Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 5/6 (Mai/Juni 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dir haben jedoch das Recht, zu untersuchen, wie sich der Zionismus in unserem deutschen Vaterlande auswirkt. Da ist vor allem ein Vergleich mit anderen Ländern nützlich. Ueberall in der Welt gibt es fromme Juden, die sowohl religiös als auch charitativ zionistisch eingestellt sind. Derartige Herzens» reyungen stehen, wo in der Oeffentlichkeit Politik abgehandelt wird, außerhalb jeder Debatte. Man frage aber einmal, wieviele Juden in Englands Amerika, Frankreich, Italien, den Niederlanden. Skandinavien damit einverstanden wären, ihre bisherige Nationalität mir der palästinensischen, sei es in absehbarer, sei eS in fernerer Zeit, zu vertauschen oder ihre Kinder in Erziehung, Sprache, Unterricht auf die künftige jüdische Volkheit vorzubereitenI Man wird recht merkwürdige Antwarten erhalten, und man erhält sie erfreulicherweise gerade jetzt in steigendem Maße, so noch unlängst von einem amerikanischen Juden, der Beiträge zum Nationalfonds für unstatthaft hält, weil man dabei nationaljüdische Theorien aufgeschwätzt bekomme. Deutschland nämlich war eS Vorbehalten, den neujüdischen Nationalismus zu übertheoretisieren und zugleich jene neue Art des Aggressiven Zionismus zu erfinden, den, eS nicht genug ist, jüdische Mafien von ungezwungen uurjüdischer Einstellung zu organisieren, sondern der jüdische Schwärmer als Apostel in alteingeseffene deutsche Familien entsendet, mn sie systematisch und bewußt zu entdeutschen und statt besten zu hebräisieren. Frankreich und England fassen selbstverständlich den Zionismus vom französischen und englischen Standpunkt politisch an. Lehrreich ist die Ansprache Lson Blums an Weidmann. Er dankt ihm. weil Frankreich das Mandat über Syrien dem Einfluß der Ziqnisten verdanke, und hofft, der französische Einfluß werde in der Zukunft den gebührenden Platz erhalten. England hat das Palästina-Mandat und nutzt es ganz unverhohlen im englischen Jnterefie. Von keinem jüdischen Franzosen und Engländer wird deswegen verlangt, daß seine Minder Neuhebräisch lernen und sich mit Schaloml begrüßen. In Deutschland dagegen überwuchert alles, was an nützlichen Keime» im Zionismus enthalten ist: die theoretische Doktrin, und die predigt jüdisches.Volk, jüdische Nation, nicht astein in> Palästina, sondern auch in der Diaspora. Das. ist natürlich kein Zufall; einmal liegt die doktrinäre Art, Dinge zu betrachten, gerade im deutschen Volkscharakter, sie macht seine Tiefe aus und zugleich seine Tragik. So ist es denn kein Paradoxon, wenn man behauptet, der völkische Zionismus unserer Tage sei unverkennbar deutsches Gewächs. Dann aber hat im Gegensatz zu solchen Länder», in denen es keine brennende Judenfrage gibt, bei uns der Antisemitismus dem praktischen Treiben des völkischen Zionismus den Boden geebnet, ja, Konstantin Brunner hat recht, wenn er ihn geradezu den Hineinfall auf den Antisemitismus nennt. Dazu kommt, daß bei uns die Agitation überwiegend von Persönlichkeiten auögeübt wird, die für deren Folgen keine Verantwortung übernehmen und für ihre eigene Person aus ihren Lehren nicht die selbstverständlichen Konsequenzen ziehen. Man ist deswegen berechtigt, solche Leute geradezu als Pseuoozionisten zu bezeichnen. Ihre Lehren nun haben daS Ziel: Abkehr der jüdischen Jugend von ihrem bisherigen Deutschtums ihre nicht zu leugnenden Erfolge bilden eine deutsche Gefahr. Kein Vernünftiger wird leugnen, daß die sogenannte Juden^ frage ihrer Lösung um so näher geführt wird, je mehr die jüdischen Deutschen, die ja noch nicht so sehr lange einanzipiert sind, bei voller Wahrung ihrer Religion und des Bewußtseins! ihrer Herkunft in jeder, aber auch in jeder anderen Beziehung! äußerlich und innerlich im Deutschtum aufgehen. Dieser organischen Angleichung arbeiten aber die genannten Zionisten nicht allein entgegen, sondern sie stellen das, was sie mit Assimilation bezeichnen, systematisch als etwas Verächtliches hin. Die Jüdische Rundschau (Rr. 15) setzt das „Amalgamieren" dem „sich Entwürdigen" gleich, andere Artikel künden gar den Kampf gegen das „psfimilantentum" in allen „Galuth-Ländern" an, und sie glauben auf ihre Art damit die Atmosphäre zu entgiften: denn je aufrechter der Jude sich bekenne, desto mehr werde dies erziel». Mit Verlaub: muß man denn Zionist werden, um sich frei und offen als Jude zu bekennen, tun wir und zahllose andere das nicht in unserer Weise auch, täglich und öffentlich? — Ueble Folgen hat dieses Treiben der Zionisten schon gezeitigt, denn gerade die Jugendlichen, Schüler und Schülerinnen, neigen ja zum Ueberschwang und betonen manchmal bei unpassendsten Gelegenheiten ihr ihnen neu aufgeschwatztes jüdisches Volkstum. Eine unausbleibliche und unerfreuliche /Nebenerscheinung ist dabei ein Aufflackern der Auserwähltheits- (idee, di« wohl einstmals ein religiöser Faktor war. heutzutage / aber, wo alle Kulturkreise des Erbballes das ihre zum MenschheitSbau beizutragen fähig sind, grotesk erscheint und aufreizend wirkt; schrelbt doch jtznjgst ein Rabbiner vom .Wiedergewinnen der verlorenen Allmacht und wollen doch andere von Zion aus unsere morsche Weli mit einer neuen Ethik kulturzionistischer Observanz beliefern. An anderem Orte habe jich bereits von. den Mitteln der Agitation gesprochen, deren! wichtigstes die Verbreitung der neuhebräischen Sprache unter her Jugend zum Gebrauch in Familie und Schule, bei Sport und Spiel darstellt. Dazu gehört auch das Hineintragen der nationaljüdischen Agitation in die jüdisch« Gemeinde, die sogenannte .Eroberung der Gemeindestube". Einfluß will man gewinnen bei Besetzung von Stellen, genügt .eh doch Herrn vr. Klee nicht, wtnn in einem bestimmten Gremium ein Liberaler und ein orthodoxer Rabbiner sitzt, muß doch nach seiner Ansicht als Dritter ein zionistischer mit hinein. Und schließlich verquickt män die Sammlung von Geldmitteln für dje Palästinabesiedelung, über die sich hätte reden lasten, wenn sie ein jüdstch-neutrales Liebeswert gewesen oder geblieben wär«, mit der nationalen! Idee. Dann aber die äußere Form der Agitation I! Ihre zügellose, hemmungslose fanatische Art darf und soll heüte nicht mehr als selbstverständliche Nebenerscheinung einer jungen Bewegung entschuldigt werden, sie ist nur durch innere und äußere Beziehungslosigkeit zu erklären. Möge es sich um das Auftreten in rein jüdischen Körperschaften und Versammlungen, möge es sich um das in religiös gemischten Vereinen, und Verbänden handeln, überall wo diese zionistischen Agitatoren als Wortführer erscheinen, klafft sofort ein unheilbarer Riß. Daß Herr Rechtsanwalt Gronemann unserem Führer, Herrn Naumann, in einem beruflichen Schriftsatz nachsagt, er könne nicht mehr verächtlich gemacht werden, denn er sei schon der allgemeinen Verachtung anheimgefallen, ist so ein Pröbchen. Erst in den letzten Wochen wurde ein hochangesehener Berliner Arzt, der sich jahrzehntelang um die Wahrung des konfessionellen Friedens in der Aerzteschaft einzigartige Verdienste erworben hat, von einem solchen zionistischen Wortführer öffentlich in einer Weis« verhöhnt, daß bebende Entrüstung durch die Reihen der Berliner Aerzte ging. Und diese Beispiele sind nicht vereinzelt, ebensowenig wie die ungehemmte Stiloexwilderung eines Arnold Zweig, den wir mit dem in diesen Blättern erst unlängst .respektvoll gcivürdigten Stefan Ziveig um Himmelswille» nicht verwechseln wollen. Larmerregung, Sprengen von Versammlungen, Vergröberung des Tones sind überall zu finden, wo Zionisten agitatorisch .stuftreten. Wir, die wir es mit der Ansicht ernst meinen, es müfle durch Selbstzucht und Beispiel an einer Gesundung des öffentlichen Lebens in Deutschland gearbeitet werden, so daß Respekt und Achtung vor dem Pegner an Stelle von Hohn und Verunglimpfung treten, könnm das' im deutschen wie im jüdischen Jntereffe nur bedauern. Der Mangel an Konsequenz ferner, den eS für den echten und durchaus respektablen Zionisten nicht gibt, hat nun diese Abart, die so gerne die! Ganzheit der Persönlichkeit im Munde führt, zu -der bekannten Zweivaterländertheorie geführt. Sie wollen Glieder eines großen jüdischen Volkes sein, das stolz seine Eigenart vor aller Welt zur Schau trägt, sind abstr entrüstet, wenn man bezweifelt, daß das mit einem Deutschtum, wie wir es vom jüdischest Deutschen fordern und das ich eingangs charakterisierte, schlechterdings unvereinbar sei. Charakteristisch für die Verlegenheit sind die Definitionen von „Nation", .Volk", .Staat", die zu diesem Zweck neuerdings mühevoll gezimmert werden und von der ein Pröbchen bildet, wie Herr Weizmann und Herr Blum, als, ne darüber sprachen, aneinander vorbei, geredet haben. Wo wir und die echten Zionisten zweifelsfrei fühlen und empfinden,! spielen diese Pseudozionisten mit geistreich aufgeputzten Worten, und schöner ist der Unterschied nie herausgearbeitet worden als in dem kurzen Satz-:, „wo uns Tränen kommen, kommst ihiien Tinte." Mit diesem Rüstzeug treten sie nun in ihren suggestivsten Exemplaren öffentlich auf und schmettern es hinein in die Hörerschaft: „Wir unterscheiden deutsche Juden, die schon Zionisten, und solche, die es noch, nicht sind l" Wie aber ist es in!öglich, daß derartiges wirkt? Sicherlich hat Wolfgang Schumann recht, wenn er in diesem Zusammenhang von einem Kulturkabarettismus spricht, und die Schicht, auf die mit Erfolg genstrkt wird, .bestechbar" nennt „von jeder nouveautö des Reizmarktes". Denn Erfolge haben sie, davon weiß manche jüdische-Familie ein^ schmerzliches Lied zu singest, die eine wenn auch manchmal nur vorübergehende Flucht ihrer Kinder aus dem Deutschtum mit ansehen muß. — Deshalb ist aber diese Flucht nun eine deutsche Gefahr?!