Es ist ja nicht wahr, daß man unbedingt irgendwo. Rechts oder links oder in der Mitte..zu stehen habe: man ist ja jung^-- und hat zu gehen. Gott sei Dank zu gehen, hoffentlich noch recht weit, und hoffentlich noch durch recht viele Stationen und Lager rechts und links und iy der Mitte! Es ist ja nicht wahr, daß man eine von anderen bezogene Gesinnung vor sich hertragen müsse wie eine Vereinsfayne. sei es nun der _ Sowjetstern oder sei es das Kreuz, das Haken hat. — sondern es wird am Ende eines langen Weges der Selbsterkenntnis und der Menschenkenntnis eine Gesinnung stehen wie ein Stein, auf welchem der ruhen darf, der zu Ende schult — und das wird die rechte sein! * Di« Nutzanwendung solcher Gedankengänge erscheint einfach: es ist an den sogenannten politischen Rowdies keine Bestrafungsarbeit zu leisten: sondern Bekehrungsarbeit. Dies etwa sollte man ihnen sagen: . Hütet euch vor denjenigen Nationalisten und denjenigen Sozialisten, die euch etwas zum Verdienst anrechnen, was