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Der nationaldeutsche Jude · 1926-03-01 · Nr. 3/4 (März/April 1926) · p. Seite 7

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1926
Issue
Nr. 3/4 (März/April 1926)
Date
1926-03-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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LebenSverbältnisse über, und wenn man auch natürlich wußte, daß er geborener Jude war oder von Juden stammte, gingen doch die Nichtjuden über diese Tatsache .taktvoll" hinweg. Man ließ ihn das, was man schließlich immer noch im Grunde als einen Makel der Geburt ansah. so wenig fühlen, wie man etwa irgend einen versönlich braven Menschen die bürgerliche Entgleisung seines Großvaters fühlen läßt, und erinnerte sich des .Makels" allenfalls nur. wenn man gelegentlich einer erregten Auseinandersetzung, die ja auch unter Gleichgesinnte» einnial stattfinden kann, das Bedürfnis nach einer besonders kräftigen Beschimpfung emOand. Allniählich, ganz allmählich, änderten sich auch in dieser Hinficht die Dinge. Die Stellung des Getauften wurde eine andere gegenüber seiner nichtjüdischen Umwelt, sie wurde' eine andere auch gegenüber den Stainmesgenossen. aus deren Kreise er hervorgegangen war, Langsam brach sich die Erkenntnis Bah», daß die Taufe am inneren Wesen drS Menschen nichts ändert, Für die Nichtjuden waren dabei zweifellos gewisse praktische Erfahrungen mitbestimmend. Die getauften Juden begafinen in ihrer neuen-Lebenslphäre infolge ihres stärkeren Temperaments, ihrer — zum Teil im Laufe der Jahrhunderte künstlich angezüchtelen — größeren Begabung für diese oder jene Tinge eine Rolle zu spielen, die manchem geborenen „Arier" den Wunsch nahclegtc, die neue Konkurrenz möglichst einzudämmen. Auch der Staat, in dcffen Hand der Verwaltungsapparat war. zog aus der Tüt'ackie, daß die Taufen sich zu inehren begannen, gewifit Folgerungen. Allerdings,, diese Folgerungen waren weder sehr logisch, noch sehr vornehm. Sie stellten sich äußerlich dar als ein Kompromiß zwischen der seit Jahrhunderten hergebrachten Anschauung, die nun einmal diese Form der Gesinniniaslosigkeit für prämienwürdig hielt, und der ausdämmernden Erkenntnis, daß eine zu weitgehende Förderung dieses .praktischen Christentums" zu Unzuträglich» keilen zwischen alten und neuen' Christen führen könnte. Ein besonders bezeichnendes Beispiel für diese staatliche Auffassung des Tanfproblcms ist das Verhalten des preußischen Staates bei der Besetzung der Richterämter und zumal bei der Verleihung des Notariats an Rechtsanwälte. Es dürfte noch nicht vergesse» sei», daß bis vor wenige» Jahren drei verschiedene Listen für Notariatsanwärter bestanden und daß die in diesen drei Listen Registrierten in drei verschiedenen Zeitmaßen zu dem wegen seiner Einträglichkeit ersir.blen Amte aufrückten. Auf der ersten Liste standen die reinblütigcn .Arier", die einfach dem Dienstalter nach, oft in sehr jungen Jahren, berücksichtigt wiud.n, soweit sie nicht etiva selbst durch Verfehlungen gegen die Berussehrc sich Henimungen einschaltetc». Die zweite Liste ivar die der Getauften, die zwar nicht etwa in demselben Zeitmaße aufrückte», wie die „Reinblütigen". aber doch immerhin noch erheblich schneller als die in der dritten Liste vcrzeichneten .ivirtlichen" Juden, die sich zur Taufe nicht hatten entschlleßen können und demgemäß. wsnn überhaupt, erst im Zustande vorgeschrittener Arterienverkalkung air die Reihe kamen. Diele Behandlung des vorteilfördernden Charakters der Taufe entsprach in ihrer Inkonsequenz und Gedankenlosigkeit durchaus derjenigen Aulfaffung. die unter den Deutschen nichtjüdischer Abstammung im allgemeinen herrschend zu werden begann. Man verachtete heimlich den Gctousten und tonnte sich nicht entschließen, ihm den vollen Preis für die von ihm betätigte GesinnungSlofigkejt zu zahlen, aber man konnte sich andererseits doch auch nicht entschließen, die nun einmal aus den Religionswechsel gesetzte Prämie ganz in Wegfall zu bringen und dem gelausten Inden! ehrlich ins Gesicht zu. sage», daß man sich bewußt war, in ihm nach >oic vor einen Inden und nichts anderes vor sich zu haben. Auch die Stellung der Getauften zu den jüdischen kreise», aus denen sie hervorgegangen waren, blieb nicht unverändert. Und um diese Aenderung zu erklären, müficn mir schon ein wenig mehr in die Tiefe steigen. Vergegenwärtigen wir unS noch einmal die inneren Gründe für den Uebcrtritt solcher Juden, die von der jüdischen „Religion" im üblichen Sinne nicht viel hielten. Sie nahmen die Taufe entweder, um sich auch äußerlich vollkommen denr Deutschtum anzupafien, sich zu „assimilieren", oder, was häufiger war, um äußere Vorteile im Berufs- oder gesellschaftlichen Leben zu erlangen, um ein Amt zu erreichen außerhalb der Bezirke, die auch dem nngetauften Juden offen waren, um eine christliche grau zu heiraten, deren Angehörige dem Judenproblem, mit der hergebrachten Gedankenlosigkeit gegenüberstanden, oder aus ähnlichen Gründen. Die Menschen, die aus sh äußerlichen Gründen ihre Religion wechselten, waren erklärlicherweise meist nicht die besten ihres Stammes. Die nationaldeutsch fühlenden Elemente, die in dieser Form ihr BetenrttniS zum Deutschtum ablegten und so immerhin aus „idealenl Beweggründen handelten, stelten nur xincn verhältnismäßig geringen Bruchteil dar. Die weitaus meisten gehörten der Zwischenschicht an. behandelten das Problem des Religionswechsels von vornherein mit einem fir jeden wahrhaft religiösen Morschen, gleichviel welchen Bekenntnisses, verletzenden ZyniSmuS und machten bewußt oder unbewußt auch nach der Taufe gar kein Hehl daraus, daß sie sich iveiterhin im Kreise ihrer eigenen Stammesgenoffen,wöhler fühlte», als in ihrem neuen „christ ichcn" Milieu. Diese besondere Form der Zwischcnschichtlerei ergab jedoch bald gewisse iraktische Schwierigkeiten. Unser demjenigen Teile der Zivisck enschicht. der sich Zur Taufe nicht hatte entschließe» können, war inzwischen das jüdische Stammcsgesühl reger oder, besser gesagt, wacher geworden. We rn auch diese Menschen noch weit entfernt waren, wie sie es ja auch beute noch sind, das Stammesgefühl al^das, was es wirklich ist. zu erkennen und < teilen zu lasse», war doch die Rerktion des Gefühls gegen dir „T ruflingc" stark, nur daß man sich wiederum einredcte, gerade dii religiöse Seite der Sache, der Ab all von dem, was man mit gewohntem Selbstbetrug „religiöses Judentum" nannte, wäre los Entscheidende. In Wahrhit war es die verständliche Anlehnung einer Gemeinschaft, die in nicht beneidenswerter Lage st. gegen den Abtrünnigen, her Fahnenflüchtigen, der eine bequeme Möglichkeit benutzt,! um sich und allenfalls seine näcksten Angehörigen in Sicherheit zu bringen, die weniger „Klr gen" getrost ihrem Schicksal überlassend. Andererseits wiederum ergab das unaustilgbare Gefühl der Stammeszusammenaehörigkeit einen Kitt, ider auch drsrch die Lauge der Verachtung r icht ohne weiteres aufzulösen war. Und so entstand denn das 9ild, das wir noch heute täglich beobachten können, daß geil ustc und ungetauste Zwischenschichtler miteinander leben wie etwa ein Liebespaar, das standst im Streit liegt Und sich doch nicht bcherzt voneinander lösin kann. Der imnier noch mgniger bcneidenswcrte Teil von beiden ist unzweifelhaft der Getaufte, der sich von den ungetansten Juden einerseits, von den , arischen" Volksgenossen anderersnts ständig belauert und berrgivöhnt weiß, den sein Herz zu den Juden, sein Verstand zu t en Nichtjudeu zieht und der dabei gewiß sei» darf, seine Eigenschaft als Ueberläufer im Streitfälle von beiden Seiten mit I er Sauce der Verachtung aufgetiicht zu erhalten. In dieser Hi, sicht rvqr der nationaldeutsche Jude christlichen Bekenntnisses der in folgerichtiger Turchsühxung seiner überspitzten Protcstc klion sich des Verkehrs mit Stamimesgenoflen grundsätzlich cnthic t, immer noch günstiger daran. Er war den Enttäuschungen und peinlichen Eröffnungen wenigstens nur von einer Seite her unsgesetzt. Die deutschvölkische Bewegung entstand und als Parallelerscheinung auf jüdischer Seite der Zionismus, das Ausleben oder doch Aufwachen des jüdischen Nationalgefühls. s Zeide Bewegungen förderten r nd ergänzten sich, die Deutsch völkischen und die Zionisten rie en sich gegenseitig als Eides! iclrcr an. Die Erkenntnis, daß die Abstaminung unverlietbarr Eigenschaften begründet, drcng in weite Kreise dcö Volkes urd nahm, zum Extrem übersteigert, die Fdrm der Anschauung an, daß das „Blut" für alle Zeiten auch die Richtung des Gefühls bestimmen müßte. Die Protestbewegung gegen das E ndringen getaufter Juden in' Amiter und Berufe, die dem ungetansten Juden bei aller theoretischen Gleichheit vor dem Gesetze vraktisch verschlossen waren, erhielt neue Nahrung. Ter Staat hinkte natürlich, wie s ets, der Volksstimmung nach. Er^blieü zunächst noch bei der wohltemperierten Höherbewcrlrnrg der Gelausten gegenübek ten Nngetauftcn, wie sic sich in den drei Notariatslisten ausprcgte Aber auch hier machtet sich alliMhlich gewiffe Hemmungen bemerkbar, die unz vcifclhast Wirkungen der „deuts hvöltischen" Strömung waren und mit denen die Geneigtheit. gelegentlich einmal einen ungetansten Konzessions-Schulze ober richtiger Konzessions-Eohn z> höheren Graden ausrücken zu mffen, durchaus nicht in inneren Widerspruch stand. Soi war der Stand der Dinge vor den Kriege der, daß cs, vom praktischen Standpunkt Vorteils lefliffcncr Zwischenschichtler gesprochen, tvirklich kaum mehr „Zimck" hatte, den sogenannten Religionsmechsel vorzunehnren. Dann kam der Krieg, der zunächst alle Vorurteilc hinwegzufegen schien, aber bäld kamen apchsdie üblen Ersckcinungcn zwischenschichtlicher Krtegsgewinner und Drückeberger, die zwar ihre sehr zahlreichenirischen" Gegcnmlder längst nick t in dem Verhältnisse prozentual überwogen, wie auch hcple noch von mancher Seite behauptet wird, die aber erkennbar genug-waren und durch die ausdringlich zynische Form, in der sic s ch gaben, noch erkennbarer wur!>en. Und sehr bald, noch wäl rend des Krieges,. begann die Gegenströmung, die diese Teilsnißslände

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