Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1928
- Issue
- Nr. 1/4 (April 1928)
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 v 9 TT sammengenommen. Sie haben gelernt, was man in Deutschland zumal so besonders schwer lernt: kritischbefreiende Haltung gegenüber dem verhängnisvollen, alles selbständige Denken und Urteilen überwältigenden Typenbild, das die Anschauung der tausendgestaltigen. unerschöpflich formenreichen, lebendigen Wirklichkeit einschmilzt in den engen, dunklen, erkenntnislosen Zellenraum eines Typus — und dieses^vcrcngtc, verdunkelte Typenbild regiert nun an Stelle der reichen warmen Wirklichkeit. 'Als die Primaner ihr Mecklenburgisches Erlebnis erzählten, waren sie in jener merkwürdig schwehenden Stimmung, in der Elemente des Belustigtseins über die Komödie menschlichen Irrens' sich mischtgn mit einem deutlichen Anbehagen, das sie ergriff, wqnn sie über den Mechanismus der Seele nachdachten,i jenen unheimlichelt Mechanismns, der in der Gesinnung eines schlichten und ehrlichen Mannes aus einer Zeitungsnotiz über eine unselige Tat in Steglitz nun zwangsläufig ein T y pe n b i l.d des $ t egli tzers formte, das sein freies und ' mannhaftes Denken einfach unterwarf, knebelte, blendete. Er handelte nicht mehr den fünf gegenüber aus > seiner gütigen, menschlichen Gesinnung heraus- — wie! er es vorhatte -- sondern das Typen bi ld „Steglitzer" z w a n g ihn, hc4i fünf alsbckld die Maske dieses Typenbildcs übcrzuwcrfen, und nicht mehr di: fünf wirklichen jungen Manschen selbst, sondern di: fünf unter einer wirklichkeitsfremden Maske zu sehen und zu behandeln. f Ich wünschte jedem deutschen Brenschen in seiner Reifezeit ein solches Erlebnis. Es würde ih r, wie jene fünf, erwecken. Eswürde ihn anlciten, n sich selbst hineinznlauschcn und sich zu fragen, ob dieser grauenhafte Mcchanisierungsvorgang, der. das fn ie. gewisscnsstarkc Denken dem Puppenspiei von Zerrbildern hinopfcrt, nicht etwa anch ihn sel-k st erg s i f f c n h a t. ' Es bedarf keines Wortes, wie solche Erlebnisse das Kanalsystem, aus dem der Antisemitismus' in die Menschenhirne geleitet wird, sprengen müssen. - Freilich gewinnen alle Erlebnisse und Betrachtungen jener Mechanisierungen erst dann den Wert zureichender Erkenntnisse, wenn man nicht nur erblickt, wie sehr sic die Seele und ihre Tat entstellen können sondern wenn man weist, wie sehr sie ein biologisches Instrument der MassenseCle sind. * 3. Die Technik des Begreifens fremder Individualität, die Aneignung und Vervollkommnung dieser Technik entspringt einem elementar-biologischen Bedürfnis des menschlichen Geistes: dem nach Orientickung »n der Amwelt. Alles UnbSgriffcnc ist das Dunkle, Ungeordnete, Unprüfbarc, das 'Abgründige, in dem Gefahren säuern, die uns plötzlich überfallen und zu Boden schlagen können — oder darin Möglichkeiten und 'Aussichten verborgen liegen, die uns verloren gehen, weil wir sic nicht mit dem Lichte des Begreifens ablcuchtan und in unseren Lebensweg einbeziehcn können. I' Zwischen dem Ünbcgriffcncn bewegen wir uns wie eine Marschkolonne in Feindesland zwischen dunklen Wäldern, die keine Patrouille aufklärto. Wir wissen nicht, welche Uebermacht diese unbekannten Wälder bergen, wie bald sie erdröhnen vom Donner der Geschütze, wir wissen ebensowenig, welche Möglichkeiten zu sieghaften Befestigungen sie bergen. > Deshalb wohnt den Menschen aller Zonen der Trieb inne, die Erde zu begreifen iu allem ihren fernen und mit dem Begreifen das Dunkelst und Gefahrbringendste zu umfassen: den Menschen in allen seinen Gestalten und Schichtungen. * Der Mldungstrieb ist — biologisch gewertet — der Dran/j diese Technik des Begreifens zu schärfen und die H-cise ihrer Reichweite unablässig vorzuschicbcn in > die Welt des Raumes und der. Seele. Das begreifende Erleben einer fremden Persönlichkeit geschieht um so intensiver, die Bildformung um so adäquatör, je näher die fremde Persönlichkeit unserem eigenen Lcbcnskreise steht. Je weiter uns diese Lebenskreise der fremden Persönlichkeit entrückt sind, je weniger gemeinsame Erlebnisse, Nöte, Hemmungen, Bemühungen und förtreißcnde Dynamik im Ablauf unserer Lebensstundcn und unseres Tagewerkes wir mit der fremden Persönlichkeit haben, um so schwieriger ist cs, ein Bild des Anderen zu formen mit allen seinen besonderen Prägungen, die sich abseits von unserem eignen Erführen und dem Zusammenhang unserer eignen Persönlichkeit vollzogen haben.! 4. Allein die Orientierung in der unabsehbaren Wels scc''schcr Gestalten würde jedes Maß und die Erdenzcir menschlicher Geistcstätigkeiten überschreiten, wenn wir dies ovientierende Begreifen nicht mit Hilfe gewisser Orgänisationsformen bewerkstelligten, die die Vielheit seelischer Erscheinungen in Einheiten sammeln ukib durch dieses Sammeln, Abheben und Unterscheiden bereits ein elementares und allgemeinstes Strukturbild des Kosmos beseelter Gestalten vermitteln.; Diese Organisationsformen, die wir gleichsam wie Rahmen dem Chaos um uns entgegenhalten, daß es sich ordnend in sie hincinpasse, sind die Typenformen. Jeder" menschliche! Typus stellt so eine allgemeine Form für Seelisches dar, vermöge deren wir uns dem Einzelnen begreifend nähern, durch die wir uns über seinen Stellenwert in der Umwelt orientieren und damit unsere innere Haltung ihm gegenüber begründen und fcstsetzen. Das Begreifen fremder Individualitäten wird um so zutreffender und praktisch-zweckmäßiger sein, je differenzierter dies Strukturbild, d. h. je mehr Organisations-sTypen-)Formen uns zur Verfügung stehen, um die Mannigfaltigkeit, die Wandelbarkeit und die voraussichtliche Wirkungsweise von Individuen zu erfassen, die Individuen gegeneinander abzugrenzen und damit in ihren Sonderwerten zu begreifen. Zumal das volkstümlich -alltägliche Begreifen istan das Typensystem gebunden. Er wünscht gekadezu ein möglichst klar und handfest-gebrauchsfertig nach Typen geordnetes Weltbild. ° Während andererseits der geistige, industrielle, technische, kaufmännische Führer . einer gewissen intuitiven Menschen-, d. h. Individualitätskenntnis bedarf, die hinter den allgemeinen Typenrahmen blickt und eben die einmalige Struktur der Persönlichkeit erschaut und verwertet. Für das volkstümliche Begreifen bleibt der „Typus" unumgängliches Bedürfnis. Der hetzende, schnell rollende praktische Alltag läßt nicht Zeit und Nervenkraft zu differenzierender Pflege verwickelten Seelenbegreifens. Um hier nur an die Typenformen zu erinnern, die von den Berufen her gebildet sind: daß Herr X. ein Gelehrter, ein Aufkäufer, ein Schauspieler, ein Arzt oder ein höherer Beamter ist, das ist eine leicht zu ermittelnde Kenntnis — und damit ist die erste Grundlage für das praktisch wertende Begreifen gegeben. Denn der Gelehrte, der Schauspieler, der Bankier oder der höhere Beamte finden sich als fertige Typenbildcr im Bewußtsein vor, und die Wesenszüge dieses fertigen Typenbildes werden auf das