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Der nationaldeutsche Jude · 1928-10-01 · Nr. 5/10 (Oktober 1928) · p. Seite 5

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1928
Issue
Nr. 5/10 (Oktober 1928)
Date
1928-10-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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vielfach übertriebene Rücksichten auf seine christlichen Kunden leiten, sondern auch von jüdischen Korporationen, darunter solchen, die — man labe nicht! — den Schutz des Judentums auf ihre Fahnen geschrieben haben. Christliche Sekretäre jüdischer Gemeindevorstände sind nichts seltenes. Sogar christliche Redakteure jüdischer Gemeinde- Zeitungen gibt es schon. Es ist nur konsequentes Fortschreiten auf diesem Wege, wenn man jüngst hörte, eine Gemeinde habe ihre neue Synagoge durch den — evangelischen Ortsvsarrer einweihen lassen. Der nächste Schritt in dieser Richtung wird der christliche Rabbiner sein. . . . Man werfe mir nicht religiöse Intoleranz vor. Wer diesen Artikel zu Ende lieit, wird finden, daß ich diesen Vorwurf nicht verdiene. Aber meine Duldsamkeit macht mich nicht unempfindlich gegen das tragikomische Paradoron. das darin liegt, dah man Andersgläubigen Verdienstmöglichkeiten zuschanzt, hingegen Juden, die diese Arbeit mindestens ebenso gut leisten würden, auf der Straße um Brot betteln läßt, und. ihnen noch obendrein — Vorwürfe macht, weil sie nicht heiraten. ... Angesichts solcher Verhältnisse kann ich mir nun einmal nicht viel positive Erfolge der „gemeinnützigen" Ehepropagandistcn versprechen. Ihre negativen Ziele aber halte ich für so gefährlich. dah ich gar nicht laut genug vor, ihnen warnen kann. Die guten Leute wollen nämlich, um den „gemeinnützigen" Charakter ihres Unternehmens nur ja recht anschaulich zu machen, nicht nur etwas erreichen, sondern auch etwas verhindern, und dieses zweite Etwas ist die M i s ch e h e. Dah man anderthalb Jahrhunderte nach Erscheinen von „Kabale und Liebe" überhaupt noch glaubt, in Ehesachen etwas verhindern zu können und zu dürfen, verrät mir einen bedauerlichen Mangel an Kulturqewisien. Wohl ist seither der tragische Konflikt zwischen den Ehezielen einer sozialen Gemeinschaft und denen des leidenschaftbesessenen Individuums von anderer dichterischer Potenz im entgegengesetzten Sinne gelöst worden wie bei Schiller, nämlich in „Agnes Bernauer" von Hebbel, der seine Heldin willig dem Staatswohl opfert, die Staatsraison über die mensch« liche. Leidenschaft stellend. Hebbel scheut aber auch vor der äuhersteiz Konsequenz seiner sittlichen Auffassung nicht zurück: Er läht das unglückliche Mädchen, das einen Fürstensohn zu standeswidriger Ehebindung verlockt, ins Waller werfen. . . Wollen die Herren von der „gemeinnützigen" Ebevermittlung auch so weit gehen, um ihr Ziel zu erreichen? „Gott behüte," saat Herr Dr. Fleischer. Autor des Artikels „Praktische Mischebenarbeit" in Rr. 39 der „Jüdischliberalen Zeituna". Er weih, daß in einem gewissen Stadium die Mischehe nicht mehr zu verhindern ist. Darum tritt er für rechtzeitige Warnung ein. Zum Warner ist natürlich der Seelsoraer berufen. und zwar soll im — Religionsunterrichte Mischebenverhütung betrieben werden. Dabei soll das gesvrochene Wort durch gedruckte Flugzrttel verstärkt werden. Mit Verlaub: was wird auf diesen Flugzetteln. mit denen die jugendlichen Seelen beeinfluht werden sollen, stehen? Was anderes als eben das. zu dessen Bekämpfung die gesamten jüdischen Schuhorganisationen in Schlachtformalion auszurücken vfleqen. wenn dasselbe von christlicher Seite der christlichen Jugend 4 empfohlen wird: Warnung vor allzu intimem Kontakt mit den Andersgläubiaen. Ausmalung der „Gefahren", die durch solchen Kontakt heraufbesckworen werden — kurz: indirekte Aufforderung zum gesellschaftlichen Boykott der Andersgläubiaen! Es wird also angeblich zum Schuh des Judentums die Mihachtung jenes Gebots emvfohlen, die einer unserer Weilen als Grundmotiv des Judentums gewertet hat: „Was d» nicht willst, dos man dir tu, das füg auch keinem andern zu!" Es gibt für die Juden nur zwei Wege: entweder vollständige Absckliehuna oder ehrlichen, daher vorbehaltlosen Kontakt mit den andern. Die den zweiten Wea wünschen, müssen auch die Konsequenz in Kauf nehmen, dah die letzte Folgeerscheinung bedingungslosen Kontaktes die Mischehe ist. Diese ist nur ein Gradmesser für das Gelingen - unserer Assimilation- und wer die Assimilation wünscht, den kann sie daher nicht betrüben. Aber auch die innerjüdischen Folgen der. Mischehe sind durchaus nicht so arg. wie gemeinhin gefürchtet wird. Ich kann zu ihrer Ehrenrettung zwei bekannte Beispiele anführen. Mar Nordau lebte in Mischehe. Das hat ihn nickt gehindert, ein Mitbegründer des Zionismus zu werden. Seine Tochter, die aus dieser Ehe stammt, dient nock heute, lange nach dem Tode ihres Vaters, dessen jüdischen Idealen. Dagegen war die Ehe Theodor Herzls eine rein jüdische. Schon seine Gattin nahm daran Anstoh. dah er sich für das Judentum ervoniere. Und der Sohn Herzls hat sich nach dem Tode des Vaters — taufen lassen, nicht in stiller Klausur als Ausdruck einer inneren lleberzeugung. sondern in demonstrativster Form, in offener Verböhnuna des Andenkens seines Vaters. Diese Erfahrungen mit den Zionistenführern desavouieren die angebliche Gefährlichkeit der Assimilation auch in deren ertremster Folgeerscheinung. Sie beweisen, dah die konfessionelle Ehe an sich nichts für und die Mischehe nichts gegen das Judentum bedeutet. In welcher Richtung sich die eine wie die andere entwickelt, hängt von ganz anderen Faktoren ab. Auf diese Faktoren kann der ^Seelsorger ganz' gewih Einfluh nehmen. Wie weit ihm dies glückt, bängt aber nicht von Zettelkästen, Kartotheken und ähnlichen^, bürokratischen Rüstzeug ab. sondern von dem polaren Gegensatz zu allem Bürokratismus: von persönlichem Taktgefühl und reiner Menschlichkeit. Rur mit dieser, die ja bekanntlich alle menschlichen Gebrechen heilt, wird man auch der Mischehe ihre scheinbare Gefährlichkeit nehmen können, nicht aber mit Unmenschlichkeit, die sich die Maske der „Gemeinnützigkeit" vorbindet. ' Zur Lchächlfrage.; Von Justtzrat Dr. Friy Buchmann - Regensburg.! Seit Jahr und Tag wird von vielen Seiten die Einführung des Betäubungszwanges, negativ ausgedrückt, das Verbot des betäubungslosen Verblutens der Schlachttiere, durchzusetzen versucht. Durch ein solches Gesetz wird in erster Linie das bisherige rituelle Schächten -der Juden betroffen. Würde eS nur um die Entscheidung gehen, ob die Tötung . mit oder ohne vorherige Betäubung für das Schlachttier milder und weniger qualvoll ist. die Frage wäre längst und sehr einfach erledigt. Die Schlachtung jeglichen Wesens, vor allem Höher organisierter Tiere, ist ein häßlicher Eingriff in das Recht auf Leben, leider aber nicht zu entbehren. Es gehören immer gute Nerven dazu, den Anblick einer Schlachtung zu ertragen. Wer jemals eine rituelle Schächtung --- besonders bei Großvieh — gesehen hat. die an Folterkammern des Mittelalters erinnernden Vorbereitungen durch Fesselung. Niederlegung oder Niederwerfung, das Sträuben und die Todesangst der Tiere, das furchtbare Verröchely der Verblutenden, die Krampferscheinungen, den schneller oder langsamer sich verlierenden Lebenswillen der Opfer, wird den gräßlichen Eindruck niemals verwinden und vergessen, wenn er Herz und Gefühl für die Tierwelt hat. Auch die Tötung mit vorheriger Betäubung ist greulich und ein roher Vorgang, aber von einer milderen Wirkung., weil das infolge Wegfalls der verschiedenen Vorbereitung«! in den meisten Fällen ahnungslose > Tier unter dem Hieb des Beils des Schlägers, vor allem bei Anwendung der modernen Schu ipparate blitzartig zusammenbricht und sich alle weiteren Vorgänge im Stadium der Bewußtlosigkeit abspielen. Es kann unentschieden bleiben, ob bei einem : durchaus korrekten Schächtschnitt eine sehr rasche oder nur langsame Bewußtlosigkeit eintritt. Soviel ist sicher: Die ' Vorbereitungen der Schächtung bringen dem zumeist : ahnungslos, wenn auch unbehaglich im Schlachtraum stehenden Tiere die Lebensgefahr zum vollen Bewußtsein und damit alle i tragischen Aeußerungen des Lebenswillens und der Abwehr der Lebensgefahr in Erscheinung. Und wenn nach dem Schächtschnitt bis zur Bewußtlosigkeit nur Sekunden vergehen, so genügt schon die Qual dieser Sekunden, für jeden mitfühlenden und erbarmungsvollen Menschen die Frage aufzuwerfen. ob nicht schon die Ersparung dieser Cual von Sekunden eine Kulturnotwendigkeit ist. ES ist u n b e st r i t t e n und sicher, daß das ethischste und wenigst tierguälerische Verfahren b i s zum Augenblick des Schächtschnittes daö ist, welches alle peinlichen Vorbereitungen erspart, welche die Todesangst des Tieres Hervorrufen oder verstärken. U n b e st.r i t t e n i st auch, daß durch ein dem Tier nicht erkennbares momentan und blitzartig wirkendes Betäubungsverfahren die Tötung unter denr Zustande der Bewußtlosigkeit weder schmerzhaft noch mit seelrschen Todesquälen verbunden sein kann, denn wir wiffen vom Krieg und den Unfällen genau, daß plötzliche Kopfverletzungen, Schlag, Schuß. Verschüttungen, ebenso Betäubungen durch elektrische! Ströme mit sofortiger, aber vorübergehender Bewußt-! losigkeit in der Erinnerung de» Wiedererwachten oder Erweckten niemals die Erinnerung an Schmerz im Augenblick des Traumas zurückgelaffen haben. Schmerzen sind immer erst nach dem Erwachen zum Bewußtsein gekommen. Aus diesen Erfahrungen in Verbindung mit der Beobachtung des Tieres läßt sich also der Schluß auf Schmerzlosigkeit mit Sicherheit führen, bezüglich der A n g st genügen die Beobachtungen im .Verhalten der Tiere.

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