Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 7/9 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Gefahr des Aeichsfchulgefetzes. Von Lehrer A. Gerson. Vorbemerkung. ~ Wir setzen die Erörterung über die Schulfrage fort. Sämtlich« Aufsätze, die zu dieser Frage erscheinen, drücken nur die persönlichen Ansichten der Verfasser aus. Die Schriftleitung. „Ter Entwurf nimmt der Gemeinschaftsschule die ihr verfassungsgemäß zugeslcherte Stellung als R e g e l s ch u l e und macht sie zu einer Antragschule." Die Nationalversammlung in Weimar wollte den Eltern, die für ihre Kinder Bekenntnisschulen wünschten, solche sichern; die Schulen aber, für die von den Eltern kein Antrag gestellt werden würde, sollten Gemeinschaftsschulen sein. Ein größeres Maß von Gerechtigkeit gibt es wirklich nicht. Aber was damals allen gerecht schien, erscheint den Vätern des Entwurfs heute als Unrecht; sie verlangen, daß die Gemeinschaftsschule nur dort zugelaffen werde. Ivo die Ellern einen dahingehenden Antrag stellen. Das entspringt nicht der Sorge um das eigene Recht und dem Grundsatz „Jeden: das Seine", das entspringt dem Neide auf oas Recht des Andern und der Gehässigkeit gegen die Andersdenkenden. Und diese Andersdenkenden^-zu ihnen gehören die rund 150000 Lehrer im Deutschen > Lehrerverein — sind die Besserdenkenden. Denn sie! fordern die Gemeinschaftsschule als Regelschule und ohne daß! es eines besonderen Antrags bedarf, weil sie wissen, daß überall dort, wo ein Antrag aui Feststellung des Schulcharakters notwendig wird, die extremen Parteien, einerseits die kirchlichen, andererseits die antikirchlichen, die Eltern in häßlicher Weise bearbeiten und mit groben Mitteln gegeneinander agitieren, so daß monatelang Unruhe in den Familien und bleibende Zwietracht zwischen den Volksgenoffen cntisteht. Wegen der Lappalie, ob der Staat zur Vermeidung unnötiger -Geschäfte und zur Vermeidung kmifessioneller Kämpfe gewisse Schulen als Regelschulen bezeichnen darf, wird schon seil Jahren das deutsche Volk in politischer Verwirrung erhallen, und wenn das Zentrum von dieser Lappalie nicht läßt, so wird die Verwirrung nicht enden. Es gibt Katholiken, Evangelische und sonderbarerweise auch Juden, die ihre Kinder lieber in eine Bekenntnisschule der anderen Konfession, als in die allen gemeinsame Gemeinschaftsschule senden mögen; sie wollen, daß der Staat von der, Errichtung von Gemeinschaftsschulen neben den Bekenntnisschlllen ganz absehe. Warum wohl? Und woher der Hatz gegen die Gemeinschaftsschule? Nach dem Gesetzentwurf soll man der Gemeinschaftsschule auch' dort das Waffer abgraben dürfen, wo sie, wie in Laden und Heffen, seit langem zur Zufriedenheit der ganzen Bevölkerung besteht; man fürchtet oüenbar für den Bestand der Bekenntnisschulen, wenn neben ihnen noch Gemeinschaftsschulen bestehen. Es fehlt bei den Juden, selbst bei den. liberalen und nationaldeutschen, an aufrechten Vorkämpfern für die Gemeinschaftsschule und für die Schulhoheit des Staates. Bei vielen ist das durchschlagende Argument, das zu Gunsten der jüdischen Schule spricht, jenes, das Bruno Woyda in der Jüdisch-liberMen Zeitung nennt: „Tie deutsche Schuljugend von i> bis 14 Jahren ist so antiseinitisch, daß den jüdischen Kindern die gemeinsam verbrachte Schulzeit zur Leidenszeit wird; in der jüdischen Schule sind die jüdischen Kinder aber vor antisemitischen Anrempelungen geborgen." Wer die Ver» hültniffe kennt, weiß, daß dergleichen Anrempelungen am meisten in den höheren Schulen Vorkommen, wo viele Eltern und Lehrer den rechtsstehenden Parteien angehören und wo die Jugend durchweg in den Flegeljahren steht, in jenen Jahren, wo Anrempelungen nicht immer politische und völkische Gründe haben, daß aber in den Volksschulen» wo die Eltern und Lehrer vorwiegend den linksstehenden Parteien angehören, solche Anrempelungen selten sind, und daß in der Grundschule bei den Kindern von 6 bis 10 Jahren gemeine Verfolgungen jüdischer Kinder kaum vorgekommen sind. Für. die jüdischen Eltern, die ihre Kinder vom 5. Schuljahr ab in die höhere Schule senden, kommt zudem nur diese Grundschule in Betracht. Nun könnten loaischerweise die Juden wegen der bösen Erfahrungen, die ihr«Kinder in h-öheren Schulen gemacht haben, etwa die Errichtung jüdischer Gymnasien und vielleicht auch jüdischer Universitäten erstreben; wie sie aber darauf verfallen, die allgemeine Volksschule für die Schäden haftbar t ■ zu machen, ist unerfindlich. Ich glaube sogar, daß die Reibungen zwischen den jüdischen und den christlichen- Schülern der höheren Schulen nur darum besonders stark sind, weil diese Schüler noch zu einem großen Teile aus Vorschulen und Privatschulen in die höheren Schulen übergetreten sind; hätten sie aber vom 6. Lebensjahr ab in einer gemeinsamen Volksschule nebeneinander gesessen, so hätten sie sich in der Sexta schon miteinander gut vertragen. Es ist bedauerlich, daß ich mich hier mit dieser windigen Argumentation gegen die Gemeinschaftsschule auseinandersetzen -muß. Ernsthafter sind folgende Ansichten jüdischer Kreise, die sich mit gleichen in christlichen Kreisen decken. Sie sagen: „Wir können dem. von politischen Parteien regierten Staat nicht unsere Kinder in die Hände geben; seine Schulbeamten, geschworene Parteileute, werden die Seelen unserer Kinder vergiften; es ist uns lieber, wenn die jüdischen Kinder Berlins von Leuten aus der Oranienburger Straße, die wir kennen, betreut. werden, als von den Männern in Groß-Lichterfelde, die wir nicht kennen. Wir wollen, daß unsere Kinder zu, wahren Juden erzogen werden, und darum sollen sie in jüdischen Schulen, die von jüdischen Geistlichen revidiert werden, unterrichtet werden; und darum haben wir nichts dagegen, wenn auch die christlichen Schulen den christlichen Geistlichen, unterstellt werden."! Es ist aber niemand!/unfähiger,''die Kinder religiös zu unterweisen, als der Mann der Kirche; und gerade um der religiösen Erziehung der Jugend willen darf den Geistlichen, einschließlich der Rabbiner, die Schule nicht anvertraut werden. Die Staatsaufsicht über den Religionsunterricht, die auch vom Nebel ist, kann dennoch die Seelen der Kinder lange nicht so schädigen, wie die Beaufsichtigung und die Erteilung des Religionsunterrichts durch den Geistlichen, auch den Rabbiner. Ich will keineswegs gesagt haben, daß die Lehrer immer pädagogisch begabter, immer methodisch geschulter seien, als die Geistlichen; ich halte es sogar für möglich, daß mancher Geistliche Rechnen, Deutsch, Geschichte und verwandte Fächer ganz vorzüglich unterrichten kann; nur für den Religionsunterricht halte ich sie nicht für qualifiziert. Man mag den Kopf schütteln, aber doch ist eS so. Denn der Geistliche muß die Lehren stines Bekenntnisses autoritativ vortragen. Er darf daS Kind nicht fragen: Ist das und jenes glaubhaft? Er darf immer nur sagen: Du mußt das und jenes glauben; es gibt nur eine Wahrheit, das ist die, die i ch als Diener meiner Kirche predige. E r darf nicht dulden, daß das Kind seinen eigenen Weg gehen will, daß es selb st sehen will, was wahr ist, daß es zweifelt. Nun sind ja allerdings die Mädchen im allgemeinen geistig so veranlagt, daß sie die autoritative, pathetische Art des Geistlichen hinnehmen, sie lieben sie sogar, und bei ihnen verblaßt die Autorität des Geistlichen auch nicht nach dem Austritt aus der Schule. Anders ist es aber bei den Knaben. Die laffen sich wohl auch durch die autoritative Art des Geistlichen gefangen nehmen und nehmen die Glaubens¬ und Moralsätze zunächst auch ruhig hin; sie laffen es zunächst gelten, daß die Schlange zu Eva sprach und daß Moses Stab Wunder wirkte. Aber wehe dem Autorität fordernden Geistliche. wenn irgend jemand den Jungen überzeugend dartut. daß der Geistliche irrte und irreführte; von diesem Tage an wirkt sein autoritatives Gehaben nicht mehr und sein Einfluß ist dann dahin. Nun kann man wohl die Kinder in Bekenntnisschulen abschließen und Me so davor bewahren, daß Lehrer des eigenen oder eines anderen Bekenntnisses ihnen etwas erzählen, was gegen die vom Geistlichen vertretene Lehre ist. Man kann sie aber nicht davor! bewahren, daß sie außerhalb der Schule gegen das Bekenntnis j beeinflußt werden; und man muß damit rechnen, daß sie nach dem Austritt aus der Schule vieles sehen und hören, was gegen daS Bekenntnis spricht. Fast alle unsere Jungen sangen nach dem Austritt aus der Schule an, sich eine eigene Meinung in religiösen Dingen zu bilden, und die fällt nicht immer so aus, wie es die Eltern, die Geistlichen und die Lehrer gewollt haben. Wenn-heute so viele Männer und Frauen auS dem Judentum austreten, so kann das daran liegen, daß sie als Kinder gar keinen Religionsunterricht hatten oder daß sie von unzureichend vorgebildeten Kantoren und Schächtern unterrichtet wurden, aber auch daran, daß das Judentum ihnen von autoritativ lehrenden KultuSbeamten aufgedrängt wurde. Die Vielen, die heute den christlichen