Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 5/6 (Mai/Juni 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Zluchl aus dem Deulschlmn —j eine deutsche Gefahr. j . Von Dr. Alfred Peysxr. j Noch in der Mitte dies vorigen Jahrflundcrts- Höfte, wer dieses Thema las, an Männer gedacht, die in rein körperlichem! Zinne denr deutschen Vaterlandden Rücken kehrten od^r kehren! mutzten, um dann, sei es etwa in'England,'oder Amcrikfi,'unter! grötzcren und freieren Verhältnissen ihre Kräfts zu entfalten; ] noch ein Jahrhundert früher an solche, mit deren gesfllschaftj schafllichem Aufstieg in einem der zahlreichen deutschen Staaten das Aufgeben deutscher Eigenart, in Sprache und Sitte zu Gunsten einer „verfeinerten" Kultur, etwa der französischen,, verbunden zu sein pflegte. Niemand aber hätte wohl ip diesem Zusammenhang vorzugsrveise Juden im Arige gehabt. Heute jedoch droht gerade die Flucht jüdischer Deutscher aus dem Deutschtum. Deshalb haben ivir als ein Verbands dessen Arbeitsgebiet jüdische Dinge bilden, mit dieser Erscheinung zu tun und nicht mit der verhältnismäßig geringfügigen, daß auch ' heute noch nichtjüdische Deutsche, durch die Winschaftchiot gezwungen, das Vaterland verlassen und daß leidergottes! manche von ihnen nur allzu bald «N-Auslande ihre deutsche Eigenart aufgeben. i Jüdische Kreise wiederum könnte dies'Thema seltsam berühren. denn sie befaßten sich bisher wohl ausschließlich mit den Problemen der Flucht aus dem Judentum und bekämpften Taufe und Mischehe. Sie hone ich zu überzeugen, daß mein Thema nicht minder bedeutungsvolle Fragen berührt.! Ueberflüi'sig. auf die Momente einzugehen, die in manchen Ländern Juden den Aufenthalt verleiden. Entrechtung, Willkür, gesteigert bis zu Pogromen, zwang und zwingt .jüdische Massen zur Auswanderung. Betroffen sind vorzugsiveise die unteren Schichten. Tie Aufnahmefähigkeit und -Willigkeit mancher Länder erschöpft sich sichtlich, der Zionismus hält die Besiedelung Palästinas für eine aussichtsvolle Lösung. Ob sie das nun ist oder nicht — für Deutschland spielt die Auswanderung von^Juden nach Palästina zunächst eine untergeordnete Rolle, gibt es dcich hier nicht, wie in Lsteuropa, jüdische Proletariermassen, die man mit roher Gewalt zu verjagen sucht. Hier ist es vielmehr die jüdische bürgerliche Mittelschicht, die auf den Antiundölsemitisnius der aleichartigen bürgerlichen Mittelschicht nichtjitdischer Herkunft trifft, zu der sie gesellschaftlich, beruflich, kurz sozial, gehört. Die rassenantisemitischen Tiraden cher Rechtsertr^misten haben angesichts dieser Lage ebenso gernige Bedeutung wie das prosemitische Theoretisieren der Linksextremisten, entscheidend ist etwas ganz anderes, und das ist die feige Schlaffheit derjenigen aus der genannten bürgerlichen -Mittelschicht, jendr Beamten, Kaufleutc, Lehrer, Aerzte, Anwälte usw., die nicht allein keine Antisemiten sind, sondern öffentlich sogar den Ainisemitismus verurteilen, in der praktischen Behandlung der Juden- ^rage. Sie alle wissen und leugnen es nicht, daß ihre jüdischen Berufs- und Standesgenosscn nicht unter sich homogeii sind, viele von ihnen geben es nicht allein zu, sondern versanden es sogar bei jeder Gelegenheit, wie hohe Achtung und Wertschätzung sie für die vielen, vielen tüchtigen und sympathischen Juden in ihrer Mitte haben, sie wären entrüstet, Denn! man sie Anlisemilen nennte, aber der wirklichen Pioniere, die Brücken schlagen von Mensch zu Mensch, von Familie zu Familse, in Vereinen, Gesellschaften, Klubs usm und dabei Unannehmlichkeiten von seiten ihrer christlichen-Verwandten und Genossen nicht scheuen, sind doch zunächst nur wenige. Weil nun darum das Tempo langsam ist, so verzweifeln manche Juden ihrerseits an der Möglichkeit allmählicher Verständigung überhaupt.! Sie sehen sich nach anderen Mitteln um und eines derselben glftPben sie in einer bewußten Abkehr vom Deutschtum, glauben sie im Uebergang zu den Jüdischnatioualen zu finden. Handelte es sich also bei der allgemeinen Flucht aus dem Deutschtum, besonders der früheren Zeiten, teils um Auswanderung teilß um Ausländerei, so ist die Flucht jüdischer Deutscher unserer |Xage aus ihrei^ angestammten Deutschtum eine Abart der zweitgenannten, eine Ausländerer, ein Ersatz nationaldeutscher Lepensformeu durch nationaljüdische. i Prüfen wir danach zunächst, was uns jüdischen Deutschen unsei Deutschtum heißt, um dann zu der Frage übcrzugehen, welchen Umfang und welche Formen die charakterisierte Flucht aus ^dem Deutschtum angenommen hat. welche Gefahren sie für Deutschland birgt und wie diesen zu begegnen ist. Dabei sind wir uns voll bcivußt, daß-hier wie überall, wo Meih'che» sich mit Mitmenschen verständigen wollen, nicht der egozentrische Standpunkt, sondern psychologisches Denken Play greifen muß., und dies ist, wie einer meiner ärztlichen Freunde so hübsch zu sagen pflegt, ein Denken mit zwei Hirnen: ein wenig wird doch das eine Prozent Juden in Deutschland außer mit dem seinigcn auch mit dem Hirn der W"/» Nichtjuden denken wollen, wie es ja auch 'nicht mit Unrecht daS Umgekehrte verlangt. Also zunächst: Was heißt uns unser Deutschtum? Verlangt, man eine Definition? Die würde zu nichts führen. Gleichwie im Einzelorganismus das sogenannte autonome, vegetative Nervcnsy'tem, automatisch und ohne daß wir dcffen in jedem Augenblick inne werden, Wachsen und Werde». Atmung, und Herzschlag regelt und das Großhirn beobachtend, vergleichend neben ihin oder über ihm die Bewußtheit repräsenliert, so haben uns Geburt und Sprache, Herkunft, Umwelt .und Schicksal unbewußt zu deutschen Menschen gemacht, und als unser-Hirn die Herrlichkeiten dessen erkennen lernte, was deutsches Wesen sein kann und vielfach auch ist. da hat es freudig bestätigt, daß unser unbewußtes Fühlen das Rechte getrogen hatte: Deütschgefühl und Deutschbewußtsein schlossen sich zu einem Ganzen. Und daß wir dabei keinen Moment durch das Bekenntnis - zur Religion unserer Väter gestört wurden, brauche ich wohl ebensowenig zu betonen wie unser ruhiges Bewußtsein, uns durch unsere jüdische Stammesherkunft, deren Einflüge vor Jahrtausenden sicher mächtig waren, aber seit langen Zeitepochen durch die täglich frischen und erneuten unmittelbaren Wirkungen deutscher Erde und Umwelt umgeformt und ersetzt worden sind, von dem Friesen und Thüringer etwa so zu unterscheiden, wie sich ja der borussofizierte Wende und Pole und der bajuvarisierte Franke und Alemanne gleichfalls von ihnen unterscheidet. In unserem Inneren ist deshalb auch nie ein Zwiespalt entstanden, auch dann nicht, als Eiferer ihn künstlich hineinzutragen versuchten. Bei anderen aber war und ist das anders. Und wenn diese anderen auch heute zu allererst zu fragen pflegen, ob solch Deutschbekenntnis geeignet sei, den Judenhaß abzubauen, wenn sie tiefsinnig untersuchen, ob dieser Haß ein aprioristischer oder ein „sekundär fi^erier" Instinkt sei, also unausrottbar oder in zirka 500 bis 1000 Jahren heilbar, so ist das gewiß sehr interessant, hat aber mit der Tatsache, datz Tausende jüdischer Deutscher sich als harmonisch gestaltete Persönlichkeiten empfinden, nichts zu tun. Aehnlich steht es. wenn selbst Wohlmeinende fragen, ob hier nicht Selbsttäuschung vorliege. Maßgebend sollte ja eigentlich Mur das eigene Urteil eines geistig und seelisch gesunden Vollmenschen sein, und. das antwortet klar und unzweideutig mit einem: Ja, ich bin ein Deutscher I Aber wir haben ja auch von Treitschke, der es ausgesprochen hat, daß wir „können, wenn wir wollen", bis zu Bin ding, wenn er die amüsante Geschichte von dem General erzählt, der einen Offiziersaspiranten so lange glänzend beurteilte, bis er erfuhr, daß er Jude sei. Beweise genug dafür, daß in Hunderten oder gar Tausenden von Fällen an der Deulschheit bestimmter Persönlichkeiten kein Zweifel aufgekommen ist, bis einmal ein Eiferer und Geiferer entdeckte, daß eß Juden waren, und nunmehr künstlich Zweifel und Mißtrauen zu erregen suchte. Unser Deutschtum beschränkt sich nicht auf die r selbstverständliche Uebernahme staatsbürgerlicher Pflichten, ailf einwandfreie bürgerliche Einordnung, auf nützliche Leistungen: Hoch über alledem steht unsere gefühlsmäßige Verbundenheit in Freud und Leid mit allem, was deutsch ist im wahren Sinne dieses Wortes. Wir wollen zudem, wie das Weiter Rat Henau gefordert hat, „ein Vertrauen rechtfertigen". So sind wir im besten Sinne national, aber weder behaupten wir, daß wir im Verband geeinigten Mitglieder als einzige von allen deutschen Juden das Nationalgefühl gepachtet hätten, wie das hohle Schwätzer uns nachsagen, noch sind wir nationalistisch im Sinne von chauvinistisch. wie es übelwollende Gegner beweislos von unS behaupten. Und ebenso halten wir — das sei nochmals betont — unsere jüdische Religion hoch und unser Bewußtsein dev Abstammung von einem alten zlulturvolk. Diesem arnserem Nalionalgefühl steht diametral gegenüber das andersgeartete, nationaljüdische des Zionisten, der mit dem Rassent^Wtliker die Ansicht teilt, daß auch nach Jahrtausenden noch das Blut das Entscheidende sei. Drei Wurzeln hat diese große und wichtige zionistische Bewegung unserer Tage: die religiöse, die charitative, dix völkische. Unnötig, den Männern, die aus vollster Ueberzeugung, aus Gefühl und Bewußtsein Juden und nichts als Juden sind und sein wollen, zum tausendsten und abertausendsten Male unsere uneingeschränkte Achtung zu versichern.