Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 5/10 (Oktober 1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 drückliche Verwahrung gegen die Vermutung, daß ihm Erscheinungen wie Trotzki oder Rathenau mehr als Anregung, daß sie ihm Vorbild für die Hauptfigur seiirrs Werkes gewesen wären, nicht geglaubt, dagegen ziemlich verübelt. Mit der künstlerischen Wertung des Stückes haben wir uns natürlich an dieser Stelle nicht zu befaffen. Seinen Weg über die deutschen Bühnen wird das Stück schon machen, denn es ist. ohne das zu sein, was man einen Reiher zu nennen pflegt, sehr bühnenwirk'am aufgebant, und wo nur einigermahen tüchtige schauspielerische Kräfte zur Verfügung stehen, wird das Publikum mit dem aufwühlenden menschlichen Konflikt, der im Mittelpunkt der Handlung steht, schon mitgehen, mag die Kritik mitgehcn oder nicht. Aber cs ist, wieder einmal, ein Judenstück, das an Probleme rührt, die uns alle angehen, und deshalb müffen wir uns auch in dem Blatte der n a t i o n a l deutschen Inden mit dem roten Genxral beschäftigen Als Führer der Revolution, die den Zarismus überwand, warein Podtamienski in Rußland möglich. Als solcher brauchte oder vielmehr: durfte er sich nicht allzusehr den Scheinwerfern der Oeffenllichkeit ausseyen, weil er sonst feine Sache, die Sache der Revolution nur gefährdet hätte. Aber als Führer der von ihm selbst geschaffenen roten Armee wird er — nach Ungar — von Soldaten und Bauern innerlich abgelehnt, weil sie sich einen Juden als Inhaber der höchsten Schlachtengewalt nicht vorstellen können. Und die Freunde und Genossen, die mit ihm gegangen sind, solange seine geistige Ueberlegenheit in der Hauptsache nur in der Studierstnbe, am Schreibtisch sich zur Geltung zu bringen hatte, sie suchen ihn mit kondolierenden Händedrücken abzusinden, als es gilt, zivischen ihm und dem ungleich volkstümlicheren Jndcnmörder Brntzkm zu wählen. Man, nützt der .Sache" mehr, wenn man diesen Bauernsohn als Sieger ansgibt und zum Oberbefehlshaber erhebt, obwohl er durch den kleinen Pogrom in Podkamien sich an der Revolution versündigt hat, und so muß Podtamienski zerschmettert abziehen. Er. lebte des Glaubens, daß im Kampfe für das Proletariat, für den Aufbau einer neuen Gesellschaft gar keine Rücksicht auf Einzelschicksale genommen werden dürfe, und er muß es sich nun gefallen lassen, daß ihm die gleiche blecherne Weisheit entgegengehalten wird, da er Lrutzkin, den .Genoffen Divisionskommandeur", für die Ermordung seines eigenen alten Vaters zur Rechenschaft ziehen will. Auch die armen Juden in Podkamien hatten an die revolutionären Proklamationen geglaubt, die ihnen Freiheit und Gerechtigkeit versprachen, und nun kommt ein bewaffneter Vollstrecker dieser revolutionären Gewalt und läßt sie kaltblütig über^ie Klinge springen — unter genau so stichhaltigen Vorwänden, wie sie in der Zarenzeit üblich waren. Ter jüdische Höchstkommandierende aber, trotz seiner eingebildeten Unempfindlichkeit gegen Einzelschicksake bis ins innerste Herz getroffen, weil auch sein eigener Vater unter den Pogrom-Opfern war. muß dem Schlächter Brntzkin das Feld überlaffen. Es ist nichts mit der Freiheit, für die er! alles gewagt und alles geopfert hat und für die er auch schließlich, von .echt russischen" Kugeln getroffen, noch seinen : letzten Atemzug aushaucht. Was bleibt und triumphiert, ist! von dem Rußland vor der Revolution in wesentlichen Punkten nicht zu unterscheiden. Ein Revolutionsstück also höchstens in dem Sinne, daß es über den russischen Umsturz trotz reichlicher Verwendung kommunistischer Schlagworte und internationaler Marschlieder ein geradezu vernichtendes Urteil fällt. Ein I u d e n st ü ck dagegen im wahren Sinne -des Wortes, insofern es an dem tragischen Schicksal eines Podtamienski-Trotzki den Nachweis führen will, daß die Stimme des Blutes auch durch leidenschaftlichste Hingabe an politische Lebensaufgaben nicht zu übertönen und der Blulsunterschied auch in seiner Außenwirkung nicht zu Überbrücker^ sei. Der .Genoffe Divisionskommandeur" hat am Ende des Stückes den roten Oberbefehlshaber davon überzeugt, daß es ein Irrglaube war, als er meinte, er hätte sich freigemacht von den lebendigen Zusammhängen mit der eigenen Vergangenheit, von der inneren Verbundenheit mit seinen Stammes- und Glaubensbrüdern. Ein beliebiges .Jüdchen" konnte der rote General noch mit der billigen Weisheit abspeisen, daß es letzt um Größeres gehe, als um Vater und Mutter, um Sohn oder Tochter. Als ihm dann' aber wirklich der eigene Vater hingeschlachtet wird, neben vielen anderen Greisen, Frauen und Kindern, da bricht die künstlich zurechtgezimmerte neue Welt jählings zusammen. Und als dann im Schlußakt der ehemalige General mit dem armseligen Köfferchen in der Hand auf den Zug wartet, der ihn fortbringen soll von dem Hauptquartier seiner Ernüchterung, da unterscheidet er sich schon in seiner äußeren Erscheinung kaum noch wesentlich von den russisch-jüdischen Flüchtlingsgestalten« die wir in elenden UebergangSlagern oder in Hamburger AuSwandererhallen kennen gelernt haben. Es war nichts mit der Befreiung der Menschheit durch die russische Revolution. Es war auch nichts mit der Erlösung der russischen Juden von Aechtung,und Knechtung. Die Herrschaft hat gewechselt, das Elend ist geblieben. So sieht Hermann Ungar das Judenproblem oder wenigstens das Judenproblem in Rußland an. Dem überlegen ironischen polnischen Kaplan, der in einem bewegten Zwiegespräch dem jungen Bolschewisten auf den Zahn fühlt, legt er die Frage in den Mund, ob denn ein Jude, ein .Fremder", ein .Nichtruffe" dazu geeignet sei. die Führung des russischen Volkes zu übernehmen. Diese Frage darf gewiß aufgeworfen werden, wo sich Juden und Nichtjuden wirklich noch alS zwei ini innersten Wesen verschiedene Völker gegenüber stehen, wie es im zaristischen Rußland der Fall war und auch heute noch vielfach der Fall sein mag. denn zwölf fieberhafte Revolutionsjahre sind eine kurze Zeit für völkische Entwickelung. Es macht auch sicherlich keinen wesentlichen Unterschied aus, ob ein Podkamienski schon im Jahre 1917 durch die revolutionäre .Oberste Heeresleitung", oder ein Trotzki erst 1927 durch den Obersten Rat der Volkskommiffare seines AmteS entsetzt wird. Mag der äußere Anlaß für das letztere Geschehnis von sogenanntem Antisemitismus noch so fern sein. — auS dem Gefüge der wirklichen Grundtalsachen ist auch im Falle Trotzki das Judenproblem nicht auszuschallen. Dem wirklichen Trotzki hat man sein physisches Leben bis heute noch belasten und vielleicht wird er noch einmal Auferstehung feiern; vorerst sitzt er itur verbannt im tiefsten Sibirien und um sein einsames HauS pfeifen die Kugeln geheimnisvoller Schützen. Rathenau dagegen ist regelrecht abgeschoflen worden, — und er war doch gewiß nichts weniger als.ein Mann der Revolution. — Bedeutet das wirklich, daß stets und überall die Artverschiedenheit sich in blutigem Schrecken entladen muß, wo ein Jude, wo überhaupt ein .Fremder" zum Führer wird? Die Frage in dieser Zuspitzung aufwerfen, heißt sie verneinen. Führer darf sein, wer den Willen der Geführten in sich trägt und es versteht,diesem WillenGeltnng undWirkung zu geben. Darum kennt die Geschichte nicht wenige .Volksfremde" und darunter nicht wenige Juden.^ die erfolgreiche und — trotz gelegentlicher Anfeindungen und Verhöhnungen — von ihrer andersstäinmigen Gefolgschaft hochverehrte Führer waren. Entscheidend istnichtder blutmäßige,sondern der kulturelle Zusammenhang zwischen Führer und Geführten. Darum liegt das züdische Führer- Problem auch für Deutschland, ja für jedes Land deS Westens grundverschieden von dem des Ostens. Gegen diese Erkenntnis beweist auch der Rathenau-Mord nichts, denn der politische Meuchelmord wird nicht nur an ^Fremden" verübt. Das jüdische Führer-Problem ist für jedes «Land ein anderes und stets ein Problem, daS in allem den Gesetzen der allgemeinen Entwicklung gehorcht. Wo Juden in ein Volk so hineingewachsen sind, daß sie nicht von einem Tage zum andem erst die ungeheure Kluft zwischen Ghetto und Kreml überspringen, aus einem Moische Frischmann sich in einen Morim Podkamienski verwandeln müffen, dort nwg ein-Jude auch Führer sein, wenn er persönlich daS Zeug zum Führertum hat. Denn dieser jüdische Führer ist eben kein Fremder, er führt nicht ein fremdeS, sondern sein eigenes Volk, und sein Glaube an dieses Volk wird auch durch die rückständige Gemeinheit der jeweiligen Brutzkin und Genoffen nicht erschüttert werden können, mag auch der eigene Vater des Führers, ja mag schließlich dieser selbst das Opfer fein. Dem Dichter vorzuschreiben, wie er Probleme behandeln dürfe, wird kein Verständiger wagen. Der — trotz allem — Dichter Hermann Ungar wollte wohl auch nur ein Problem veranschaulichen, nicht es lösen. Aberwie wirkt ein solches .Judenstück" auf die breite Masse, die ernstlich den Schluß ziehen mag, hier würden die Judenfrage. das Problem des jüdischen Führers in ihrer Allgemeinheit als unlösbar entlarvt? Die Judenfrage i st lösbar, wo der feste Wille zur völkischen Eingliederung bei den. Juden besteht, wo dieser Wille über alle Rückschläge und persönlichen Enttäuschungen hinweg durchgehalten wird und, last not least, wo es gelingt, den Schädlingen daS Handwerk zu legen, die hüben und drüben den Verfchmelzungsprozeß zu stören suchen.