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Der nationaldeutsche Jude · 1926-11-01 · Nr. 11/12 (November/Dezember 1926) · p. Seite 18

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 11/12 (November/Dezember 1926)
Date
1926-11-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
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- H - Stimmen vom anderen Ufer. Zwei Zuschriften nichtjüdischer Leserin I. n e n. stammt «Der nachfolgende Brief von einer- Dame, die seit Engerer Zeit Abonnentin "des Mitteilungsblattes Ht und mehrfach t>qn einzelnen Nummern nachträglichi Mehr- Eremplare ängefordert hatI Wir hatten die Dame angefragt. : ob sie selbst Jüdin sei und als Mitglied unieres Berbandes in Betracht komme. Die. Schfiftl.) Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Ihre liebcnsibürdige Anfrage wegen Arbeitsüberlastung erst heute beantworte. Als Nichtjüdin komnic ich als Vcrbandsmitglicd nicht in Frage. Dafür propagiere ich Ihren Verband und feine Bestrebungen in mir befreundeten jüdischen »teilen, u>d stich die Gelegenheit dazu bieter, mit Freuden. Das Vorurteil gegen Ihren Verband ist leider so gros; und so allgemein, das; ich nicht darauf rechnet irgendeinen positiven Erfolg durch Mitgliedswerbung zu erreichen, obwohl es sich in diesem Falle! ausnahmslos um hochgebildete und durch und durch! deutschj deii'ende Menschen handelt. Hier möchte ich Ihnen eines raten: Wenden Sie sich in: Ihrem Mitteilungsblatt auch einmal direkt an die jüdische Frau! Ich habe wiederholt die Erfahrung gemacht, dast gerade Frauen, verheiratete und unverheiratete. Ihre Arbeit der Verständigung freudig begrünten. 'Und wenn auch einem Beitritt meist alle möglichen Rücksichten widersprechen, ist es doch schon ein bedeutender Erfolg, wenn gelegentlich von solchen Interessierten und Rechtunterrichteten den - oft nahezu gro-I testen Ansichten, die man in jüdischen »reifen von den Be-! itrebungen Ihres Verbandes hat, entzzegengetreten wird. Ihr Verbandsblatt iit ein vortreffliches Instrument für die Verständigungsarbeit und hat mir auch in christlichen »reifen wertvolle Dienste getan. Mein ursprüngliches Vorutteil, das; Die einen ivlchen Versuch der Verständigung nur auf »osten von Stolz und Würbe durchzuführcn vermöchten, iit durch die inimer vornehme und ielbitbewustte Art Ihrer Polemik lange beseitigt. Mit den beiten Wünschen für Ihre Arbeit bin ich Ihre ergebene £>. II. Erlauben Die mir, die ich als Christin Ihre Bewegung schätze, und Ihr Blatt regelmästig mit Interesse lese. Ihnen ein alltägliches, aber charakteristisches Gespräch milzuteilen. Ich habe immer überlegt, woher es wohl möglich nt, dast man in jüdischen »reisen, die völlig assimiliert sind und sich scheinbar in nichts von andersgläubigen Deutschen unterscheiden, io viel Sympathie für den Zionismus findet, Eine Unterhaltung gab mir Gelegenheit, den Schleier ein wenig zu lüften. Vlein mich seit Jahren behandelnder Arzt ist Jude. Ich habe mit ihm bisher nie über jüdische Dinge gesprochen, weil ich einfach keine Veranlassung dazu hatte, zumal er, von seinem Aeusteren abgesehen, wirklich nichts hat, was an das — .wie man sagt — typisch Jüdische erinnert. Sozusagen durch Zufall kam neulich die Unterhaltung auf die Iudenfrage. Während einer Wartepause bei der ärztlichen Behandlung erzälslle er mir, dast er am Tage zuvor einen sehr interessanten Vortrag gehört habe, worauf ich, ihm nach Frauenact ins Wort fallend, von mir das gleiche erklärte. Es stellte sich heraus, dast wir beide den Vortrag des Herrn Professor Dr. Franz Oppenheimer meinten und beide der Ueberzeugung waren, selten einem so prachtvollen Vortrag beigewohnt zu haben. Aber im weiteren Verlaufe ergab sich bald, dast wir ganz verschiedene Schlüsse gezogen hatten. Er meinte, dast der Vortrag dem Zionismus viele Freunde geworben hätte, was ich bestritt. Hätte sonst Herr Blumens e I d nötig gehabt, im Anschlüsse an Oppenheimer noch so viel und im Gegensatz zu dem Vortrag selbst so wenig Durchdachtes zu reden? Im Gegenteil, meiktte ich, es ist doch eigentlich ein reichlich betrübendes Resultat, das gezeigt wurde, wenn man überlegt, mit welchen grasten Mitteln und mit welcher Unterstützung das Palästina-Werk in Szene gesetzt worden ist. Aehnliche, viel gröbere und viel weniger grobartig finanzierte Kolonisationen sind in der Welt in aller Stille geleistet worden, und. was die Hauptsache ist. sie sind lebensfähig geblieben. War der Vottrag bei aller Liebe zu Palästina wirklich ein Bekenntnis zum Zionismus? Ich hatte vielmehr den Eindruck, dah die Freunde Franz Oppenheimer's. die ihm nach seinen Watten gesagt haben, er sei gar kein Zionist, sondern ein Philo-Zionist. sehr recht haben. Durch den ganzen Vottrag leuchteten d,e Ideen des groben Soziologen und Bodenreformers, der wenigstens ° einem Teil seiner armen und drangsalierten Glaubensbrüder dort unten die Lebensmbglichkerten schaffen will, die ihnen in ihrem jetzigen Land versagt sind. Ich bin überzeugt, dah er mit demselben Feuereifer sich für die Siedlung in der Krim^ die ja wirklich nichts als Juden unterbringen will, einsetzen würde. Der ,Arzt verstand mich offenbar nicht recht. Er fand allein ben Gedanken der Schaffung eben dieser Lebensmög lichkeiten so wundervoll, dah er, wie er sagte, gar nicht begriffe, wie dieser Gedanke sogar von Juden angefeindet werden könnte. Ich erwiderte ihm. dah dies ja aber nicht allein und nicht eininal in der Hauptsache der Sinn des Zionismus sei, sondern dah. wie ich einmal einen zionistischeir Redner in einer anderen Versaminlung sagen hört«, die Jude» vor allem deshalb nach Palästina gehen sollten, um sich als Juden auszuleben und der Welt zu zeigen, was Iudeit können, und dast dort ihre wahre Heimat fei. Wen» aber die Juden, meinte ich. im Sinne der Zionisten in P a I ä st i n a ihre Heimat haben, was wäre» dann die Juden in der ganzen Welt auherhalb Palästinas? Sie wären also Ausländer und mühten es sich konseguenterweise gefalle» lasse», dast sie unter Minoritätsrccht gestellt werde». Der Doktor meinte, diese Folgerung sei doch gar nicht izölig. -Man könnte ein sehr guter Deutsckzer sein und dock, in Palästina leben. Er selbst hätte sogar erwogen, ob er nicht mit Frau und »inbeni dorthin übersiedeln und dort praktizieren sollte. Auf meine sehr erstaunte Frage,, ob er sich denn in Deutschland nicht wohl fühle und ob sein „Wirtsvolk" ihn irgendwie in seinem Leben störte, fuhr er ganz er regt auf und erklärte, dast er den Ausdruck „Wjttsvolk" nicht kenne und nicht gelten lasse. Dieser Ausdruck wäre ein Nonsens. So und so viele Juden sähen seit Jahrhunderten in Deutschland, wären in deutscher Art und deutscher Kultur völlig. aufgegangen, und nun sollten sie sich plötzlich als Gäste fühlen! Ich gab zurück, dast gerade die Zionisten 'ständig das Wort „Galuth" im Munde führen, dast ne das Wort „Wirtsvolk". wenn nicht aufgebracht, so doch tausendfach bestätigt hätten, und dast ihre Auffassung, ein besonderes jübisches Volk zu sein, den Keil immer tiefer in das deutsche Volk Hineintreiben müsse. Ich versuchte ihm weiter klar zu machen, dah die Ausführung seines Palästina Planes doch damit beginnen müsttc, dah er sich gerade des Zusammenhangs mit Deutschland zuerst entledigte, denn nach W e i; - mann hätten ja gerade die deutschen Juden nötig, sich in ein anderes Milieu zu begeben. Er wurde offenbar bedenklich und lenkte ab. indem er. auf seinen Auswanderungsplan zurückkommend. sagte, er habe schon gehört, dah es gerade, für Akademiker nicht sehr ratsam sei, dorthin auszuwandern: es wären schon solche im Ueberfluh da. Ich entgegnete ihm. dah dies ja einer der Hauptgründe sei, weshalb unter den deutschen Juden die Abneigung gegen^ den Zionismus allmählich so grob geworden sei, weil er mit seinen Rattenfänger-Melodien so viele junge Intelligenzen, die akademisch vorgebildet wirklich etwas anderes leisten könnten, als drüben schliestlich etwa Strastenarbeiter zu werden, aus deutschen Familien herauslockt, die dann, wenn sie in Palästina die Wittlichkeil gesehen haben, wie sie auch aus Franz Oppenheimers Vortrag sich zeigte, entweder zurückwandern ober als gescheiterte Eristenzen drüben hleiben, in jedem Falle aber für ben Zionismus wie für ihr eigentliches Heimatland verloren sind. Alles dies waren ihm völlig fremde Dinge. Er gestand mir. die Frage von dieser Seite noch nie betrachtet und durchdacht zu haben. Im Anfang des Gespräches hatte ich nebenbei den Namen des Herrn vr. Naumann erwähnt, und zwak, als mein Arzt von dem völligen Aufgehen der deutschen Juden in der deutschen Kultur sprach. Ich sagte ihm, bah er ja damit vr Naumann fast wörtlich zitiert hätte. Er zuckte die Achseln und meinte in geringschätzigem Ton: „Ach, der gute Naumanij." Ich fragte ihn, ob er denn Naum a n n' s Schriften gelesen hätte. Er gestand mir, über Naumann nur durch die polemischen Artikel desCentral- Vereins unterrichtet zu sein. Am Schlüsse des Gesprächs aber sprach er selbst ben Wunsch aus, sich einmal mit Dr. Naumann persönlich zu unterhalten. Er habe, sagte er, die Dinge doch wohl bisher „nicht genügend von allen Seiten angesehen". Wieviele deutsche Juden gibt es, die ebenso dm Zionismus eine segensreiche. Einrichtung nennen, ohne ihn wirklich zu -kennen, die über Ihren Verband die Achseln zucken, erst recht ohne ihn zu kmnen, die sich mit dem Gedanken einer Auswanderung nach Palästina beschäftigen und dann beleidigt sind, wenn man das deutsche Volk ihr Wittsvolk nennt! Hochachtungsvoll E. K. L

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