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Der nationaldeutsche Jude · 1928-10-01 · Nr. 5/10 (Oktober 1928) · p. Seite 3

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1928
Issue
Nr. 5/10 (Oktober 1928)
Date
1928-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Grischa-Kunst. j Von Max Naumann. Zuerst abgedruckt in der Berliner Börsen-Zeitung am 17. 10. 28. die bloße Fortsetzung der gleiche gilt für die Kriegs- Diese Betrachtung ist keine Buchkritik. Die Erzählung des jüdischnationalen Schriftstellers Arnold Zweig über den deutschen Streit um den russischen Sergeanten Grischa ist mir nur Ausgangspunkt und Beispiel für "Darlegungen, deren Ziel jenseits des Einzelfalles liegt. , Der „Sergeant Grischa^ ist Kriegsliteratur. Dieses Wortes Sinn ist für mich enger: als; der übliche Sprachgebrauch. Nicht zur Kricgsliteratur trägt bei. wer die Kriegsereignisse nur als gebrauchsfertig gelieferten Hintergrund für anziehende Menschcndarstelluflg benutzt — „bitte recht martialisch- und „bitte recht gefühlvoll-: —, oder als Schalt- Hebel zur Anlossung seelischer Erlebnisse, die schließlich auch durch Sport, Verbrechen, zufällige Lebensgefahr, individuellen Hunger, durch jede ernstere Störung dies Alltagstrotts angekurbelt werden könnten. Nur das ist Kfiegsliteratur, was zu dem Welterlebnis: Krieg in notwendiger innerer Beziehung steht und gleichzeitig über persönliche Erkenntnis hinaus nach Allgemeingültigkeit trachtet. Der Krieg ist, nach Elausewi Politik mit anderen Mitteln. Da! literatur, wie übrigens auch für die Kriegsmalerei, die Kriegsplastik, den KriegSfilin und jebc; denkbare Ausnutzung einer Knnstform zu gleichem Zwecke. 1 Wer Kriegsliteratur hervorbringt. treibt Politik, und zwar eine auf besonders tiefe Wirkung berechnete, zu besonders tiefer Wirkung geeignete Form der Politik. Der Versamimlungsredner, der Verfasser politischer Schriften ruft den. Verstand an. aber die Wirkung beharrt in engstem Kreise, wenn »t nicht glückt, nebenher auch das Gemüt zu erschüttern. Der Künstler, der politische Wirkung sucht, wählt bewußt den Weg über das Gemüt. Gelingt es ihm. die Herren zu bewegen, so pflanzt die Schwingung sich fort über den Verstand zum Willen und zur Tat. Unwiderlegbare Logik zerflattert wie ein Hauch im weilen und kalten Raum. — ein heißes Lied reißt schlaffe Hände zu Fäusten empor und zwingt bleischwere Füße vorwärts zum Sturm. Das wiflen wir alle und die Künstler wissen es auch, wissen es selbst am besten, wenn sie unter Schauern deS SchöpfungSzwanges ihren Zukunftswillen in Kunstform gießen. Aber viele, die groß sind im heiligen Äugenblicke der Zeugung, werden klein und feige, wenn gegen erstrebte Wirkung sich unerwünschte Gegenwirkung regt. Sie verkriechen sich dann hinter ihrem eigenen Gebilde, verleugnen ihren eigenen 'Schaffensmut, werden aus glühender) Schöpfern zu schlauen Advokaten, die den Einwand der Unzuständigkeit erheben. „Das Kunstwerk ist ein Ding an sichheißt es dann. „Ihr schändet das Heiligtum der Kunst, entschleiert Euch selbst als Spießer, als willige Schergen brutalen Stumpfsinns, der mit Ketten am Boden halten will, was über seine Niedrigkeit hinaus zum Himmel strebt. Geistige aller Länder, schützt die Freiheit der Kunst!“ Mit Verlaub — solche Reden sind töricht und oft genug unehrlich, mögen sie selbst von Künstlern oder sogenannten Geistigen vorgebracht werden. Die Freiheit des künstlerischen Schaffens darf und soll nicht eingeengt werden. Wo aber Kunst nur die Form ist, in dek Politik sich verlautbart, muß Freiheit auch dem gewahrt bleiben,, der die Kunstform bewundert, die in dieser Form dargebotene Politik aber aus ehrlichem Herzen bekämpft. Und wem diese Politik als Gefahr erscheint, zumal als Gefahr, die ein gesundes Volk zermürben könnte, den darf kein Teufel und kein Aesthet hindern, das hölzerne Pferd zu zerschlagen, in dessen Leibe die Waffen lauernder Feinde klirren. — mag auch die Kunstform des tückischen Kriegsgeräts das Entzücken aller trojanischen Kenner sein. Freiheit im Geist heißt Gleichheit im Recht. Wie ich mir da» Recht nicht nehmen laffe, von meinem politischen Standpunkte aus ein Drama des Piscator - „Kollektivs-, einen Potemkin-Film, eine politisch zugestutzte Hamlet-Inszenierung, einen „Sergeanten Grischazurückzuweisen, laffe ich auch dem politisch Andersgläubigen das Recht, gegen FridericuS-Filme. vaterländische Romane und alles, waS im Umkreis biefex Dinge liegt, die Stimme zu erheben. Ich würde dem politischen Gegner dieses Recht auch dann nicht schmälern, wenn jedes Werk, das Politik nach meiner Ueberzeugung treibt, in künstlerischer Hinsicht eine unangreifbare Spitzenleistung wäre. Nur soll man nicht mich einen kunstfremden Banausen schelten, weil ich über der zierlichen Form des Bechers die Gefährlich, keit des Trankes nicht vergessen,' weil ich trotz aller Liebe zur Kunst eher eine wohlgekormte Schale zertrümmern, als das darin dargereichte Gift anden Lippen meiner deutschen Volksgenossen sehen will. Das Buch vom Sergeanten Grischa ist nach meinem ehrlichen Glauben ein Gifttrank für das deutsche Volk. Ich wähle gerade dieses Buch als Beispiel, weil der Verfasser — wie ich — ein Jude ist. und weil die geschickt^ Form, ip der es undeutsche und gefährliche Gesinnung darreicht, gerade deutsche Volksgenoffen jüdischen Stammes zum Irrtum verleiten könnte, jene braven, aber allzu empfindlichen jüdischen Deutschen, in denen Angeborenes Deutschgefühl ständig im Kampfe mit erworbener Verbitterung über Verkennung und Zurückweisung liegt. Wer von dem „Sergeanten Grischaspricht, sagt: ein fabelhaft geschriebenes Buch. Manche nennen es auch im heute gültigen Sprachgebrauch „gekonnt-. Mir scheint, daß dieses scheußliche Modewort gerade hier das. treffendste ist. Gekonnt ist dieses Buch, fabelhaft gekonnt. Aber so innig ich wünschte, daß mein Gefinnungs - Urteil von jedem Deutschen, zumal von jedem deutschen Juden anerkannt würde, so wenig will ich über die K u n st f o r m mich zum maßgebenden Richter bestellen. , Nur als Ausdruck meines ganz persönlichen Geschmacks und Empfindens sage ich. daß dieses Schriftwerk so wenig zu meinem Herzen spricht, wie eines der früheren Werke deS gleichen Verfassers. Ich sage es ehrlich : ich bin heute nicht mehr unbefangen gegenüber diesem Manne, den ich seit Jahren als verständnislosen Eiferer gegen uns nalionaldeutsche Juden am Vortrags- und Schreibpult kenne. Ader ich hab"e feine „Novellen um Claudiaschon als unechte Gefühlsspielerei empfunden, ehe ich noch wußte, daß Arnold Zweig sich zu den Zionisten hält. Und in gleicher Weise unecht erscheint mir auch in dem „Streit um den Sergeanten Grischaalles, was auf das Gefühl des Lesers zielt. Unechte Töne höre ich in dem nach allen Regeln der Harmonielehre instnimentierten Waldweben, unechte Töne in den fast tänfchend nachgeahmten Gesprächen deutscher Soldaten aller Dienstgrade. Ein Beiklang peinlicher Gönnerhaftigkeit schlägt durch, wenn der gute alte General von Lychow aus reiner Bockigkeit so überaus gerecht ist. Wilve Gehässigkeit schrillt auf, wenn selbst dem bösen Schieffenzahn mildernde Umstände bewilligt werden, weil er es nun einmal nicht beffer gelernt hat. Ein sader Geschmack im Münde wie gegen allzu fette Speisen regt sich, wenn der jüdische Kriegsgerichtsrat vietundzwanzig Stunden am Tage menschlich, unmilitärisch und gar so lieb ist, wenn der ebenfalls jüdische und höchst geistige Dichter-Referendar, das stolz-bescheidene Selbstbildnis seines Schöpfers, von der adligen Krankenschwester diskret umbuhlt wird. Es ist alles so nachdrücklich objektiv gestaltet, Licht und Schatten sind wie von einem vorzüglich ausgebildeten Bühnenbeleuchter so raffiniert gleichmäßig verteilt, daß ich den Eindruck des Gezvollten und Gemachten nirgends überwinden kann, am wenigstens dort, wo ich die Empfindung habe: hier soll es aufs Gefühl gehen. DaS Bild des stielmers Mark Anton wird mir lebendig, wie er daS Mitleid uno^den Haß aufpeitscht und dabei von Zeit zu Zeit einen, kalt berechnenden PÜck auf die tobende Menge wirft, um die Wirkung seiner Worte zu prüfen. Hier berühren sich Kunstform und Gesinnung. Aus Wirkung ist alles in diesem Buche berechnet: auf politische Wirkung. Jede Seite des Buches ist ein Schrei gegen den Krieg, gegen jeden Krieg, vor allem aber gegen den deutschen Krieg, der eben jetzt vor 10 Jahren mit dem Zusammenbruch des deutschen Vaterlandes zu Ende ging. Pazifismus ist eine Gesinnung, zu der sich nicht wenige ehrliche und anständige Menschen bekennen. Hut ab vor diesen Pazifisten, zumal wenn sie zuvor im Kriege selbst ihre Schuldigkeit getan,'ohne Murren und Maulen die Gegenwart des Todes ertragen haben, des schweigenden oder brüllenden Todes der Front, nicht des geschwätzigen Scheintodes der Etappe. Aber Pazifismus ist ein Wort, hinter dem sich Gnindverschiedenes verbirgt. Was von diesem und jenem Pazifismus zu sagen ist, hat eben

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