Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 7 (Juli 1929)
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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♦ ♦ * Selbst bei PbUoferrriten (-'nie Stimm« vom anderen Qfcr. I > Von Johannes W. ftarnlfcb. Demjenigen. er sei Jude oder Christ, den das Entstehen . ifcmitifdjer Stimmungen interessiert — und es muh im >,n,nde ja jeden Nationaldenkenden interessieren, — sollte man ->, Besuch eines sozialdemokratischen Parteitages auferlegen, um der sozialdemokratischen Politik willen — die ist ein >:ema, das in diesem Zusammenhänge nicht interessiert, und zu u man stehen map. wie man will. Nein, um Bcobach- >gcn zu machen, die. wie mich bedünken will, in Deutschnd viel zu wenig angestcllt werden. Von Juden und Christen. Ajif einem solchen Parteitag der SPD., wie dem letzten in oqdcburg. befindet man sich in einer Atmosphäre, die man ..r sehr selten in dem Deutschland von heute antrifft. Dafür?.r ein kleines Zwischenspiel bezeichnend, das zunächst erzählt i will: Der Delegierte S o l l m a n n. wie man weih: einer der viiiincntcn der SPD., er ist einmal auch Rcichsmnenuistcr gewesen, und kann eines Tages wieder einmal dieses er jenes Portefeuille vertreten, dieser Delegierte Sollmann >utc sich gegen Anträge gewandt, die verlangten, den Pstrteiilgliedern sollte es zur Pflicht gemacht werden, ausj den Religionsgemeinschaften auszutreten. Eine Millionenpartei lonne sich nicht einseitig dem Atheismus verschreiben, so stieinte er. und fuhr dann etwa fort: „Was haben wir nicht alles unter uns. Atheisten. Monisten, Neu-Kantianer, evangelische Chtisten. latholische Christen — und. ich glaube, sogar Juden!" i Line Bemerkung, die vor einem Gremium, das schätzungsweise zu uvanzig Prozent, wenn nicht mehr, aus jüdischen Delegierten bestand, natürlich nur humoristisch gemeint sein konnte: und demgemäh auch mit allgemeiner beifälliger Heiterkeit ausgenommen wurde. Eine energische Sprecherin der Opposition aber. cinejFrau Thorhaus aus Düsseldorf, wendete sich kurz hinterher gegen S o l l m a n n. dem sie den Vorwurf des Äntisemitismus machte! Da muhte man Herrn Wels sehen! Er sprang, wutend die Glocke schwingend, empor, rief ein donnerndes ..Unverschämtheit!" in den Saal, und, als er sich mühsam Muhe eillingelt hatte, schickte er dem Ausruf mit fast pathetischer Attitüde die Worte nach: „Genossen, da seht ihr einmal wieder, was man sich in der eigenen Partei alles bieten lassen muh!" Tobender Beifall.! Wie gesagt, hier ist eine Atmosphäre vorhanden, ine sich im zeitgenössischen Deutschland kaum anderwärts noch an- I reffen läht. Das muh jeder Unbefangene, wie er pro oder contra eingestellt sein mag. zugeben. In der Tat ist in der sozialdemokratischen Partei von einem gewissen „jüdffchen" Standpunkte aus das Ideal erreicht: Die jüdischen .Delegierten stehen nicht nur voll gleichberechtigt neben denen anderer vcrkunft, sondern sie sind ziffernmähig unendlich viel stärker vertreten. als dem Prozentsatz an jüdischen Parteimitgliedern entspräche. Eine Statistik auf Grund des Delegiertenverzeichnisses mühte in dieser Hinsicht sehr lehrreich sein — freilich lvnnte diese Statistik nur von einem genauen Sach- und.Perionenkenner aufgestellt werden. Denn wenn ein Delegierter zum Beispiel unter einem Schriftstellernamen aufgeführt ist, und das Religionsbekenntnis „Dissident" angibt, ist den Lettern nicht anzusehen, daß der Träger des Namens ein Jude ist. Ob übrigens, von jenem erwähnten „jüdischen" Standpunkte aus gesehen, das Ideal nicht so übertrieben verwirklicht ist, dah *5 eigentlich klugerweise nicht mehr als Ideal empfunden werden dürfte? Man weih., wie viele Ressentiments seinerzeit dadurch rusgelöst worden sind, dah in den Soldatenräten nach der Revolution so unverhältnismäßig viele Juden im Borderi runde standen. Vieler Antisemitismus zurückgekehrter Feldrauer hat unzweifelhaft diese Wurzel. Gleichartige Ressenments regen sich in der sozialdemokratischen Pa.rei als solcher ifenbar noch nicht, sonst konnte der Vorwurf des Antimitismus nicht als eine derartige Beleidigung auf ihrem Parteitag gelten, wie das der allgemeinen Auffassung l ent* orach.cdie sich aus dem tobenden Beifall zu den Worten des zerrnWels ergab. Nein, wirklich, von irgendwelchen derartigen Ressentiments war in Magdeburg nicht das mindeste zst bencrken. Ich unterstreiche diese Feststellung noch einmal, damit nicht ein falsches Licht auf das weiter zu Berichtende fallt. Es war unter den radikalen Delegierten ein gewisser Herr Eckstein aus Breslau. Unverkennbar ein Jude: unverkennbar ein Mann, dem es! nicht gerade proletarisch ergeht: unverkennbar ein Intellektueller, was zu erhärten es garnicht der großen Hornbrille bedurft hätte, die ihn zierte. Dieser |Herr Eckstein nun war in der Wehrprogrammdebatte einer der Radikalsten der Radikalen. Für ihn bedeutete der Vorwurf des Landesverrats keinen Makel, mit Selbstverständlichkeit verfocht er das: „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen!" und mit Selbstverständlichkeit strapazierte er die Vokabel ..Proletariat", dah es eine Art hatte. Eme gar zu ausdringliche Art. i— fanden offentsichtlich viele Delegierte. Und so geschah es denn, dah ein Arbeiterdelegierter, em Mann, von dem ich weiter nichts berichten kann, als dah er einen lebhaften und gescheiten Eindruck machte, einen Zu uf zum Genossen Eckste n hinauf tat. der da lautete: „Men ch. rede doch du nicht mmer von Proletariat!" Das ist alles, u as zu berichten ist. Sehr wenig? V elleicht doch mehr, als es auf den ersten Blick scheinen will. Ich wiederhole: Von irgendwelchen antisemitischen Ressmtiments war auf dem Parteitag der SPD. in Magdeburg n cht das Mindeste zu spüren. Ich weih nicht, ob jener zurufei de Delegierte zu denen gehörte, die den oben angeführten Wor:en des Genossen Wels Gegeistert zuNatschten: nach Habitus i nd Art möchte ich es a>er ohne weiteres annehmen. Und wcnn man sich dieses alles eindringlich vergegenwärtigt — liegt dc nn nicht etwas vor. das auherordentlich nachdenklich stimmen mi h? Da ist ein junger, jüdischer Intellektueller. Linie W sttbühne. Linie Kurt Tucholsky. Ein Mann,- sicher der rcdikalsten Phrasen, dawies sich aus, und vermutlich der rcdikalsten Ueberzeugunk en. das darf man annehmen. Einer non denen, die noch gegen'einen Crispien in Opposition stehen,' ver auch in Magdevurk-> wieder bekannte,. Deutschland könne er nicht als Vaterlan > anerkennen, wohingegen er den 3 ereinigten Staaten vo i Europa eine derartige Bezeichnung zi zubilligen freundlich bereit war. Gegen diesen radikalen Genossen Eckstein aus Breslau lehnt sich der schlichte Arbeitepdelegierte auf. Gezen seinen Radikalismus, gegen den aus dem Lager der Bourgeoisie herübergewechselten Intellektuellen. Das Ressentiment durchaus klassenmähig, ist nicht raslenmähig, oder wie man sonst immer sagen wollte. Frage: Noch nicht?! s ' \ Man wird die . Wahrscheinlichkeitsastt verneinen können. Ein Ressentiment Kreisen der SPD. — ist dieses Ressenti übertreibt nicht, sonde bleiben) in ander« jeher das Dogma Kulturschande. ist r es wert, bedacht zu hieben gestellte Frage, für die es ja Gur xine twort geben kann, vermutlich ohne weiteres Oder man macht sich das eine klar:'» t. das in den absolut zuverlässig geschulten Funktionäre nicht aufzukommen vermag iment nicht hunderltausendfach fdie Zahl :rn dürfte weit hinter der Wahrheit zurückn Kreisen aufgekömmen. denen nicht von eingehämmert wurde: Antisemitismus ist stckschrittlerisch? Ich glaube, diese Frage ist werden. Warum ich allis dies hier erzähle? Diese Ouisquilien? Nun, einmal, weil halte, sondern für ich sie, wie gesagt. nicht für Ouisquilien Symptome. Sodann aber, weil mir," dem Nationalen voin anderen Ufer, auch diese Symptome! zur Erhärtung einer Forderung geeignet erscheinen, die ich hier in der Zeitschrift des Verbandes nationaldeutscher Juden schon des öfteren gestellt habe, und die der Verband nicht müde wird, an seine Angehörigen und an seine Rassen- und Glaubensgenossen zü stellen. Die Forderung geht dahin, dah solchen antinationalen, nicht deutschen, und zumeist auch nicht bewußt jüdisch, sondern irgendwie zwischenschichtlerisch eingestellten Radikalen der Idee, solchen Belletristen der Tat (mich eines Ausdruck» zu bedienen, den sein Präger jetzt längst gern der Vergessenheit überliefert sähe) — datz diesen gerade von jüdischer Seite so oft wie möglich, so scharf wie möglich, und so öffentlich wie möglich entgege igetreten werde. So öffentlich we möglich: Das ist der Punkt, auf den es vor allen Dingen ankommt. Es hietze Eulen nach Athen tragen, wollte ich atz dieser Stelle darauf aufmerksam machen, welche Unsumme jüdischer und judenf kindlicher Vorurteile den Gewußt nationaldeutsch eingestelltenJuden selbst gilt, und ich werde auch keinem Leser dieser Blätter etwas Neues verraten, westn ich betone, dah trotz aller Arbeit seines Verbandes jene Voirurteile im Massenbewußtsein noch nicht erschüttert sistd., Sollen sie erschüttert werden, dann wird es für jeden nationaldeutschen Juden heißen müssen, immer wieder den Mut zu finden, vor vollster, vor größtmöglicher Oeffentlichkeit für seine nationaldentschen Uebrrzeugungen einzntreten, auch dann, und zwar vor allem auch bann» wenn da» ist einer Polemik gegen andere Juden geschehen muß. Ich treffe mich mit dem Verbände in der Ueber- Sigung. datz die unterschiedslose Verallgemeinerung in jüdien Dingen, wie me gang und gäbe ist im deutschen Vater> lande, ein nationaler Schaden ist. Daß das Vaterland alle seine Bürger braucht, die zu ihm stehen wollen, und daß es den Frieden zwischen diesen seinen Bürgern braucht. Der kann aber nur dadurch geschaffen werden, daß die Vorurteile sinnfällig werden.!die jeden deutschen Inden zum Gesinnungsgenossen der Tucholsky und dergleichen erklären. Sinnfällig werden. Das ist es. Möglichst oft möglichst vielen zum Erlebnis ihrer Sinne, ihres Auges, ihres Ohres werden. Das ist eine Arbeit, die wir auf unserem Ufer nicht leisten können. Die müßt Ihr da drüben auf Eurem Ufer tun!