Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 4/6 (Juni 1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 5 — In dem oben wiedergegebenen Satz der Broschüre heißt e$: „Es ist ein Unglück, auch pur einen einzigen Menschen unter solchen Bedingungen aus dieser deutschen Welt in die orientalische hinüber zu verpflanzen." In dem stenographischen Bericht lautet derselbe Satz: „Es ist ein Verbrechen, auch nur einen einzigen Menschen.zu verpflanzen." In der ersten Fassung also „Verbrechen", in der zweiten nur „Unglück". Man nenne die Aufzeigung dieses Unterschiedes nicht eine Wortklauberei. Wer unsere Schriften kennt, weiß, daß unser Kampf um das Deutschtum vom ersten Tage an auch ein Kampf gegen den Unfug der Worte war, ein Versuch, „das Wort herunterzureißen von seine»: angestammten Herrscherthron und ihm wieder den Platz ,des Dieners anzuweiscn." *) Aber neben den gefährlichen und verwirrenden Worten gibt es auch solche, die sich nützlich und hilfreich erweisen, jene Worte, die wirklich Diener des Menschen geblieben sind, die eine Tür aufreißen, wie der Diener vor dem Herrn, und der Erkenntnis den Weg in die Tiefe des Unbewußten und llnterbewußten öffnen. Die psychologische Wissenschaft kennt diese entschleiernden Worte, die oft vom Wesen eines Menschen, ihm selbst ungewollt und unbewußt, das Entscheidende verraten. In unserem Falle geht die Erkenntnis-Wirkung noch weiter. Die Aenderung des Wortes „Verbrechen" in „Unglück" wirft grelles Licht auf das Wesen einer ganzen Menschengruppe. Unglück ist ein Schicksal, das der Mensch ertragen muß. weil ein Stärkerer es ihm auferlcgt. Verbrechen ist eine Tat, die ein sittlicher Mensch nicht ertragen darf, die zu verhüten oder wirkungslos zu machen er die letzte Kraft anspannen muß. Herr v r. W e i l war und ist gewiß auch heute noch der Ansicht, die Verpflanzung junger jüdischer Deutscher nach Asien sei ein Verbrechen. Aber als er sich anschickte, dieses im engeren Kreise gesprochene Wort einer breiteren Oeffentlichkeit zugänglich zu machen, ist man ihm in den Arm gefallen, hat man ihm statt des schneidenden Stahls ein stumpfes Holzschwert in die Hand gedrückt. Wir sehen sie förmlich vor uns, die ewig würdigen und ängstlichen, nach allen Seiten anschlußbedürftigen Herren, die tief erschrocken anhören mußten, daß einer der ihrigen als Verbrechen tennzeichnete, was doch von anderen der ihrigen täglich begangen und gefördert wird. Und dieses ehrliche Wort sollte der Oeffentlichkeit zugänglich werden? Das durfte nicht sein. Und so beschwor man Herrn l)r. Weil, bis er welch wurde und das „Verbrechen" zum „Unglück" abstumpfte. Mm: hatte ihm, wie der Süddeutsche sagt, „die Schneid abgekauft". In diesem Vorgang, so belanglos er auf den ersten Blick erscheinen mag, finden wir im letzten Grunde den Schlüssel dafür, warum alle praktischen Bestrebungen zur Lösung der Judenfrage in Deutschland in: Schlamm stecken bleiben. Man wagt es nicht, die volle Wahrheit zu sagen, denn man fürchtet das Wehklagen und das Gezeter der Anderen, die keine unliebsame. mißtönende Wahrheit hören wollen. Viele, sehr viele sind da, die um die Wahrheit wiffen und ihr gen: den Weg bahnen würden. Aber die meisten von ihnen sind irgendwie in Zusammenhänge verstrickt, aus denen sie sich nicht zu lösen vermögen. Und in jedem dieser Knäuel sind die stärksten Kräfte die hemmenden, die niederziehenden, die Kräfte derer, die sich irgendwo im Geruhsamen, im Hergebrachten festgekrallt haben und aus der Angst nicht herauskommen, man könnte sie zu gesundheitsschädlicher Bewegung fortreißen. Nur in der Herde fühlen sie sich wohl, im warmen, die Sinne einschläfernden Dunst der Vielen, von denen jeder den anderen zu stützen glaubt, aber jeder auch den anderen am bortschreiten hindert. Wehe dem, der sich aus der Masse zu losen versucht l Entrüstetes Knurren und Heulen umtönt ihn von allen Seiten und überall legen sich hemmende Leiber ihm quer in den Weg. Nur keine Bewegung, nur kein Vorwärts, nUr keine Lücke im Haufen! Gewiß, man weiß schließlich, daß auch die Zusammenballung nicht ungefährlich ist. Der Blitz, der in die z^sammengedrängte Herde schlägt, streckt viele Tiere zugleich. Ader das ist dann eben ein Unglück, das man tragen muß. Die Gemeinschaft muß erhalten werden, um jeden Preis, auch wenn es nur eine Gemeinschaft der Trägheit und des Stumpfsinns ist. Als die Bewegung der nationaldeutschen Juden begann und noch oft bis zum heutigen Tage hat man uns vorgeworfen, daß wir es unternommen haben, von außen her an *) „Der nationaldeutsche Jude in der deutschen Umwelt"; Einleitung. Die Schriftleitung. den Seelen zu rütteln, statt in schock bestehenden Organisat - onen von innen her zu reformieren. Das Beispiel des Herrn vr. Weil zeigt uns, wie recht wir getan haben. Noch jeder, der, im großen Haufen stehend, die Aufklärungsarbeit versucht hat. mußte die Erfahrung machen, daß man seine Schärfe a>>. n stumpfte, seine Erkenntnis umbog, seine aufstrebende Tat zu Boden niederzog. Nur wer sich aus der Masse freigerungin hat. darf die Wahrheit sagen. Nur er darf ein Verbrechl n nennen, was ein Verbrechen ist, denn ein Verbrecher: entlarv! n heißt zum Kampf der Gerechtigkeit aufrufen, und kämpf, n kann nur, wer die Hände frei hat. Die Masse kann npr tragen und die Wollust deS Duldcrtums genießen. Die Schrift der Herren l)r. Weil und Staatsr E o h n ist ohne Zweifel ein verdienstliches' Werf. Wir hörin init Freude, daß die Broschüre in den Kreisen der Centn lvereins-Mitglieder viel gelesen wird. Aber die Verfaffer dürft n sich selbst nicht darüber täuschen, daß die praktische Wirkung ihrer Aufklärungsarbeit gering sein wird. Ihre Leser werden ja nur erfahren, daß der Palästina-Rummel ein Unglück ft und sie werden dies Unglück hinuehmen, wie sie es gewählt - sind, und das Wort» vertragen, denn Unglück verpflichtet lu keiner Tat. Daß ein Verbrechen vorliegt, werden!ie in Leser der Schrift nicht wissen und so werden sie nicht erst Versuchung kommen, sich zur Tat aufzuraffen. Ergo: es bleibt alles beim Alten und das wird den Meisten recht sein, deyn cs schläft sich gut in der dichten, bewegungsscheuen und angenehm wärmenden Masse. Brennende Schulfragen. > Borbemerkung: Wir setzen mit len folgenden Artikeln die Erörterung ül er die Schulfrage fort. Sämtliche Aussä je, die zu dieser Frage erscheinen, drüc en zunächst nur die persönlichen Auifassun; en der. jeweiligen Verfasser aus. Der B:r» baiid als solcher behält sich die Stellungnahme vor. Die Schriflleitung Me neue jüdische Schule. Von Margarete Pulvermann. Diese Ausführungen haben nicht den Zweck, über Daseinsmöglichkeit jüdischer Schulen im allgemeinen zu urteilen noch über die Qualität dessen, was dort gelehrt und geleint — wird; sie sollen lediglich dazu dienen, über das Wesen, d. das wirkliche Gesicht der neuen land Aufschluß zu geben. Die jüdischen Schule in Deutsch- Konsequenzen, die sich so ne n. deutsche Juden hieraus ergeben, liegen alsdann auf der Hai ld. Es muß vorausgeschickt werden, daß die heutige jüdis he Schule nicht mit den jüdischen Schulen des 19: Iahrhu: - d e r 1 s in Deutschland verglichen werden kann. Damals war der leitende Gedanke der Emanzipat im: sgedante und das Ziel die fortschreitende Eindeutschung. Heute ist der Geist der Gründer. Leiter und Freunde jüdischer Schu en meist ein wesentlich anderer. Der .»Geist gesteigert:n jüdischen Bewußtseins" durchflutet und beseelt diese heutige jüdische Schule. Es wird keine Gelegenheit uw >enutzt gelassen, den Kindern die Vorstellung von.jüdischem Anderssein, von jüdischem Aü s e r w ä h l t s e:i n c n» zupflanzen. Man vergleiche hierzu aus einem Berscht l es Leiters einer jüdischen Volksschule folgende Zeilen: i „Eine jüdische Schule, die dies Attribut mit ' Recht in Anspruch nehmen will, wird nicht allein im Religionsunterricht, sondern auch in. all:n übrigen Fächern den Beziehungen zu jüdisch e r L e h r e. jüdischer Geschichte undjüdischem Leben willig Raum gewähren. Daher ist es das Bestreben von uns allen, denen es vergönnt ist, an einer jüdischen Schule tätig zu sein, die uns anvertrauten Kinder zu jüdischem Erfalsen ihrer selb st und der Umweit anzuregen und zu führen. So gibt uns der Deutschunterricht unter anderem Gelegenheit, in Aufsätzen und Niederschriften jüdische Erlebnisse barst e l l e n z u l a s s e n. Die Klassenbüchereien enkl,alten auch jüdischen Lesestoff. Die Geschichte gestattet überall, die Schicksale unseres Volkes als Gradmesser für wahre Kultur einer Zeit oder Persönlichkeit heranzpziehen. In der Erdkunde suchen wir unserezer st reuten Brüder und sind von frohem Stolz erfüllt, zu erkennen, wie sie beinahe überall sich gegen die verschredenartigst« Umgebung behauptet und eine Fülle eigener Züge entwickelt haben. Der Naturkundeunterricht zwingt uns geradezu. der mannigfachen religiösen Vorschriften über die Benutzung und Behandlung der außermenschlichen Umwelt zu ur