Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 9/10 (September/Oktober 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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8 spräche, daß gewisse Aeußerlichkeiten der Erscheinung und des Gehabens nicht als ausschlaggebende Merkmale für < Eingliederung der Menschen in die Etikettschachteln sogenannter Typen bewertet werden dürfen. Gewiß, es gibt fvkenschen für die ihr Monokel der Ausdruck einer Weltanschauung ist, wie für andere die Hornbrille oder der Schillerkragen. Aber zu diesen Masken ohne Gesichter dahinter gehören weder der Doktor noch der Qberregierungsrat. Und was die Außenseite dec Ahnenfrage selbst betrifft, ist der christliche Qberregierungsiat sicherlich ebenso weit davon entfernt, nach treudcutsch - „r ölkischer" Art die eigenen Ahnen schlechthin für,die besseren za halten, wie es dem jüdischen Doktor fernliegt.'sin Stil des frisch geadelten Kommerzienrats aus den „Fliegenden Blättern" von , Anno dazumal sich gekaufte Ahnenbilder an die Wand zu hängen. Auch in Einzelheiten wollen wir uns nicht verlie:en. Ob diese-:- und jenes Argument oder Gegenargument der Gesprächspartner stichhaltig ist,- mag unerörtert bleiben. Gehen wir auf das Wesentliche ein. Was sind uns Ahnen? " ' ' Diese Frage bedeutet nicht Perachtung der lieber!e nicht Verleugnung denen, was ivir ererbt von unserer haken. Sie bedeutet nur Warnung vor Ueberschätzfi Vergangenheit auf Kosten der lebendigen Gegenwart allem auf Kosten der Zukunft, für dke wir den koifi Geschlechtern verantwortlich sind. Was sind uns Ahnen? Erinnerung a/i Zeiten, von denen wir im Grunde nichts wiffen, mögen wir noch so viel: Grabstätten eröffnen, Inschriften entziffern und Archive entleeren. Unsere Vorstellung von der Vergangenheit ist, das Hut schon Meister Goethe erkannt, nur der Abglanz unseres eigenen heutigen Selbst, ist Ablenkung und Erhebung fü: kurze stunden der Entspannung, ist ein Schattenspiel für ferung, Vätern ng der und vor mendcn den besinnlichen Abend, wenn die Festtagsiichler brennen. Aber die Schatten entschwinden, wenn das nüchterne Tageslicht emporstcigi, das uns zu harter, pflichtbeschwerter Arbeit ruft Zu deutscher Arbeit. Arbeit heißt: Lebende.Kraft ausströmen lasten. .Müssen ivir jedesmal, wenn wir den Hebel ergreifen, uns üftcflnd fragen, au»-welchen.Quellen der Kraflstrom gespeist wifd? .Hier ist das Leben. Greift zu! ' Wir sind, die wir und, keiner dem anderen gleis!, aber jeder ein Mensch der Gegenwart, geformt durch Entmilzungen einer Vergangenheit, in der das „Blut" nur einer von vielen Wirkungsiaktoren war, und die Kultur, in deien Sie reich wir erwachsen sind, ein zweiter. So, wie'wir sind, müssen wir uns mit der Gegenioart abnnden, müstm mir selbst unsere^Zukunft schaffen. Was zwingt uns, stets über die eigene -cchulter zu blicken, immer wieder im Kr<ise um verfallene Gräber zu schreiten, statt vorwärts dringend^Wohnland für Kinder und Enkel zu roden? : Ein Gleichnis steigt aus der Erinnerung empor. „König Johann"' heißt ein Shakespeare-Drama, da scheinlich nur zum kleinsten- Teile von Shakespeare aber in einzelnen Szenen unverkennbar den Griff erreichten Gestalters zeigt. Schon um einer dieser willen sollte es nicht vergessen werden. Zum Gericht des'Königs kommen zwei Adelssöhnb, von der gleichen Mutter geboren, beide tragen. den »kamen Faulconbridge. Ter Jüngere spricht dem älteren Brüter das Recht auf Namen und Lehen ab; nicht von Sir Robert Faulconbridge sej er erzeugt, sondern in freier Liebe von König Richard Löwcnherz. Ter Aeltere nimmt den Varwurf der Unehelichkeit leicht, er bezweifelt selbst, von dem krmmerlichen Sir Robert abzustammen, aber er sieht keinen Griznd. auf die Einkünfte des Lehngutes zu verzichten. Der schwäch li'che König entscheidet nach dem formellen Recht. Der keltere ist in der Ehe geboren, also gebührt ihm Namen und Lehen. Ta ruft die Mutter des Königs den Aelteren an. und ihr Wort fährt wie ein reinigender Blitz durch das Dunst zewölk von Rechts, und Geldgeschwätz. Wir hören förmlich bin klare Befehlshaberstintme. wir sehen den hellen, durchdringenden Blick dieser Frau, die sich selbst einen Soldaten nennt: wahr- .1 lammt, unszetien Was wollt'sr Du lieber sein? Ein Faulconbridge, Tem Bruder gleich und Deines Gutes Herr? Lder als Sohn erkannt des Löwenherzens, Herr Deiner Gegenwart — und nichts vom Gut?, I Und der ältere Bruder, der soeben noch zwischen Selbstsucht und Selbstgefühl schwankte, weiß in diesem Augenblicke genau, wie er zu wählen hat. Jubelnd, ein Aufschrei innerer Befreiung, klingt sein Ruf: Bruder, nimm Duimein Gut, ich nehme mein Schicksal! „Chance“ heißt es im englischen Urtert, wo lins nur das unvollkommene Work „Schicksal" zu Gebote steht. Kein deutscher Ausdruck kann den Inhalt des Wortes „chance“ erschöpfen. Chance ist Hoffnung, j Möglichkeit und Glück, ist das Recht und die Aussicht, mit eigener Hand aus der Zukunft zu formen, was das unberechenbare Schicksal zuläßt. Seine eigene Zukunft wählt Philipp Fausconbridge. als er sein Gut wegwirft und nichts dasür empfästgt, als den Ritterschlag, der zum Schwertdienst * für das Väterland verpflichtet, und den Namen des „Bastards", der ihn bis zum letzten Worte des Dramas begleitet. Ich weiß es wohl: das Gleichnis hinkt. Wer es in Worte zerpflücken will, mag sein Spiel haben. Wer Sinn für das Wesentliche hat, wird ikiich verstehen. „Herr Deiner G e g e n w a'r t". das ist das befreiende Wort. Fort mit dem Rückwärtsschielen in eigene und fremde Vergangenheit! Herren unserer Gegenwart wollen wir sein, wollen sein, maß wir sind, nicht,'weniger lind nicht mehr, und unser Recht sei. die Zukunft zu gestalten mit eigener Kraft im Ringen mit den inübersehbaren Wirklichkeiten künftiger Tage. 'Kein Erbgut braucht, wer die Zukunft meistern will, nur Ehrlichkeit gegen andere und gegen sich selbst, festen Willen und feste Hand — und schließlich das Glück, das nicht von Menschen- Hand verliehen ivird. Und damit wenden - wir uns ab von dem Problem der Ahnen, wenden wir uns .ab von der Vergangenheit und gehen festen Schrittes den Weg durch deutsche Gegenwart zur d e u t s ch e n Z u ku n ft. ' Vermischtes vom Zionismus. Holländer und Blumenfeld. Man könnte fast an einen regelrechten Kriegszustand zwischen E. V. und deutschen Zionisten glauben, wenn man den Artikel liest, in dem sich der Syndikus des Centralvereins Ludwig Holländer, in der Nummer 36 der C.-B.-Zeitung dom 3. September 1926 mit der Erfurter Tagung der deutschen zionistischen Vereinigung polemisch auseinandersetzt. Es stellt die notgedrungene Abwehr gegen, wie es scheint, gjanzungewöhnliche Beschimpfungen dar, mit denen die führenden Männer des C. V. in Erfurt von Herrn Kurt Blumenfeld und seinen Nachbetern bedacht worden smd, ohne indessen die reinliche Scheidung gegen den Zionismus vorzunehmen, die nach solchen Leistungen doch wohj unerläßlich sein sollte. Dieser Präsident der deutschen zionistischen Organisation soll sich in Schmähungen des E. V. geradezu überschlagen haben, die „mehr als bedauert" werden müßten: trotzdem aber werden die Freunde des C. B. gehrten, diese Dinge nur ja mit Ruhe entgegenznnehmen. wie denn auch Herr Holländer in der Tat seinen Freunden hier mit flehr gutem Beispiel vorangeht. Nicht zu leugnen freilich, daß er Herrn Blumenfeld etliche ganz gediegene Wahrheiten in's Gesicht sagt, und daß er sich dabei vielfach mit Gedonkentzängen berührt, die den Grundanschauungen unseres- „Verbandes nationaldeutsche-r Juden" zum Verwechseln Ähnlich klingen. So wenn er feststellt, daß gerade der Zionismus Blumenfeld'scher Richtung seinen Anhängern jede Bekämpfung des Judenhasses und seiner praktischen Auswirkung unmöglich machen muß. weil er sich mit der Grundauffassung der Judengegner, nämlich der Fremdheit der Juden in Deutschland, identifiziere. So wenn wiederholt auf den Unterschied zwischen den O st ländern und best toe st europäischen Ländern hingewiesen und betont wird, daß man dort wohl von einer jüdischen nationalen Minderheit sprechen könne, nicht aber in Deutschland oder Frankreich wenn auch viele Kreise der Jüdisch-Nationalen sie äuch-hier zu einer Minderheit machen möchten. Und wir können-, gewiß nur wünschen, daß der C. V. in seiner ganzen Leitung Und Betätigung bestätigen möchte, was Herr Holländer für ihn in Anspruch nimmt, daß das -nationale Judentum v'on ihm als ein Unglück für das Judentum angcfshen und infolgedessen auf das schärfste abgelehnt weide. : Aber auf der anderen Seite finden sich sefbst.in diesem Kampfarl ikiel des C. N.-Syfldikus Halbheit kn u n d Vorbehalt: den zionistischen Konstruktionen gegenüber, die.von