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Der nationaldeutsche Jude · 1929-05-01 · Nr. 5 (Mai 1929) · p. Seite 5

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1929
Issue
Nr. 5 (Mai 1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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11 oder „JSationaldeutfcb?“ Gin offener Brief an einen »,O.V."-Iungmann. Von Btudicnrat Dr. f. GUcbencr. Mein lieber Freund. Du sendest mir den Artikel „Deutsch-Jüdisch" von Herman Gerson, der am 12. April in der „E. V.-Zeitung", dem Organ des „Lentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e. 93." stand. Du hast ihn mit vielen Randbemerkungen und Fragezeichen versehen, und nun soll ich dir sagen, was ich von ihm halte. Versuchen will ichs ja,'selbst auf die Gefahr hin. dah dich meine Antwort nicht befriedigt. Du weiht also nicht, ob der Verfasser Zionist ist oder nicht, ob in Deutschland seine Wiege gestanden oder in der Krim. ob er orthodor ist. oder ' liberal? Ja. lieber Junge, das iits ja eben, was ich auch bemängele. Und. was merkwürdig ist, er schreibt doch manches, was wirklich ganz richtig ist. So gefällt mir besonders sein: Erkenntnis. dah mit dem Begriff ..Deutscher Slaatsbürgcr jüdischen Glaubens" nichts mehr anzufangeu ist. So viel Segen, wie der Verein, der ihn verkörpert, schon gestiftet hat. ich werde aus ihm ebensowenig klug, wie Herr Gerson. Wenn nur der Bürgerbrief uns zu Deutschen machen soll, der jeden Tag zerrissen werden kann, dann freilich dürften wir uns über diese Dinge in ganz anderer Mundart — unterhalten. Für einen Teil der Glaubensgenossen, deren sich Herr Gerson annimmt, irf,c;nt freilich dieser Bürgerbrief doch wichtiger zu sein, als alle innere deutsche Gebundenheit. Wenigstens weih ich nicht, wie sonst zwischen „deutsch-jüdisch und „nichtzionistisch noch ein Gegensatz konstruiert werden kann. Der klare Gegcn'atz lautet eben doch deutsch oder zionistisch, und ob das deutsch zufällig noch mit dem jüdisch durch Bindestriche zusammengehalten wird oder nicht, ist völlig belanglos. Volkstum.! Glauben. Stamm und vielleicht noch ein paar andere Begriffe fliehen in des Verfassers Empfinden so zusammen, dah er sich selbst kaum auskennt. Daher ist auch schwer zu sagen, was er sich unter der „jüdiichcn Unbelebtheit" oorstellt. Er jammert darüber, dah die armen Ostjuden von uns deutschen Barbaren vergewaltigt werden, und du, lieber Freund, glaubst dein lebhaftes jüdisches Interesse zu bekunden, indem du nicht nur — im Gegensatz zu den meisten der lieben Ostjuden — Gemeindesteuern bezahlst. sondern sogar in den jüdischen Körperschaften dafür eintrittst, dah diese Steuern wirklich zu religiösen, und nicht etwa politischen Zwecken Verwendung finden. Für ihn bist du eben doch jüdisch unbelebt, so 'n besserer lebender Leichnam. Du hast auch keine Ahnung davon, wie deine „Substanz geschichtlich gebunden ist an das Judentum", wie eng verbunden du danach den nach Beduinenart lebenden Glaubensgenossen im Pemen sein mühtest? Dem „C. V." nach bist du zwar Deutscher: nun ja. das ist einmal dein Schicksal, mit dem du dich abzusinden hast, oft mehr, oft weniger freudig. — Du hast ja auch den Krieg im vordersten Schützengraben mitgemacht, hast dann all deine Kraft dem Vaterlande auch in seiner neuen Staatsform gewidmet, natürlich in deiner ursprünglichen Eigenschaft als Nationaldcutrche luden der Vergangenheit. Jude, da du offenbar empfandest, dah dein „Wunschbild", der Zionismus, der „heutigen Situation" nicht gerecht wird. Aber Herr Gerson setzt' dir. auseinander, dah deine deutsch-jüdische Grundeinstellung ein ^Unding sei. dah du dich fühlen solltest „als Mitarbeiter an einer künftigen gesamtjüdischen Lösung, die Substanzbe'wuhtsein mit deutscher Stellung. Sorge um Palästina mit hoffender. Arbeit im Ealuth selbst zu vereinen weih." So denkt e r sich also den „deutsch-jüdischen" Menschen. Im Ernst gesprochen und geantwortet: Herr Gerson ist das getreue Abbild der grohen Menge unserer' Glaubensgenossen, die schon längst empfinden, dah sie nicht mehr ganz und gar Nationaljuden sein-können, aber auch,< dah sie noch nicht ganz und gar Nationaldeutsche sind, "bnd, um es mit beiden Möglichkeiten nicht zu verderben, beidesnur halb sind. Auch diese Halbheit kommt ihm zum Bewuhtsein. doch er nimmt sie ah Schicksal, aus dem er nicht herauskommen zu können glaubt. Und doch hätte er es so einfach, die Kritik an dem Begriff „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubms" nach der positiven Seite hin jir ergänzen. um zu demselbm Ergebnis zu kommen,, wie der Verband nationaldcuticher Juden, dah nämlich die unselig: Vermischung deutscher und jüdischer Belangei überflüssig ist. wenn man genau scheidet zwi'chcn dem. wo.in wir ge schichtlich an das Jrjdcnium gebunden sind, also StaMm und Glaubeneübelliese un'. und dxm, worin wir ebenso seit an das Deutschtum gebunden sind, also Kultur und i lAaj A ' gemeinsames Erleben der letzten 4—i Or. Raphael Löwenfctd Direktor des Echtllrrldealer» kharlotlenburg. »ründer des .Central- »eretns deutscher ElaatSbürgcr jüdische» tAIaudenS' (vergl. S. 7.) tausend Jahre. Nur leine Halbheiten, wir wollen ganz Deutsche sein, ohne den Wunsch, daneben noch'einem Volk anzuzehören, dap sich aus Jdeali-mus in Rcin'ultur konstruieren lassen soll Und wir wollen als Deutsche Juten sein, indem wir stolz sind auf unsere Herkunft von jenem Volke, das sich selbst opferte, um die Grundlagen der Sittlichkeit aller Welt. auch der arischen, überliefern zu können. Ohne den Wunsch, das Land, in dem jenes verschollene Volk sah, mit Menschen zu besiedeln, die von den über alle völkischen Schranken erhabenen Lehren der jüdischen Religion keine Ahnung haben, und in ihrer neu zu konstruierenden Heimat genau solch: Halbmenschen werden mühten, wie in der alten. Und, um noch etwas anzuerkennen, worin Herr Gerson Recht hat. wir wollen fleihig Geschichte lernen, deutsche und jüdische Geschichte: aber wir wollen sie ehrlich studieren, ohne die Scheuklappen des Vorurteils, das zu dem verwaschenen und ewig unbefriedigenden „deutschjüdisch" des Herrn Gerson und seiner sehr zahlreichen Freunde hinsteuert. Der Nazarener! hat auf eine ähnliche Frage wie die. die Herrn Gerson beunruhigt, kurz geantwortet: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist." Glaubst du nicht. lieber Freund, dah dieser Nazarener ein ganzer Jude, ein ganzer Mensch gewesen ist. dev klar erkannte, was auch wir nationaldeutschen Juden wollen: gegen alle Lebensgemeinschaften, in denen wir stehen, ganz unsere Pflicht tun. ' _ Es grüht Dich Dein noch immer jugendlicher FW.

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