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Der nationaldeutsche Jude · 1926-07-01 · Nr. 7/8 (Juli/August 1926) · p. Seite 8

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 7/8 (Juli/August 1926)
Date
1926-07-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Sie meiner pupillarisch sicheren Forderung entgegenzustellen ..Würden Sie den gleichen Einwand erheben, wenn es sich nicht um einen Juden, sondern beispielsweise um den Abkömmling einer Hugenotlenfamilie handelte?" _ ..Nee. nich für'n Wald von Affen! Tenn sehen Sie, mein lieber, seitdem diese treuherzigen Franzosen uns mit ihrer Einwanderung beglückt haben, ist immerhin ein ganzer Haufen Zeit vtrflosien. Sie haben Friedrich den Groben milerlebt ich unterstreiche: miterlebt — und sind trotz ihrer ein bihchen spacken Kokketerje' mit der gallischen Abstammung vollkommen eingedeutscht würden/ Scheuszliches Wort übrigens!" „Schön! Aber wenn nun der Enkel eines, der französischen Emigranten, die zur Zeit der groben Revolution in Deutschland atiiäsiig wurden, von Friedrich dem Groben als seinem Ahnbemn sprechen würde?" „Tta. du lieber <s»ott, wahrscheinlich würde ich dann ein leichtes iKrinsen nicht unterdrücken können. Aber immerh'n, so 130 Jährchen sind auch nicht von Pappe... Freiheitskriege. Königgpätz. Sedan - nich übel! So 'ne. kleine Uebertreibung könnte inan wohl gestatten/ sozusagen 'ne künstlerische Abrundung. Friedrich der Grobe wäre dann eben der Knochen. den die Majrkrfrau noch 'drukslegt'." ' Ich! schwieg. ..Arier Junge", sagte er herzlich ..machen' Sie blob nich so'n-krötiges Erficht. Sie haben mir selbst gesagt, das; ich zu demjenigen Typ nichtjüdischer Deutscher.gehöre, den Sie wenigstens in puncto vuncti am höchsten schätzen: nicht Philosemil. uicht Antisemit, sondern einfach Mensch. Und Sie wiüen. wenn einer Ihrer schwarzlockigen Bundesbrüder zu mir kommt, und iit ein anständiger'Mensch und beweist, das-.er über alle politischen Meinungsverschiedenheiten hinweg mit Leib uNd Seele an seinem p. p. Batetlande hängt, dann iit er mir willkommen und ich begrübe ihn mit treudeutschem Händedruck. Aber Sie müssen die Sache auch nicht überspitzen. Tradition ist Tradition und lässt sich nicht wcgleugnen. Ich gebe gern zu. viele von euch - vielleicht die meisten - haben sich die deutsche Gegenwart. oder richtiger das Deutschtum der Gegenwart erobert, nicht nur äuberlich, sondern auch innerlich ... vielleicht ein .bibchen frisch lackiert und auffällig, aber doch im groben und gan^n waschecht... na ja! Aber das; nun der biedere Herr Eohn. Eier engros. damit zugleich den Anspruch erworben Kat, den Lenden Herrmanns des Eheruskcrs entsprungen zu sein, kann ich nich zügeben... kommt mir chimboranohaft übertrieben vor. . . und mache ich, offen gestanden. nich mit. Sind Sie mir böse?" . ' , ..Nein!" ..Na also! Dann wären wir ja einig." ..Durchaus uicht! Ich weisnicht, lieber Mar, wie weit Sie den Stammbaum Ihrer Familie verfolgen können. Vielleicht haben obre Ahnen auf österreichischer Seite gegen Friedrich den Groben und auf, Rheinbundseite mit Napoleon gekämpft. Ich will auch durchaus nicht von jüdischen Familien sprechen, die nachweislich seit Hunderten von Jahren, vielleicht seit einem Jahrtausend, in Deutschland ansässig sind. Alles dies trifft nicht den Kern der Sache und ist aus-.erdem gefährlich... nicht nur für uns Juden, .sondern auch für die Geiamtbeit deutscher Bürgerfamilien, denn es hiebe, das Anrecht auf die Vergangenheit nach der Länge des Stammbaums auftcilen. Ganz. so einfach, oder wenn Sie wollen, ganz so schwierig scheint mir die Sache denn doch nicht." ..Habe ich auch nicht hehauptet." ..Weisich! Aber wenn Sie Ihre Anschauungen logisch zu Ende denken, so müssen Sie m. E. zu einem solchen Ergebnis kommen. Der Grund Ihres Irrtums liegt, wie ich glaube, darin, das- Sie .Ahnen' als einen Begriff ansehen. der inhaltlich der Vergangenheit angehört, und nach seinem Wert und Umfang ein für allemal feitstebt. Wer sich nicht durch seine Vorfahren einen mehr oder minder groben Teil dieses Inhalts gleichsam materiell einverleibt hat. der kann dessen später auch durch noch so heibe Bemühungen niemals mehr teilhaftig weiden." „Stimmt! Sie sprechen überaus druckreif." „Und ist trotzdem falsch. Ahnen ■- das ist ein Begriff, der seine Wurzeln natürlich in der Vergangenheit hat. Wert und Inhalt aber im wesentlichen von der Gegenwart empfängt." . „Mensch.. .Bruno ... ist das '» kubistiicher Gedankensplitter oder sprechen Sie im Ernst?" „In vollkommenem Ernst. Wenn ich ein Gleichnis anwenden darf: das Kraftwerk liegt irgendwo drauhen in der -Ferne, im Dunkeln, aber did Lampe leuchtet hier auf meinem n Schreibtisch. Verstehen Sie mich?" - „Ich ahne! Nee, wirklich, ...sollte kein Witz sein. ^Aber trotzdem - wollen Sie sich mchi ein bihchen deutlicher aüsdrücken? Friedrich Wilhelm der Erste, Friedrich der Grobe.. alles gewisienmahen Erfindungen der wackeren Neuzeit?" Er schob das Einglas wieder unter die erhöhte Braue. „Einensolchen Unsinn habe ich natürlich nicht' behauptet. Man muh unterscheiden zwischen der historischen Persönlichkeit und ihrer Legende. Haben Sie den .Nietsche' von Bertram gelesen?" ' „Nietsche: ja. von Bertram: nein." „Bertram spricht in der Vorrede seines Buches von der legendeijbildenden Kraft einer Persönlichkeit. Nehmen wir als Beispiel die Königin Luise. Was weih der Durchschnittsdeutsche von ihr? Verflucht wenig, nicht wahr? Die Königin auf der Flucht, ihre Begegnung mit Napoleon und so. Aber von ihrem Privatleben? Wissen Sie beispielsweise, dah sie in einem ihrer Briefe Kotzebuemeben Goethe stellt, was zum mindesten nicht grade für ein ubermähiges literarisches Feingefühl spricht?" „Nein. Aber was weiter? Ich sehe nicht recht, wo Sie hinauswollen." i „Nur Geduld! - Und nun stellen Sie sich vor, was die Legende aus ihr gemacht hat. Etwas unzerstörbar Reines. Mütterliches, Kraftvolles, das keine noch so erakte und kritische Forschung sn den Alltag hinabziehen wird. Ein Märchen, das sich von der zufälligen Grundlage seiner Wirklichkeit abgelöst hat. und durch Gemüt und Phantasie von Generationen verschönt worden ist. — ein deutsches Wunschbild. Sicherlich lag irgend ein kKraftzentrum in ihrer Persönlichkeit, aber wurde es erkannt, als sie lebte? War es überhaupt erkennbar? Nicht: wie sie einer fernen Zeit erschien, sondern was sie uns geworden ist, — ja noch mehr, das, was wir jetzt Lebenden in sie hineindeuten, darauf kommt es an. Was kümmert es uns. wie iihre Zeitgenossen — also die Ahnen, die Sie für sich in Anspruch nehmen — über sie dachten!" „Hm!" , „Und Friedrich der Grobe? Ein Genie, ein grober Mensch, ohne Zweifel, aber doch auch — historisch betrachtet - mit allerlei peinlichen l und selbst unappetitlichen Eigenschaften behaftet. Denken Sie an seine.Menschlichkeiten, wenn Sie von ihm sprechen? Denken Sie daran, dah sein Anspruch auf Schlesien mindestens zweifelhaft war. und das; wir dieses Schlesien, .das die Geburtsstätte seines Ruhmes wurde, grade jetzt grösstenteils wieder verloren haben? Durchaus nicht! Tie empfinden nur das Svmbolische seiner Erscheinung, wie es die Hoffnungen, Freuden und Sehnsüchte von Generationen herausgebildet haben. Und achten Sie bitte darauf, wie seine Gestalt sich in den letzten Jahren gewandelt hat. Aus dem siegreichen H Iden, dem geistreichen Skevtiker, dem Philosophen, ist der h rte. menschenfeindliche Dulder geworden, der einer Welt vo> Feinden, sein trotziges „Und dennoch!" entgegenschleudert. Jede Zeit schafft sich eben die Ahnen, die sie braucht. Unnötig »> wiederholen, dah ich damit n'cht etwa die reale Wirklichkeit groszer Persönlichkeiten leugne oder auch nur unterschätze. Das Kraftwerk muh da sein, wenn. unsere Lampen brennen sollen. Aher muh. ich es selbst gesehen haben, damit es in meinen Räumen hell wird? Oder glauben Sie, lieber Freund, dab Ihr«! Lampe stärker leuchtet, als die meine, weil Ihr Grossvater einmal in dem Kraftwerk gearbeitet hat, aus dem sie gespeist wird?" „Nicht übel, Verehrtester." „Sie «werden nun den Sah Bertrams verstehen: .Wir wissen nui. was wir schauen, und wir schauen nur. was wir sind und weil wir es sind!' Oder jenen andern: .Ein grober, das ist ein .bedeutender' Mensch, ist immer unvermeidlich unsre Schöpfung, wie wir die seine sind.' — Um also auf den Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurückzukommen: Sie haben zugegeben. aas; viele von uhs deutschen Juden - ich glaube. Sie sagtest sogar: .die meisten — sich, ihr Deutschtum ehrlich erobert haben. Sie sind also eingeqangen in die Schöpfung jener groben Persönlichkeiten, die Sie als die Ahnen des deutschen Volkes bezeichnet haben.. Ist aber für die jetzt Lebenden nicht das reale Sein eines groben Toten von Bedeutung. — und wie könnte es das. da ja seine Leiche zerfällt und seine Werke untergehen — sondern seine Legende, so können Sie nicht leugnen, dgb deutschfühlende Juden an ihr in dem gleichen Mähe teilhaben, wie Sie selbst. Ia. noch mehr: Geilt in Geist mit euch bilden wir diese Legende weiter und überliefern sie, umgestaltet! nach den Wünschen. Träumen und Bedürfnissen einer neuensZeit, der Zukunft, die weiter an ihr arbeiten wird. In diesem Sinne darf also'Herr Eohn, Eier enqros, wenn er nur wirklich deutsch fühlt, durchaus von Friedrich den Groben als seinen Ahnen sprechen." Der Oberregierungsrat lieb endgültig das Einglas fallen und kraute, melancholisch seinen Hinterkopf. „Ja", sachte ich/„es ist eine verzwickte Sache. Man kann deutsche Gehenwart nicht verschenken, ohne deutsche Vergangenheit und Zukunft mit in den Kauf zu geben. Also? Was haben Sie zu entgegnen?" : „Nichts! Sie sind ein ganz ulkiges Kerlchen. . . muh ich zugeben. Uebrigens stammt das Beste von dem, was Sie gesagt haben, von diesem Bertram, den ich mir in einer meiner spärlichen Muhestunden mal zu Eemüte führen werde. Sie brauchen also durchaus nicht zu krähen wie 'n Hahn, der 'n Ei gelegt hat." „Tue ich ja gar nicht. Aber die Hauptsache: Habe ich Sie überzeugt?" „Mein Gott, drängeln Sie doch nicht so! Immer diese jüdische Hast, Sie .'. . Teutonensproh. Ueberzeugt? Ich weih nicht recht. Aber nachdenklich gemacht. Und das muh Ihnen für heute genügen. Leben Sie wohl und Grub ah die Frau Gemahlin." _

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