Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1930
- Issue
- Nr. 1 (Januar 1930)
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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«WMWVWWMPWWI Sagen der Juden und deutlicher Geist. Wie sich bei anonymen Anekdoten. Schwänken. Fabeln, kleinen Volkserzählungen oft in Vorliebe und Ablehnung der Stand und die soziale Lage des Erzählenden deutlich verrät — der etwa als wandernder Handwerksbursche oder als armer Bauer rtiit einem ein wenig neidischen Spott die reichen, geizigen Müjller verfolgt and ihnen alles Schlechte aufbindet. als Pfaff seinem Helden nichts 'Besseres ersinnen kann, als daß er auch ein Pfaff wird, als Ritter einen Mönch dem Kloster entfliehen und Reiter werden läßt. — so ist auch in die ebenfalls namenlosen oder mit gleichgültigen Namen überlieferten groszen religiösen Sagen und Mythen eines Volkes deutlich allerlei hineingeschrieben, was die kulturelle, wirtschaftliche, politische Lage des Volkes und der Zeit, für welche sie geschrieben wurden, kennzeichnet: so etwa, wie' die biblische Schöpfungsgeschichte, in der einen der beiden Quellenerzählungen. welche die Verfluchung des Ackers enthält, deutlich die Hand von Priestern zeigt, die einem mit seinem schweren Beruf unzufriedenen Volk eine unanfechtbare religiöse Erkläning für die Unabwendbarkeit seiner harten Lebenslage gebe» und es damit beschwichtigen wollen. Als Alpha und Qmega haben natürlich alle Priesterniederschriften das Streben. Ehrfurcht. Gehorsam vor dem Priester zu erwecken: dann, was denselben Zweck unterstützt, auch vor Gott und allen heiligen Dingen, unter denen wieder die Schrift, das eigentliche Herrschaftsgebiet des Priesters, die erste Stelle hat. Schriftgelehrter — das war einit ein Ehrentitel nicht nur in dem Sinne des in der Heiligen Schrift Gelehrten, sondern auch dem, des einfachen Lesen- und Schreibenkönnens. Man fühlt in den alten Sagen und Urkunden die naive Selbstsreudc, welche die Kunst des Schreibens verschafft - aber auch das noch deutlich lebendige Bewußtsein von der kultijrcllgcistigen Bedeutung der Schrifterfindung, der zweiten, nicht mehr an den unmittelbaren Laut gebundenen Sprache und der in ihr liegenden Macht — wenn ein alter priesterHcher Astrologe sagt: „Wer zur Zeit des Merkurs geboren! ist. der wird zu einem weisen und erlauchten Mann, den» der Merkur ist der Schreiber der Sonne, der ist stets in ihrer "Nähe und zeichnet ihr ihren Weg vor und ihren Lauf."! Ist es nur durch die biblische Vorstellungsweise, die vom Alten ins Neue Testament übergegangen und so für das ganze Abendland bedeutsam geworden ist,, daß man in den groszen altjüdischen sagenhaften Vorstellungen eine Verwandtschaft.. schon eine sprachliche Verwandtschaft, zur mittelaltetlichdcutschen Welt der Mystiker empfindet? Es würde durchaus der Verpersönlichungskraft Meister Eckarts' oder Susos entsprechen, wenn die Schrift in einer jüdischen Sage gleich dem ).nyoc ein metaphysisch-mythisches Eigenleben gewinnt und Gott sich mit ihr in Wcchselrede berät. Es ist nur ein kleiner Schritt dazu, sie — die allein in des Priesters Händen ist und sein höchstes Machtmittel darstellt - Gott gleichzusetzen und fast über ihn: „Die Schrift rühmte sich: Ich war chas Werkzeug des Herrn . . . So blickte der Herr in die Schrift hinein und baute danach, keine Welt, wie es auch geschrieben steht: Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege: ehe er etwas schuf, iwar ich da . . . Es ist offenbar, die Welt ist durch die Schrift begründet." — Fast mystisch berauscht scheinen Sprache und Schrift, wenn die Schriftzeichey begehren, jedes, daß Gott mit ihm die Schöpfung beginnen solle: wenn gesagt wird, daß lange vor der WeltschöpfuNg die Schrift auf dem Arme des Herrn gestanden habe: schwarze Flammen auf weißem Feuer: wenn Gott die Welt aus dreien seiner Namen schafft wie ein Zauberer. . Ich empfinde durchaus die Verwandtschaft mit ursprünglich deutschen Vorstellungen, wenn es heißt: „Gott war allein in seiner Welt, und er schaute hin und schaute her und! sah lein Wesen. Da verlangte, es ihn nach einer Welt. Mlein war der Herr, wer sollte um ihn sein: es leckute seine Seele, da griff er zur Tat. Er streckte seine Hand und nahm seiner Namen einen aus der! Schrift: er ließ davon drei Tropfen Wasser fallen, und siehe, dix ganze Welt ward!voll Wasser. Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser!" Ich entnehme diese Beispiele eineyi gewiß nur jüdisch, nicht deutsch gemeinten, aus ^iner sehr ergreifenden jüdisch-religiösen Von Wilhelm von 8d>olfz. Juden", jie Einstellung geschaffenen Buch „Die Sagen de: sammelt von Micha Josef bin Gorfon. Aber was daran so sehr das Herz bewegt md erschüttert, das ist ihr rein menschheitliches Aufsteigen über ihren Ursprung. In diesem Aufsteigen schwindet jede Schranke zwischen ursprmglich jüdischem und zum Weltumfassen entwickeltem deutschen, Empfinden. , In den Fabeln und Erzählungen treibt viel'Urzeitgut, das deutlich einem primitiveren Zeitalter angehört, als sie die Abfassungszeit der ältesten biblischen Bücher darstellt, das, in diesen offenbar mit Absicht fast unkenntlich gemacht, liers noch ganzen Sinn und Zusammenhang zeigt. Während man das Buch liekt, glaubt nzan die Entstehung aller dieser bie en. die biblischen Erzählungen umspiel-nden. erklärenden, erweitirnden, sie mit anderen religiösen Mythenherdcn in Bezieh mg sehenden, sie aus- .und umbildenden Auslegungen und K>»n mentarc fast zu hören. An! den meisten Stellen sch nnt ein Lehrer zu Schülern zu sprechen, ja fast auf Fragen zu antworten. Man mag ihn sich iy dem kleinen Nebenraum der Synagoge von Worms vorstellsn, wo noch heute der Sitz eines solchen lehrenden Rabbi gezeigt wird: um eine große S use erhöht, als eine Nische in die Plauer eingelassen, mit Armlehnen auf schlanken Pfeilern, die bis zum Boden reichen, >md davor in kapellenartigcm kleinem Raum acht bis :ehn Schüler — die!nun mit dem Lehrer die heilige» Ucier lieferungen durchdenken, Unstinchiigkeiten in ihnen ausgleüzen. getrennte Einzelhtilen scheinbar desselben Zusammenhangs aneinanderfügen, Dunkles zu erklären suchen und mit all dieser Tätigkeit, mit dein, was ihnen aus anderer apokrypher Ue!>erliefcrung einfällt! was sie selber erfabulicrcn und ersinnen: Fülle neuen Stoffes Zusammentragen, der immer wieder nach der Struktur der biblischen Erzählungen geordnet wird. Könnte es nicht fast aus einer heutigen, gleichviel ob ans einer evangelischen, katholischen oder jüdischen, Schnlreligionsktunde stammen, wenn es heißt: „Die Erde asse aufgehen fruchtbare Bäume, da ein jeglicher nach seiner Art Frucht trage. Die Bäume kamen alsogleich fertig und vollendet aus der Hand des Schöpfers: nicht wie der Lauf der. £ m pflanzi, ehe. denn so. er Welt jetzt iit: wenn ein Mensch einen Feigenbai muß der Baum! erst drei Jahre da stehen Frucht trägt" — und vieles Aehnliche! Der beite Gewinn aus dem Buche und dir meiste!Be rcichcrung ist das Fühlen der Unmittelbarkeit, die sich zwischen dem deutsche» Geist und dem' geistig geborenen Volke des Altertums sofort, herstellt. Auf den Blättern, die ich mbe» die Lektüre legte, lrabe ich mir vielerlei hierzu anme:ken lönnen. Als auch psychologisch bedeutsam die Erweckung der für ein frendigeä Lebenswerk so nötigen Schutzvorktellurgen gegen die Not und die Gefahren der Elemente: sie ziehen des Gottes sich »eni das es in. der Gestalt dcir ewigen Ordnungen und Gesetze durch das ganze\ Buch. „Der ich den Sand zum Ufer Meere setzte: einj ewig Gesetz ist dies, uyd nickrt darf es Wasser übertrete^: und ob es schon ftürnit, so vermae doch nichts" man hört es heraus, wie der Pieeranwoi>ner sich den tröstenden Kottcsausspruch schafft! Von großer Schönheit ist eine Reihe von Fabeln und Erzählungen, so die von den hochmütigen Bäumen, die zu A demütigen Gott das Eisen schafft, das an ihre Wurzel gelegt wird, und auf deren Klage er milde bestimmt: „Sihet. von euch muß erst das Heft genommen-werden zu der Art, wenn sic euch fällen soll: so stelle ich'S an: erst habt ihr die Gewalt über das Eisen, dann das Eisen über euch": . »der diese, die in ihrer Einfachheit und wortlosen Innigkeit fast wie ein deutsches Volkslied berührt: „Einstmals hatte sich ein Königssohn, an einer Magd vergangen. Als der Kinig das erfuhr, verjagte er ihn von seinem Schlosse. Da kl, pfte der Königssohn an alje.r Mägde Türen: er wollte ihn jedoch keine hereinlasscn. Aber die eine Magd, mit der er gefehlt hatte, die tat ihm die Tür auf." > Wie aus mittelalterlicher Schwanksammlung! mutet der. köstliche Humor an. der die Er'chaffung der Eva biegleitet bei der sinnt Gott länge nach, aus welchem Gliede ef sie machen soll: „Ich will sie nicht aus dem Kopfe machen, baii sie ihren Kopf nicht zu sehr erhebe: nicht aus dem Auge.j daß