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Der nationaldeutsche Jude · 1926-05-01 · Nr. 5/6 (Mai/Juni 1926) · p. Seite 6

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 5/6 (Mai/Juni 1926)
Date
1926-05-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Das Palästina -Problem. Korreferat von Di-. Mar Naumann. Der Vortrag des Herrn vr. Bloch hat mich in gewiffem Sinne enttäuscht. Gegenstand unserer Erörterung ist das Palästina-Problem. Diesen Begriff hat der Herr Vortragende zu eng gefaßt. Für ihn heißt Palästina,Problem: wie stehen die Dinge, zumal die jüdischen Dinge, in Palästina? Für uns deutschfühlende Juden ist das Problem ein anderes oder doch ein viel weiteres. Es bedeutet: was kann uns in Deutschland lebenden Juden der Aufbau Palästinas bedeuten? Herr Or. Bloch ging von einem Ausspruch Theodor Herzl's aus. Er lautet: Wir sind ein Volk! Wir — das heißt alle Juden der Welt. Dieses Wort. ist in seiner allgemeinen Faffung falsch und die Quelle alles deffen, was wir heute die zionistische Gefahr nennen müsien. Es trifft nicht zu aus die Juden, die sich in Deutschland nalionaldeutsch nennen dürfen, wie sich die entsprechenden Gruppen in anderen LLndcni nationalfranchsisch. nationalenglisch, sogar nationalrussisch nennen können. Herzl selbst hat in anderem Zusammenhang wörtlich erklärt, das Ziel des Zionismus sei die Schonung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästin» für diejenigen Juden, die sich nicht assimilieren können. Wir nationaldeutschen Juden — und der Kreis derer, die wir so nennen, gehtweit über den Rahmen unserer Verbandsmitglieder hinaus — sind nicht nur assimiliert, wir sind kulturell mit dem deutschen Volke zur Einheit verschmolzen und Volk heißt für uns kein anderes als das deutsche Volk. Trotzdem ist es natürlich unwahr, wenn inan uns nachsagt, wir wollten unser Judentum veileugnen oder ertöten. Ein Berliner Rechtsanwalt, auch Bücherschreibcr, der sich einen Zionisten nennt, aber nicht daran denkt, noch während des Bestehens seiner Arbeitsfähigkeit nach dem Land seiner literarischen Sehnsucht überzusiedeln, hat unseren Verband kürzlich als .Klub der Selbstmörder" bezeichnet,- weil wir nach seiner Darstellung .Selbstmord an unserem Judentum" ve:üben wollen. Er hat uns in Aussicht gestellt, uns in der etwaigen Neuausgabe eines seiner Bücher als „Bund germanischer Israeliten" zu.verhöhnen. Wer nicht nur Wert darauf legt, durch billige Witzeleien unkritische Hörer zu erheitern,, der weiß, wie wenig uns diese Angrine treffen. Wollten wir unser Judentum verleugnen,' so hätten wir nicht einen Verband zu gründen brauchen, der das Wort .Juden" breit auf (einem Firmenschild trägt. Aber Judentum heißt für uns nicht jüdisches Volkstum, es heißt ehrliches Bekenntnis zu jüdischer Abstammung, es heißt jüdischer Glaube ohne mystisch-selbstgefällige Vermischung jüdischnationaler und religiöser Elemente, es heißt mutiges Tragen und. Gestalten des Schicksals, zu sein, was man ist. ohne knechtische Deniut. aber auch ohne den Wahn der Auserwähltheit. Von dem Standpunkt, der uns durch dieses Jndentum und durch unser deutsches Volkstum bestimmt ist, betrachten wir den Zionismus. Ter Zionismus hat zwei Leistlingen vollbracht, die wir vorbehaltlos würdigen. Er hat den Anstoß! dazu gegeben, daß die Juden begonnen, leider erst begonnen haben, klar zu ersaffen, was die Judenfrage bedeutet und daß man diese Frage nicht vertuschen, nicht totschwcigen, nicht in eine reine Glaubensfrage umdeuten darf. Der ZimcismuS hat ferner den Anstoß dazu gegeben, daß Juden aller Länder an-! gefangen haben, sich auf ihre Persönlichkeit zu besinnen, ihre i Persönlichkeit auszubikden, in körperlicher und sittlicher Be-! ziehung, sich freizumachen von den Schlacken der Ghettoschmach.! Für diese beiden Taten sei den Schöpfern des Zionismus gej dankt, vor allem Theodor Herzl, deyen edler und idealistischer! Persönlichkeit, wir stets Verehrung entgegengebracht haben. i Nur sei es uns deutschfühlenden Juden verstattet, auf den l Fundamenten dieser Erkenntnis und Persönlichkeitsentwickelung i so weiter zu bauen, wie es unserem eigenen Wesen, unserer; eigenen Veranlagung und - unserem eigenen. Gefühl entspricht. ' Dieses Gefühl aber ist deutsch. - So stehen wir zum Judentum und zum Zionismus. Wenn unsere Stellung zum Zionismus oft die: deS Kampfers sein muß, liegt es nicht an uns. sondern an denen, die uirs nicht unseren eigenen Weg gehen lassen wollen. .Wir selbst können und wollen keinem, der wirklich jüdischnational fühlt, ven »ehren, seinen Weg zu gehen. Wir erkennen mit Bewunderung an, welche ungeheuren Leistungen von Juden in Palästinc vollbracht worden find und noch täglich vollbracht werden. Nur mischt sich in diese Bewunderung das Mitgefühl für die irregeleitete Jugend, die sich einredet oder einreden läßt, si> baue in Palästina ihr eigenes jüdisches Nationalheim. Herr Dr. Bloch hat gesagt: Palästina ist heute eine jüdische Realität. DaS ist falsch. Palästina ist eine Realität, aber keine jüdische, sondern eine englische. Palästtna ist ein Land, das wüst und verrottet war und heute durch jüdische Arbeit emporblüht. Aber die Frucht, die auS dieser Blüte erwächst,, wird keine jüdische sein. Herr vr. Bloch hat auch gesagt: Palästina ist heute keine Utopie mehr. DaS ist richtig. Palästina ist keine Utopie, aber der Judenstaat oder selbst daS jüdische Nationalheim in Palästina ist heute in höherem Maße Utopie, als in Herzl's Tagen, denn inzwischen hat England seine Hand auf das Land gelegt. Palästina ist eine englische Kolonie, ist ein englisches Machtzentrum in Vorderasien, ist eine miliiärische Lperationsbasis ersten Ranges. Diese Basis ist von ungeheurer Bedeutung für die Erhaltung der englischen Herrschaft in Asien bis über Indien hinaus und nicht minder in Afrika, in Aegypten und in dem englischen Sudan, von dem aus gerade jetzt England versucht, die ägyptische Nationalbewegung durch Wegstauung des Nilwaffers in buchstäblichem Sinne aufs Trockene zu setzen. Wer auch nur eine Ahnung von weltpolitischen Dingen hat, kann nicht einen Augenblick daran denken, daß England dieses geradezu unersetzliche „Mandatsland" jemals aus der Hand lasten wird, solange diese Hand noch Kraft zum Festhalten hat. zu dcutsch: solange nicht das ganze englische Imperium auseinderbricht. Darum wird England niemals dulden, daß die Juden in Palästina ein Nationalheim im wirklichen, ehrlichen Sinne des Wortes haben. Aber als Arbeitssklaven, als Kulturdünger und nötigenfalls als Kanonenfutter sind ihnen die Juden genehm, sogar sehr genehm, denn sie arbeiten mit der Hingebung, deren nur der Idealist, vor allem der betragene Idealist fähig ist, und sie arbeiten sie die englische Kolonie mit jüdischem Gelbe als nationaldeutschem Juden nicht glaubt, „„ ..Zionisten, Herrn Wolfgang von Weisl, der kürzlich nach emem Bericht der Vossischen Zeitung in einem Vortrage,wörtlich gesagt hat: „Gäbe es keinen Zionismus, dann würde ihn England erfinden, und wären dje Juden nicht bereit, nach Palästina zu geben, dann würde England ein anderes Volk^-hinbringen." billig, so billig, daß schaffen. - Wer mir der glaube einem si Ich möchte persönlich hinzusügen, daß sich kaum ein anderes Volk finden würde, das mit so viel verblendetem Eifer die Interessen eines kaltschnäuzigen Ausbeuters zu fördern bereit wäre.' Schon vor fünf Jahren habe ich vorausgesagt, der Augenblick wäre nicht fern, in dem England die Maske fallen lasten und anfangen würde, die jüdischen Bäume so zu stutzen, daß sie nicht in den englischen Himmel wachsen könnten. Mir scheint, daß dieser Augenblick jetzt gekommen ist. S i r H e r - bert Samuel hat seine Schuldigkeit getan; er konnte gehen. Der neue High CommJssioner, ein Feldmarschall, hat vom ersten Augenblick seiner Tätigkeit an de» Juden gegenüber eitib betont kühle Haltung eingenommen. Er unterstreicht bei jeder Gelegenheit, daß die Juden nicht vor den Arabern bevorzugt werden dürfen. Die Verdrängung der Juden aus maßgebenden Stellungen geschieht ganz systematisch. Wir alle kennen aus den Zeitungen die Tatsache, daß gerade jetzt die Juden bis auf einige Konzessions-Schultzen aus der Gendarmerie entfernt werden. So wird es weitergehen, Schritt für Schritt. England hat in jeder seiner Kolonien mit Erfolg den Grundsatz angewandt: Oivicko et impera! Teile und herrsche! In Palästina braucht es nicht erst zu teilen, denn die Araber, die heute noch um das Vier- bis Fünffache die Juden zahlenmäßig überwiegen, bilden, so wenig einheitlich sie in rassischer Beziehung sein mögen, den Juden gegenüber eine geschlostene Front. Nebenher gibt es in Palästina auch, ganz abgesehen von den englischen Beamten und Soldaten, einen starken christlichen Bevölkerungseinschlag, der den Juden durchaus nicht grundsätzlich freundlich gesinnt ist. Schließlich1 barf nicht unerwähnt bleiben, daß die Juden in Palästina untereinander nichts weniger als einig sind. Es bestehen abstammungsmößige, politische, wirtschaftliche, soziale, religiöse Gegensätze schwerster Art. Selbst christlichen Palästinabesuchern fallen diese Gegensätze sofort auf. (Redner verliest einige Sätze aus dem „Schwäbischen Merkur", in denen ein katholischer Geistlicher berichtet, daß zwischen „abendländischen und morgenländischen Juden ein fast unüberbrückbarer Abgrund klafft".) Bekannt sind die ewigen Reibereien zwischen den Anhängern der Agudas Jisroel und den Zionisten. (Redner verlas hier einen Ausschnitt aus der „Jüdischen Rundschau" über eine blutige Schlägerei zwischen beiden Gruppen, die auf Verlangen der Agudisten schließlich durch irische Polizei beendigt

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