Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10/12 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4 Stimmen vom anderen Ufer. Vorbemerkung. Aus den Kreisen unserer Mitglieder sind zahlreiche Anregungen an uns ergänzest. zu den unglaubliwen Ausführungen Stellung zu nehmen,; die Herr Alfred Kerr anläßlich derIBerliner Reu-Aufführung des „Kaufmanns von Venedig" gemacht har. Wir wärest im Begriffe. diesen Anregungen zu entsprechen^ als uns der nachfolgende Auffas eines brwähristn nichtjüdischen Freundes unterer Bestrebungen zuging. W nn wrr auch nicht in jeder Einzelheit mit d.r Ansicht unseres nich»M»'chen F>eundes>üb reinstimmen, sind wir doch in allem Wesentlichen mit ibm einig. Wer im übrigen Jntereffe dafür hat, wie ein Jude — dessen politische Anschauungen gewiß nicht die unsrigen waren — die Shylock- Geslalt und ihre Beziehungen zur „nichtiüdischen Umwelt" im Gegensatz zu Herrn Kerr beurteilt, lese den Abschnitt über den „Kaufmann v.m Venedig" in Gustav Landauer' s ShaUspeare-Buche. Tie Schriftl^ Lhglocks Erbe. Von WalterRäbe. , : Ehe man hier von -dem Falle — einem Falle mehr — spricht, in dem sich Alfred Kerr große Verdienste um dieantisemitische Bewegung erworben hat, muß kurz von dem die Rede sein, was der Anlaß, zu diesem Fall wurde. Das Staatslheater hat den „Kaufmcknn von Venedig" neu herausgebracht. Der hier berichtet, hat die Aufführung erst nach dem Erscheinen der Kritik Kerrs gestzhen — mit geschärfter Aufmerksamkeit also dafür, ob durch Wevlästen, durch Umbicgen das venezianische Lustspiel des Briten gegen dessen künstlerische und menschliche Absichten in eine Tragödie Shylock umgespielt worden wäre. Das ist nicht der Fall. . Selbstverständlich war auch Shakespeare z e i t g e b u u d e n, hatte er den Juden gegenüber die Einstellung des Mittrlalters — denn die Einstellung des Mittelalters gegenüber den Juden blieb bis in die Aufkiärungszeit hinein — und selbst»! rständlich findet bei dem anders eingestellten Menschen voy' heute manches gar kein Echo mehr, manches ein . ganz anderes, als es zu Shakespeares Zeiten fa»d. Wenn am Schluß di r Jude hereinfüllt, wenn ihm seine Güter genommen werden, sein glauben gehöhnt, er über seine Habsucht hinweg zum C hristenttlm gezwungen wird, dann hat sich im Globe-Theater in London unzweifelhaft im Zuschauerräum das gleiche Beifallwiehrn ein- . gestellt, das Jürgen Fehling zeitgerecht auf der Bühn« diesen Vorgang begleiten läßt, während das Mildern Shakcspeares durch Antonios Eingreifen dort wenig Verständnis gl funden haben wird. Und wenn Fehling Shylock am Schluß sehr melodramatisch abgehen läßt, dann ist das gewiß eine sehr r nshakesvearische (bewußte oder unbewußte) Einräumung an keutiges Sentiment. Keine aber,., die fälschte. Shakespeare hat in dem Shylock den Juden gezeichnet, wie er ihn sah: als der große Menschenkenner, der er wart selbstverständlich nicht ohne menschliche Züge. Aber er läßt'seinem Shylock keinen, nicht einen rein menschlichen Zug. „Ich haß' ihn. weil er von den Christen ist", das könnte eijn Pro nunciamento des Getretenen werden. Wie aber fährt Shylock fort (die Greulichkeit der Schlegelschen Uebersetzung mvß man entschuldigen)? Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt Umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig! Den Preis der Zinsen uns herunterbriygt. Da haben wir den Paria, der sich' als Paria legitimiert. Als die Tochter ihm entflieht, ist sein Schmerz über den Verlust des mitgenommenen Geldes und Geldeswertes größer, als der über den des- Kindes. Und selbst jene dichterisch wundervolle Stelle, in der Shylock dem Antonio, der bei ihm leihen kommt, eine Abrechnung gibt über das, was dieser an ihm mit Verachtung. Beleidigung, Bespeien gesündigt hat, jene prachtvollen Worte: „Hat ein Hund Geld?", sie werden dadurch entwertet, daß Shylock diesen menschlichen Ausbruch benutzt, um listig Antonio zur Unterschrift unter jenen Schuldschein zu verlocken, der dem Juden ein Pfund von seinem Fleuch als Pfand verheißt. Nicht der mindeste Zweifel: Shakespeare hat in Shylock einen Menschen gezeichnet, der Paria ist: so sehr Paria, daß sich in sein Reinstes Unreines hineinmischt. Währeitd ich der Aufführung folgte, habe ich mich unwillkürlich in bje Seele des zeitgenössischen Juden hineinzuversetzen gesucht, der dieses venezianische Lustspiel mit dein habgierigen, haßerfülltem geprellten Juden an sich vorüberziehen sieht. Ich kann verstehen, wenn -sich im zeitgenössischen Juden, der keine historische Einstellung mitbringt, vieles aufbäumt. Das kann, könnte ich verstehen. Was ich aber nicht verstehen kann... Ja, da hat also Herr Kerr im „Berliner Tageblatt" geschrieben: „Ich bin immer noch auf Seiten Sh y lock s; nicht auf Seiten der zwei Zuhälterlümmel — on denen dieser Charaktervolle zugrunde geht. Was für Lumpen und Luden, die gegnerischen Venezianer. Der eine sucht (imnier noch) aus Geldbedürfnis in eine völlig ihm unbe> . kannte Dame, die als vermögend jilt, einzuheiraten. Der x edle Venezianer kennt sie nickt' will sich nur von ihr lebenslängljch aushalten lasten. Der andere läßt sich sogar von einer Diebin mosaischen Bekenntnisses aushalten. Er schlägt sich von dem ihrem Vater schmierig gestohlenen Mammon schmierig den Bauch voll. Zwei Zuhälter. Mit Edelmannsbewußtsein. Ich glaube, der Gegensatz heißt nicht: hier Jude, hier Christ, sondern: hier Jude, hier Lude. Ta soll es zweifelhaft sein, für men man sich entscheidet? Jmmm noch missen die verhüllten 2 t r i ch j u n g e n in ihrer sonnigen Gemeinheit keinen Ausweg, als daß ein Frauenzimmer sie rettet. Uebrigens durch „talmudische" Mittel. Durch Ausl jiing (als wäre Bluterguß nicht untrennbar verknüpft mit deck Ausschneiden von Fleisch). Item: Einheirat. Geldgier, rabbulistischer Schwindel — wo sind hier die Shylocks? — . . . Andererseits: wessen-Ja ist hier Ja?, wessen Nein ist hier Nein? Des Vereinzelten — der von Mehrheitsfeiglingen ' umheult und umhcppt ist. Kurz: die Erbärmlichkeit der 4 Shakelpeareschen Konzession an das dumme Publikum seiner (seiner?) Tage wird stets haarsträubender bewußt." » Hierzu ist festzustellen: Kerr fälscht, wenn er Shylock einen „Charaktervollen" nennt. Kerr fälscht, wenn er ihn an den zwei „Zsthälterlümmeln" zugrunde gehen läßt. Zum ersten Punkt ist nach dem obigen nichts mehr zu sagen: zum zweiten einfach festzustellen, daß Shylock so weit auch in diesem Punkte Paria ist, daß er in dem Augenblick, da er seine Rache nicht haben kann, schmierig erst die 0000 Dukaten, die ihm als Lösegeld geboten waren, dann die 3000 wenigstens zurückzuerfeilschen sucht und gebrochen ist erst in d e in Augenblick, als er aufschreit: „Soll ich nicht haben bloß mein Kapital?" Ueberhaupt: zugrunde geht? Nachdem der Doge ihm all sein Hab und Gut abgesprochen hat und ihm durch Antonios Eingreifen die Hälfte seiner Habe wieder geschenkt wird, ist er es zufrieden, für diese Gnade Christ zu werden — sich selber also ins Antlitz zu speien. Das nennt Herr Kerr das Zugrundegehen eines Charaktervollen. Herr Kerr fälscht in Sachen der beiden „Zuhälterlümmel", der beiden „Luden", der beiden „Strichjungen", in seinem Deutsch zu bleiben. Der eine sucht aus Geldbedürfnis „in" eine völlig ihm unbekannte Dame, die als vermögend gilt, „einzuheiraten?" B a s s a n i o: In Belmont ist ein Fräulein, reich an Erbe, Und sie ist schön und. schöner als dies Wort, Von hohen Tugenden; von ihren Augen Empfing ich holde, stumme Botschaft einst." Von der „völlig ihm unbekannten Dame". Kerr'fälscht, wenn er daS Verhältnis Lorenzo Jessica dahin umschreibt, der Edelmann ließe sich von einer Diebin mosaischen Bekenntniffes aushallen. Das Benefizium „lückenloser Unbildung", daS Herr Kerr einem Kollegen zuerkannte, kann man ihm nicht zuerkennen. Mindestens wird er einmal „Die drei Musketiere" von Alexander Dumas in der Hand gehabt haben; mindestens also! aus ihnen misten, daß sich die Ehrbegriffe in Geldsachen für das Verhältnis des Mannes zur Frau seit Shakespeares Zeiten radikal umgeändert habery Es w a r nicht unehrenhaft, nicht edelmannswidrig im 17. Jahrhundert, wenn sich ein Edelmann, von der Frau die er liebte, „aushalten ließ". Daß Lorenzo Jessica liebt, wird vom Dichter mit stärksten Mitteln klar gemacht. Daß das Geld des Juden für sein Verhalten gegen Jessica irgend treibendes Motiv gewesen wäre, dafür findet^sich nicht nur kein Anhaltspunkt, sondern das b e st r e i t e t Shakespeare mit jedem Vers, den er Lorenzo zu Jessica sprechen läßt. Die Freude, den Juden nicht nur