Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- Nr. 3/4 (März/April 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 zuin Vorwand nahm, um den .Juden" alle schuld auszubürden, wo etwas, nicht nach Wunsch ging oder Mißgriffe einflußreicher Nichtjuden zu bemänteln waren, schließlich, als diese Strömung schon weite »reise des Volkes mit fortgerissen hatte, kam der Umsturz, der den ungetansten Juden plötzlich fast jedes bis dahin verschlossene Tor öffnete und den Einmarsch vyn jüdischen, uirgetauften, zum Teilfelbst jüdischnational empfindenden .Volksbeauftragten". Ministern. Ministerialräten, Regierungsräten, staatlichen Kommiffaren und Beamten aller Art ermöglichte. Jetzt hatte die Taufe wirklich nach der positiven wie nach der negativen Seite hin „keinen Zweck" mehr. Aber keiner, der sehen kann, darf ernsthaft meinen, daß damit das Problem seiner Lösung nähergekommen ist. Tie „dentschvölknchc" Strömung im nichtjüdischen Teil des deutschen Volkes ist stärker als je. Wenn auch die Anzahl derer, die 1 wirklich im Gefühl dein jüdischen stamme. mit unübrrwind- - lichcin'Widerwillen gcgcnüberstehen, weit geringer ist, als geivöhnlich angenommen wird, desto größer ist die Menge der Mitläufer, die sich von den Teutschvölkischen und ihren geschäsistüchtigen Drahtziehern durch handlich zubereitete Schlagworte lind gebrauchsfertig gelieferte Gesinnungen dafür haben einfangcn lasten, für alles, was faul ist in^ Staate, den Juden und dein sogenannten jüdischen Geist die schuld aufzubürden. Jür alle diese Leute ist der. getaufte Jude ein Jude wie jeder andere. Tic Stellungnahme der Nichtjuden zu Menschen jüdischer Abstammung wird heute, von ganz vereinzelten Ausnahme» abgesehen, durch das Stammes- oder, ivie der land-' läufige Jehlausdruck lautet, durch das Rästeprinzip beherrscht. . Und in dem Maße.- wie — im Gegensätze zu der staatlichen Handhabung — die gesellschaftliche Stellung der Juden , sich verschlechterte und den Juden, getauften >vie ungetansten,; die Einordnung in das deutsche Volkstum erschwert wurde. ’ wuchsen auch die Abivehrstiinmungen im Judentum selbst, sie | nnden ihren Ausdruck einmal in dein ungeahnten Anwachsen 1 der jüdischnalionalen Bewegung, ferneraber in dem stärkeren : Hcrvortreken der in der Zwischenschicht wurzelnden unklaren Bestrebungen nach „Vertiefung des Judentums", nach Stärkung -j denen, was gewöhnlich südliche Religiokitäi genannt wird und \ doch im Grunde nichts ist, als das mit dem Teutschgcfühl in - der Seele des Zwuchenschichtlers käinpferzde jüdische Nationalgefühl. Auch, auf diele Wciie mußte die Stellung der Gekauflen sich verschlechtern, mußte ihnen das Zusammenleben, der Verkehr mit ihren jüdischen Stammesgcnossen peinlich werden. Ter geraufte Jude ist heute, mehr als fr in der angenchuicn Lage eines Mcnschen, der zwischen zwei Stühlen sitzt. — Ein sonderfall bedarf noch der Würdigung. Er betrifft. die ttinbcr jüdischer Elsen:, die ln früher Jugend ohne eigenen ‘ Willen oder doch ohne rechtes Verständnis der Taufe unterworfen worden lind. ° sie befinden sich, sobald eii:mal ihr Erkennungsvermögcn erwacht, hinsichtlich ihrer gefühlsmäßigen Stellung zu Tcurschtum und Stalmnesjudemum in genau der glcichei: Lage wie jeder Envachsene, denn das, was in letzter Linie über den cinzuschlagenden Weg entscheidet, hat ja schon in der stunde der (Geburt in ihnen geschlummert ui:d ist durch das Tauiwaster nicht berührt worden. Auch für sie gilt, was wir über die Möglichkeitei:, ein im Keim begründetes ltzefühl zu wecken oder niedcrzuhalten, schon im Anfang unserer Betrachtung erkannt haben, llnd so mag unter diesen stammesjnden infolge der Einstüsie ihrer Umgebung eine verhältnismäßig große Zahl solcher sein, die sich ganz ehrlich für nationaldeulsch halten und doch Zwischenschichtler sind, in denen das unausgetilgte jüdische Stammesgefühl früher oder shäter einmal ganz überraschend sich durchsetzt. Aber auch an solchen Jällen fehlt es nicht, in denen junge Ehristen dieser Art verhältnismäßig früh ihr jüdischimtionalesHerz entdeckten und. zum Schreckei: ihrer Eltern, dem Taufschein und dem Standesregister zum Trotz, zu Parteigängern der Zionisten wurden. so findet der Gefühlspro.zeß ohne Rücksicht auf den Taufakt früher oder später seine durch das angeborene Empsinden vorausbestimmtc und damit im besten sinne natürliche Lösung. Ganz andere Bahnen geht der Entwicklungsprozeß hinsichtlich der Religionsfrage,' und gerade dieser Fall der im Kindesalter Getauften bietet ein schlagendes Beispiel dafür, wie abwegig und unlogisch die in der Zwischenschicht übliche Vermischung des Religionsprobleins mit dem stammcsproblem ist. Zu berücksichtigen ist, daß die Mehrzahl dieser früh gelausten Kinder in rein stammcsjüdischer llmgcbung aufwächst Schon früher war das meist der Fall, und heute, da die Kinder auf der Schulbank Hakenkreuze oder Tavidsterne tragen, gilt es mehr als je. Tas getaufte Kind verbringt also ,seine Jugend im Kreise von Menschen, die jüdischer Abstammung sind, aber auf die sogenannte jüdische Religion nichts.halten, denn täten sie das letztere, würden sic ihre Kinder nicht taufen lasien. Das Kind erhält christlichen Religivns- und Konfirmandenunterricht, es hört voll den Lehren der jüdischen Religion in der Schule nur gerade so viel, wie eben der Ehrist unter dem Gesichtspunkt der historischen Vorbereitung erfährt, zu Hause gar nichts. Ter Erfblg ist. daß manches von diesen Kinderl:, trotzdem sein „Blut" nur oder vorwiegend jüdisch reagiert, ein ganz ehrlich gläubiger Ehrist wird, denn das Ehristentum ist ja im Gegensatz zum! religiösen Judentum nicht staminesmüßig verankert, cs ist eine GcisteSrichtung. nicht ein Gefühl, und paßt sich der Sonderai t des Einzelnen so schmiegsam an, wie'der Eigsnart ganzer V ilker. Wir finden, so parador diese Feststellung klingt. Jüdischnc tioimle, die von dem christlichen Glauben voll durchdrungen ^sinst. Tie ii: keinen: anderen Verkehrskreise leben möchten, als in den: ihrer jüdischen Stammcsgenossen — gleichviel welchen Glaubens —, die aber zu keinem anderen Gott mit Andacht bete:: können, als zll dein drcieinigen Gott der Ehristen. Daß ein getauftes Kind sich zu einer jener Jormen der Gottesanbetung bekehrt, die man jüdische Religion nennt, ist selten. Wenn nicht eine Veranlassung ganz äußerlicher Art sich vordtängt, koiilinen nur die iiniilerhiil seltenen Jälle in Jrage, in denen der Ehrist zun: Zionisten wird und auf diesem llmwege auch das wahre, slaininesmäßig gebundene Judentu»: in: religiösen sinne, verstehen lernt. Ter landläufige Zwischenschichtler. der in der Jugend getauft worden ist. den sein überiviegendcs StammcSgcfühl aber zu tingetauften Zwischenschichtlern zieht, wird, wenn ihn nicht etwa die in Aussicht stehende „Partie" mit einen: Mädchen aus „jüdischreligiöser' Familie zun: zweiten Glaubchswechscl veranlaßt, in der R -gel ein Lippenchrist bleiben und höchstens ein sogenanntel Jreidcnker werden, das heißt ein Mensch, der sich unter an!erem auch über Religion keine Gedanken macht und gelegenllu: geschmackvoll genug ist, seinen Verkehr mit ungelausten Juden vor sich und anderen durch das schöne Wort „Toleranzszu rechtfertigen. Wir nalionaldeutschei: Juden setzen unscrcil SMIz darein, in: besseren, im wahren Sinne tolerant zu fein: Waure Toleranz ist nicht müde Tnldsamkcit, nicht verschleiert/Gedankenträgheit und Unfähigkeit zu herzhafter Parteinahme. Sic ist - die JähigkZit. zu verstehen, und verstehen heißt nicht verzeihen, denn verzeihen ist nur die gleichzeitig schlaffe und selbstgefällige Jorur innerer Ueberhebung. Verstehen heißt erkennen, daß anders sein nicht gleichbedeutend ist mit besser oder schlechter sein, daß jeder Mensch, den: es un: irgend etwas heiliger Ernst ist, Achtung nnd Ehrfurcht verdient, mag sein Gefühl oder sein Verstand ihn: auch Wege weisen, die sich von den unseren trennen. Toleranz heißt Ehrfurcht vor den: Wesen anderer, sofern es nur echtes und wahres Wesen, sofern es nicht auf den: sumpfigen Boden der Lüge gewachsen ist. llnd in: Lichte dieser Toleranz sehen wir auch das PNoblem der Taufe. Ter Staiinnesjude, der sich vor dem krc:jzgeschniückten Altar zum Ehristentum bekennt, weil ihm das Ehristentum innere Rottvendigkeit ist, weil er aus ehrlichem Herzen nur in dieser Jörm zn Gott beten kann, den: zollen mir Ehrfurcht wie jedem, der den Mut hat, er selbst zu sein. Gerade dieser wild auch nach der Taufe in allem anderen, als in der Zorn: der Gottesverchrnng, nichts anderes sein ivollei:, als er vorher >var, ein Jude von stamm, und ein nationaldeutscher Jude nur dann, wenn er gleichzeitig in: Gefühl ein Deutscher ist. Wer aber ohne inneren Zwang ein Christ wird, nur un: nicht mehr Jude zu heißen, bei: ivciscn wir von uns. weil er ein zhnisches Spiel treibt mit dem. >vas anderen heilig ist, weil er der Ehrfurcht bar ist vor Dingen, die anderen Andacht und Aufschwung bedeuten. Wer die Gefühle anderer so mit Jüßen tritt, wer sich selbst nicht zu hoch achtet, um sein Haus auf dem schwanken Grunde der Lüge zu bauen, den: versagen auch wir Achtung und Gemeinschaft. Und es bedeutet uns nichts, ob der Scheinchrist mit seiner Altarlüge nur die kümmerlichen pnd vergänglichen Güter des Tages erstrebt, Geld, Amt, Titel und anderen Kram, oder ob er durch den llebertritt auf seine Weise im deutschen Volkstum unterzutauchen sucht. Ist er ein wahrer nationaldeutschcr Jude, so braucht er die Bekenntnislüge nicht. Er sei, was er ist, er wähle sich ohne knechtische Demut seilten Platz im deutschen Volke, er kämpfe, wo es nottut. um seinen Platz, aber er versuche nicht, sich den Play zu erschwindeln. Tut er es dennoch, so sei er sich bewußt, daß wir nichts mehr mit ihm zu schaffen haben. Unser Weg führt geradeaus in die Klarheit, der seine führt abseits in dps Gestrüpp der Lüge. Er hat sich selbst aus-