Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 5/10 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6682492-5438667-5438818--367-4871572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aussterben der deutschen Zuden" Die Behauptung. datz die Juden in Deutschland nnaufhalt!akn auf dem Wege des. Ausiterbens seien, wi d in den jüdischen Zeitschriften uiw. fast allwöchentlich aufgestellt und statistisch „belegt", gewöhnlich (Kit dem Zusatz, „das Judentum" mime unter allen Umständen erhalten werden. Was - unter „Judentum" zu verstehen, d. h. ob dieser Begriff religiös, völkisch oder wie sonst auszulegen sei. wird .selten hinzugefügt. Für.den Rückgang wird gewöhnlich das Zunehmen der Mischehen verantwortlich gemacht. Erst vor einigen Monaten hat die Jüdische Gemeinde in Berlin zur erhöhten Kinderzeugung ausgcrufen. In cinein sehr flott geschriebenen Aussatz setzt sich jetzt 3. K o r alnik is.Zuiy Bcvölkerungsvroblrm der Juden Deutschlands" im Märzh.cft 1928 der '..Oie-Rundschau". Nr. 3) mit den dem Aufruf zugrunde liegenden Feststellungen. der angeblich in der netzten Zeit beiondi s itark gesunkenen. Minderzahl und der angeblichen lleberbandnabme der Mischehen bei den Jüden auseinander. Er weilt nach, datz der Geburtenrückgang.bei den deutschen 'Juden zwar vorhanden, aber schwächer ist als 6ei_ den Cbiisten. und datz die Miickchen in der letzten Zeit sogar abqenommcn haben. Er behauptet, die _ „Gefahr" für das fast vollkommen in Städten lebende deutsche Judentum liege viclüichr darin, das; die Zuwanderung vom Lande fest e. die die durch den Geburtenrückgang rortschrenende Ileberalfcrunq und die mit dieser verbundene höhere durchschnittliche ceterbllchlrit der Stadtbevölkerung bei den Christen günstig becinrlutzf. lieber die volle Beweiskraft seiner Theien mag man streiten. , In der Hauptsache mögen sie richtig sein/ Hier ' interemert allein seine . Schlutz'vsgerung, . Er fdiit mit Recht, das; eine städti'che' Bevölkerung ihre Gedurtlichleit niemals wird io 'steigern können, datz ..sie eine mangelnde Landreicrre ersetzt. Daher chlägt er vor. an Stelle der kehlenden deutsch-jüdischen Landbi völkerung die Einwanderung aus dem. Osten zu fördern, ilt r a l - n i k bernft 'ich dabei auf die guten Erfolge, die Frankreich mit einer Zuwanderung sogar vollkommen fremdr istiger Elemente gehabt bade. Er verkennt dabei, datz die V,rhältni'se in Frankreich ganz anders liegen.' da das Ziel der Einwanderung dort das Land und . nicht die Stat t ist. Bedeutsamer für uns nationaldeutsche In der sind aber die kulturellen Folgen, die die Durchführung seines Vorschlags für Deutschland haben würde. Wir deutsche Juden sind nur ein ganz kleiner Vollsteil im groben deutschen Vaterland und befinden uns bedauerlickicrwcise in vieler Hinsicht in einer gewissen Oppositionsstcllung. Beitcbt da nicht die gewaltige Gefahr, das; die herbeigcrufcnen Oitjudcil zwar die im Wessen übliche geringere Minderzahl sehr schnell übernehmen, kulturell! aber ihre Glaubensbrüder zu ihrer andersartigen Kultur hrnüberziehen, da diele heute leider nicht mehr den gleichen starken Rückhalt an den umwohnenden' Christen haben, dein die deutschen Juden zur Zeit der Oitemwanderung vor seinem Jahrhundert besahen? Oder um es anders' auszumrücken: Wenn bis zur Jahrhundertwende der kulturelle Unterschied zwilchen Christen und Juden in Deutschland dank der gleichen Schulbildung, der religiösen Reformbewegung, der Anpassung in allen Geiellichaftsschichten ziemlich gering war. brachte seither der Zionismus eine Divergdstz. Tu r ch den Zustrom östlicher Juden Muh diese Divergenz verstärkt werden, vielleicht zum Nutzen jines jüdischen „B o l k s t u m s". sicherlich nicht zum Nutzen unseres deutschen Vaterlandes.! Und hier scheidet sich Koralniks und unser Weg! Die ewigen 'Wahrheiten der jüdischen R-e l i g i o n bleiben erhalten, ob Juden in Deutschland oder im Osten leben, und! wenn einmal ein neuer religiöser Impuls vom 'Judentuistausgehen soll, so braucht nicht gerade Deutschland seine Wiege zu sein. Unserem deutschen Vaterland ist aber eine O st z u w a n d r r u n g nicht dienlich. Es würde an einer solchen zugrunde gehen, ganz gleich, ob die Einwanderer christliche Slawen oder Ostjuden lind. Und nur hierauf kommt es an. Wenn die Geburtenziffer gehoben werden muh. um Deutschland zu r itten (worüber man geteilter Meinung sein kann), so gilt das für Juden und Christ«n, aber nur für? Personen 'rein.deutscher Kulturgemcinschaft.' Dagegen sind Mischehen vielleicht gerade ein gutes We^zeug zum religiösen Frieden. Sich kennen heistt oft sich verstehen. Schstchlich ist der Kern Zeder Religiin die Ethik; und jennehr. wir uns von einer unbuldsanten Orthpdorie mktfernen, um so schneller werden wir uns auf einer gemeinsamen Ethik einigen und lernen, miteinander auszukommen, und zwar um so leichter, je weniger Orthodore. Christen und Juden, zuwandern. Dann wird auch die Mischehe keine Quelle der Kinderlosigkeit «die sie übrigens nur bedingt ist) sein und wird von beiden Seiten nicht mehr als „Verrat an der Rasse" angesehen werden. F^ D. Bücherschau Der Liberalismus und die deutfchen Jude«. Das Judentum als konservatives Element. Von Rudolf Kaulla. (Duncker & Humblot Werlag, München und Leipzig 1928.) Die Tendenz des Buches ergibt sich aus den Schlußsätzen: „Die Parteien der konservativen Autorität, auf der Rechten wie im Zentrum, stehen heute in Deutschland in einem schweren Kampf . . . De» deutschen Juden den Anschluh an das konservative Lager erschweren oder gar unmöglich zu machen und sie fast mit Gewalt den Gegnern in die Arme zu treiben, ist eine kurzsichtige Politik, die auf die Dauer den schwersten Schaden der konservativen Sache selbst zufngt." Die 100 Seiten starke (übrigens vorzüglich ausgeltattete) Schrift ist flüssig und klar geschrieben, auch übersichtlich gegliedert. Sie enthält seht bemerkenswerte Ausführungen über Geschichte und Wesen des Liberalismus, über Zionismus, „kulturelle Assimilation", Iudentaufen u. a. m. Wer vcrlucht, sich ein Bild über den Stand der deutschen Judenfrage zu machen, indem er sich das Problem unter verschiedener Beleuchtung vorführen läht, sollte die Lektüre dieses Buches nicht verabsäumen. Der geschichtliche Jesus. Von D i t l e f Nielsen. Aus dem Dänischen übersetzt und bearbeitet von Hildebrecht H o m m c I. (Mcpe? & Jessen. München 1928.) Das Werk eines hervorragenden dänischen Gelehrten, der in Fachkreisen durch vorzügliche Werke über orientalische Altertumskunde bekannt ist.clOieses Buch abek ist bei aller wissenschaftlichen Gründlichkeit ein „Volksbuch". Der Herausgeber sagt von ihm mit Recht: „Es stellt das historische Problem .Jesus' mitten hinein in .das grohe Forschungsgebiet vom .Alten Orient' ... und legt im letzten Teil die Fesseln der reinen Forschung ab. deutet das Wirken Jesu als neue Gefellschaftslehrc, als Lehre und Forderung der Brüderlichkeit, als das Gesetz .der Liebe gegen das Gesetz der Macht." Ob mau den Kedankengäilgen dieses letzten Teils in allem folgen will, mgg der einzelne Leier für sich entscheiden. Jedenfalls enthält das Ethos, das hier aus den Lehren des Juden Jesus abgeleitet wird, nicht-, was dem religiösen Juden das Mitgehen erschweren kömtte. Der erste — historische — Teil ist, von jedem Standpunkte aus gesehen, interessant und belehrend. Gute Abbildungen tragen dazu bei, die Darstellung lebendig zu machen. Vom tieferen Sinn des Krieges. Ein deutscher Rück- und Ausblick. Von G. Leow-Fränkel. (Otto Franke ^crlagsgesellschaft, Berlin-Birkenwerdrr 1928.) Der Verfasser findet den Sinn des aufwühlenden Volkserlebnisfes, das von der gehobenen Stimmung des Krieasbeginns über Schützengraben- und Hungerzeit, militärischen und politischen Zusammenbruch, wirtschaftlichen und moralischen Niedergang der ersten Nachkriegsjahre bis zu den Ersten Anzeicken beginnenden Wiederaufstiegs reicht, in der ethischen Wiedergeburt, besser gesagt: Neugeburt des deutschen Volkes. Der Krieg war Schicksal: das Volk mutzte durch das Fegefeuer dieser seelenerschütternden, niederdrückenden und wiederaufrichtenden Geschehnisse hindurch, um reif zu werden für das, was ihm im Plane der Weltentwicklung als Aufgabe gesetzt ist. Mag man im einzelnen zu den Thesen und Hppvi theien des Verfassers stehen wie man will — das Eine steht fest: nur ein Mensch der mit allen Fasern des Herzens an seinem deutschen Vaterland« hängt und unerschütterlich an die deutsche Zukunft glaubt, konnte dieses Buch schreiben. Ilndcharum mag es gesinnungstüchtigen „Deutschvölkischen" zu denke» geben, datz dieser fanatische Deutsche — ein Jude ist. l Friedrich Gernsheim Leben. Erscheinung und Werk. Don Karl <Holl. (Breitkopf L Härtel, Leipzig 1928.) . , Die von einem treuen Anhänger geschriebene Lebensgeschichte" eistes jüdischen Musikers. In erster Linie für musikalisch interessierte Leser bestimmt und geeignet, nebenher aber auch ein Stück deutscher Kulturgeschichte. Gute Ausstattung mit Bildern und einem Faksimile (Rossini-Widmung). Die Kunst als Jude zu leben (Minderheit ver» pflichtet). Von Heinrich Dork-Steiner. (Verlag M. W. Kaufmann. Leipzig 1928.) Ein sogenannter Zionist fühlt sich gedrungen, auf 655 Druckseiten — ohne vbas Register — der aufs höchste gespannten Leserwelt mitzuteilen, wie es ihm gelungen ist. in Deutschland als Jude zu lebm und sogar von christlichen Mitbürgern, die gleich ihm die Juden als Fremdkörper betrachten, gelobt zu werden. Seine warm empfohlene Lebensklinst. die seiner Ansicht nach Gemeingut aller deutschen Juden werden mützte.'läuft auf das freiwillige Ghetto hin-