Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 5/10 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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aus, selbstverständlich ein höchst bequem eingerichtetes Ghetto, dos beileibe von mchtjüdischer Seite nicht bestätigt werden darf, weder gesellschaftlich noch gar staatlich. Alles in allem: die als „Kunst" aufgemachte Schlaffheit der ewig Wurzellosen. die zwar nicht deutsch empfinden, aber sich auch nicht entschließen können, ihr schließlich doch ganz behagliches Staatsbürgerdasein auszugeben. Ahasverus am Schreibtisch, dem das ewige Wandern zu anstrengend ist. Das Einzige, was in dem Buch einigermaßen ansprickt, ist die Ansicht des Verfassers, daß „die Juden" sich »m deutschen öffentlichen Leben Zurückhaltung ausertegen sollen, insbesondere in der Annahme von Staatsämtern. Insofern kann das „Werk" insbesondere unseren Regierungszionisten zur Lektüre eindringlichst empfohlen werden: wenigstens sind sie während der langen Zeit, die zum Durcharbeiten des Buches erforderlich ist, an der Erledigung deutscher Staatsgeschäste verhindert. Interessant ist die kritische Würdigung, die dieses Erzeugnis einer schrankenlosen Selbstgefälligkeit in der Presse gesunden hat. Von gewerbszionistischer und gewerbsantiicmitischcr Seite (Deutsche Leitung) wird das Buch natürlich bestens empfohlen. Die Zwischenschichtler aller Schattierungen schreiben, wie üblich, spallentang Einerseits-Andererseits. Uns nationaldeutschen Juden erinnert die Schrift stark an die letzten literarischen Leistungen des Herrn Sammy Gronemann, nur das; jeder Humor fehlt, wenigstens der freiwillige. Los vom Zionismus. Von FritzBlankenfeld, Kiinchi und Ernst Ludwig Pinn er. (I. Kaufsmann Verlag. Frankfurt a. M. 1928.) Drei ehemalige Zionisten schildern, warum sie sich vom Zionismus abgewandt haben. Die kleinen und eindrucksvollen Ausführungen, die ein bemerkenswertes Maß von Zivilcourage ergeben, verdienen eine ausführlichere Würdigung, als ihnen heute — unmittelbar vor dem Äbschluste dieses Blattes — zuteil werden kann. Drei Sätze (von Pinn er) seien schon jetzt hervorgehoben: „Es sieht so aus, als wenn nicht so sehr die Palästinahoffnung, als vielmehr die nationalistische Auffassung vom Judentum an Boden gewinnt. Dagegen mutz Front gemacht werden. Es wäre für das deutsche Judentum verhängnisvoll, wenn der Zionismus, noch dazu im Augenblick innerer Schwäche. Fortschritte machen und die deutschen Juden in ihrem Bewußtsein erschüttern sollte, daß sie Deutsche sind". Zur Oftjudenfrage werden sehr verständige und mutige Vorschläge gemacht. Wir behalten uns eine ausführlichere -Besprechung vor. M. R. ' Echo der Presse. Während der Sommermonate ist unser Verband nach außen hin nicht allzu stark in die Erscheinung getreten. Die Erfahrungen früherer Jahre haben uns gezeigt, daß in der Reisezeit jede auf Beeinflussung des öffentlichen Lebens gerichtete Vereinstätigkeit einem weitgehenden Mangel an Beteiligung „auf allen Seiten des Hauses" begegnet, und daß es daher zweckmäßiger i(t Zeit und Arbeitskraft für die Wintermonate zu sparen. Unser letztes Hervortreten in die breitere Oeffentlichkeit war unser Wahlaufruf, der große Beachtung gefunden hat und in einer ganzen Reihe von Tageszeitungen im vollen Wortlaut oder auszugsweise abgedruckt worden istz u. a. in der „Münchener Zeitung". dem „Chemnitzer Tageblatt", der — inzwischen eingegangenen — „Täglichen Rundscha u", der „Berliner Börsenzei tu ng" usw. Auch die geschäftsantisemitische „Berliner Arbeiterzei.,1 ung" führt einzelne Sätze des Aufrufs an. um zunächst dem Centralverein deutscher Staats bürgerjüdischen Glaubens in klobigstem Stil Vorhaltungen zu verabfolgen und schließlich uns selbst die höchst überraschende Eröffnung zu machen: „die Tatsache, daß Ihr Juden seid, ist unbestreitbar". Von jüdischen Blättern beschäftigt sich natürlich in erster Linie die „C. V. - Z e i t u n g" mit unserem Aufruf. Der stellvertretende Vorsitzende des C. V., Herr vr. Bruno Weil. polemisiert von dem nur formell iteutralen. tatsächlich äusgesprochen linkspolitischen Standpunkte seines- Vereins gegen unsere Parole „Wählt deutsch!", übrigens in bemerkenswert sachlicher Form. Schon etwas weniger sachlich ist d« zionistische „Jüdische Rundscha u". die natürlich unsete Stellungnahme nicht verstehen will, aber immerhin zugeben muß: „Trotzdem kann man der Feststellung der nationaldeutschen Juden, daß man der Wahl ganz fernbleiben müsse, wenn man keine Partei wählen will, die .antisemitisch verfeud)t‘ ist. leider nur beipflrchten. Tatsächlich bedeutet, für einen jüdischen Wähler, wie Übrigens auch für die meisten nichtjüdischen Wähler, die Entscheidung für irgendeine Partei in der Mehrzahl der Fälle eine Entscheidung für das kleinere Uebel". Nicht recht glücklich ist mit unserem Aufruf auch die „Jüdisch-liberale Zeitung", deren Schriftleiter bei allem Bemühen, objektiv zu sein, doch wohl aus seiner parteipolitischen Haut nicht recht herausfinde» konnte. Unsere „Formulierung" erscheint ihm ,/oiel zu primitiv, um von Wert zu sein". Vielleicht liegt in dieser „Formulierung" eines MaNnes, mit dem wir sonst ein gütes Stück Weges usammengehen können, recht Aufschlußreiches tzber die Kern rage des ganzen deutschen Judenproblems. Wir stehen allerdings auf dem Standpunkte, daß der Wille zur ewige» Kompliziertheit und die damit verbundene Selbstgefälligkeit zu den stärksten Hemmnisten für die völlige Eindeutschung weiter jüdischer Kreise gehören. Primitiv zu sein, ist für uns kein Vorwurf, -r- Erwähnt sei noch ein Bericht des „Berliner Tageblatts", in dem unser Verband sonst vorschriftsmäßig nicht erwähnt werden darf, über eine Wahllundgebung des C e n t r a l v e r e i n s. In dem Bericht heißt es wörtlich: „vr. mecl. Friedrich Brodnitz forderte ein klares, unerschütterliches Bekenntnis -zur Republik und rechnete unier großem Beifall mit dem Ausruf-de; Perbandes »ationaldeutscher Juden ab. der in seiner Anbiederung an Rechtsparteien. die in diesem Wahlkampf sich in hervoragendem Maße antisemitisch gebärden, auch bei den Gegnern der Juden als unwürdig empfunden werden müsse". Die Entdeckung, daß unser — doch gewiß überparteilicher — Aufruf eine „Anbiederung an Rechtsparteien" enthalte, ist ebenso scharfsinnig, wie die Beobachtung, daß die Rechtsparteien „in diesem Wahlkampf sich in hervorragendem Maße antisemitisch gebärdet" hätten. Bekanntlich hat die Judenfeindschaft in der Wahlagitation der Rechtsparteien seit iangem nicht eine so geringe Rolle gespielt, wie diesmal. Der mit solchem Spürsinn ausgestattete vr. Friedrich Brodnitz. ein Sohn des Centralvereins-Vorsitzendcn. ist übrigens derselbe Herr, der sich, seit einiger Zeit in der C. V.-Zeitung so alljüdisch „gebärdet", daß es sdgar anderen artikelschreibenden C. V.-Mitgliedern zu viel wird und die „unbeirrt deutsche" Schriftleitung der „C. D. Z e i t u n g" am 5. Oktober 1928 ex cathedra feststellen muß. „wie verschieden geartete Ansichten unter dem einigenden Dach« des >C. V. Platz finden". Spotten ihrer selbst, und wissen nicht wie. Daß unser Verband sich an der „Press a" in Köln mit einem Stand, an dem unsere Mitteilungsblätter und sonstige Schriften ausgelegt waren, beteiligt hat, dürfte einem großen Teil unserer Leser aus eigener Anschauung bekannt sein. Diese Beteiligung wurde von einer ganzen Reihe von Zeitungen bei der Berichterstattung über die Ausstellung erwähnt. Als psychologisch interessant sei die „Formulierung" des mit Recht so beliebten „Israelitischen Familien - blattes" zu Hamburg wiedcrgegeben, die lautet: „AI; letzter kommt der Verband nationaldeutscher Juden mit seine»» Mitteilungsblatt und einer seine Bestrebungen bezeichnenden Wandinschrift. An den Naumann-Verband fügt sich daim harmonisch — eine Hochfreguenzausstellung und darauf der Stand des stramm-antisemitischen Verlages I. F. Lehmann in München". Die „JüdischeZeitung für O st d e u t s ch l a n d" berichtet über den in Breslau verhandelten Beleidigungsprozeß Herrmann gegen Gellin. Sie ist iratürlich sehr böse mit dem Anwalt des Landgerichtsrats Kellin. Herrn Geh. Iustizrat Feige, der oot Gericht pflichtgemäß versucht hat. zur Entlastung seines Mandanten, dem antisemitische Redensarten, zur Last gelegt waren, alle geeigneten Punkte anzuführen. Das Blatt meint, daß durch ein solches Verhalten „den Antiseiniten Wasser auf ihre Mühle gegossen" worden fei. und fährt dann fort: „Nimmt doch Herr Feige eine führende Rolle im Naumann-Verbande ein und gehört er doch auch zum Centralverein: er hat also den Garantieschein für gut-deutsche Gesinnung. |. . . ." Man sicht, für die Zionisten der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" sind unser Verband und der Centralverein durchaus gleichmäßig verruchte Unternehmungen, trotzdem gerade in der „Jüdischen Zeitung für Ostdeutschland" (wie auch in der C. V. - Z e i t u n g) schon seit Monatzen nicht enden wollende „innerjüdische Versöhnungs-" (Herr vr. Friedrich Brodnitz würde sagen: „Anbiederungs-") Artikel erscheinen. Offenbar geistesverwandt mit dem Berichterstatter der erwähnten Zeitung ist ein Herr I)r. Samuel Schulsohn. der im „Czernowitzer Morgenblatt" die jüdische Bevölkerung Berlins entdeckt und als Heilmittel für alle von ihm empfundenen Mängel den reichlichen Ostjudrn import empfiehlt, vr. Schul so h n-gibt im Rahmen seines Artikels die Bestrebungen unseres Verbandes einigermaßen richtig wieder, schließt dann aber, wie es sich für einen Berliner Jüdischnationalen aus Czernowitz gehört, mit einem hämischen Ausfall gegen einige unserem Verbände angehörige Publizisten, die, wie er sagt, „in leitenden Stellen der deutschnationalen Hugenbergpresse sich befinden. die ja bekanntlich antisemitisch e ngestellt ist". Wesentlich freundlicher