Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1927
- Issue
- Nr. 1-3 (Januar/Februar/März 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6682492-5438663-5438806--272-4871483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wäre er ein jüdischer Goethe und Bismarck in einer Person." Man kann gegen diese Aeußerung der Furcht einwenden, sie gehe zu weit, sei Zeichen einer Neurose, eines Minderwertigkeitsgefühls. Gewiß. Doch was beweist das? Daß die von Mensch zu Mensch und von Gruppe zu Gruppe bestehende Mißtrauensspannung zuweilen einen pathologischen Grad erreichen kann. Mehr nicht. Ganz besonders nicht» daß diese Furcht als solche etwas Abnormes sei. Sie ist vielmehr, wie oben hervorgehoben, eine grupvenpsychologische Notwendigkeit, über die man unter rationalistischen Gesichtspunkten denken mag. wie man will, die man aber nicht wegraisonnieren kann. So lange das deutsche Volk den Juden gegenüber ein Fremdheitsempfinden hat, wird diese Spannung notwendig bestehen. Lache der Juden ist es. dafür zu sorgen, daß das Verhältnis der beiden Gruppen zueinander würdig sei. Deshalb mün'en ne sich zu ihrer Art bekennen. III. Das Bekenntnis;ur eigenen Art. Von Mar flajimann, Ter Anregung des Zionisten vr. Pollack leiste ich ebenso gern Folge, wie seinerzeit der, des Deutschvölkischen von Schilling. Ein Zionist, der sachlich mit uns reden will und eine Abneigung vor „platter Demagogie" bekundet, hat an sich schon Seltenheitswert; er bietet eine erfreuliche Abwechslung gegenüber den vertrauten Typen, die uns im Tageskampfe als Auch-Zionisren immer wieder begegnen, dem tuschelnden Vorzimmer-Politiker igit der leicht gefälschten Vornehmheit und dem Podium-Helden mit der nach Bedarf bebenden Schmalzstimme. Im übrigen ist die sachliche Auseinandersetzung mit echten Zioninen und echten Deutschvölkischen stets fruchtbarer, als etwa die mit Zwischenschichtlern, die durchaus das Wesentliche der Judenfrage nicht wahrhaben wollen und versuchen, dieses Wesentliche mit religiösen, parteipolitischen und sonstigen Klischee-Redensarten „wegzuräsonnieren". Mit den ehrlichen Zioninen und den ehrlichen Deutschvölkischen sind wir wenigstens über das Grundsätzliche einig, daß die Judenfrage ihre Wurzeln iit dem Fremdsein. . dem Anderssein hat und daß dieses Fremduno Anderssein irgendwie mit der Abstammung zusammenhängt. Mit dein Zionisten vr. P,o l l a ck — nicht auch mit dem Deutschvölkischen von Schilling — stimmen wir ferner insoweit überein, als wir den tiefsten Grund der Scheu vor dem „Fremden" in der Furcht finden, einer Furcht, die sich in krankhafter Nebersteigerung zum Minderwertkhkeitsgefühl oder in „Ueberkompensierung" dieses Gefühls zu aggressiver Gehässigkeit, ja zpm Mordbedürftus fortentwickeln kann. Ter Irrtum, der den Gedankengang . des Herrn vr. P o l l a ck von einem richtigen Ausgangspunkte zu einem falschen Schlüsse ablentt, besteht nur darin, daß Herr vr. P o l l a ck das Fremdheitsgefühl und damit die Furcht einseitig bei den Nichtjuden sucht. Er übersieht, daß die gleiche Empfindung auch bei den Juden besteht imd daß die Judenfrage, insbesondere die deutsche Judenfrage, in ihrer heutigen Gestalt schlechthin nicht zu verstehen ist, wenn man sich nicht klar macht, daß auf beiden Seiten Furcht und Furcht, Fremdheit und Fremdheit üch gegenüberstehen. Führt dann' der jedem Menschen innewohnende Wunsch nach Selbstgeliung dazu, daß jeder Teil dem anderen die Alleinschuld zuschiebt, so entsteht ein erbitterter >lampf, wo zunächst nur zwei Menschengruppen, die zueinander kolnmen könnten, nicht wagen, sich einander zu nähern. Herr v r. P o l l a ck formuliert seinen Fehlschluß dahin, daß die deutschen Nichijuden sich weigern, „die Juden aufzunehmen." wohlverstanden in die Volksgemeinschaft, die Herr v r. P o l l a ck mit Recht eine Gemeinschaft der „Gefühlsbindung" nennt, eine Gemeinschaft, die nicht künstlich geschaffen werden kann, sondern „organisch wachsen" muß. Wollen wir seinen Schluß nachprüfen, so müssen wir uns die Frage vorlegen, ob wirklich die deutschen Juden zu der entscheidenden Zeit den Willen gehabt haben, „ausgenommen" zu werden. Der Zeitpunkt, den wir bei dieser Fragestellung ins Auge fassen müssen, liegt in der Vergangenheit. Wir müssen rückwärts blicken in jene Zeiten, die dem Zerfall der Ghettomauern folgten, und wir müssen sorgsam unterscheiden zwischen der gef ü h l s m ä ß i g begründeten G e m e i n s ch a-f t der Volksgenossen und der gesetzlich begründeten Rechtsgemeinschaft der Staatsbürger. Um diese letztere Gemeinschaft, um die bürgerliche Gleichberechtigung haben einzelne Juden, später Gruppet, von Juden. hat zuletzt die ganze deutsche Judenheit unausgesetzt gekämpft. Diese Gleichberechtigung haben die Juden schließlich errungen, nicht in einem Zuge.^ sondern stückweise, nicht ohne zeitweise Rückschläge uno nicht ohne den von nichtjüdischer Seite vielfach wiederholten Versuch, die formelle Rechtsgleichheit praktisch ganz oder teilweise wirkungslos zu machen. Aus diesen Versuchen, gegenüber dem Buchstaben eines schließlich gewährten Gesetzes eine fortbestehende innere Abneigung zur Geltung zu bringen, darf aber keineswegs geschloffen werden, daß diese Abneigung wirklich bei der überwiegenden Mehrheit des Volkes und daß sie im Sinne eines „Fremdheitsgefühls", eines rein triebhaft begründeten einmütigen Ablehnungswillens zu allen Zeiten und stets in gleichem Maße vorhanden gewesen sei. Auch hier ist Herr vr. P o l l a ck auf der richtigeren Spur, als die obersiächlichen Denker, die eine Judenfrage überhaupt leugnen und an ihre Stelle eine „Antisemitenfrage" setzen tpollen. Aber er erkennt auch hier nicht die ganze Wahrheit, er sieht nur einen Ausschnitt des Wirklichen. Jede Gemeinschaft wehrt sich gegen den Eindringling, gegen den Komo novus, und zwar aus einem Selbsterhaltungstriebe heraus, der in der Tat seine siefsten Wurzeln in der Furcht hat. Es ist unbehaglich, unbequem. zeitraubend, manchmal — und dies trifft gerade gegenüber den Juden zu — wirtschaftlich nicht unbedenklich, neue Menschen an sich heranzulasien, die noch nicht ganz auf den Ton der längst bestehenden Gemeinschaft gestimmt sind. Darum regt sich unwillkürlich das Anti-Gefühl, und zwar in der ganzen Gemeinschaft, aber es wirkt sich bei den einzelnen Gliedern dieser Gemeinschaft je nach persönlicher Veranlagung ganz verschieden aus. Bei dem Einen steigt nur eben der Schatten eines Bedenkens auf; im nächsten Augenblicke fassen Verstand und Gerechtigkeitssinn die Zügel mit fester Hand, das Anti-Gefühl ist überwunden und mit einer Herzlichkeit, die einen leisen Beiklang von Scham über die Anwandlung menschlicher Schwäche hat. wird dem „neuen Menschen" di« Tür geöffnet. Bei dem Zweiten geht es schon bis zu einer leichten Steifheit und Zugemöpftheit; aber allch diese weicht bald, wenn der „Neue" sich friedlich, freundlich und ehrlich erweist. In dem Dritten ist bereits jenes Mißtrauen rege, das aus persönlicher Unsicherheit erwächst; auch dieses läßt sich überwinden, wenn auch erst nach einer gewissen Bemühung und nicht ohne Zeitverlust. Der Vierte aber hat jene Trägheit des HerzenS, jene bissige Inbrunst der Bequemlichkeit, die im Grunde nichts als Feigheit ist und die sich nach außen hin so leicht in kraftmeierische Abwehr umsetzt. Das sind dann die Unentwegten, die alles „Fremde" Haffen oder verachten, weil sie für ihre eigene Ruhe fürchten. Zwischen den grob umriffenen Grundlypen dieser Aufzählung finden sich natürlich unzählige Uebergangsformen.' Das Endergebnis ist jedenfalls: ckein positiv auf Ablehnung gerichtetes Fremdheitsgefühl, sondern ein gemäß den Verschiedenheiten menschlicher Eharaktere abgestuftes Unbehagen gegenüber dem Neuen, den. Anderen. Dementsprechend gestuft ist auch die Form, in der eine zur Aufnahme „Fremder" veranlaßt« Gemeinschaft sich im Einzelfalle verhält. Diese Form schwankt zwischen herzlicher Begrüßung und schroffer Ablehnung, je nach den zeitlichen und örtlichen Verhältnissen und je nachdem zufällig eine Gruppe oder ein Mensch — häufig in der Tat nur ein einzelner Mensch — der einen oder der anderen Wesensart der entscheidende Faktor ist. Dies gilt für jeden Stammtisch, für jeden Gesangverein. für jede Familie, in die ein neues Mitglied etwa durch Heirat sich emschiebt, — es gilt auch für jedes Volk. Und aus dieser Erfahrung erklären sich zwanglos die Rückschlüge, die gegenüber dem Streben der Juden nach staatsbürgerlicher Gleichberechtigung immer wieder von Zeit zu Zeit eingetreten sind. Genau die gleichen Erfahrungen find übrigens, entgegen der Ansicht des Herrn vr. Pol lack, auch im AuSlande gemacht worden, natürlich mit den Abwandlungen, die sich aus der Zahl der „aufzunehmenden" Juden und vor allem daraus ergaben, in welchem Maße das betreffende Land zu dieser oder jener Zeit dem Ansturm der meist rein jüdischvölkisch empfindenden Ostjuden ausgesetzt war. Wer für Deutschland aus Vorgängen dieser Art schlechtweg auf ein unüberwindliches Fremdheitsgefühl gerade gegenüber den Juden, auf einen gefühlsmäßig begründeten „Antisemitismus" schließt, bringt seelische Vorgänge, die ewigen und vielfältigen Gesetzen gehorchen, auf eine doch gar zu einfache und zeitgebundene Formel. DaS Ringen der Juden um bürgerliche Gleichberechtigung hat sich etwa seit den Zeiten der großen französischen Revolu- . tion bis in unsere Tage hingeschleppt. Heute glauben wir zu einem im Sinne der Juden günstigen Ergebnis gelangt zu sein.