Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10/12 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 10 - Im übrigen ift es unmöglich^ alles, was die Ausstellung an Anregungen bot, in einen kurzen Bericht zu fassen. Erwähnt sei noch die „Ntufterbücherei! einer Jugendlichen", die gewissermaßen den eisernen Bestand jeder Bücherei darstellen sollte, und der fünf spezielle Büchereien angegliedert waren für den evangelischen, katholi'chen. sözia istischen und nationalen Jugendlichen und füq den Jugensstührer. Hierin zeigt sich, i daß bei aller Versäficdcnheit der, Meinungen und Welt-! anschauungen die geistige Grundlage der gesamten deutschen! Jugend die gleich: ist. Unter den sehr ausgewählten künstj lerischen Schöpfungen, di: aus Kressen d:r Jugend stammen, befanden sich einzelne ganz ausgezeichnete Bilder, ijieiit Holz schnitte. Den Zweck, den die Ausstellung verfolgte, hat sie erfüllt: Der breiteren O effen tli chkei 1 ein Bild vom Leben der deutschen Jugend zu geben. Gewiß war nicht alles ganz beifallswürdig, aber was bedeuten kleine Mängel gegenüber dem Gesamtbild: Die deutsche Jugend. herangewachsen in der Not von Krieg und Kriegsfolgen. ift sichcrnftund nüchtern der Verantwortung bewußt, die sie fürdes Reiches Zukunft trägt. _ r—w\ Berbandsnachrichlen. 1. Berlin, (1. Vortragsaben d.) Am 26. Oktober iand ein Mitgliede'abcnd mit Gäste i statt. Den einleitenden Vortrag hielt Herr l)r. Müller-Claudius, unseren Lesern durch sein vorzüglich:? Buch „Deutsche Rassenangst" «Verlag C. A. Shwetschke & Sohn. Berlin 1927; besprochen in Ar. 4 6 unseres Mitteilungsblattes) und durch >eincn AufsaK .^.Zwischen Logik und Nationalst f ü h l" (Rr. 7,9 unsere; Mitteilungsblattes) bekannt. Das Tbema de; Vortrage; lautete: „Vom gesunden Nalionalgcfühl.und der deutschen Iudenfragc". De durch Gedankenreichtum und ausgezeichneten Bortrag segelnden Ausführrmgen des Redners wurden mit ftärlftcin Beifall ausgenommen. An der sehr anregenden Aussprache beteiligten. sich nichtjüdisch: und jüdische Gäste sowie mehrere Verbandsm-tglieder. Wir geben im Folgenden einen uns von Herrn l)r. Müller-Claudius selbst^ gütigst zur Verfügimg gestellten Auszug des Vortrages, den wir in ausführlicher Form späte.- veröffentlichen zu können hoffen. > „Der Redner zeigte, daß da; Nationalgefühl al; Masienerschrinung ein ganz^ junges Daiein habe. In der Zeit der größten deutichen Tradition, etwa als Lessing und Herder die Nationalitäten als individuelle Brsonderunqen des Au;' drucks des einen großen Menschcngeistes erfühlten, zugleich abein jederdiationalität di: wesenhafte Pflicht erfühlten, Ader des einen großen Menschengeistc; zu sein — tu. lener Zeit war Nation und Volk durchaus nicht dasselbe, r. ie „Nation" umfaßte einen ergniiiten, schöpferischen, Verantwortung tragenden Kreis, der das Wesen der Nation prägte. Das „Volk", das den Staat formiert, hat nur den Zweck den materiellen und biologischen Unterbau abzugeben, auf dem die Höhenleistunqen der Nation, errichtet wurden. Die große französische Nation ist die erste europäische Gelegenheit, die der gesamten Mage bedarf. Sie muß mobi- Iniert werden. Sie muß kämpfen. Dadurch wird die In dividualilät der französischen Nation maisenplychologisch gegen alle anderen Nationen Europa; abgcgrenzt. Die mobilisierte Masse Frankreichs erlebt ihren Triumph, sie fühlt in sich» und den Ideen, die sie trägt, die Verpflichtung zur erlösenden «endiing an die Welt, und in dieser gesammelten V f l i ck, t. der Maike vernimmt diese Masse zum erstenmal das Rativnalgesühl im gegenwärtigen Hitzegrad und in der modernen Struktur. Die Reformideen des Freiherrn vom Stein beruhen darauf, die Erfindung von der Mobilisierung und Nationalisierung der Mafien und die dadurch gewonnene ungeheure Steigerung der nationalen Stoßkraft auch auf die preußische und deutsche Masscnpiyche zu übertragen. bebt die Geschichte des modernen Natfonalgefühls m Deutschland an. die keineswegs abgeschlossen ist. Denn was lind 109 Jahre für die Geschichte eines Massengcfühls?! Ein Blick in die Religionsgcschichte zeigt uns; daß in allen Zonen und Kulturstufen der Erde das erste Jahrhundert eines Manengefühls stets das Jahrhundert der primitiven Fanatisicrung ist, aus der es langiam erst herausgeführt wird und emaeordnet in den gesamten Organismus des Fuhlens, der Sck>g». der Deutung und der Erkenntnis. w ro'irbcJu weit fahren, hier auf die mafscnspnchologische Analyse de; Nationalgefühls und auf die Charakteristik der „nationalisierten Massen", einzugehen. die der Redner im Kernteil seines Vortrages an der Hand von Beispielen vornahm. Diese Betrachtungen sind Zu subtil, als daß sie in wenige «chlagworte zulammenaedränqt werden könnten. Es -r - £ . ermnett, daß eines jener illustrierenden Beispiele die Struktur des gegenwärtigen Antisemitismus heranzog: Jede Masse braucht einen Kontrast, an dem sie sich konstituiert, an dem sie sich als Einheit bewußt wird. stiftung braucht, ist: der Fremde. An ihm wird das „Anderssein" am schärfsten bewußt.. Der Deutsche ist verhältnismäßig schwer in festen Mass-nbmdmrg-n zu halten. Um so mehr bedarf die nationale Propaganda des Symbols des Fremden, gegen den die Masse mobilisiert wird. Mobilisierte Massen halten am festesten zusammen. . In manchen Gegenden und Denkkreisen rmrd schon der katholische Mensch zu diesem Fremdheitssymbol des „Undeutschen". gegen das alles „echte Deutsche" „zum , Kampf" zusammengeschlossen werden soll. Ueberall aber bedient man sich des Juden als Symbolträger des Fremden. Indem man übersieht, daß das Nationalgefühl erst ganz kürzlich überhaupt m die Massen einst rönne. ruft man es propagandistisch als ein Urgefühl aus, bas aus dem Blute und dem gesamten Erlebnisstrom der „Rasse" her naturhaft, heilig und heiligend aufguelle. ' Der Jude» der „anderen Blutes" sei. müsse asso der Fremde im deutschen Volkstum sein, der den Gleichstrom der nationalen llrgefühle störe — und so wird der Jude das Symbol, das der nationalistischen Propaganda das nächste und darum am konkretesten und schnellsten wirksame Mittel zur nationalen Ueberhitzung ist. In Gedankenaängen. die sich mit denen fernes Buches über dix „deutsche Rassenangst" vielfach berührten, zeigte der Vortragende.;wie falsch und vor allem wie ungesund und gefährlich für die Entwicklung eines innerlich starken Nationalgefühls diese Wertung des Juden als „undeutsch" und „zersetzend" ist. Eben weil aber das Deutschsein des Juden sich in gar keiner Weise von dem Deutschsein des Nichtjuden unterscheidet, bezcichnete der Vortragende das Bekenntnis des nationaldeutschen Juden als den selbstverständlichsten, uneingeschränktesten. eindeutigstem naturhaftesten und deshalb echtesten Ausdruck des nationalen Grundgefühls des Juden. Wenn ein großer Teil der Juden sich nicht zu diesem Bekenntnis entschließen, so bebrütet das nicht, daß ihr nationales Grundgefühl anders, „undeutscher" wäre. Nicht da; nationale Grundgesühl ist in ihnen gehemmt, sondern .lediglich das Bekenntnis dieses nationalen Grundgefühles. Es ift gleich sam eingehüllt in Scheu vor dem gualvolken Zurückgestoßen- Werden durch den Schrei der Anissemiten: Ihr seid nicht unser. Ihr sollt nicht uisser sein. Ihr dürft nicht unser sein. Aber das Bedeutungsvolle der nationaldeutschen Juden- Bewegung liegt darin, daß sie bewußt macht und bekennt, was iv Hunderttausenden von deutschen Juden leidvoll verdrängt — und doch von Sehnsucht getragen ist, klares, eindeutiges Bekenntnis und Wissen, zu werden, das Geltung im deutschen Geiste ha> und, da; von keinem verwilderten Nationalfanatismus mehr verwundet und be'leckt wird." — (2. Vortragsabend.) Am 8. Dezember sprach unser Verbandsvorsitzcnder Justizrat Or. Sieg mann vor Mitgliedern und Gästen über da; Thema: „3 u b e n * frage und 2 usti z." Unter Anführung einer Fülle interessanter Einzelheiten aus älterer und neuerer Zeit erörterte der Redner die Frage, wie die deutschfühlenden Juden sich zu Erscheinungen des Rech^s'ebens stellen sollen, die gewöhnlich auf die Formel „Antisemitismus" gebracht werden. Seine Ausführungen, die lebhaften Beifall bei Mitgliedern und Gästen fanden, klangen in die Mahnung aus, nicht überall Judenfeindschaft?u wittern, wo oft nur juristischer Formalismus. Mißverständnis oder allenfalls eine Befangenheit vorliegt, di« ihre Wurzeln ganz außerhalb des Gebietes der Judenfrage hat. In der sehr lebhaften Aussprache wurde nur von einem einzigen Redner, einem Gast, der Standpunkt vertreten, daß der Antisemitismus in unserem heutigen Rechtsleben eine besonders starke Wirkung ausübe. Alle übrigen Redner. Mitglieder wie Gäste, traten im Wesentlichen dem Vortragenden bei. Besonders bemerkenswert wenen di« Ausführungen de; als Gast anwesende» Predigers Or. Rosent h a l. der u. a. aus dem Gebiete des Schulwesens «inen interessanten Fall der Antisemitenriecherei als Seitenstück zu den Mitteilungen des Hauptredners vorbrachte. Von zwei Verbandsmitgliedern wurde hervorqehobcn. daß die in der Oeffentlichkeit besonders lebhaft besprochenen Fälle sich aus der allgemeinen Zerrissenheit und Ueberreiztheit des deutschen Volkes erklären. Die überall herrschende Reizstimmung mache es dem größten Teil aller Volksgenossen. Juden wie Nichtjuden. fast unmöglich, irgendeine Erscheinung des Lebens zurwürdigen, ohne daß mindestens unbewußt Voreingenommenheit. Verärgerung und Mißtrauen sich geltend machen. Die Aufgabe sei daher, durch verständnisvollen Abbau, nicht verständnislose Bekämpfung des Antisemitismus die allgemeine Reizbarkeit zu vermindern und als deutschfühlende Juden nicht in den gleichen Fehler überempfindlicher Verallgemeinerung zu verfallen, den wir mit Recht den „Antssemitrn" vorwerfen. — (Weitere Veranstaltungen.) Für Ende Januar oder Anfang Februar ist ein» größere Veranstaltung in Aussicht genommen, für die uns der Dicker Wilhelm von Scholz. Präsident der Akademie-Sektion für Dichtkunst, einen Vortrag zugesagt hat. Bes^n^ere Nahricht folgt.