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Der nationaldeutsche Jude · 1926-07-01 · Nr. 7/8 (Juli/August 1926) · p. Seite 2

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 7/8 (Juli/August 1926)
Date
1926-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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daß gegenüber dem Schwanken dLr Außenpolitik von Energie, zu Nachgiebigkeit und von Nachgiebigkeit zu Energie eine! geschloffene Konsequenz energischen Handelns tritt, daß wir^, anstatt1 immer an das Weligewiffen zu appellieren, uns lieber dem Gesetz der Weltvernunft einordnen: daß nur ein äußerlich konsequent vorgehender und innerlich einiger Staat von den anderen Staaten, sachlich und würdig behandelt wird- Deutschland ist. wie jeder Einsichtige zugeben muß, nach dem Weltkrieg nicht mehr Großmacht, sondern eben^ Kleinstaat, der ohne eine Anlehnung zunächst keine Lebeusinoglichkeiten hat. Ob nach Locarno, aber auch nach Genf, der V ö l t e r b u n d ödes nach dem gerade in diesen Tagen bekannt gewordenen Vertrag mit Rußland der £ st e 11 diese Anlehnung wird, hängt nicht nur von der Entwicklung Rutztands selbst wie des Völkerbundes, sondern vor allen: von einer konsequenten Haltung Deutschlands ab. So ergeben, sich für die Zukunft klar als Forderungen die Notwendigkeiten der Führung durch konsequente Persönlichkeiten und der Stärkung des nationalen Bewußtseins. Die Frage der Innenpolitik führt uns in noch viel zerrissenere unglückliche Zustände. Nicht nur der ständige Ministerwechsel, der Gegeirsatz der einzelnen Parlamentsmitglieder und Parteien, sondern die furchtbare Zerrissenheit im Volke selbst ist das am meisten Bcdanerliche. Wir brauchen hier nicht allein an die Wahltage Mit ihrem Rummel zu denken, sondern vor allem auch an dir beiden Heere, die im Volke als zwei gewaltige Mächte einander gegcnüberstehen: Reichsbanner und Stahlhelm. Zugleich vckbreitek sich in der Nachkriegszeit das allgemeine Enipnnden . von einem allmählichen Leerläufen des Parlanieniansinnis, der Radikalismus hat in seiner Einseitigkeit' den Znlaui der fugend, ob nun die Ideale weit nach links: Kominnnisinlus, oder weit nach rechts: die völkische Bewegung liegen. Es in öinc Tatsache, daß das heutige Deutschland zu reis für eine Diktatur oder irgend einen. Absolutismus und zu unreif für cinclVolkshcrrschaft ist. Aber auch hier liegen die Ursachen dieser Gegensätze und Spannungen weit in der Vergangenheit. . Ter schrone, Konservatismus, der selbst die Lsterbotschaft des ehemaligen Kaisers iin Weltkriege an ihrer Verwirklichung hinderte, tind eine rein international eingestellte sozialdemokratische Bewegung vor dem Kriege, hatten den Graben zwischen den einzelnen Volksschichten immer" mehr vertieft. Versäumte Reformer führten zur Revolution. In einem kürzlich erschienei^n Aufsatze über Kingsley und Stöcker sagt Laun in der 1 Ehristlichcn Welt: „Stöcker trat erst auf, als es schon zu spät war, und dann kämpfte er gegen statt in der rechten Weise mit der . Sozialdemokratie, wodurch er sich das Vertrauen der Arbeiterschaft verscherzte: schließlich nahm er d>n christlich-sozialen Ideen durch ihre Verbindung mit dem Kpiiservatisinns ihre Stoßkraft und machte die aniangs sehr eArtlilichi mitgehende Kirche kopfscheu durch seine parteipolitische anlijüdische Agitalioti." War so in den führenden Schichten kein Verständnis für die Triebkräfte der Sozialdemokratie und nur wenig Verständnis-für die Nöte und Sehnsüchte des vierten Standes, so war andererseits der Tod Lassalles für Deutschlands Innenpolitik ein nationales Unglück, da von da an der deutsche Sozialismus sich nur in dem «'seist des Internationalismus denken konnte. Die Gegenwart darf den Versuch einer Versöhnung dieser Gegensätze nicht fallen lasscnj Es begarf hier vor allem einer gegenseitigen Achtung!der verschiedenen Parteien, Stände und Volksschichten. Es.bedar' einer Erziehung zum Nationölen verbunden mit der Forderung menschenwürdiger Zustände für jeden einzelnen und der Führung durch überpartcipolitischc Persönlichkeiten mit weitem Horizont. . . . Tie Forderung menschenwürdiger Zustände führt uns zu der Frage des wirtschaftlichen Lebens. Auch hier hat die Nach- Wirkung des verlorenen Krieges ungeheure Verwicklungen gegeben: auf die Nervosität der Inflationszeit und ihre üblen Folgeerscheinungen ist die Zeit der Geldknappheit, der Arbeitslosigkeit und der Selbstmorde geiolgt. Stadt und Land, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerstand stehen sich nxit der alten Verständnislosigkeit der Vorkriegszeit gegenüher. Ter Deutsche muß zu dem Gefühl der Einheit seines wirtschaftlichen Lebens geführt werden. Hat der Arbeitnehmer die für ihn günstige erste Nachkriegszeit in den vielerlei Streiks ohne Rücksicht auf die allgemeine ivirtschaftliche Lage ausgenutzt, so henk vielfach der Arbeitgeber die Zeit der Arbeitslosigkeit für sein persönliches Interesse ohne Rücksicht auf die Not des Arbeitnehmerstandcs. Hier wird die Krise nur dann überwunden werden, wenn die verschiedenen Stände zu an Bewußtsein ihrer Einheit, zin Gercchtiglseilsenipnnden, zu Uneigeimützigkeit und gegenseitiger Hilfe, zu Arbeit und Sparsamkeit erzogen werden. Das! aber führt >^ns auf das . geistig kulturelle Gebiet; denn eine l solche Erziehung ist zugleich das Problem der Erziehung eines Volkes zu wirklicher Kultur. Was wir in Deutschland im allgemeinen haben, ist weniger Kultur als eine späte und sebr schnell erfolgte Zivilisation. Die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ist in einer viel kürzeren Zeit und in einem viel schnelleren Tempo als in England oder Frankreich erfolgt. Die einstige innerliche Kultur ist nicht Eigentum der Mafien der letzten 50 Jahre geworden. Zugleich aber war Deutschland, das Land der Dichter und Denker, immer auch das Land der unfruchtbaren Grübler, weltfernen Wissenschaftler und Verehrer fremder Kultur. Auch in geistig-kultureller Hinsicht ziehen sich Riffe durch das deutsche Volk. Denken wir an die Kunst: Jmpresssionismus und Expressionismus, denken wir an das Erziehungswesen: die Freunde des Humanismus und die modernen Schulreformer, denken wir an diej,Religion: Schroff ablehnendes Freidenkertum und religiös martnherzige Anhänglichkeit an die überkommenen Formen religiöser Gemeinschaft. Mit diesen Gegensätzen verbindet sich aber auf allen Gebieten ein Erlahmen des Schöpferischen und eine Erdrückung der Kultur durch moderne Zivilisation. Hierauf baut sich vor allem Spengler's Anschauung vom Untergang deS Abendlandes. Die moderne Zivilisation: Kino, Revue. 6-Tage-Rennen, Boxsport, Versammlungsbetrieb usw. treten an die Stelle von dichterischer, wissenschaftlicher und religiös schöpferischer Kraft. Hier wird der Idealist die schwersten Gefahren, schwerer als die politischen und wirtschaftlichen Sorgen, für Deutschlands Zukunft erblicken. Hier ist der Geist bedroht, und doch glaube ich, daß der tiefer Schauende auch hier die Versuche zur Ueberwindung der Krise erkennt und neue Anfänge sieht: die Jugendbewegung, eine neue religiöse Sehnsucht, ein neues Verständnis für den Wert der Geineinschaft und der Innerlichkeit. Es wird sich um die Auswirkung und Stärkung dieser Anfänge für die Zukunft Deutschlands handeln, um die Vertiefung der Außenkultur in eine Jnnenkultur im Sinne Rudolf Euckens, um eine stärkere Erziehung des Charakters gegenüber der intellektuellen Ausbildung/ und um eine intensivere Einwirkung der religiösen Gemeinschaften in Freiheit und gegenseitiger Duldsamkeit zur Verii/nerlichung des Volkes. Es ergibt sich so bei einer Analyse der deutschen Gegenärt, daß trotz aller Spannungen und Zerrissenheiten nicht alles hoffnungslos. liegt, aber freilich dürften die Perspektiven 1 für die deutsche Zukunst nur bei einer Erfüllung dieser im ^iii^lneu betonten Forderungen günstige «sein. In den Rahmen dieser Spannungen des heutigen Deutschlands der Zukunftsperspektiven und Forderungen tritt nuil das Problem, des Judentums innerhalb Deutschlands. Spengler sieht, beeinflußt nicht nur durch seine schroffe Scheidung der verschiedenen Kulturzentren, sondern ivohl auch von einer scharfen Gegensätzlichkeit gegen das Judentuin überhaupt, das Judentum als einen dauernden Fremdkörper im Deutschtum an. Die abendländische und die semitische Kultur stehen nach ihm in einem Altersabstand von mehr als -1000 Jahren und müffen sich so dauernd fremd und verständnislos gegenüberstehen. Lasten Sie mich diese These*) von der Vergangenheit her, und zwar von der schlesischen Geschichte**) her einmal beleuchten.! Es diirfte interessant sein, die Geschichte des Judentums innerhalb einer einzelnen Provinz kennen zu lernen und daraus für die Zukunft zu lernen. Vermutlich sind die ersten Juden bereits zur Zeit der Kreuzzüge nach Schlesien gekommen und lebten dort zunächst unbehelligt als Grundbesitzer und Ackerbauer. Aoer nach dem Ende der Polenhcrrschafr bereits 1219 hört man von dein ersten Judeninord. Der Zustrom der deutschen Ansiedler, diese vor allem von Gustav Freytag rühmend hervorgehobene Kolonisation des Ostens, hat für die ansässigen Juden die Folge, daß sie nur noch zum Geldhandel zugelassen werden. 1267 werden sie weiter isolierte indem ihnen besondere Kleiderabzeichen und abgetrennte Wohnungen angewiesen werden, und die öffentliche Ausübung ihres Kultus verboten ivird. Der Jude wird den einzelnen Städten zinspflichtig. Trotzdem wachsen die jüdischen Gemeinden und besonders in Breslau im Schutz der Burg, der jetzigen Universität. findet sich eine zahlreiche Gemeinde. Doch immer wieder, besonders in Pestzeiten und in der aufgeregten Zeit des Herum'- ziehens der Geißelbrüder, werden die Juden verfolgt, indem man sie der Brunnenvergiftung oder der Brandstiftung bezichtigt. So findet im Jahre 1349 ein großes Blutbad in Breslau statt, so daß wir um die Mitte des 14. Jahrhunderts ■ 4^ *) Vgl. Max Grunwald, Das Judentum!bei Oswald Spengler. **) Der Vortrog wurde in Breslau gehalten.

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