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Der nationaldeutsche Jude · 1926-07-01 · Nr. 7/8 (Juli/August 1926) · p. Seite 3

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 7/8 (Juli/August 1926)
Date
1926-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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nur noch eine jüdische Familie in Breslau finden. Aber beim Rückgang der öffentlichen Wohlfahrt im 15. Jahrhundert zieht man wieder neu Juden ins Land. Doch die Unruhen der Hussitenkriege, und vor allem die fanatische Predigt Johann Capistranos bereil en den Juden neue Verfolgungszeiten, ja im Jahre 1455 gib! König WladislauS Breslau daS Recht, für ewige Zeiten keine Juden mehr aufzunehmen; nur die Geldnot der Fürsten schützte einzelne Familien in Orten wie Glogau, Ratibor, Oppeln und Teschen. Auch Friedrich der Große gibt nur 12 privilegierten Familien dauerndes Wohnrecht in Breslau. aber bald kommen andere Abteilungen dazu „Generalpriviligierte", „Tolerierte", „Schutzgenoffen" usw. Vor allem war es dann der Minister Graf Hoym, der Verehrer MendelsohnS, der die Lage der Juden in Schlesien zu verbessern suchte So konnte 1791 die Königliche Wilhelmsschule und 1801 die Industrieschule für israelitische Mädchen gegründet werden. Aber erst die Stein-Hardenberg'sche Gesetzgebung machte aus den „Kammerknechlest des heiligen römischen Reiches deutscher Nation" königlich preußische Staatsbürger. In den Kriegen 1813—1815 standen in den Reihen der Freiheitskämpfer auch eine große Zahl nationalgesinnter schlesischer Juden. Aber die Reaktion brachte nicht den Vollgenuß der bürgerlichen Rechte. Erst der weitere Verlauf des 19. Jahrhunderts, die Auswirkung des Jreihandelssystems und das Heraustreten der Juden aus dem Ghetto in die bürgerliche Welt brachte die Gleichberechtigung der Juden, wenigstens juristischer Art; seit der Emanzipation der polnischen Juden im Jahre 1845 erfolgte ein starker Zuzug von Osten her, und so ist Schlesien jetzt die Heimat von mehr als 50000 Juden'). Daß der Jude trotzdem wie allgemein in Deutschland von allen anderen als den freien Berufen ausgeschlossen war, zeigte, daß eine volle Gleichberechtigung auch in der Zeit unmittelbar vor dem Kriege nicht bestand. Aus der Geschichte, des Judentums in einer einzelnen Provinz. die ja im wesentlichen konform der allgemeinen Entwicklung in Deutschland ist, erkennen wir. wie immer wieder Verfolgung und Zurücksetzung dem Juden es s^chwer machen mußte, dieses Deutschland als seine Heimat zu lieben, daß aber andererseits durch die geschickte, vielleicht zuweilen zu geschickte Handhabung des dem Juden allein zugewiesenen Erwerbszweigs, nämlich des Geldhandels, es dem Deutschen auch nicht leicht gemacht wurde, den Juden zu lieben. Zugleich über erkennen wir die Zähigkeit des deutschen Juden, der nun einmal doch in Deutschland eine Heimat finden will, und zugleich das immer wiederkehrende Bedürfnis, den deutschen Juden nicht zu miffen und ihn immer wieder von neuem zurückzurufen. Aus dieser Entwicklung heraus begreifen sich die scheinbar so entgegengesetzten Bewegungen des Antisemitismus und des Zionismus. Der AntisemitiSinus trägt in all seinen verschiedenen Formen, ob wir an den katholischen Professor Rohling, an den Renegaten vr. Justus, an den Pangermanen Ühaimberlain, an Wahrmund oder Delitzsch oder etwa an den Fanatiker Fritsch oder den „Schriststeller" Dinier denken, ein und dasselbe Gesicht. Er sieht im Judentum den alles in Deutschland schädigenden Fremdkörper und möchte so im Jntereffe deutscher Zukunft die Juden entweder auS Deutschland ausgewiesen oder zum mindesten rechtlich isoliert sehen. Wenn auch der Antisemitismus bei manchen seiner Vertreter idealistischen Motiven entspringt, so baut er sich doch im allgemeinen auf einer materialistisch begründeten Rassentheorie auf. Mit Recht sagt de Lagarde: „DaS Deutschtum liegt nicht im Geblüte. sondern im Gemüte". Ferner aber zeigt uns die Geschichte die Juden als in vieler Hinsicht wertvollen Bestandteil deutscher Entwicklung. Endlich abxr widerspricht dpr Antisemitismus den von uns herausgearbeiteten Forderungen der gegenseitigen Gerechtigkeit und der Versöhnung der Gegensätze und laßt in seiner Kampfesweise zumeist die Ächtung vor dem Gegner vermißen. Auch den Zionismus muß stian aus der Geschichte her verstehen. Er ist die Folgeerscheinung der jahrhundertelangen Zurücksetzung des Judentums innerhalb der europäischen Länder. „Trotz aller Umrahmungen und Umrankungen, trotz aller Verkehrungen auch von seiten seiner Anhänger ist der Zionismus eine im wesentlichen Sinne geistige Bewegung. „Entstanden auS der Sehnsucht eines Heimat- und ruhelosen oft verachteten und verfolgten Volkes, möchte er Volk, Heimat und Vaterland den zerstreuten Bolksgenoflen wiederbringen"'). So wandern heute monatlich ca. 3—4000 jüdische Einwanderer nach Palästina, so daß wir unter den 800000 Einwohnern bereits 110000 *) Zu dieser historischen Darstellung vgl. besonders die Schriften M. Brann. Uebcr die Beschichte der Juden in Schlesien. I Juden haben, wovon V» neu zugewandert ist. Ein! gerade aus Palästina heimgekehrter objektiver Beobachter '), btr den Motiven deS Zionismus durchaus gerecht wird, betont die schon jetzt austretenden Widerstände, vor allem den Segensatz der eingeborenen arabischen Bevölkerung, welck e die jüdischen Einwanderer als abendländische Eindringlin >e betrachtet und unabhängig von der Religion eine ai abische Einheilssront gegen das Judentum bildet. Erich Meyer stellt fest, daß die Lage erst dann gefestigt wäre, wenn das zionistische Judentum vollständig orientalisiert seil Ob daß aber , der Wünsch der zionistischen Einwanderer ist? Andererseits aber sei der Boden Palästinas selbst bei intensivster Ausnutzung gar nicht in der Lage, größere Mengen Einwanderer aufzunehmen. So folgert er: „Klar wird auf dem Boden Palästinas auf jeden Fall, daß der Zionismus keine Lösung der Judenfrage bedeutet. Wird dadurch das Judentum nicht vielleicht erst recht wieder in die Unruht eines Volkes ohne Heimat ins Land hineingestoßen, so daß der AssimilierungSprozeß des Judentums im Abendland durch die zionistische Bewegung erschwert wird? Der Zionismus kann wohl ein Ventil für ein unterdrücktes Judentum Osteuropas und für nationale Sehnsucht derer sein, denen die Jdss« eines jüdischen Volkes auf eigenem Heimatboden keine Rusi ihrer Seele läßt, aber die Lösung der Judensrage liegt nicht bei ihm". In einem kürzlich in Breslau gehaltenen Vortrag führte der Präsident der deutschen Zionisten Dr. Blumenfeld ar 8. daß die Ansiedlung in Palästina nur der Versuch eines Gesck lechies sei, das „Außerordentliche" in unserer „leblosen" Gegenwart zu gestalten. Der Zionismus sei „die Antithese zur Gesellschaft, um durch Wirklichkeit eine Entlarvung der Gegenwart" herbcizuführen. Gegenüber derartigen, die deutsche Lage als hoffnungslos betrachtenden und die deutsche Gegenwart ihcrabsetzenden Anschauungen muß. betont werde», daß der Zionismus auch in dieser Form eine Schwächung des nationalen Bzwußtseins bedeutet, mehr noch als der Antisemitismus das tum zum Fremdkörper innerhalb Deutschlands stcmpelf die Versöhnung der Gegensätze in jeder Weise erschwert, der Zionismus läßt die Achtung vor dem Gegner vielfa, vermissen. Es kann für das Judentum innerhalb Deutschlands, »hie für die Stellung Deutschlands zum deutschen Judentum nur einem Weg geben: den Weg der immer stärkeren Verschmelzung! Der deutsche Jude darf verlangen, in Deutschland nicht als ein Fremdkörper angesehen zu werden. Wenn Max Naumann Recht hat: „Ein Deutscher ist, wer Deutschlands Zukunft will und an Deutschlands Zukunft glaubt". Io hat man keinen Anlaß, dieses Deutschtum wegen Raffeunterschieden od^r Religionseigejnart dem deutschen Juden abzusprechen. Mit Recht betont der „Bund jüdischer Frontsoldaten" wieviel jüdische Deutsche für ihr Vaterland gefallen sind. Andererseits aber darf der Jude sich nicht selbst aus Deuts hland herauShebcin oder gar ihm gegenüberstellen, wenn er als Deutscher in Deutschland geachtet werden soll. Nach der jüdischen Z ntung für Ostdeutschland hat Georg Bernhard gesagt: „Ihr habt Juden zu sein innerhalb Deutschlands! Als Juden kinnen wir zu den Wahlen nur Ane jüdische Stellung einsieh iien."^ Solche Worte schaden dem deutschen Judentum mehr a s die schärfsten Antisemitischen Hetzreden. In voller Konsequenz scheint mir nur der „Verband natio maldeut scher Juden'« den richtigen Weg zur Versöhnung der Gegensätze zum Nutzen deutscher Zukunft zu vertreten. Wir finden hier, um mit den Worten des ehemaligen Vorsitzenden des Verbandes zu reden: „eine heiße Liebe zum Deutschtum, ein tiefes Verstehen für deutsche Art und eine brüderliche Hinneigung zum deutschen Menschen". Hier wächst eine unlösliche seelische Zusammengehörigkeit. Die besondere in jahrhundcrtlanger Entwicklung herangezüchtete Begabung des Juden — sein Anpas ungsvennögen, seine geschäftliche Geschicklichkeit sowie sein stark nationaler Sinn — kommt der deutschen Allgemeinheit zugute. Die besondere Begabung des Deutschen — seine Inner! chkeit, sein Ernst und seine Gediegenheit — wächst dem jüdischen Deutschen zu. Wir verstehest hier, wie das letzte Problem nicht auf dem politischen, wirtschaftlichen oder raffemäßigen Gebiet liegt, sondem auf dem Gebiet' des geistig Kulturellen. Deutschland hat slavisches Blut (man denke vor allem an Schlesien) sowie keltisches Blut (Hugestotten und Refugies) übernatnmen, warum lallten nicht auch gegenüber dem deutschen Judentum die Henimuugen überwunden werden können? Der nationaldeutsche Jude wird sich sticht seiner Abstammung schämen *) Erich Meyer, in Christliche Welt 1926 Rr. 5.

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