Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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-4^.7 6 Deutfehe Weihnacht Ichwill ganz schlicht erzählen, was mir dieses Bildchen bedeutet. Mag sein, daß es dann auch für andere eine Bedeutung gewinnt. i Am Weihnachtsabend des ersten Kricgsjahrcs lagen wir in -Alarmbereitschaft im roh gezimmeften Behelfsunterstand, wenige hundcrs Meter hinter der Gcfcchtslinic. Wir erwarteten den -Angriff der Franzosen. auf den bestimmte -Anzeichen hinwiesen. Der Armeebefehl hatte uns gewarnt: Verlaßt euch nicht darauf, daß der Feind au diesem Albend Waffenruhe hält! Für den Franzosen ist der Weihnachtsabend nicht ein besonderer -Abend im vSiiutc des Deutschen, für ihn ist das^Weihnachtsfett nicht viel anders, als irgendein Sonntag. So faßen wir sprungbereit in dumpfer Enge, aber wft dachten nicht daran, mis die seit Kindertagen liebe Feier ganz verkümmern zu lassen. Anter niederer Balkendecke strahlten die dichter des Weihiiachtsbaums. -Auf bretterbelegten Strohlagern waren die damals noch sehr reichen — Liebesgaben der Heimat ausgebreitet. Und wir dachten der Unseren weil hinten im Vaterland, ^wir dachten der geliebten deutschen Heimat.! Es war eine bayerische Compagnie. Zwcij von vier Offizieren waren Inden. Die Unteroffiziere und Mannschaften vorwiegend katholisch, wie der französische Gegner auch, die Minderheit protestantisch, ciid)| hier einige Juden, Aber keiner dachte an des anderen Glauben und -Abstammung. Kaum einer deu Christen gedachte wohl gerade der christlich-religiösen Bedeutung des Abends. -Aber jxdcr dachte der deutschen Heimat, die uns allen gegenwärtig war beim Anblick der lichter- -bcstccktcn Tanne, unseres deutschen Weihnachtsbaums, den der Franzose nicht kennte) ^auch wenn er katholisch ist. wie der Bayer, und gleich ihm in dieser Nacht sonst zur Christmesse geht. ■ ' Und die Juden? Ich war einer von ihnen, die in einträchtiger Sehnsucht mit ihren christlichen Volksgenossen und Waffenbrüdern in dem strahlenden Lichtcrbaüm die ferne Heimat grüßten. Unser Deutschtum war uns. selbstverständlich, jedem und stets, aber noch niemals war es uns so lebendig, so bewußt inniges Gemeinschaftsgefühl gewesen, wie an diesem Abend. Keiner von uns dachte daran, den Christen zu spielen. Aber keiner dachte auch nur einen Augenblick, daß es „unjüdisch" sei. gemeinsam mit Christen ein christliches Fest zu feiern. So war's vor fünfzehn j Jahren. Der eine oder andere mag'begreifen, waruikt mir dieses Bildchen von allen, die mir aus der Kriegszeit geblieben sind, das liebste ist. Und weil vielleicht der cinc es begreifen und der andere darüber Nachdenken mag. darum habe ich heute dieses Lichtbild und Sinnbild aus dem Erinnerungskasten hervorgezogen. 24. Dezember 1929. M i l e s. 4 t iie u'uf.t überall hinipäbe; nichts aus" dem £br, dcfß iie nicht jedem Gebär schenke: nicht aus dem Mund, das nc nicht allzuviel rede, und io weiter". - Hübsche TicEfabeln hit die alte jüdische 3anc, io eine Geschichte vom .Tuchs, die. den beiten Ncinecke Stücken unseres Volksbuches gleichneht, eine Pbönirsage. die Geschichte voni Vogel Milbam, der nicht mst den Menschen sündigte, dem Gott deshalb ewiges Leben schenkte: ibr Dichter findet sich innerlich genötigt, diesem . Fabolckogel eine Art Ersatz für den Tod tu ersinnen, der die ewige Verjungung durch den Tod aussprich,^. Wie aus den Grimmschen Märchen und Tagen kommen allerlei Ungeheuer Hervch, .ein Wildochs, ein Hundsgroßer Frosch, eine rie'ige Schlange, ein Nabeltier, eine Art tierischer Aniäos. der tugrunde! gebt, sobald, feine ihn unmittelbar mit der Erde verbindende Nabelschnur zerriöen wird, der samt aber der Schrecken alljr Geschöpfe in. Und wieder wie verwandt germanischen Seelemagen ist diese kleine Dichtung über den Schlaf: ..Aus das Wirt der Erde, das; ihre straft nicht dazu Hinreichen werder die Manschen zu speisen, antwortet der Herr: .Ich und du, wir wolle; beide die Menschenberde ernähren'. Und sie teilten ihre Arbeit untereinander, der Herr nahm auf sich die Nacht und gab der Erde den Tag. Was tat der Herr'? Er schuf den Schlaf s des Lebens: der Mensch, liegt ruhig und schläft die Nacht über, und der Schlaf ist ihm Speise und Heil, Leben und Erguickung. Tie Seele, so heißt es. füllt des Menschen Leib aus, aber in der Stunde, da der Mensch schläft, steigt sie empor und schöpft ihr Leben von oben". Ich rrflL noch auf den Adel, de» die Gestalt .ftains durch ein paar ihm in den Mund gelegte Worte in diesen Sagen bekommt, auf den prachtvollen, echt mystischen Ausdruck Hinweisen, daß sich alle fürchteten, Henoch anzuiehen: denn der. Schreck Gottes war auf seinem Angesicht. Man begreift, wenn man wieder einmal den in verhältnismäßig unverworrenem Mythos erhaltenen, großen menschlich-geistigen Gehaltder altjüdischen Schriftwelt übersieht. völlig den Stolz der priesterlichen Schriftgelehrten aus ihr Werk, das ihnen schien, als könne es nur von Gott selbst gekommen sein, begreift die phantastische Vernichtungswirkung, die „dem. Buche" beigelegt wird, um derentwillen es Adam in diesen' Sagen einmal in einer Felskluft gegen Morgen vom Garten Eden verbirgt: „denn nicht war di? Erde imstande, des Buches Wucht zu tragen". — Aber mit noch mehr Freude begreift matz an diesen gewaltigen Dichtungen die Nähe, in die altjüdischer und heutig-deutscher Geist zueinander treten, in der sie einander verstehen.