Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 7/9 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 schulen deshalb wünschen, weil sie an ihrem Orte det konfessionellen Minderheit angehören und beim Bestehen von Bekenntnisschnlcn eher ans einen Rektor und Konrektorihrsr Konfession rechnen dürfen. Selbst in dein großen Berlin könnte es bei der Umwandlung aller Schulen in Giineinfchaftsschulen Vorkommen, daß an keiner Schule eine katholische und an keiner eine jüdische Mehrheit entsteht und daH dann kein Katholik und kein Jude Rektor wird. Würde aber der (Gesetzentwurf statt der unzureichenden Bestimmung, daß bei der Besetzung der Lehrerstellen du den Gemeinschaftsschulen die Konfession der Schüler tunlichst zu berücksichtigen sei, die Bestimmung enthalten, daß die Lehrkräfte in den größeren Verwaltungsbezirken (Regierungsbezirk, bzw. Landesschnlverband) und dort, n a ch d e m P r o z e n t - sa tz b c r Konfessione n u n d Weltanschauungen auszuwählen stnd und daß auch die Beförderungen nach diesem Prozentsatz erfolgen, so würden die Minderheiten genügend Aussicht haben, ihre Lehrer angestellt und befördert zu sehen. Tann müßte die Stadt. Berlin immer eine bestimmte Zahl katholischer und jüdischer Lehrer, die genau der Zahl der katholischen und der jüdischen Kinder Berlins entspricht, im Tienste haben und ebenso iNnncr eine bestimmte Anzahl katholischer und jüdischer Rektoren bzw. Konrektoren. Es ist die Schulpolitik der Kleinstädte und Dörfer, die sich in dem vorliegenden Gesetzentwurf ausgewirkt hat, dort können die Minderheiten nicht zu ihrem Rechte kommen. Man schließe die kleinen kommunalen Schulverwaltungsbezirke zu größeren zusammen oder übertrage das Anstellungsrechk den bestehenden höheren Instanzen, dann werden die Minderheiten zu ihrem Rechte kommen, und die auf die Zerschlagung unseres Schulwesens gerichtete Bewegung wird dann abflanen. Deutsche Wirlschafls-Arbeit. Wie der Körperbau der Lebewesen in vieler'Hinsicht aufgebaut iit auf dem Prinzip der Spirale, um damit höchste Widerstandsfähigkeit gegen äußere Angriffe zu besitzen, so vollzieht sich auch der Aufstieg des Menschengeschlechts zu höherer Zivili'anon und Kultur nicht geradlinig, sondern nach deni Gesetz der Spirale — oft zurückbiegend unter dem Einfluß katastrophaler Ereignisse, letzten Endes aber doch fortgesetzt aufsteigend . . . höchster Vollendung entgegen! — Demjenigen aber, dem genügende Kenntnis der Weltgeschichte, insbesondere der Kulturgeschichte der Völker, mangelt, erscheint ein solches Zurückschrauberrvon Zivilisation und Kultur im Gefolge revolutionärer, kriegerischer oder Naturereignisse als der Beginn dauernden Niederganges, und er erblickt erschauernd im f^ciitc die kommende Apokalypse. Tic bisherigen Ereignisse des großen Krieges, der im Jahre 1914 die Weltrevolution einleitete, haben unserer Zivilisation und Kultur gewaltigen Rückschlag gebracht und uns großer elbischer Werte beraubt. So baden die Begriffe von. Treu und Glauben empfindlich gelitten, so iit das Vertrauen in die Geradheit und Zuverlässigkeit von Justiz und Verwaltung schwer erschüttert. — Wie sehr unsere Kultur unter seelischem -Truck zurückgebogen wurde, erhellt schon aus der Verbreitung von Wahriagcrei. und Geisterbeschwörung. . . . als wären vier Jahrlunderte reichen Geisteslebens spurlos, au uns vorübergegangen. ' ' Kein Wunder, daß sich gerade der deutschen Bevölkerung ein tiefer, innerer Pessimismus — verschärft durch fortgesetzte Drangsalierung seitender Kriegsgegner — bemächtigt hat. und daß dieser Pessimismus sich auswirkt in iteter Unruhe und Unzufriedenheit, und in deren Gefolge iti schweren innerpolitiichen Kämpfen. Und das Ende diestr unheilvollen Lage ist noch gar nicht abzusehen. In diesem Zusammenhang muß auch die trübe antisemitische Welle betrachtet werden, die sich derzeit über Zentral Europa hinwälzt, und die namentlich jn Teutschland hohe ethische Werte zu zerstören droht. — Ter furchtbare physische und seelische Truck, der fortgesetzt auf unserem Volke lastet, legte ^s sntceeöierlen Kreisen nahe, einen Prügelknaben zu suchen. Gewiß war es kein origineller Gedanke, hierfür den Juden auszuersehcn. Tie Here, die Ahasver zu ewigem Wandern verdammt hat. heißt Rassenwahn. Sie hat in zwei Jahrtausenden niemals vergeblich an die Instinkte der Mafien appelliert. •— Tie Geschichte aber weist - das mögen sich unsere Stammesnnd Glaubensgenossen immer-wieder zum Tröste sagen — zahlreiche Parallel-Ericheinungen auf. Man braucht für die Gegenwart nur an den gegenseitigen Haß der Völker Indiens zu erinnern. Und im Tsten Asiens reifen derzeit Früchte einer instinktiven Abneigung gegen die weiße Rasse, denen gegenüber alle unseren Glaubensgenossen bereiteten Leiden vielleicht ein Kinderspiel sein werden! — Auch bei der heutigen antisemitischen Bewegung handelt es sich nicht um religiöse Fragen oder solche der Lebensauffassung . . . diese dienen bestenfalls als Vorwand für die gegnerische Propaganda . . ., sonderik um die Mißleitung von Gefühlsregungen primitiver Art. <, Tie Massensuggestion der Abneigung gegen alle als Juden I erkannten Mitbürger beherrscht nun einmal gegenwärtig die Mehrzahl unserer christlichen Volksgenossen, und mit der Waffe der Vernunft gllein ist diesem Serenzauber nicht beizukommen. Wir müssen arbeiten, damit es nicht gelingt, uns in ein geistiges Ghetto zu verbannen. Tie Frage ist: Welche praktische Arbeit läßt sich tun. um wenigstens indirekt dazu beizutragen, der Verhetzung Boden zu entziehen? — Um es kurz zu sagen? Indem wir uns als bessere Patrioten erweisen, als unsere Widersacher: indem wir aus reineren Motiven handeln, als die Führer der antisemitischen Bewegung und — gleichgültig gegen Undank und Veninglimpfung — jeder an seinem Teil still Mitwirken, um die Ursachen des deutschen 'Pessimismus, der dem Antisemitismus Nahrung zuführt, nach Kräften zu beseitigen. — Man wich mir antworten: Alles schön und gut. aber sucht man nicht heute den Juden mit allen Mitteln von der politischen Bühne fernzuhalten? — Durchaus richtig, aber... wir befinden uns sehr nahe dem Augenblick in Europas Geschichte, wo der..Kampf mit anderen Mitteln", der Wirtschaftskrieg seinen Höhepunkt erreichen wird. — trotz Genf! Und gerade, weil wir über in Wirtschaftssragen hervorragende Köpfe in großer Zahl verfügen, und weil die wirtschaftliche Not den Kern des deutschen Pessimismus bildet, ist vielleicht schon bald die Zeit gekommen, wo der Jude — freilich nicht im Tffizierskasino der hohen Politik — wohl aber im stillen Ringen wie jener unbekannte Soldat, der Heimat gute Dienste leisten kann, kämpfend für einen erträglichen wirtschaftlichen Frieden! Ter Schlüße! zur Lage liegt bekanntlich im Taröes-Plan oder mit anderen Worten in einer vernünftigen Lösung der Frage der Kr egskontribution. So lange es nicht gelingt, die Gegner d< von zu überzeugen, daß die ständige Verminderung der deutschen Vermögenssubstanz (auch durch Ausländsanleihen zwecks Zahlung der Kriegsentschädigung) schließlich zu neuen schweren Erschütterungen und deren politischen Folgen führen muß. wird es zu keiner Befriedung Europas kommen. Nur ein bis zwei Jahr.e trennen uns noch von der vollen Auswirkung des Tawes-Plancs. Wehe, wenn es nicht geNngt, bis dahin zu einem Friedensschluß mit unseren Gegnern zu gelangen! llns Tcirtschen aber — und damit auch uns deutschen Juden — liegt dio fast übermenschliche Aufgabe ob. in Wort und Schrift, wo immer sich hierzu Gelegenheit bietet, das Ausland über unsere wahre wirtschaftliche Lage und über die entsetzlichen Folgen eines etwaigen neuen Zusammenbruchs aufzuklären. Mit welchen Argumenten nach außen, durch welche Maßnahmen im Innern dies zu geschehen hat. — dies zu beleuchten, gingj weit über den Rahmen meines Aufsatzes hinaus. Tie Propaganda Tätigkeit der wirtschaftlichen Fachkreise, auf deren Notwendigkeit besonders hingewiesen werden sollte (mag sie nun mit Hilfe der Pres'e oder auswärtiger Handelsbeziehungen erfolgen), wird die Bemühungen des Reiches um so wirkungsvoller unterstützen, je nüchterner sie zu den Dingen Stellung nimmt, je zuverlässiger sich ihr Zahlenmaterial erweist. Kar zu oft haben wir es im Kampfe um den Frieden dem Ausland gegenüber gerade durch Gefühlsausbrüche — mögen sie auch noch so verständlich sein — verdorben. ' __ Darum heraus in die Qeffentlichkeit, jüdische Wirtschafts- - Fachleute! Leistet deutsche Arbeit, indem Ihr allenthalben Aufklärung über die wahre Lage unseres Vaterlandes verbreitet! Und hat Eure Arbeit Erfolg, kögrmt es. wie wir inniast wünschen müssen, zu baldigem Frisdensschluß mit s unseren Auslands-Gläubigern, dann wird auch das Verhältnis der deutschen Volksgenossen zuein- - ander wieder ein freundschaftlicheres werden. — dann wipd auch abgebant werden mit dem Judenhaß. E. S. Schriften—^ des Verbandes nationaldeutfcher Ziideu 3h beziehen durch die Geschäftsstelle, Berlin W Z5, Blumeshof 9.