Mannheim
Compact Memory

Der nationaldeutsche Jude · 1926-11-01 · Nr. 11/12 (November/Dezember 1926) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 11/12 (November/Dezember 1926)
Date
1926-11-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6682492-5438659-5438802--248-4871459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Verbreitung finden, für die jede innert Begründung feihlt, da die eigentlichen Pläne scheitern mußten,' wie sie inll*r Tat gescheitert sind, weil soviel Kräfte mit explosivem Betätigungsdrang anderweitig nicht genügend ausgenutzt wurden und nun hier ihre verdrängten Affekte agitatorisch zu entladen reichliche Gelegenheit fanden. Mit Agitatoren aber, mögen sie noch so versöhnlich sprechen, kommt man erfahrungsgemäß.nie zur Erörterung einer strittigen Sache selbst. Die Debatte bleibt in Nebenwegen stecken. Da ist es doch etwas anderes, wenn einmal ein Gegner diese Methoden verschmäht und klar und offen ohne jede Nebenabsicht die Grundanschauungen isarlegt. Das tat Herr Blumcnseld. Unzweideutig sprach er cs aus, daß er einen Staatsbxgrifff der Staat, Kustur und Volk zu einer Einheir verschmilzt, ablchnt, und ich hätte es leicht, daraus zu erllärcn, wie die Zionisten zur künstlichen »tonstruktion ihres eigenen Staates gelangen' konnten, und demgegenüber unseren Staatsbegriff zu vefkeidigen, deis ja gerade das Aufgehen des Einzelnen mit allein,^ was er ist,§ in einem Staatsganzcn verlairgt, das diese drei Faktoren mit Selbstverständlichkeit in sich vereinigt. Wer einmal mit allen Fasern seines Jchs in solchem Sinne nationald e u t s ch fühlt, kann das ebensowenig ändern, wie jemand, der mit all seinen Fasern national j ü d i s ch suhlt. Ilnersindlicff ist nur, wie man Vorbehalte machen kan», sei es Tcmschland, seines einem künftigen Zionsstaat gegenüber. <Abcr das ist ein besonderes Thema) Darum konnte ich Herrn B a d t mich weder zugeben, daß ivir ein „neues Deutschtum" erfunden hätten, denn ein anderes, als wir -es lebe»,, kennen tvir nicht, noch konnte ich in Umkehrung seiner Schlußwcndung etwa der Hoffnung Ausdruck geben, daß sich zahlreiche Zionisten zu unserem nationaldeutschen Standpunkt bekehren würden; denn selbst wenn sie es wol'lten, sie könnten es ja gar nicht, soivcit lic ivirklich ohne Klügelei oder Verärgerung nur nach innerst e in Gefühle handeln. Nein, wir sind nun einmal Gegenpole, und alles, ivas in der Mitte liegt, ivird sichnvohl oder übel eines Tages entscheiden müssen. Das hat der Giündcr. unseres Verbandes ja oft genug ausgesprochen. In einem Punkte konnte,ich . mich »nt Herrn vr. B ad l allerdings einverstapdön erklären. Auch uns ist an Fortsetzung gehässiger Polemik nichts gelesen: am wenigsten bei Verhaixdlnngcii des Landesverbandes. Wir haben unseren Respekt vor ehrlichen Zionisten von Anfang an betont. Aber wenn schon einmal die gegnerische Behauptung „das Karüickcl hat angefangen" mif ihre Richtigkeit. geprüft werden soll, dann sei doch daraii erinnert, daß gerade bei der Eröffnungsrede der ersten' Landesvcrbandssitznng im vorigen Jahr Herr Or. Klec 'cs ivar, der ohne j?de Nötigung erklärte, alle Juden seien seine Brüder, u n s aber nehme er von htm. was er unter ..jüdisch" verstehe, ausdrücklich aus. Wir nationaldeutschen Juden haben unser Judescin nicht allein nie verhehlt, un Gegenteil uns als Neligionsjuden und Stammesjuden genugsam öffentlich betätigt. Darum empfinden wir eine derartige Aeußerung, so wenig ernst wir .sie nehmen, alä bcäbsichtigte Kränkung. In solchen Fällen pflegen unsere Sljnt- Worten eine gewisse Deutlichkeit und Einprägsamkeit zu zeigen, und daß diese Methode die richtige war, zeigt ja die chronische Gekränktheit unserer Herren Gegner, selbst der „übeflegeüen Parlamentarier". Wenn diese mm an dem bisherig m Aiistaufch von Komplimenten genug haben, so kommt das unseren Wünschen entgegen: aber es heißt hier wie-bei der beühmfen Frage der Abschaffung der Todesstrafe: „tJue messimrsles assassins commencent!"*) Also, meine Herren Zionisten, nicht bei jeder Gelegenheit das Wort .Naumann'' oder.„Verband nationaldeutscher Juden"'so aussprechien, als habe man just in solchem Moment auf Pfeffer gebissen, nicht Naumann und Mussolini unnötig verquicken, nicht Zitate aus dem Zusammenhang reißen und nicht gegen Schluß einer Tagung, an deren Anfang man zur Versöhnlichkeit gemahnt hat, Abdrucke aus Kämpfen der Verjähre verteilen, wie das Herr Badt, dem Naumann angeblich ganz wurscht!ist, am 23. November 1926 mit seinem Aussatz „In eigener Sache" vom 9. Oktober 1925 tat. Tann werden wir miß eines Tages gegenseitig freuen, daß beide vorhanden sind, wir nationaldeutschen Juden und dieechten Zionisten, und daß jeder ehilich fühlende und klar denkende Jude weiß, zu welcher Seite er gehört. — Die Debatte mit den Zionisten, b|e rnrcrglücklich begonnen hatte, wuchs stellenweise zu beträchtlicher geistiger Höhe. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß sie! in Zukunft von dieser nicht mehr herabsinkeit möge. In diesem *) »Mögen die Herren Mörder den Anfang machen!". Falle hätte der sonst geradezu verschwenderische Aufwand an Zeit, Arbeit und Mitteln doch wenigstens einen Erfolg gehabt. Tie Berichte in den jüdischen Blättern verschiedener Färbung vertreten die gleiche Ansicht. Diese Zeitungen aber könnten sich ein großes Verdienst erwerben, wenn sie trotz ihrer jeweiligen Parteieinstellung über derartige Dinge objektiv zu berichten suchten, was leider nicht bei allen der Fall ist. So ist cs mir natürlich niemals eingefallen, von meinen Mitkämpfern im Verband, nationaldeutscher Juden „abzurücken" oder mich gar in eine „jüdische Einheitsfront" einzuordnen, ein Begriff, mit dem m. E. überhaupt niemand einen vernünftigen Sinn verbinden kan». Ja k propos!, was geschah denn nun eigentlich mit der Tagesordnung? Das „ I u d e n g e s e tz " wurde vertagt und soll im März nächsten Jahres in einer besonderen Tagung behandelt werden. Der ^Reichsverband" kam nicht zustande und zwar wurde der vorliegende Satzungsentwurf einmütig, aber ans verschiedenen Gründen abgelehnt. Die einen wollen keinen „Reichsverband deutscher Juden", der nach außen, hin als eine Vertretung der jüdischen Deutschen erscheinen könnte, mährend er doch nichts anderes ist, als die der Religionsgmneindcn Tentschlands, zu denen zahlreiche Ausländer gehörend Andere nehmen besonders an gewissen Bestimmungen Anstoß, die auch das sogenannte „Palästinawerk" in das Arbeitsgcbier einbezichen. Die jüdische Volkspartei wünscht ein allgemeines demokratisches Wahlrecht. Zustande kommen wird der Reichsverband, aber seine Verfassung wird denn doch anders aussehe» «muffen, als die vorliegende. > Kritisches und Positives zum Palästinawerk. Ein Vorträg von Professor Nr. Franz Oppenheimer,, — > besprochen von Friedrich von Oppeln -Bronikowski. Der Keren Hajessod, die „neutrale" Geldwecbcgesellschaft der zionistischen Vereinigung, hatte den bekannten! Soziologen Professor Nr. Franz Oppenheimer aus; Frankfurt a. M. nach Palästina geschickt, um von ihm ein i Gutachten über das dortige Siedlungswerk zu erhalten. Dies i Gutachten lag dem Vortrage zu Grunde, den er am 18. Oktober! in dem bis zum letzten Platz «esetzlen Blüthnersaale hielt. Seine smnpathische Erscheinung, sei» feingeschnittener Gelehrtenkopf, sein mrannhastes Auftreten und fein humorvoller Vortrag nahmen schon äußerlich für ihn ein, und der Inhalt seines Vortrages unterschied sich vorteilhaft von dem rosenroten Optimismus und dem ideologischen Phrasenschwall mancher Zionisten. Wohl wenige waren berufener als er, über das Siedlungswerk in Palästina zu urteilen, denn er hat das Ländchen nicht nur dreimal seit dem Kriege besucht, sondern auch vor dem Kriege, als Freund und Berater Herzls, dort selbst Siedlungsversuche auf kooperativer Grundlage gemacht, die freilich mit seiner Verdrängung endeten: denn obwohl er sich selbst zum Sozialismus bekeniit, ist er ein offener Gegner des Manismus und Kommunismus, ja der eigentlich« theoretische lleberwinder dieser Irrlehren, und gerade in Paiästina hat man große und kleine kommunistisck>e Gemeinwesen zu schaffen gesucht. Herr Direktor Oskar Wassermann leitete den Vortrag zunächst mit einer kurzen Programmrede ein, worin er den Wiederaufbau Palästinas als „zentrales jüdisches Werk von höchster Bedeutung für das Judentum der Welt" bezeichnete, „mit dessen Gelingen die Ehre des jüdischen Namens verknüpft ist." Er diene, so sagte tr,r aber nicht nur dem Judentum, sondern ..auch unserem Vaterlande Deutschland und der ganzen Welt. " In der Einleitung seines Vortrages betonte Professor Oppenheimer, er wolle nicht lobpreisen noch herabsetzen, sondern sachlich berichten, was er gesehen habe. Ein jeder sähe zwar nur. was er sehen wolle und könne, aber bei ihm sei das „Mißtrauen gegen sich selbst", die geistige Selbstzucht. stark genug entwickelt, um ihn weder in die llebertreibungen der Begeisterten noch in die der Verärgerten fallen, zu lassen. Drei Probleme seien ihm auf seiner Reise entgegengetreten: die Araberfrage, die Frage des Kapitalismus und die Landwirtschaftsfrage. Er betonte zunächst die Kleinheit Palästinas, dessen Grenzen durch Meer und Wüste eng gezogen seien. (Bekanntlich hat es etwa die Größe der Mark Brandenburg.) Es sei „ein winziger Provinzwinkel in der europäisch-amerikanischen Weltwirtschaft." In diesem Ländchen wohnen zunächst 600 000 bodenständige Araber, die zwar ungebildet, aber Träger einer uralten religiösen Kultur sind und sich stark vermehren, besonders seit sich die wirtschaftlichen und sanitären Segnungen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.