Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 5/6 (Mai/Juni 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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s jährigen, zähen Fleißes und strenger Gesetze bedürfen, um dass Bergland wieder aufzuforsten. Auf feinen Hohen thront in der ungünstigsten Lage Jerusalem,. einst vor David aus 1 politischen Gründen an Stelle des altheiligen «lc»em zur Hauptstadt gemacht, übrigens der einzige, schon in vor üdlscher Zeit «Amarnabriefe) bestehende Ort im Berglande. Trotz der Ungunst seiner Lage wird es jedoch durch die Stärke seiner Tradition, als Heilige Stadt der Juden, der «Araber und der Christen, seine Stellung als geistiges und pilitisches Zentrum behaupten. — Alles in allem war der tefchichtliche Verlauf der, daß die kräftigen Stämme des «damals noch waldreichen) Berglandes nach und nach die Nied «rungen eroberten und ihnen, wenn auch nicht restlos, ihre »ölkische und religiöse Eigenart aufprägten. Heute dagegen oll der Wiederaufbau Palästinas im ganzen von den Niederungen ausgehen. j Seine größte Blüte hat das Land in hellenistischer Zeit und dann, nach dem Rückschlag durch den städteverwHstenden Makkabäeraufstand, unter den Römern, ja noch in; byzantinischer Zeit erlebt. Und zwar gilt das nicht Nur für das eigentliche Palästina, sondern auch für die Randgebiete bis zur Sinaiwüste, wo sich Stadt an Stadt reihte, und südöstlich bis zu der großen Handelsstadt Petra, vot allem aber für die „Tekapolis" des Ostjordanlandes, wo di« Stadt Gerasa noch in ihren heutigen I Trümmern von alter! Größe spricht. Es wird hundertjähriger Arbeit bedürfen, sagte E. Meyer, bis Palästina diese einstige Blüte! wieder erreicht. Tie Vorbedingung dafür ist eine lange ungestörte Friedenszeit. Wie sind die Aussichten dafür? In Palästina selbst herrscht zurzeit unter englischer Oberhoheit Friede und Eintracht unter den verschiedenen Rassen und Konfessionen, wenn sich auch der arabische Widerstand gegen die jüdische Einwanderung. und Siedelung gelegentlich in Unruhen geäußert hat. Ganz im Gegensatz zu ihrem rücksichtslosest Vorgehen in Aegypten haben die Engländer in Palästinas sogar alles deutsche Eigentum zurückerstattet oder, -sind in Begriff, es zu tun, weil sie die Deutschen nicht entbehren rönnen. Kunststraßen und Eisenbahnen, vor allem die militärisch wichtige Suezbahn, sind gebaut worden. England hat sogar eine parlamentarische Regierung zu schaffen versucht, -ist aber an dem Widerstand des ÄrabertumH gescheitert: der j jetzige «Gouverneur. Lord Plumer, scheint' die weitere! innerpolitische Gestaltung abwärten zu wollen. Tie außenpolitische Lage dagegen ist unsicher. Im Hedschas herrschen Thronwirren: das Ostjordanland ist — sehr gegen den Wunsch der Araber —. politisch abgespalten und wird zurzeit von dem Emir Abdallah, einem Sohne des vertriebenen „Kalifen" Hussein, beherrscht. Aber die großarabische Bewegung trachtet nach dem Ostjordanland und kann auch auf Palästina übergrciten. . Wie steht cs unterdes; mitdem inneren Wiederaufbau des Landes? Tie pilzartig emporgeschossene Hafenstadt Tcllawiv bei Jaffa «jetzt etwa 6V 000 Einwohn^y hat E. Meyer nicht nur. fcie begreiflich, einen, unfertigen, sondern auch einen „unerfreulichen" Eindruck gemacht, «.Jeder Einwanderer will so bald wie möglich zu einem- Laden kommen." Am Sabbath gemahnten ihn die aufgetakelttn, angeschminlten Modedamen an Lodz oder Warschau, und^m der Tat stellt ja das Ostjudentum das Hanptkontingent dm Einwanderer. „So wird keine Nation aufgebaut", meirtle der Vortragende auf Grund dieser Eindrücke. Besser hstt ihm i Haifa gefallen, wo ein Technikum und eine Realschule besteht. deren Leiter. l)r. Biram, früher am Grauen Kloster in Berlin, die Kinder zu praktischer Arbeit erzieht ur d den übertriebenen Intellektualismus bekämpft. Hohes Lob , spendete E. Meyer dem geglückten Versuch, die aide Ge-! lehrten- und Kultsprache, . das Hebräische, zur modernen Volkssprache zu machen, wozu die Bildsamkeit des Hebiäjschen die Möglichkeit bot. Er bezeichnete diesen Vorgang als einzig dastehend, verhehlte aber auch nicht die Gefahr I der Isolierung, die diese neugeschaffene Volkssprache vii das palästinensische Judentum bildet. die besein« Urteile über den neuen geistigen Mittelpunl Universität Jerusalem, waren sehr zurückhaltend, ßi schränkte sich fast nur auf Tatsachen. Tie Fundamente der U n ich>e r s i t ä t sind gelegt, eine Bibliothek srll gebaut werben: ein chemisches Laboratorium und ein e nziger Lehrstuhl — für jüdische Wissenschaft — besteht schon. «Aus alledem ergab sich, daß diese Universität noch in! hren „a I l e r e r st e n A n f ä n g e n" ist. ' Mit Recht betonte E. Meyer, daß ein gesunder, lebensfähiger Bauernstand die Grundlage jedes Staates und jeder Kultur ist. Er hat mehrere jüdilche Ansiedlungen gesehen und «pendele^ den unter ungünstigen Verhältnissen schwer arbeitenden Siedlern die hohe Anerkennung, dir ihnen wohl von keiner --eite vorenthalten wird. Was die Reinlichkeit betrifft, können diese Siedlungen freilich, nach den Worten des Vortragenden, den- Vergleich mit den württemberaischen Templerkolonien nicht aushalten. Aber er stellte «in« schicksals- 'schwere Frage: wird das neuerstehende Palästina, da» im jetzigen Stadium ausländischer Unterstützung selbstredend nicht entraten kann, sich mit der Zeit wirtschaftlich selb - ständig machen und sich dadurch lebensfähig erweisen? Tenn daß seine dauernde Hilfsbedürftigkeit „kein gesunder Zustand wäre", liegt auf der Hand. Aber selbst eine erfolgreiche Kolonisierung, so schloß E. Meyer, wird bei der Kleinheit des Gebiets stets nur eine Teillösung für das Judentum bleiben. Sein Vortrag fand reichen Beifall: ob seine Ergebnisse die Zionisten auch innerlich befriedigt haben, bleibt zum mindesten fraglich. Tabei konnte der berühmte Forscher in diesem Kreise nicht mal alles aussprechen, was auch ihm tewiß auf der Zunge geschwebt hat. Denn wenn, das lalästinawerk in seinen naturgegebenen Grenzen auch sicherlich Achtung verdient, so sind doch die Rückwirkungen, die es bei den zu Hause — Pardon, in Europa — gebliebenen Zionisten zeitigt, alles andere als erfreulich, und vor dieser Tatsache kann niemand die Augen verschließen. Warum ist der Verband nationaldeutscher Juden eine Notwendigkeit? Von Dr. A lf r e d' C a r o Weil der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens der in 8 1 seiner Satzung gestellten Aufgabe der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung nicht in dem Maße gerecht wird, wie es ein „nationaldeutsch" empfindender Jude verlangen muß. Wenn ich mich heute verpflichtet fühle, dies offen auszusprechen, so bedeutet dies eine Verleugnung meiner bisherigen, auch öffentlich vertretenen Ueberzeugung und ist gleichzeitig der Ausdruck einer liefen Enttäuschung. Ich war wohl der erste, der bereits 1920, also ein Jahr vor der eigentlichen Gründung des Verbandes nationaldeutscher Juden Herrn Dr. Naumann erklärte, ein solcher Verband sei überflüssig: was er wolle, müßte innerhalb des C. V. erreicht werden. Sechs Jahre habe ich daran festgehalten. habe, soviel in meinen schwachen Kräften stand, gemeinsam mit vielen anderen dafür gekämpft, daß der E. V. wieder das wird, was er war. ein „Verband nationaldeutscher Juden" im besten Sinne des Wortes. Die antizionistische Wahlparole zu den Landesverbandswghlen 1925, das damalige entschiedene Auftreten gegen das' Nationaljudentum schien mir recht zu geben, der C. V. sich auf seine gute alte Tradition besonnen zu haben. Die Ereignisse des letzten Jahres haben mir leider bewiesen, daß Herr Dr. Naumann doch recht hatte. Die Gerechtigkeit verlangt. zu erklären, daß der vor längerer Zeit eingeleiteto Versöhnungsversuch zwischen C. V. und dem Verband nationaldeutscher Juden an dem Verhalten des C. V. gegenüber dem Verband im Fall Förder gescheitert ist: eine Verschärfung der Gegensätze erfolgte durch die Veröffentlichung der Broschüre des Hauptvorstandsmitgliedes des C. D. Herrn Dr. Mari „Das deutsche Judentum und seine jüdischen Gegner" und durch die Artikel der Herren Rabbiner Dr. E o l d m a n n und R.A. Dr. fiari in der E. V.-Zeitung vom 7. August 1925, welche gebührend zu kennzeichnen nicht möglich ist, ohne in eisten Ton zu verfallen, den ich vermeiden möchte. In diesen Artikeln wird das als versöhnlich und unantastbar bekannte Vorstandsmitglied des V. n. d. I.. Herr San.-Rat Dr. Peyser in gehässigster Weise angegriffen. Als dieser selbe, nach mehrfachen Versuchen Herrn Dr. M a r r zur Revision seiner Behauptungen zu veranlassen, endlich gegen ihn den Vorwurf der Fälschung erhoben und die Einsetzung eines unparteiischen Schiedsgerichts verlangt hatte, das die von ihm gegen Man ausgesprochenen Beschuldigungen prüfen sollte, da ließ der Vorstand des C. V. von drei seiner eigenen Vorstandsmitglieder, von Gesinnungsfreunden des Beschuldigten. ein „Gutachten" ausarbeiten, das „die Vorwürfe als unbegründet" zurückwies, womit für den C. V. „die Angelegenheit erledigt" war. Ist dies ein sachliches Vorgehen oder bedeutet es nicht vielmehr einseitige Parteinahme für ein Vorstandsmitglied des C. V. im Kampf gegen den ihm aus Prestigegründen unbequemen Konkurrenzverband? Es beweist freilich nur. daß der „Konkurrenzverband"- dem C. Ä. ein Dorn im Auge ist, aber selbstverständlich noch nicht, daß der Verband an sich für den nationaldeutsch empfindenden Juden eine Notwendigkeit ist. Wohl ergibt sich diese aber aus dem Verhalten des C. V. in der Zionistenfrage während der letzten Zeit. Wohlverstanden, wir nationaldeutschen Juden haben größte Hochachtung vor jedem ehrlichen Zionisten (wie dies immer wieder betont worden ist, ebenso wie immer! *1 Herr Dr. Caro hat soeben seine Aemter in C- B niedergelegt und sich im verband nationaldeutscher Juden als Mitglied aufnehmen lasten. (Die Schriftl.)