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Der nationaldeutsche Jude · 1928-04-01 · Nr. 1/4 (April 1928) · p. Seite 9

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1928
Issue
Nr. 1/4 (April 1928)
Date
1928-04-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Einzelindividuum übertragen, das so unter den Formen des Typenbildes geschaut und unter dessen festen Formen gewertet wird. Typenbilder, wie die des Nationalisten, des Demokraten, des Juden, des Preußen, des Katholiken, des Fremden, Typenbilder verwickelteren Ursprungs, können.— wir werden es nächstens bei den Wahlen zu beobachten haben — geradezu parteibildend wirken, ganz wesentliche politische Schicksale — und Leidenschaften erzeugen. Denn mit jedem Typenbild ist psychisch wirksam eine ganz bestimmte Atmosphäre etwa der Achtung, der Neigung, des Zweideutigen, der Ehrfurcht, der Ablehnung, der Bewunderung, des Machtglaubens, der Würde verbunden, und das Individuum, das als zu dem entsprechenden Typus gehörig angeschaut wird, wird alsbald in diese bestimmte Atmosphäre eingerückt; cs genießt von ihr aus Neigung oder Abneigung, Vertrauen oder Mißtrauen, ehe noch die eigenen, individuellen Charaktermerkmale sich offenbaren und Gelegenheit geben, jene Neigung oder Abneigung zu rechtfertigen oder als unberechtigt zu kennzeichnen. Zu solcher Offenbarung gewährt der flüchtige Alltag, der, zumal in der großen Stadt, ununterbrochen neue Wogen des Ozeans Menschheit am Auge vorüberwirft, weder Zeit noch Möglichkeit. Die Kunst des unmittelbaren Menschendurchschauens reift selten und in Auserwählten, nie im arbeitsdrückcndcn, rechnend-hehenden Alltag der breiten Masse. Um so dringender bedarf diese des fertig geformten Typenbildes und seiner einfachen und reflexionslosen Uebertragung auf das Individuum; denn durch diese Technik allein wird dem tiefen biopsychischen Bedürfnis nach Orientierung und fester Gefühls- und Wert Haltung gegenüber dem seelisch Unbekannten Befriedigung gewährt. Diese^ Typenbilder, nicht so sehr durch Erfahrung erworben und aus Abstraktion entstanden, als vielmehr übernommener Väterbesitz, buntfarbig ausgestattet durch angelesenes Wissen und Glauben, diese Typenbilder werden zumal hinsichtlich der mit ihnen verbundenen Wertgefühle je nach Temperament, seelischer Dichtung, persönlicher Neigung und eigener sozialer Lage variiert, aber in dssy wesentlichen Zügen behalten sie für Generationen ihren Sinn und ihre Form — oder ihre Formen. Denn zuweilen finden sich für einen Typus völlig gegensätzliche Typenbilder, deren Wahl charakteristisch ist für das Temperament und die Struktur des Wählenden. ' Der Schauspieler etwa wird im volkstümlichen Bewußtsein angeschaut entweder unter dem Typenbilde des verlotterten, unordentlich-zigeunerhaften Maskenträgers, auf dessen Wert und Gefühl man nichts geben kann, und dessen künstlerisches Amt nichts ist, als ein leichtfertiges Vertauschen der segenbringenden, mühselia-redlichen Arbeit mit farbenfrohem, unverantwortlichem Spiel - - oder als der seelengesteigcrte Wanderer in ringenden hohen Welten, die an seinem Seelentum zehren, von seinem Blute trinken, das er ihnen zum Opfer gibt, daß das Unerhörte sichtbar werde in den atemraubenden Stunden des abendlichen Bühnenspieles. Diese verschiedenen Werthalt ungen wirken sich unmittelbar in entsprechend gegensätzlichem praktischem Verhalten gegenüber dem Typus aus. Im einen Falle wird mannen Schauspieler meiden und die Türen sorgfältig vor ihm geschlossen halten, im zweiten Falle wird man ihn suchen und ihm gern alle Türen öffnen. So notwendig das Typenbild als biologisches Orientierungsmittel ist, so sehr kann es eine Ouclle i der Trennungen, der Mißverständnisse, der abgeriegelten Lebensfremdheit werden und zu ü n a b - - sehlichen Konflikten führen._ Denn das Typenbild ist äußerst schwer zu korrigieren. Selbst dem Druck durchaus widersprechender Einzelerfahrungen bietet es Trotz. Hier ruft es gern jenen grotesken logischen Sprung von der „Ausnahme, die nur die Regel bestätigt", zu Hilfe. Gerstde weil es das Grundgefühl stützt, die Welt begriffen zu haben —r jenes Grundgefühl, ohne das schwerlich die praktisch notwendige Sicherh°rit und Selbstbewußtheit des Handelns gewährleistet ist, das deshalb soziologisch betrachtet eine unerläßliche G r u n d f u n k t i o n des ' biologisch erfolgreichen gesellschaftspsychischen Verhaltens ist — gerade deshalb ist es nur unter oft gefährlichen, zuweilen verhängnisvollen Erschütterungen des' Selbstbewußtseins möglich, Fehler der Typenbilder oder des Typen» systeffis einzugestehen. . Hier liegt eine tragische Gefahr des Typensehens, die zu schwierigen und unabwendbaren Konflikten führen kann — etwa in der Voreingenommenheit des Richters, die in der Regel nichts anderes ist, als ein zu starkes Eingefärbtsein der Erkenntnis des besonderen Menschen in seinem besonderen Falle durch die typische Anschauung dieses Menschen in seinem nur typisch bewerteten Falle. 6. _ Wie immer man den Antisemitismus geschichtlich herleiten und verstehen mag: in diesem Grundprozeß der Mechanisierung des Sehens zum Typensehen liegt die Ouelle, aus der das Bild des verfemten Juden sich immer wieder erneuert und erhält. > Das Typenbild des Juden ist zunächst von der Masse aus den Nährböden elterlicher und volksttim»-j licher Tradition übernommen, geerbt. Es wird auf diesem Boden gezüchtet, es wächst in die Seelen unvermerkt hinein und als feste Anschauungsform mit ihnen mit. Wie beim Erklingen eines Volksliedes, das uns von früher Kindheit an vertraut ist, immer wieder der gleiche, schmerzhaft-heimatlich-sehnsüchtige Gefühlskomplex uns ergreift, bis ins höchste Alter hinein, ein Gefühlskomplex, den keine Logik etwa in uns zerstören oder nur stören.könnte, weil wir in ihm uns gleichsam in unserer lebensgeschichtlichen Ganzheit bis in die Wurzeln unseres Kindseins hin erfühlen und unmittelbar erleben so tritt bei unzähligen Menschen in dem Augenblick, wo irgend jemand als Jude bezeichnet wird, ein Heer von typischen Feindschaftsgefühlen in Kraft, die die Gestalt des Juden zum , Feind u m g e st a l t e n. Diese Gefühle verbinden Generationen und Schichten von Menschen, sie sind, wie jedes an das T y p e n b i l d geheftete Gefühl, von keiner Vernunft und Erfahrung unmittelbar! beeinflußbar. Der Typus des Juden ist geprägt als der Typus des Fremden, des Mannes der ftemden Geschichte, des fremden Blutes, mithin der undurchschaubaren, verborgenen, und deshalb alle Gefahren in sich bergenden Gesinnung. Der Zionist, der nationaljüdische Mensch bekräftigt dies Typenbild. Hundert nationaldeutsche Juden können nicht anslöschen? was ein Nationaljude an Prägungsverstärkung im volkstümlichen Bild des Iud^n vollzieht. Denn volkstümliches Denken ergreift leidenschaftlich jede Bestätigung; alles was dieser Bestätigung zuwiderläuft, kommt außerordentlich schwer zur Wirkung, weil die biologische Eigengesetzlichkeit des der Gesinnung eingeprägten, eingewachsencn Typenbildes sich dagegen sperrt.

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