Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 4/6 (Juni 1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6682492-5438663-5438810--298-4871507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Eine sachliche Würdigung dieser sehr interessanten Ausführungen finden unsere Leser an afiderer stelle dieses Blcttes. .{> i c r sei nur darauf hingewiescn, daß die Minister eine Zwangs-Solidarität für das richtige Mittel hielten, um die von ihnen als schädlich betrachtete Gefühls- Solida.rität zu beseitigen. Erst das Hardenberg'sche Edikt vom ll.März 1^>l2 brachte den preußischen Juden die langersehnte, volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Dort heißt es im ^20: „Tie privatlichen Verhältnisse der- Juden sind nach eben denselben Gesetzen zu beurrheilen. welche andern Preußischen Staatsbürgern zur Nichtschnur dienen," und im Z :53: „Sie genießen a I_s b a tut mit den Giltländern gleiche Rechte und F r c i h e i l e n." Kein Wunder, daß angesicht-s eines solchen Rechtszusta rdes, der durch Generationen bestand. sowohl bei dem unter dem Grundsätze der Solidarhaftung leidenden Juden, als am) bei den hierdurch berechtigten Richtjuden eine gefühlsmäßige Einstellung sich festigte, die sich auch heute leider noch dahin auswirkt : auf der jüdischen Seite ein das Zusammenleben aller T e u t s ch e n st ö r e n d e s S o l i d a^r i r ä t s g e s ü h l u n d auf der anderen Seite eine die Verschmelzung d e r I u d e n mit ihren 'übrigen V o l k s g e n oT s e n erschwerende Neigung zu v e r a l l g m e i n e r n d e n Vorwürfen. •V'icr kann nur Aufklärung s t ä t.i g k e i t und i ii » c r e?R ission , wie sie unser Verband betreibt, eine Aenderling herbeiführen. Aber auch hier lvicder zeigt sich die Richtigkeit des Wortes von Karl Emil' Franzos: . „I e d e s P o l k fiat b i c Juden, d i e e s v e r d i« n t." Unglück und Verbrechen. Von Dr. M a r R a u m a n n.- „Aus Anlaß eines Einzelfalles" pflegen unsere hohen Behörden oft Festfielltingen zu treffen, deren Bedetitung übe: den Rahmen des Einzelfalles weit hinausgeht. Wir -wollen, dem bewährten Brauch folgend, atis einem bemerkenswerten Einzelfall das Grundsätzliche abzuleiien versuchen. Im Verlag des Eentzaialvcreins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubensdem P k i l o- Verlag, in eine Broschüre erschienen, die den Titel „Paläuina: Reiseberichte von Dt. B'ru n o Weil-Ber liri und Staalsral a. T.'Eohn-Tesiau" führt. Tie Schrift ist schon wegen der Verfasser beachtenswert. Dr. Bruno Weil und Staatsrar Eohn find beide Vorstandsmitglieder des Eentraloereins. Dr. Weil ist bekannt durch seine ausgeprägt nationaldeutsche <'>esinuiing, mit der er in deutlich erkennbarem Gegewatz zu manchen anderen Mitgliedern desselben Eenrralvereins-Vorsiaudes steht. In der großen, von Führern der Vereinigung für. das Liberale. Judentum und des Verbandes naiionaldeuiichcr .Juden gemeinsam einberufenen Versammlung, die »ich gegen das V r o P a k ä st i n a - K o in i t e e richtete, fand Dr. Weil den Mut, mit ganz klaren Worten gegen diese jüdi'ch-nanonale Propaganda-Gründung vom Leder . zu ziehen und damit, für jeden, einigermaßen Wiffenden sehr verstäitdlich, das Gebahreir. seiner eigenen Vorstandstollegen, die selbst hem famosen Komitee angehören, zu verurteilen. S t a ar s r a t E o h n in eiiker von den durchaus deutschfühlenden Juden, die früher den Schalmeibläsern des Keren Hajessod huf den Leim gegangen tvaren und sich - als Lockvögel für palästinafrcudige „Richtzionisten" ausnutzen ließen. Er hat inzwischen seine damalige Verirrung erkannt und das ehrliche Bedürfnis gehabt, sich in aller Tcffentlichkeit vön seinem Irrtum loszusagen. Wenn ztvei Männer dieser Gesinnung Reiseberichte aus Palästina veröttentlichcn, durfte man im voraus klare-und rückhaltlose Stellungnahme erwarten. Tiefe Erwartung ivird nicht entäuscht. Ter Inhalt der Schrift ist vom ersten bis zum letzten Worte eine erfreulich scharfe Abkehr von allem, was unser Verband in früheren Kundgebungen unter dem Worte „Palästina-Rummel" zujammengefaßl hat. In sehr übersichtlicher Gliederung wird Alles gewürdigt, was der Deutsche willen mutz, um die innere Berechtigung und die äußeren- Erfölgsaussichten des Palästina- Unternehmens zu beurteilen. Zugegeben: Der Aufenthalt der beiden Kritiker im sogenannten „Lande Israels" war kurz. Aber beide wareiz durch gründliche Vorstudien fähig, den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Sie wußten, was sie zu tun hatten, um nicht wie Palästina-Reisende der Normalgattung schon bei der Landung durch die zionistische Organisation „erfaßt" und von einem Potemkinschen Dorf zum anderen geschleppt zu werden. Wenn das Ergebnis einer unter diesen Voraussetzungen angestellten Beobachtung für alle Palästina-Schwärmerei vernichtend ist, mutz auch der harmloseste Schwärmer bedenklich werden. Den Inhalt der Schrift im einzelnen zu würdigen, fehlt uns der Raum. Es ist für unsere Leser auch nicht notwendig, denn in der Broschüre steht kaum ein Wort, das nicht von uns selbst im Laufe unserer sechsjährigen Aufklärungstätigkeit vielfach ausgesprochen worden ist. Was der Schrift die Bedeutung gibt, ist nur eben die Tatsache, daß die gleichen Feststellungen, wie vorher von uns verruchten „jüdischen Antisemiten", hier von) zwei höchst unbescholtenen Vorstandsmitgliedern des Lentratvereins getroffen werden, den Kollegen der Herren Dr. Baev und Georg Bernhard, darunter einem früheren Keren Hajessod-Werber. So können wir uns denn, ohne unseren Lesern tatsächliche Aufklärungen vorzuenthalten, zu dem im Eingang dieses Aufsatzes erwähnten „Einzelfall" wenden. Von Dr. Weil wud auf Seite 18 10 der Broschüre „ Palästina als Ts i k^d es Orients" behandelt. Auch diese Betrachtungsweise kst unseren Lesern nicht neu. Wir haben häufig genug darauf hingewiesen, daß der Weg .jedes Juden^-der^Palästina erpstlich als das Land seiner Zukunft betrachtet, ausorm—Europäertum hinaus und in das Asiatentum hinein führt. An der Hand wörtlicher Zitate haben wir - dargetan, daß diese Folge auch von ehrlichen Zionisten, selbst von dem Leiter der Zionistischen Organisation für Deutschland, zugestanden worden ist. Herr Dr. Weil sieht gleich uns auch darüber völlig klar, was diese Zielrichtung für die in Europa zurückbleibenden Juden bedeutet. Er sagt wörtlich: „Wer das für gering schätzt, Hem mag es gleichgültig sein, ob er Europäer ist oder Orientale wird. Wer das aber für etwas unendlich Wertvolles hält, messen inneres Sein mit europäischer Kultur und Zivilisation unlösbar verbunden ist, der muß mit mir sagen: Es ist ein Unglück, auch nur einen einzigen Menschen unter solf) c rt Bedingungen aus dieser deutschen Welt n die orientalische hinüber zu verpflanzen. M a n kann nur das t i e f st e Mitleid mit den Eltern empfinden. die es ihren Kindern e rermöglichen oder erlauben, den mitteleuropäischen und deutschen Boden mit den u nsicheren, problematischen, allen Stürmen prcisgegebenen Verhältnissen Palästinas zu vertauschen."*) Diese Worte treffen den Nagel auf den Kopf und rühren an den Teil des Palästina-Problems, der uns deutschfühlende Juden am meisten, der uns im Grunde einzig und allein angeht. Würde sich der organisterte Zionismus darauf beschränken, Gefühlsasiaten aus unserem deutschen Vaterlande nach Palästina oder wohin auch sonst zu verpflanzen, — der Dank jedes Nationakdeutschen wäre ihm gewiß. Aber daß man mit Trugbildern unsere Kinder in die Irre zu locken sucht, daß man ihnen ihr wahres Vaterland abschwatzt und dafür eine bald zerfließende Fata Mörgana zeigt, daß man junge Menschen und sorgende Eltern skrupellos in seelische, die Jungen auch in körperliche Not stürzt, das nennen wir ein Verbrechen. lind hier ist der Punkt, an dem die Schrift des Herrn Dr. Weil über den „Einzelfall" hinaus unsere Aufmerksamkeit erfordert. Die beiden in der Broschüre zusammengcfaßten Schilderungen sind Niederschriften zweier Vorträge, die Dr. HZ e i l und Staatsrat (Lohn mündlich in verschiedenen Kreisen gehalten haben, zuerst am 9. April d. Js. in einem „kleinen Kreise prominenter jüdischer Persönlichkeiten", die von dem Vorsitzenden des Eentralvercins zusammengeladen waren.' . lieber diese mündlichen Vorträge ist in der I ü d i s ch - l i b eralen Zeitung vom 22. April 1927 (Nr. 16) ein stenographischer Bericht erschienen, besten Zuverlässigkeit wohl nicht in Zweifel gezogen werden kann. Der Bericht stimmt im groß.-n und ganzen mit der jetzt veröffentlichten Broschüre überein. Aber doch.nur im großen und ganzen. In Einzelheiten finden sich Abweichungen. Die bemerkenswerteste dieser Abweichungen ist der Ausgangspunkt unserer Betrachtung. *) Von uns gesperrt. Die Schristleitung.