Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1929
- Issue
- Nr. 1/4 (April 1929)
- Date
- 1929-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6682492-5438672-5438820--378-4871582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 Berufswahl und nationaldeutfcbe Juden. Lafet Bur« Kinder auch Handwerker werden. Ich machte hier noch einmal das Problem ..Inden und Hastdwer!" erörtern.') Aber ehe ich muh dieser jetzt zur Ofterzeit dringlichen Frage im besonderen zuwende, mutz uh feststellen, datz w,r es hier n i ch t in so hohem Matze, wie es auf den ersten Blick fcheint. mit einer speziell jüdischenFragezutun haben. Die ganze deutsche Volks- Wirtschaft wendet der Frage betreffend den ..Nachwuchs des Handwerks", wie sie es nennt, schon seit langem, besonders aber seit der Revolution ihre Aufmerksamkeit zu. Da wir in unserem Verband uns nur als Deutsche fühlen und demgemätz auch betätigen wollen, wird es sicher nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, datz die Forderung „Zuführung der Juden zum Handwerk" sich ,m wesentlichen deckt mit der Forderung „Zuführung der Jugend aller Schichten, insbesondere des bürgerlichen Mittelstandes, zum Handwerk". Wir dürfen, wenn wir erkennen^- wie wünschenswert es wäre, datz der Sohn des Rechtsanwalts. Fabrikanten usw. ein Handwerk ergreift, nicht vergessen, datz wir es hier mit den Schichten zu tun haben, aus denen sich auch in nichtjüdischen Kreisen der Handwerkerstand nicht zu rekrutieren pflegt. Vor mir liegt ein Artikel des Herrn Direktor Menne vom Statt st ischen Berufsamt Frankfurt a. M., in dem genau dasselbe angeführt ist, was mir die Berufsberaterin des Jüdischen Berufsamtes Berlin vor kurzem' sagte: „Wenn man einem höheren Schüler ein Handwerk vorschlägt — die Väter sind ja meist vernünftiger — jedoch die Mütter: Aber nein, ein Hand»' werk, ganz ausgeschlossen! Was würde dann meine Verwandtschaft sagen!" Wir tun also unseren Mdischen Müttern unrecht, wenn wir ihnen ein besonderes Matz von Dünkel und eine besonders weitgehende Rücksichtnahme auf die Meinung der Verwandtschaft zum Vorwurfe machen. Auch verschiedene Erlasse des Reichsarbeitsministers, die daraus Hinweisen, datz es zweckmätzig lei, wenn von den Meistern gerade den höheren Schülern zwecks Förderung des Eintritts derselben in das Handwerk besonderes Entgegenkommen gezeigt werde, scheinen mir darauf zu deuten, datz die Abneigung gegen das Handwerk keine ausgesprochene Eigenheit der deutschen Juden ist, sondern allgemein in diesem Jahrhundert wurzelt, das erst wieder die Achtung vor dem Meister erringen mutz. Bestärkt werde ich in der Ansicht, datz nicht ein besonderes Vorurteil gerade bei den Juden zur Vernachlässigung des Handwerks geführt hat. durch den Umstand, datz die erwerbstätigen jüdischen Frauen genau so. vielleicht noch mehr als ihre chnstlichen Mitbürgerinnen, sich tatsächlich dem Handwerk zuwenden. Jeder von uns kennt wohl jüdische Schneiderinnen. Putzmacherinnen usw., die zum Teil sogar besonders geschickt und tüchtig sind und *) Bergt. Nr. 5/1925. Von Dr. Ch«a Masservogel. nicht etwa nur jüdische Kundschaft haben, sondern, wie mir bekannt ist. auch zahlreiche Damen der christlichen Kreise zu ihren Auftraggeberinnen zählen. Ich mutz es leider unterlassen. zu diesem Punkte Zahlenmaterial heranzuziehen, das ja besser als Worte illustrieren könnte. Die Zahlen der letzten Gewerbestatistik, die vom Jahre 1907 stammt, geben gerade auf dem Gebiet der Frauenberufe mit Rücksicht auf die groben Umwälzungen. Hie sich seit jener Zeit vollzogen haben, meiner Ansicht nach nicht mehr ein richtiges Bild. Aber gerade weil wir- Juden es betreffend die Stellung zum Handwerk mit keinem rein jüdischen Problem zu tun haben, können wir dadurch, datz wir uns mit allen deutschen Volksgenossen darin zusammenfinden, unsere vor der Berufswahl stehende Jugend des „guten" Bürgertums auf das Handwerk hinzuweisen, im Sinne unseres Verbandes für das „Hinernwachsen in die deutsche Volksgemeinschaft" wirken. Es mutz bei uns, ebenso wie in nichtjüdischen Kreisen, wie es Herr l)r. M a h r h o l z in einem von der Vossischen Zeitung abgedruckten Artikel „Die Kunst im Handwerk" ausdrückt, ,.endlich mit dem Vorurteil gebrochen werden, das speziell m den bürgerlichen Schichten noch sehr lebendig ist und viele vernünftige Lebensentschridunaen verhindert: datz nämlich die sogenannte geistige Arbeit so unendlich viel vornehmer — dafür meist aber auch schlechter bezahlt — sei, als die „handwerkliche". Der Verfasser hat recht, wenn er fortfährt: „Es ist ein Stück praktischer Demokratie, wenn dieses Vorurteil allmählich beseitigt wird." Und für unseren, der Juden, besonderen Fall möchte ich hinzusetzen, es ist ein Stück praktischer Bekämpfung des Antiiemitismus. Zum Schlüsse noch ein praktischer Rat, der vielleicht förderlich sein kann, um eine richtige Auswahl der dem Handwerk zuMührenden Kinder zu ermöglichen. Die Eltern, deren Kinder vor der Berufswahl stehen und die beabsichtigen, die Kinder ein Handwerk ergreifen zu lassen, sollten sich mit dem schon erwähnten Jüdischen Berufs« mste oder den entsprechenden städtischen Instanzen in Verbindung setzen. Durchs dieses besteht am ehesten die Möglichkeit, für Kinder geeignete Lehrstellen ausfindig zu machen, in denen sich die Kinder auch wohl fühlen. Im übrigen ist mir bekannt, was erade für uns nationaldeutsche Juden sehr wesentlich ist. dag as Jüdische Berussamt sein Augenmerk besonders darauf gerichtet hat. jüdische Kinder bei christlichen Han-d» werkern unterzubringen. In je höherem Matze dies gelingt und je besser sich, unsere Kinder im unbefangenen und gleichgestellten Verkehr mit Nichtjuden innerhalb des Handwerksberufes bewähren, desto näher kommen wir der „p r a-ktischen Bekämpf'»ng des Antisemitismus". lehnen und aus ihren Staatsbürgerrechten lediglich den wirtschaftlichen Genuh der Berufstätigkeit ziehen. Zweifellos stellt die Cristen» zumindest der lichten beiden Gruppe« ein« offene Gefaste für das deutsch« Volk dar. die um so stärker wird, als aus diesem Judentum ein überverhältnismätzig groher Zustrom zu den im geistig-politischen wie im wirtschaftlichen Leben führenden akademischen Berufen zu verzeichnen ist. Rechtspflege. Presse, Theater, Literatur usw., die für die kulturelle und völkische Haltung einer Nation von tiefgehendem und entscheidendem Einflutz sind, stellen in der Hand einer Gruppe von Staatsbürgern, die in den letzten nationalen Dingen infolge ihrer eigenen nationalen Selbständigkeit im Gegensatz zum Deutschtum stehen, eine politische Gefahr stärkster Art dar. Es ist freilich nicht zu verkennen, datz das Aufzeigen einer Trennungslinie innerhalb des Judentums nach den oben angeführten Grundsätzen fast unmöglich ist. Zweifelsfrei ist aber, datz der Teil des Judentums in Deutschland, der. abgesehen von der Rassenfrage, die Voraussetzungen einer vorbehaltlosen Eingliederung rn das Leben des Deutschtums erfüllen könne. eine schwache Minderheit darstellt. Infolgedessen sei es eine nationale Aufgabe, die Beseitigung jener Gefahren auch praktisch in Angriff zu nehmen. — So weit der Führer der deutschen Studentenschaft. Wir begrüben in diesen Zeilen vor allem die klare Erkenntnis der im Judentum vorhandenen Gegensätzlichkeiten, das in völkischen Kreisen anscheinend neue Unterscheidungsoermögen zwischen Juden und Juden, nationaljüdisch und nationaldeutsch. Daran» erwächst von selbst anch für die deutschvSlkischen Kreise — und Schmadel geht dieser Erkenntnis nicht aus dem Wege — die Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit dem nationaldeutschen Teil der jüdischen Bevölkerung. Die positive Lösung des Judenproblems in dieser Richtung wird Herr Schmadel noch optimistischer betrachten, wenn wir ihn darauf Hinweisen, datz seine Ansicht, die völlig deutsch empfindenden Juden ständen in der Minderheit, irrig ist. Es liegt im Wesen dieser völligen Eindeutschung, datz dieser Teil der deutschen Bevölkerung nicht so in der Oeffentlichkeit hervortritt, wie die stets zum Kampf und Loslösung aufrufenden Zionisten. Wir sind mit ihm weiter der Ansicht, datz die Unentschiedenheit der „Zwischenschicht", wie wir sie nennen, eine Gefahr für die Einheitlichkeit des Volksganzen darstellt. Deshalb ist es. eine besondere Aufgabe unseres Verbandes, durch klare Herausarbeitung des endgültigen Zieles der Eindeutschung die Schafe von den Böcken zu sondern. Gerade deshalb aber erwarten wir auch von nichtjüdischer Seite Anerkenntnis und Förderung des nationaldeutschen Judentums, um der Befriedung der Volksgemeinschaft willen und als Abwehr nichtdeutschen Judentums. Der Pessimismus Herrn Schmadels in dieser Hinsicht schadet ungewollt unserer Arbeit, nützt dem Vaterland« nichts und entspricht, wie gesagt, vor allem nicht der vollzogenen und sich täglich erneuernden Tatsache völliger Eindeutschung tausender deutscher Juden. H. L.