Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 11 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 In der evangelischen Kirche Deutschlands finden wir dagegen eine Fülle verschiedenartiger Einstellungen gegenüber dem Judentum. Jq dem umfangreichen Sammelwerk „Das religiöse Deutschland der Gegenwart" hat der als Kenner jüdischer Religion und Geschichte bekannte evangelische Forscher Paul Fiebirz einen Aufsatz über die' jüdisches Religion veröffentlicht, in welchem er sagt: ..Ihrem innerstem Wesen nach ist die jüdische Religion der Gegenwart durch die Be-' tonung des ■ Monotheismus, des Sittlich Persönlichen, durch die Ablehnung des Magischen und Mystischen und all:r menschlichen Autoritäten, vor allem eines unfehlbaren Lehramtes, und mönchischer Askese etwa gar für die „Priester", dem Protestantismus verwandt.'»" Demgegenüber iiehf dis seit 1921 im Bund für die deutsche Kirche gesammelt^ deutsch iirchliche Bewegung im Iudentum eine rassenmähig wie religiös inferiore Erscheinung. Sie will nach ihren Leitsätzen in der Kirche ein ., Stoßtrupp" im Kämpf gegen jeden äußeren Feind „oder jüdischen Händlergeist" sein. Die offizielle evangelische Kirche hat diese in manchen Gegenden nicht unbeträchtlichen deutschkirchlichen Bestrebungen recht reserviert behandelt. Auf dem Königsbergs Kirchentag 1927 bat üe in einer vaterländischen Kundgebung betont: „Es gibt eine Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe, die über Völkcrgrenzen und Rasienunterichiede hinweg alle verbindet, die sich zu Christus bekennen." In dem grotzen zurzeit neu erscheinenden evangelischen enzyklopädischen Werk „Die Religion in Geschichte und Gegenwart" sagt der evangelische ’ß.rcf. Frick: „Religiös muh der Christ es adlchnen. Geilt und Glaube zu Funktionen des Blutes herabwürdigen zu laiien. Er wird iich uingekehrt zur. Herrschaft des Geistes bekennen und deshalb für die Ideen der Toleranz. Gleichberechtigung und allgemeinen Menschenwürde zugunsten des jüdischen Mitbürgers eintreten. sich iu praktischer Arbeitsgemeinschaft mit religiös elbischen und philosophisch-idealistischen KreHen des Judentums zu geincinsauiem Kampf.gegen Irreligion und Unmoral verbunden wisseii. vor allem aber durch aktive Mimon des Ehriilentums unter den Iuden die geistige Auseinandersetzung an Stelle von unklaren. Raiiengegcu'ätzen pflegen und so die religiöse Entscheidung allem Blutaberglauben zum' Trotz als freie Tat des menschlichen Geistes bewerten.'»" Diew tolerante Einteilung gegenüber d:m Judentum in in weilen, besonders den liberalen, Kreisen des evangelischen EbrUtenlums vertreten. Man erkennt hier, wie »ich das freie Iudentum seil Moies Mendelssohn ohne Scheu vor Uebernabme christlicher Elemente einein freien Christentum-genähert bat. man erkennt die Tiefe philosophischer Gottesanschauung. wie sie von Iuden wie Spinoza oder Her in a n n E o h e n vertreten wurde.' Gewiß werden auch hier die Unterschiede zwischen Christentum und Iudentum nicht verkannt oder gar verleugnet, die Unterschiede, wie sie vor allem in der zentralen Einschätzung der Person Iesu Christi und in der Stellung des Reuen Testamentes über das Alje seitens des Christentums bestehen. In diesen Kreisen wird auch die Judenmission selbst innerhalb Europas zum Problem. Man fragt sich, ob eine solche Mission nicht vielleicht der innerdeutschen Verständigung durch Herabsetzung der Religion deutscher Mitbürger schaden kann, und ob nicht der dem Christentum zuneigende Jude auch ohne eine organisierte Mission genug Gelegenheit hat. das evangelische Christen tum kennen zu lernen. So sagt selbst ein evangelischer Generalsuperintendent in einem vielgelesenen Handbuch ..da' die Notwendigkeit einer besonderen Iudenmission in Deutsch land bezweifelt werden kann." Trotzdem dürfte auch in diesen toleranten Kreisen nich: eine rückhaltlose Zustimmung zu der einseitig philosemitischei: Einstellung Lamparters erfolgen. Es wird hier nicht di- Iudenmission an sich, sondern nur ihre Tätigkeit in, fa>' ausi'chlichlich christlichen Ländern angezweifelt. Aber auri, für diese erscheint, ohne dah dadurch ihrer unbedingten Rot wcudigtcit das Wort geredet wäre, bei einer unaufdring lichen Riethode und taktvoller Zurückhaltung von zelotischem Bckehrungsfanatismus die Möglichkeit gegeben, die oben er wälmte Gefahr zu vermeiden. Cs erscheint mir wichtig, daß man in evangelischen Kreisen nicht immer schlechtweg von „dem" Iudentum spricht, sondern stärker die verschiedenen Schattierungen jüdischer Wesensart und Gesinnung erkennt. Zwischen dem altoäterisch-orthodoren Judentum, wir es sich durchschnittlich im Ostjndentum findet, und den mit deutscher und so auch christlicher Kultur und Geschichte verbundenen Iuden. wie sie im Verband Nationaldeutscher - Iuden organisiert sind und kich auch im Centralocrein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens vielfach finden, wird unterschieden werden müssen. Mil dielen Kreisen werden die Vertreter der evangelischen Kirche in der von l). Frick oben fein gekennzeichneten Art zum Besten unseres deutschen Volke; in vielen Aufgaben Zusammenarbeiten können, ja müssen, während ein Abstands gefühl gegenüber zionistisch und rein international empfinden den Iuden seitens evangelischer Deutscher nicht nur verständlich, sondern auch vom deutsch evangelischen Standpunkt aus zu rechtfertigen ist. Wir leben in einer Zeit innerdeutscher Wirren und einer Kampscszeit, in der die Religion von vielen radikal abgelehizt wird und der Atheismus nach bolschewistischem Muster propagiert wird. Es ist notwendig, dah die Religionen den gemeinsamen Feind der Irreligion und Amoral als Gegner erkennen und sich nicht gehässig bekämpfen. Vielleicht hat nichts der Religion Mehr Abbruch getan, als der fanatische Kampf der Religionen untereinander. Es muh der heutigen evangelischen'Kirche unbedingt zugebilligt werden, dah sic gegenüber dem Iudentum sich von solchem Kampfe fernhält, in ihren offiziellen Kundgebungen den Antisemitismus vermeidet und grundsätzlich tolerant ist. ohne ihre besondere Ileberzeugung von der Absolutheit des Christentums preiszugeben. ,u) Carl Schweitzer: „Das religiöse Deutschtum der Gegenwart" 1928 S. 317 ff *> Bö. I S.897; vgl. auch die Zurückweisung des Antisemitismus durch Liz. Moering: „Gegen völkischen Wahn" 1927. Sckian „Praktische Theologie" 1928, 2A. 10i Zum ganzen Thema vergleiche mein Buch „Die evangelische Kirche Deutschlands in der Gegenwart", Berlin 1929. Verlag Mittler ü. Sohn. Kampffront cler jungen Generation. i. Von Margo CQolff. Weil ani Beginn unseres Lebens das Leid eines vernichtenden Krieges stand, haben wir erir lernen müssen, froh zu sein und das Glück unserer Jugend zu begreifen, die schön und kostbar und herrlich ist, trotz aller Bitterkeiten und llebel unserer harten und bedrängten Zeit: Darum iit es wohl, dah wir alle gierig sind, raich noch .ein Zipfelchen eines Glücks zu fassen, ehe unsere beiten Jahre 'dahingehen, darum sind wir so gehetzt, so seltsam hart und von einer zuweilen wunderlichen Sachlichkeit. Es iit sehr leicht, all diese Dinge mit dem ,-chlagwort „Dekadenz" abzutun, und es ist wahrscheinlich hilfreich und interessant, diese Veränderungen gegenüber der Jugend von Anno dazumal vergleichend zu diskutieren, aber dqzyit ist uns wenig getan. Gerade so wie unser Land zerfällt in Parteien und Verbände und Vereine und Zweigvereine, so ist Zwist und Uneinigkeit unter uns Jungen, die wir einmal helfen sollen, jeder zu seinem Teil, aufzubauen und mitzuwirken an Deutschlands Gesundung. Dennoch bin ich ketzerisch genug, zu behaupten, dah die grundlegenden Unterschiede gar nicht in dieser Tatsache der differenzieren Gruppierung begründet ist. sondern allein und ausschließlich in einer Aenderung unserer Ideale. Ich bin mir wohl bewußt, dah ich schon durch Nennung dieses Begriffes einen kaux pas wider den „Heiligen Geist" vieler unter uns begehe, die in krasser Weise leugnen,'dah sie überhaupt an irgendeine Idee glauben, denen der Materialismus die Geistigkeit ersetzt hat. Auszusagen und zu berichten ist in diesen Zeilen jedoch nur von einem Ausschnitt der Jugend, die sich im Iudentum eint, also just von denen, die vielfach noch skeptischer. noch radikaler, noch krasser sich gebärden als die andern. In Palästina war ein Pogrom. So grauenhaft und