Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10/12 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hilaire Velloe - Antisemit oder Warner? Don Ernst Berg. Die Gastfreundschaft dieser Blätter gibt mir Gelegenheit, mich nach dem Wunsche meiner Freunde über das vielgenannte Buch des Engländers B e l l o c: „Die Juden" zu äußern. Dieses Buch läßt bei einer vollkommenen Gegensätzlichkeit?>n angestrebten Ziel merkwürdige Uebereinstimmung mit meiner Schrift „Wohin treibt IuVä?" erkennen. Belloc sieht die gegenwärtige Lage der Juden, wie ich iie sehe, und er schildert sie fast mit denselben Worten. Er wendet sich gegen die Verheimlichung, weist mit beredten und ernsten Worten auf die ständig wachsende antisemitisch« Gefahr hin. und verlangt gebieterisch nach einer Lösung. Das ist die Uebereinstimmung. Die Gegensätzlichkeit liegt darin, datz B e l l o c die „friedliche Absonderung" der Juden verlangt, während meine Schrift in Uebereinstimmung mit dem Verband nationaldeutscher Juden eine Lösung des Problems oder wenigstens eine Besserung der t'age nur auf dem Wege der Annäherung und Angleichung für möglich hält. Bellocs Theorie der Absonderung ist von den deutschen Juden aller Richtungen abgrlehnt worden und wird vermutlich auch in diesen Blättern eine Zurückweisung erfahren *). Tatsächlich würde Bellocs Plan die Lage unerhört verschärfen und die Lösung durch Gewalt, die er vermieden sehen will, unabwendbar machen. Es ist ganz unerfindlich, wie der englisch: Historiker dis „Reizung des jüdischen Fremdkörpers" dadurch beseitigen will, daß er die Juden als eine gesonderte Ration betrachtet, die wohl inmitten ihrer Wirtsoölker eristieren. aber nicht gemeinsam mit ihnen leben soll. B e l l o c spricht von „liberaler Fiktion", wenn man einen Juden als Engländer bezeichnet, mir scheint es eine weit größere Fiktion, wenn man einen Engländer von bestimmter Art. der keine andere Sorache als die englische spricht und England seit Jahrhunderten als seine Heimat betrachtet, einen Juden nennt. Die Unsinnigkeit seiner ..Lösung" liegt auf der Hand. Da der wirtschaftlich? und geistige Konkurrenzkamvf nicht aufhört und nicht aufhören kann, werden die bestehenden Reibungen nicht beseitigt. 2m «»egenteil, sie müssen zunehmen, und das ist der Grund, weshalb wir mit allen' Kräften gegen die Entfremdung kämpfen, die leider schon weit genug vorgeschritten ist. Kommt cs einmal so weit, daß jüdische und n'chtjüdilche Jugend in getrennten Lagern aufwächst. so ist jede Mög'ichkeit der Verständigung dahin, und d'e internationale Verbindung der Juden, die jetzt nur ein Phantom ist, könnte Wirklichkeit werden. Ich versönlich wünsche/ daß die jüdischen Minoritäten von ihren Wirtsvölkern aufqesauqt werden, man mag zweifeln, ob dieses Ziel jemals erreicht wird, aber man kann nicht bestreiten, daß schon der praktische Weg zu diesem Ziel, die Annäherung und Angleickung. geeignet ist. die schwersten Gefahren zu beseitigen. B e l l o c emvfiehlt die entgegengesetzte Methode, obgleich er selbst zugibt, daß die Juden sich dabei nicht allzu wohl befinden würden (S. 147). Und damit kommen wir zu der Person Bellocs. wie sie uns aus semem Buche entgegentritt. Man hat B e l l o c auf jüdischer Seite einen verkappten Antisemiten genannt und seine Schrift mit den „Weisen von Zion" verglichm. Das iß nicht mein Urteil. Ich halte B e l l o c »i-bt für einen bewußten Heuchler, und ich nehme seine wiederholten Hinweise auf mögliche Pogrome als Warnung, nicht als Drohung. Aber wenn B e I l o c kein Antisemit ist. so ist er noch weniger ein Freund der Juden: die Betonung seiner aufrichtigen Gesinnung, sein „Friede mit Israel" macht einm unangenehmen Eindruck. B e l l o c urteilt aus der Sphäre der englischen Konservativen, er ist erstaunlich klug, wo es um die Vertretung sein»r Jn1»re's»n gebt, und anf der anderen Seite ebenso erstaunlich beschränkt. Man erhält den Eindruck eines frommen, katholischen Mannes, der die Juden nicht verbrennen. sondern nur auf ewig an die Kette legen möchte. Bellocs Buck strotzt von Einseitigkeiten und Verdrehtbeiten und bleibt trotzdem lesenswert. Was B e l l o c über den englischen Antisemitismus sagt, könnte manchem deutschjüdischen Le^er die Augen öffnm. und kein größerer Fehler, als wenn auch dieses Buch mit Gewalt, unterdrückt würde. Richtigstellung. In meinem Artikel über das Reichsschulgesetz (Septembermimmer des Mitteilungsblat'es ..Der nationaldeutsche Jude") befindet sich ein Passus, der irrtümlich als ein Zitat aus einem Artikel des Herrn Woyda in der Jüdisch»liberalen Zeitung gekennzeichnet wurde. Ich bedauere dieses Versehen umsomehr, als ich dadurch den Eindmck bervorgeruken habe, als ob Herr Woyda für die jüdische Bekenntnisschule eintreten wal'te. was, wie ich mich nachträglich überzeugt habe, nicht der Fall ist. A. G e r s o n. #) Siehe oben unter »Bücherschau". Die Schriftleiiung. Dör Tod und die Liebe. Don Lehrer A. G e r s o n. A?k..de"' kürzlich enthüllten Grabmal der Kriegsgesallcnei, in Weißensee befindet sich die hebräische Inschrift: asal, kamaweth ahabah (Hohelied 8, .6). Diese Grabschrift soll dokumentieren, wie die Gefallenen dachten, äls sie in den Tod gingen, und sie dokumentiert auch, wie die Stifter des Grab mals über den Tod fürs Vaterland denken. Damit darüber keine irrigen Ansichten aufkommen, möchte ich an dieser Stelle auf den Inhalt der Grabschrift eingehen. Das Hohelied ist ein Liebeslied, es ist ein Wechselgesang zwischen einem Hirten und einet Hirtin. Pe einander lieben Die Grabschrift befindet sich in» einem Passus, den die Hirtin spricht: Trage mich wie einen Siegelring Auf deinem Herzen, Wie einen Siegelring Auf deinem Arm. Denn gewaltsam wie der Tod ist die Liebe. Hart wie das Grab ist die Eifersucht, Ihre Gluten sind Feuergluten. Die Hirtin meint, ihr> Geliebter müsse mit ihr so achtsam umgehen, wie mit seinem Siegelring, er; dürfe ihr keinen Grund zur Eifersucht geben, denn eifersüchtige Liebe sei wie der Tod. wie das Grab, wie das Feuer furchtbar. Run haben die alten Rabbjncn und mit ihnen viele mittelalterliche Auslegerder Bibel an der! Erotik des Hoheliedes Anstoß genommen und endlich erklärt, das Hohelied sei ein Dialog zwischen Gott, dem Hirten der Völker, und Israel seiner Geliebten. Rach ihnen sagt! Israel, Gott solle es wie einen Siegelring bewahren, und nach ihnen gleicht die Liebe zwischen Gott und Israel auch dem Tode, dem Grabe und dem Feuer. Die Stifter des Grabmals haben gegltzubt, diese Fiktion der alten Rabbinen aufrecht erhoilten zu köitn:n. sie haben geglaubt. die Liebe (atigbalrs.'Tne aus dem; Hoheliede spricht, als göttlich«, überirdische, ansvrechen zu können, obwohl der Vergleich mit Tod. Grab und Feuer, ferner das Wort „asah", das nicht „gewaltig" sondern „gewaltsam" bedeutet, und endlich der ganze Zusammeichang auf hie irdische, sündige Liebe schließen la'sen. Für Leute, die das Hebräische nicht ausreichend verstehen, macht es allerdings pichts aus. ob die ^Grabschrift das enthält, was die Stifter des Grabmals mit ibr sagen wollten, oder nicht. Anders ist es aber, wenn die Grablchrift Leuten vor die Augen kommt, die die Stelle im Uttert keimen und wissen, daß dort von der ..sündiges' Liebe die Rede ist. und daß von ihr etwas Leidvo'l-s. Schlimmes onsgesagt wird. Sie haben gleich mir das Gefühl, datz der Spruch nicht dokumentiert, wie stark die Gefallenen itzr Vaterland liebten, und wie sehr wir icne ehren, die der küble Ralen deckt: und wenn sie nichts Aergeres von uns Lebenden denken, so denken lie dach, datz die Grabschrift zu erklären sei aus einer bedauerlichen Rückstgndiqkeii der iüdjschen Bibeleregese und der geringen Bibelkenntnis der jüdischen Massen. Darauf wollte ich Hinweisen. _ „Das junge Deutschland". Die Ausstellung der deutschen Jugend.! die „Das junge Deutschland" hietz. ist jetzt, da dieses Blcitt erscheint, schon seit Wochen geschlossen. Trotzdem sei — wegen der grundsätzlichen Bedeutung des dort Gebotenen — ein Rückblick auch, noch heute gestattet. > Der nachtzaltiglte Eindruck, den die AutzsteLung dem Besucher hinterließ, ilt das Bewußtsein, daß die deutsche Jugend der Nachkriegszeit aktiv an der Gestaltung des Volks- und Staatslebens teil» nimmt. bi-rin unterschieden von jeder früheren »ungen Generation. Mit viel Liebe und aroßer Sorgfalt hat»« der Reichsairssch uß der deutschen Juaendoerbändr die Ausstellung z>>sammenqeb''gcht. z. T. inKraß'ügiaer Weise von führenden Firmen der Industrie unterstützt. Rücht-rne Sachlichkeit gab der Ausstellung das Gepräge. — nirgends schwärmerische erdenke me Romantik, die yiäncher bey-nMich von Jugend immer noch nicht trennen kann. Rei-de bildliche Darstellungen veranlävulichlen das st a t i st i f ch e Material, als desien erschütterndste Zilkem die folgendes angeführt f-icn: Der Geburtenrückgang in den Jahren 1916/17 betrug über 50°'o; die ganze Tragweite dieser Zahl werden wir erst übersehen können, wenn diese gan'« Generation in das Berufsleben einlritt, d. h. in den I ihren 1935—1940. Und dann: Don gewerblich tätigen Jua-ndlichen zwischen 14 und 18 Jahren haben 23 ®'o überbau vt keinen Urlaub, über 24»/» weniger al; 5 Tag»! Man versteht die immer wiederholte Liord»rung des R.D. D.J. nach gesei-ljcher Regelung der Freizeit für juaend'iche Arb'i'er und AnaesteMe. und kann sie nicht g»nug unterstützen: diele ^orde-nng ..Freizeit für die I u g en d"! diente die Ausstellung in erster Linie. ,