Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 8 (August 1929)
- Date
- 1929-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6682492-5438672-5438828--411-4871611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 schaftsfeindlicher Tendenzen mancher Juden. dem Juden im allgemeinen die Eignung zum Bürger und innerhalb des Bürgertums zu einem Mitglied der führenden Gesellschaft abzustreiten. Aber kann es nach obigen Andeutungen, die nur flüchtig den Rand eines noch heute gährenden Trichters von Dichtung und Wahrheit über das Judentum streifen, wundernehmen, wenn gerade die Gesellschaft, der aristokratische. sehhafte, gegen, jeden Neuling überhaupt mihtraustche, traditionellste Kreis des Bürgertums die Neigung hat, sich dem Juden zu verschliehen. ohne viel zu prüfen, ob nicht der oder jener menschliche und gesellschaftliche Fähigkeiten von hohen Mähen hat? sagt doch noch Goethe in Dichtung und Wahrheit: „DuIdiamKit gegen die Juden bedroht die bürgerliche Verfassung." Jom festen Falle lebt im Untcrbewuhtsein der Gesellschaft eine Vorstellung, wie sie etwa Heinrich Heine in den „Geständnissen" zum Ausdruck bringr. wenn" er schreibt: „Die Taten der Juden und ihre Litten sind der Welt völlig unbekannt. Man glaubt die Juden zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen hat. aber inan hat eben nichts als ihre Bärte beobachtet. Im übrigen sind sie noch jetzt wie im Millcicllcr. eir. wanderndes Geheimnis." zweiten Akr der gesellschaftlichen Handlung kommen eben MethodlN zur Anwendung, die nur allzuleicht das Problem erschweren, anstatt es zu lösen, und ins Komödienhafte qi, gleiten. Von den verderblichen Methoden sind folgende herve: zuheben. Da ist zunächst die bekannteste, das P r o tz e n t u n in allen seinen Abarten. Nichts ist offenbar schwerer, «' nach Erreichung eines Zieles bescheiden zu bleiben. Dab soll gar nicht so sehr der Aufwand getadelt werden, in de! sich Emporkömmlinge im allgemeinen gefallen, sondern oi. mehr die zur Schau getragene Meinung, damit die Hauptleistm für ihre gesellschaftliche Karriere vollbracht zu haben. Ei! das umgekehrte Verhalte in der Gesellschaft F „ bei jeder Gelegenheit auf ihre „I. und dadurch den Zuhörer in cir versetzen. Noch unangenehmer wir weitere Methode ist gewisser reicher, fassender Juden, feriorität" hinzuweisen peinliche Verlegenheit zu man beispielsweise für jüdiia nennen kann, nämlich die. üb Es iit al«o ein Meer von Vorurteilen. und es sind gleichzeitig strögegen f Nationaldeutfcbe Juden der Vergangen bei*. mungen im -Judentum selbst, die sowohl die Willigen der christlichen Gesellschaft wie die ehrlich strebenden der nationaldenkenden Juden anzukämpfen haben. Und es erscheint mir dabei fa>t leichter, das Meer zu überwinden, als gegen die gefährlichen Strömungen anzurudern. Denn oft sind es die eigenen stammesgenoisen, die es den nationalempfindenden und zum Eintritt in die Gesellschaft qualifizierten Juden erschweren, das politische öder gesell schaftliche Ziel zu erreichen. Wie gefährlich und wie töricht zugleich üt es z. B.. wenn die Zionisten, wie etwa ein jüdiickrer Student, im „Deutschen Reich" «falls Dinier richtig zitiert!« erklärt: „Ich bin kczii Deutscher, ich bin ein Jude ... denn ich erfasse ibre Art nicht es gibt ü d e r h a u p k k e i n c Juden., die jemals ein deutsches Volkslied lief empfunden haben oder es empfinden können!" Leicht in es für' einen ruhig und gerecht Denkenden, dieser Behauptung mir dein einfachen Hinweis den Boden zu entziehen, das; nur wenige Dichter dem Volkslied so nahe gekommen sind, wie eben der jüdische Dichter Heinrich Heine. Aber wie erschwert wird dem Juden seltst solche Verteidigung, Lager falsch geblasen wird. Ganz gleiche Vorgänge wie auf politischem und künstlerischem Boden spielenZich auf dem Parkett der Gesellschaft ab. Wenn man dabei den spejialfäll Berlin ins Auge fahl, wo — was schon im ersten Aufsätze unterstrichen wurde — das Problem eine Teillösung erfahren hat, so ist es vielfach das Verhalten der „arrivierten" Juden selbst, das die Kluft zwischen Gesellschaft und, Judentum wieder aufreiht und die Selbstverständlichkeit des Verkehrs gefährdet. , Zur Erhärtung dieser Ansicht sei zunächst festgehalten, wie sich in der Praris der Einlah in die „Gesellschaft" abspielt. Er wird heute nicht mehr durch den Monarchen gewährt, wie beispielsweise in Wien den Rothschilds durch Franz Josef II.. wobei zu betonen ist, dah es sich auch dann nur um einen Einlah handelte. -Die Position, die Selbstverständlichkeit des gesellschaftlichen Verkehrs mit den alten Familien muhte doch schritt für schritt erkämpft oder besser taktvoll erwartet werden, Heute wird die Einführung durch Fühlungnahme mit einem oder dem anderen prominenten Mitglied des gesellschaftlichen Kreises bewerkstelligt, auf den der Einzuführende Wert legt. Aber ebenso wie früher wird dadurch nur die Möglichkeit gegeben, sich den Verkehr selbst zu schaffen. Und bei diesem eine dr tte Methode, die Renegaten fast typisch ihre frü>,ercn Glaubeusgcnossen selbst am schärfsten zu witzel sie wollen offenbar damit dolumc iicren, dah sie nunmehr völlig zi christlichen Gesellschaft gehören un keinerlei Gemeinschaft mit dem am.’ von ihnen verachteten Stamme, genossen haben. Ohne zu bemerke«, chie unsympatisch solches lächerlich. Gehaben auf kulturell hochstehend. Ge'Mchaflstrcise wirken muh, und als wie viel angenehmer man cs empfinden würd^ wenn sie still und treu zu der Religion ihrer Väter stünden. Endlich sei noch als ge fährliche Methode die H a st und Aufdringlichkeit erwähnt, mi: der so oft versucht wird, einen eben gewonnenen gesellschaftlichen Könner zu verbreitern, neue Verbindungen zu knüpfen und tiefer in den um mauerten Garten der Gesellschaft ei» zudringen. Von einem sehr bekannten, nunmehr verstorbenen jüdischen In dustricllen in Berlin, dessen Familie es übrigens vorgezogen hat, ihre deutsche Nationalität aufzugeben und so den mit deutschem Arbeiterschweij, verdienten Reichluiki im Ausland zu versteuern, wird erzählt, dah er Prominenten der Gesellschaft, die seine Einladung verschiedentlich abgelehnt hatten, immer wieder Ein ladungen zusandte, bis sie überhaupt nicht mehr antworteten, oder aber — und diese Hoffnung trieb ihn mürbe wurden und am Ende doch einmal seinen Ball odsr sein Diner besuchten. Man kann sich denken, mit Bemerkungen! Ludwig franb RcichslagsabgeorLncier und fozialdemoklatifcher Parte«, «ührer. geb. 1874. gefalle» als Kriegsfreiwilliger 1914 lfiehr L. 5). wenn im eigenen was für Gefühlen und All^s das sind laute Methoden, wie ich sie nennen möchte, so fernab von der leisen Vornehmheit, die für die gute Gesellschaft charakteristisch ist. Methoden, geeignet, dggute, vornehme und daher leise Judentum zu komprimittiercn Methoden, die eben immer wieder darauf Hinweisen, dah die Judenfrage auch heute noch ein Problem der Gesellschaft iit Es, ist nicht zu leugnen, dah die meisten dieser Methode«, gewissen dem Judentum innewohnenden Tendenzen entspringen Um so hartnäckiger mühten sie von diesem selbst bekämpf! werden. « » . Ein Nachwort für diejenigen Leser, welche den ersten Teil dieses Aufsatzes in der Julinummer nicht gelesen haben: Das Thema der gesellschaftlichen Lage des deutschen Juden tums wird hier nicht im Interesse snobistischer Geltungssuchl und gesellschaftlicher Eitelkeit behandelt und wichtig genommen. Wer sich in allem als ganzer Deutscher fühlt, ist wohl ainb gegen den Vorwurf ressentimentaler Eeisteshaltung gefeil. — Dr. von schmidt-P^uli schreibt im ersten Teil seine Artikels: „Die Judenfrage ist von sehr vielen Seiten aus betrachtet worden. Von der religiösen, der ethischen, der politischen Seite, und fast schon zum Ueberdruh vom Rassen standpunkt aus. Nur eine Seite der Frage ist bisher auf follenb vernachlässigt worden, nämlich die gesellschaft l i ch e. Und doch erlebt die Frage gerade hier, man könnte