Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 10/12 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2 DaS .Wenn schon" ist nach Gronemann die angeborene Philosophie der Menschengruppe, die er mit edler Selbstverständlichkeit das jüdische .Volt" nennt, und in dein ^.Wenn schon" findet er den tiefsten Grund dafür, daß dieses sogenannte Volk noch immer besteht. Andere Völker werden und vergehen, Menschen werden geboren, lieben, leiden und steibefi, das Antlitz der Erde ändert seine Züge. — wenn schon! Des ewige Jude geht vorbei und lächelt. Das alles ist ja ganz unwichtig. Relativ ist alles. — absolut ist nur Ahasverus, der Raisvnneur der herzlich belanglosen Weltkomödie. Er glossiert die! Handlung. mischt sich wohl auch einmal in lässiger Haltung unter die Spieler, flüchtet ein anderes Mal ins Proszeniums wenn ihm die Komödianten auf die Füße treten,-meist aber wgndelt er nur zwischen ihnen, unablässig in äußerer Bewegung, aber innerlich unbewegt, die Achseln zuckend, die Augenbrauen hebend und immer lächelnd, lächelnd: Wenn schon! Gronemann sicht nicht schlecht, aber er fleht eng, wie alle, die völkische Scheuklappen tragen. Er sieht. nur einen Ausschnitt der Welt, und in diesem durch die Scheuklappen abgeblendeten Ausschnitt treten für sein Auge die Figuren besonders scharf hervor. So faßt er Ahasverus ins. Auge und er sieht ihn gut. Ahasverus lebt heute wie vor Tausenden von Jahren. Er ist heute noch der Gleiche, der er eiiistmals war, ehe noch ein kleines Häuflein Juden nach der ersten Teinpelzerstörung ein kümmerliches, in ewige politisck e Ab-. hängigkeiten verstricktes Staatswesen auszüchtete, dac bald wieder verdorrte, wie der Wunderbanm des drolligen Prc pheten Jona. Des Ahasverus Lös ist, zwischen den Mensct en zu wandern, rastlos zu wandern, denn auf ihm lastet der Fluch, nicht vergessen zu können, daß sein Volk einmal ausirwählt mar. Dieses Volk hat einmal vor" Jahrtausenden seine große Stunde gehabt. Damals hat cs der Welt das unfaßbar Große geschenkt, die Erkenntnis des einzigen, ewigen, über vö tischen und überwcltlichen Gottes, des gleichen Gottes, dec den -jüdisch-völkischen Propheten Jona zurechtwies, als er die unbegreifliche Go.tihcit zu dem Geiste verkleinern wollt!, den er begriff. Aber Ahasverus hat die Lehre, die dem Jona zuteil ward, nicht verstanden, er versteht sie auch Hern: noch nicht. Mit Zähigkeit hält er an seiner längst verjährten Ausorwählthrit fest. Ueberall, wo er einmal, zu flüchtig, r Rast die müden Glieder streckt, zieht er den Zaun rnn sein Noipadenzelt,' damit nur ja kein Fremder in seine Abgeschlo senheit dringe. Und überall lächelt er sein Wenn schoir-Lächeln, überall weckt er nach einer kurzen Uebergangszcit befremdeter Duldung zuerst Abneigung, dann den Zorn und schließlich de r Haß. Tenn die Menschen vermögen nun einmal das gewisie Fächern nicht zu ertragen. Ueberall muß er danim eines Tages sein Zelt abbrechcn und den Wanderstab ivcitersetzen. — bann zieht ec eben weiter, sein Lächeln verzerrt sich vorübergehend zur schmerzlichen Grimasse, aber bald zuckt er wieder die Achseln, und wenn er anderswo von neuem Zelt und Zaun oustchlägt, liegt schon wieder das Lächeln des Spötters auf seinen Zügen. Gewiß ist der Spott im Tiefsten gutmütig, und der Spötter verschon! sich selbst nicht, ja er gibt sich selbst mit besonderem Behagen preis, oft genug weit über die Grenze der iSclbstachiung hinaus. Und dennoch reizt sein Lächeln die Menschen auf. denn jeder, der es sieht, fühlt doch heraus, d'aß iir einem Herzenswinkel' des scheinbar so selbstkritischen Spötters! der Glaube an die eigene turmhohe Ueberlegenheit nistet, das Bewußtsein der unverlierbaren Auserwähllheit. ■ So ist Ahasverus, so sieht ihn sein Prophet Sämmy G r o n c m a n u. Aber was G r o n e m a n n sieht, ist nicht alles. Tenn Ahasverus ist nicht der Jude schlechthin: er ist nur der ewige Jude, das Sinnbild derer, die nicht vergessen können. Seit Ahasverus den Wanderstab ergriff, hat d»e Welt nicht still gestanden. Von der wandernden Sippe spaltetest sich unaufhaltsam Teilchen und Teile ab. Menschen jüdischen Blutes lösten sich aus der Bindung des Ewigkcilswahns, suchten und fanden den inneren Anschluß an die Wirlpvölker, damals lonklich noch Wiitsoölker. Unzählige von ihnen verschwanden spurlos im Meer des Weltgeschehens, durch liebertritt zu anderem Glauhen, durch Blulmischung, durch Ver» löschen der Erinnerung an den eigenen Ursprung. Andere aber vergaßen den Ursprung nicht. Sie nannten sich weiter Juden, bewahrten den reinen GotteSglauöen der Väter, wenn auch eingehüllt in mancherlei historisches Beiwerk, aber ihr Empfinden und Denken tvar hinausgewachsen über da» Nomadentum, war hineingewachscn in den Boden deS Volke», daS ihnen vor Zeiten einmal das Wirtsvelk hieß, war bodenständig geworden in dem Lande, da» nun seit Langem ihre Heimat war. Und wenn der Wanderer AhaSveruS vorüberstreicht, stöhnend unter der Doppellast deS eigenen Wahn» und des Hasses der Anderen, aber das ewige Wenn schon-LScheln um die Lippen, dann stehen die seßhaften Juden in den Reihen der Völker, denen sie zugehören, und der Schauer der Fremdbeit weht sie an. wenn der Wanderer lockend und winkend die Augen erhebsi jene seltsamen Augen, in denen sich Jahrtausende unvergessener Vergangenheit spiegeln und die sich durch den Schleier des Spottes vor der Sonne der Gegenwart schützen. Aber nicht immer lockt und winkt AhaSveruS umsonst. Kinder stehlen sich fort von der Seite der Elteni, weil die Schnurren des lächelnden Wanderers sie erheitern und well seine FremdaAigkeit zu dem Abenteurersinn spricht, der in jedem jungen Herzen lebt. Jauchzend ziehen sie ein Stück Wege» hinter dem ewigen Juden her, unbeschwert von Furcht, denn sic meinen, die Wanderung müffe doch irgendwo ein Ziel haben und dieses Ziel müsse bunter, strahlender, freier sein, als da» enge Eltenihaus mit seinen Alltagspflichten. Allmählich erst spüren sie. daß der Weg ewig im Kreise führt, und sie beginnen sich in die Heimat zurückzulehnen. Nur wenige finden den Rückweg. Die anderen irren weiter umher, von Enttäuschung und Scham niedergebeugt, Fremde unter Fremden. Auf strahlende Kinderaugen senkt sich der Schleier der Müdigkeit, um den lachenden Mund graben sich die Falten des Wenn schon-Lächcln». Ein Winken des Ahasverus, das ist dieses Buch. Vom wahren Zionismus, von harter Arbeit im fernen Palästina ist kaum nebenher die Rede. Aber mit lächelnder, ewig lächelnder Selbstverständlichkeit wird jeder Mensch von jüdischem Blut in den Ahasverus-Zug hineingezerrt. Und hier wird die Scheuklappen-Betrachtungsweise, die scheinbar so gutmütig schmunzelnde Spötter-Art zur abstoßenden und tief erregenden Unwahrhaftigkeit. Es kann nicht sein, daß der Zionistenführer Sammy Gronemann nicht wüßte, wie es wirklich mit dem Zionismus bestellt ist. Er muß es wisien, muß es bester misten als viele Andere, daß der Traum von der neu »alten Heimat des „jüdischen Volkes" längst ausgeträumt ist, daß Palästina nie etwas Anderes sein wird, nie etwas Anderes sein kann, als das Land der Enttäuschung, der hoffnungslosen Fronarbeit unter englischer Fucbtcl, als die Stätte der blutigen Zukunfts-Pogrome. Und so muß er auch misten, daß der Weg der jungen schaffenswilligen Menschen, die er etwa aus den Häusern deutschsühlendcr Eltern herauslockt, niemals in die lichte Freiheit führt, sondern ewig im Kreise herum in den Fußtapfen des ewigen Juden. Niemals werden diesejungen Pioniere aufrecht in eine sonnige Zukunft schreiten. Sie werden einherschleichen im Ahasverus-Zuge, zermürbt und gebückt, ihr tragbares Ghetto auf dein Rücken, mit verschleierten Vergangen» Heitr-Augen und um den Mund das Wenn schon-Lächeln, da» die Anderen, Bodenständigen zu Haß und Verfolgung reizt. Soll das die Zukunft unserer Kinder sein? Es ist gut, daß solche Bücher von Zeit zu Zeit geschrieben werden. Lest dieses Buch, deutschfühlende Juden, aber lest eS mit offenen Augen. Dann werdet ihr erkennen, wie die Zukunft eures Geschlechts sich gestalten wird, wenn ihr selbst es nicht anders wollt, wenn ihr nicht endlich wagt, euch zu der Fremdheit zu bekennen, die uns von der Sippe des AhaSveruS trennt. Des Ahasverus, der rastlos lächeln und rastlos wandern muß, dem das Heute und das Morgen verschlossen sind, weil er in Ewigkeit das Gestern nicht überwinden, weil er seinen Wahn nicht vergessen, weil er Gestorbenes nicht zu Staube werden lassen will. Der ewig ein grauer Schatten im Licht, ein TageS» gefpenst in der sonnenhellen Welt sein muß, weil er nicht fasten kann, was Gpethe die selige Sehnsucht nennt: Und solang du daS nicht hast, Dieses: Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.