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Der nationaldeutsche Jude · 1928-10-01 · Nr. 5/10 (Oktober 1928) · p. Seite 7

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1928
Issue
Nr. 5/10 (Oktober 1928)
Date
1928-10-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Jüdische Romantik. Von Friedrich von Oppeln -BronikowSki. ' Vor einigen' Monaten fand im früheren preußischen Hcrrenhause ein Vortrag des belgischen. Ministers Emile Vandervelde über seine Eindrücke in Palästina statt, zu dem die Dachgesellschaft der Deutschen Zionisten, das „Deutsche K d m i t e e pro Palästina" uyter dem Vorsitz des Botschafters Graf Bernstorff einen großen ZuhörerkeiS eingeladen hatte. Da daS Thema auch heute an Aktualität nichts eingebüßt hat, sei gestattet, zu Beginn der Winterarbeit des Verbandes nationaldeutscher Juden auf die Veranstaltung zurückzukommen. Voran ging ein Vortrag der Frau Vandervelde, einer - Aerztin, die ihren Gatten auf seiner Palästinareise begleitet hatte und die temperamentvoll über die nicht immer rosigen sozialen und sanitären Verhältnisse in Palästina sprach. Beide Vorträge waren französisch; der erstere, nicht ganz seicht verständlich, wurde gleich nachher' auf deutsch kurz zusammengefaßt; bei dem zweiten, der rednerisch glänzend, teils hochpathctisch war und Beifallsstürme auslöste, erübrigte sich eine deutsche r Zusammenfassung. Bei der politischen Bedeutung VanderveldeS, den Graf Bernstorff als einen der Hauptförderer der Locarnoverträge und deS Abrüstungsgedankens begrüßte, verdient sein Vortrag allgemeines Jnterefle, obwohl er zur Lache nichts Neues beitrug. : Wie alle zionistischen Redner, Pries er das „resultat idealiste et materiel“ der Palästinasiedlung als etwas Ungemeines. Die Anzahl der in Palästina lebenden Juden, die sich vor dem Kriege auf 80 000 Menschen belief, ist seitdem aus 150000 gesteigert worden. So weit cs sich um eingewandcrte Ostjuden handelt, die unerträglichen Lebensbedingungen entgehen wollten, ist dies Ergebnis zweifellos zu begrüßen. Allerdings sind von den Einwanderern nur 30 U00 landwirtschaftliche Siedler geworden. Im Gegensatz zu früheren Versuchen ist das jetzige Siedlungssystem kommunistisch im Sinne Tolstois: Der Grund und Boden wird langfristig verpachtet, verbleibt jedoch dem Palästinafonds. Der Vortragende rühmte vor allem die Siedlungen in der Ebene von Lameth, die eine Wüste in fruchtbares Ackerland verwandelt haben. Ungleich größer waren die Schwierigkeiten bei der städtischen Siedlung, wo das System des Privateigentums bestehen bleiben mußte. Besonders die neugegründete Stadt Tel Aviv hat alle „Kinderkrankheiten" der Bodenspekulation und der Arbeitslosigkeit durchgemacht, und manche Einwanderer sind mutlos zurückgekehrt. Jetzt soll die Krise überwunden sein, besonders seit die englische Mandatsregierung durch den Hafenbau in Haifa Arbeitsgelegenheit schuf. Aber auch das ist schließlich nur ein „Palliativmittel", denn die Hafenbauten währen nicht ewig; die Krise bleibt also latent, lieber die englische Mandatsregierung sprach der Minister dabei mit dankenswerter Offenherzigkeit. Sie habe „strategische Hintergedanken", begnüge sich damit, das Gleichgewicht zwischen den eingeborenen Arabem und den jüdischen Zuwanderern zu erhalten, und lasse diese für sich arbeiten. Welche Zukunft hat unter diesen Umständen die Palästiiiabesiedlung? Bei dem Mangel an Kohle und Erzen fehlt jede Großindustrie. Man beginnt mit der Ausbeutung der Mineralsalze des Toten Meeres, hofft auf die Pelroleumguellen in Mofful, auf die Hafenanlagen in Haifa. „Die heroischen Zeiten des Zionismus sind vorüber", hat ein Kenner zu dem Vortragenden gesagt. Der ostjüdische Einfluß macht dem englisch-anzcrikanischen Kapitalismus, d. h. einer rationellen Bewirtschaftung. Platz, wenn dieser auch, wie Vandervelde versicherte, nach wie vor mit dem Idealismus der Eingcwanderten rechnen müffe. Zu übertriebenen Zukunstöhoffnungen scheint also wenig Anlaß. Und so erschien der jüdische Idealismus, die zionistische Romantik, dem Vortragenden auch als das Hauptergebnis. Ueber seine oft recht unerfreulichen Rückwirkungen auf die große Maffe deS europäischen Judentums ging er freilich nicht ein. „Für Zion arbeiten", versicherte der sozialistische Minister, „heißt für den Internationalismus arbeiten, und somit auch für die Menschheit". Ein seltsames Zwitterwesen von Internationalismus und „jüdischer Eigenart"! Aber dieser Glaube versetzt Berge. DaS Land ist zwar mit Menschen übersättigt und, wie Bändervelde zugab. arm. Aber hat nicht auch daS alte Preußen sich durch Intelligenz und Willenskraft auS Armut und Not zu einem blühenden Lande emporgearbeitet? Der Vergleich war sympathisch, aber er hinkte etwas, denn Palästina ist nicht größer als die Mark Brandenburg; in den preußischen Provinzen aber war und ist Raum für Millionen, und in Preußen handelte es sich nicht um eine auS Idealismus geborene Treibhauskultur, sondern um d> Ausheilung der Wunden, die der Dreißigjährige Krieg geschlagen hatte. Das Bild der Frau Vandervelde über die Krankenhäuser, ' Schulen, Gefängnisse und Wohlsahrtseinrichtungen deckte sich mit den tatsächlichen Beobachtungen ihres Galten. Jede staatliche oder kommunale Fürsorge fehlt. ES gibr nur die Wohlfahrtseinrichtungen der Arbeiterverbände und das ämerikanische Hilfswerk Hadassa. Die engen, unhygienischen Gassen Jerusalems, die scheußliche, durch Fliegen verbreitete Augcnkrankhei«, daS Völkergemisch und Sprachengewirr — in Jerusalem 18 Sprachen oder Dialekte — erschweren daö soziale Hilfswerk sehr. Die Aerzte und Schwestern müssen viel Idealismus ausbringen, aber auch das Leben der Frauen ist „ernst und schwer"; „sie haben das Lächeln verlernt"... Der Verband macht einen Ausflug Vor einigen Wochen veranstaltete der Verband einen Motorboot-Ausflug nach Nedlitz. Anläßlich diese- „vereinsaeselligcn" Zusammenseins hätte es jene Lokalreportage der Dereinsblätter leicht, die in diesem Zusammenhanqe von den „grünschimmernden Ufern der Havel, dem vergnügten Kaffeeklatsch in Cladow, dem Tänzchen von alt und jung in Nedlitz; von Regen und Mondscheinstlmmung, von jungen und jung gewordenen Herzen" und schließlichem fröhlichen Abschied um 11 Uhr in Wannsee sicherlich schwatzhaft-sentimentalzu berichten wützte. Derartige Vereinschronistik würde in unserem Falle zwar Tatsachen vermelden, muntere .Ereignisse und Harmlosigkeiten, ohne doch die Wahrheit zu treffen, die innere Wahrheit nämlich die nicht im Aufzählen der Fakten, sondern in der Verlebendigung des Sinnes liegt, in drr Feststellung des inneren Gewinnes, welcher das Ergebnis des nicht verbands-programmatischen Zusammenseins für die Teilnehmer gewesen ist. Der Verband nationaldeutscheir Juden ist bekanntlich kein Geselligkeitsverein und keinverkapptes Tanzkränzchen, sondern er verfolgt Ziele, welche, hochstrebig und nur in stetiger Arbeit erreichbar, der Sphäre gamiliengemütlicher Vrrgnüglichkeit fremd sind. Trotz ihres erfreulichen und menschlichen Wertes könnte uns daher die Tatsache, daß das vergnügte Zusammensein jeden einzelnen Teilnehmer aus der Alltagsgebundenheit zu froher Stimmung löste, noch nicht veranlaffen, diese Fahrt nach Nedlitz überhaupt im Zusammenhang mit den Vereinszielen zu sehen; sie wäre dann ein „Ausflug" geblieben, gelungen und unbedeutend. Sie war aber für uns alle — ohne deshalb weniger „Ausflug" zu sein — eine Bestätigung unserer Gemeinsamkeit, ein Bekenntnis . um vereinten Wirken für unsere Sache und damit wohl gee gnet, vor unserer Aufgabe zu bestehen, die Zusammenschluß und Verständigungsardeit umfaßt. Es war nämlich so. daß in.gemeinsamer Unterhaltung Zustimmungen auftauchten und Gegensätze. Diskussionen über die Sache, die uns bewegt, die in den offiziellen Mitgliederversammlungen in dieser offenherzigen Form selten zustande kommen, und zu deren Klärung das frohe Gefühl, in ausfluglicher, menschlich-freiester Verbindung zu stehen, förderlich beihrug. Die Fahrt lehrte uns von neuem — und um so eindrucksvoller, als es ein neuer und ungewohnter Anlaß war —. daß es möglich ist, Menschen, die getrennt sind in politischen' und beruflichen Anschauungen, zu gemeinsamer 1 Arbeit und Freundschaft zu verbinden, wenn gemeinsame Liebe zum gemesnsamen Vaterland die Nichtigkeit der Gegensätze für das gemeinsame Gauze erkennen läßt. Das scheint das wertvollste - Ergebnis dieses Unternehmens per Motorboot zu sein, daß es gleichsam im engeren Kreis die Richtigkeit und Notwendigkeit unserer Arbeit nach außen durch seinen gelungenen Verlauf bestätigte: das Sichkennenlernen , und Sichverstehsn im kleinen Rahmen jenes Ausflugs wurde - zur Garantie der endlichen Verständigung und 'der Verbrüderuiia aller Deutschen, dir, religiös getrennt, im Geistigen und Seelischm Unverrückbar zusammengehören! — Dieser Erkenntnis gab Pechtsanwalt. Simon in feinsinniger Rede! spontanen Ausdruck ... es ist daher mehr als Reportagepflicht, sie in diesem Zusammenhänge zu erwähnen. Es wgr ein Ausflug im Motorboot, mit Tanz und . Kaffeetassen, ganz recht, und es war. so ganz nebenbei, eine menl-dsiche B e r ei che ru n.g und H offn u n g s st ä r k» n g für die Zukunft. H. Lg.

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