Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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stellungen steht die Theorie, die an den alten Assimilationsgedanken anknüpft und das restlose Aufgehen der Juden im Deutschtum erstrebt. — Daß mit allen diesen Kennzeichnungen nur grobe Umrisse gegeben werden könne» und daß es überall Zwischen- und Uebergangsformen gibt, bedarf keiner Aussührung. Welcher von diesen Wegen soll, welcher kann beschritten werden? Welcher von ihnen führt am nächsten zu dem Ziele, das jeder verständige, sein Deutschland liebende Mensch im Auge behalten mutz, das deutsche Volksleben endlich einmal wenigstens ans diesem Teilgebiete von Beunruhigung zu befreien^ und Kräfte, die heute durch fruchtlose Streitigkeiten gebunden werden, für Aufbauarbeit freizumachen? Diese Frage ist nicht die Judenfrage selbst, aber sie ist die äußere Form, in der daö Jahrtausende alte Problem uns deutschen Staatsbürgen, von heute sichtbar und fühlbar wird. Und wie so viele zeitbedingte Erscheinungsformen uralter Fragen ist auch diese zum Sfiwlball des Parteigetriebes geworden. An sich hat die Judenfrage, mit Parteipolitik nicht das geringste zu tun. Sie ist zu allen Zeiten unter den allerverschiedensten politischen Verhältnissen die gleiche Frage getvesen. Aber ihre heutige Gestaltung und letzte Zuspitzung hat sie durch die heutigen Parteien erhalten, die sich des dankbaren Agitationsstoffes bemächtigt und aus ihm Handwaffen für den Nahkamps geschmiedet haben. Der Geschoßhagel der Schlagworte. der täglich über ganz Deutschland niedergeht, läßt die meisten Deutschen nicht zur Besinnung kommen. Von allen, die parteimäßig zugerichtete Redewendungen über die Judenfrage ohne Anstrengung von sich geben, hat nur der geringste Teil Zeit, Sammlung und Neigung gehabt, sich ernsthaft Gedanken da'rüber zu machen, wab die eigentliche Judenfrage, das .ewige Kernproblem, bedeutet. ES wurde schon Lrwähnt, daß die Judcnfrage bereits vor Jahrtausenden bestanden hat, im Osten wie im Westen, unter asiatischen, afrikanischen und europäischen Völkern. Sie hat überall von Zeit zu Zeit eine rein örtliche Lösung gefunden, und stets war es eine Lösung zum Schaden der Juden, gleichviel, ob sie Abschlachtung, Austreibung oder Ghetto und Judenhut hieß Die Romaufabel des Buches Esther, das wahrscheinlich im zweiten vorchristlichen Jahrhundert verfaßt ist, setzt mit der Schilderung der Vorbereitungen zu einem Judenprogrom ein. der mit geringen Abwandlungen auch im zaristischen Rußland des zwanzigsten Jahrhunderts hätte stattfindeili können. Und die Mische Militärkolonie in Elcphantine, die sich heftig sträubte, ihr Dreigöttxrsystei» zugunsten des 1 reinen Jahwekullus aufzugeben, wurde etwa 400 Jahre vor Christi Geburt von dem ägyptische» „Wirtsvolk" vernichtet. Scheinen solche Geschehnisse, deren Aufzählung vervielfacht werden könnte, nicht denen recht zu geben, die den Kernpunkt der Judenfrage in der geistigen und in letzter Linie physischen Beschaffenheit „des Juden" finden, die der Ansicht sind, ^der Jude" sei nun einmal nicht geeignet, sich mir einer anders gearteten Umwelt zu vertragen? Man darf sich über so nüchterne Fragestellung nicht entrüsten, darf sie nicht mit geschwollenen Phrasen von Ethos' und Menschenrechten beiseite schieben. Es ist ganz unzweifelhaft, daß der in dieser Form wiedergegebene Schluß etwas logisch Bestechendes hat. Er ist trotzdem falsch, und zwar deshalb, weil er nur die vom Standpunkte der sogenannten Wirtsvölker unliebsamen und aufreizenden Erscheinungen im Auge hat, jedoch übersieht, daß diese Erscheinungen stets und überall nur Teilerscheinungen waren, die gerade wegen ihrer Besonderheit die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen erregten und deshalb durch Geschichte und Literatur uns aufbewahrt sind. Freilich war diese Besonderheit eine, die in gleicher Form zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten sich zeigte und der demnach wohk eine Gesetzmäßigkeit innewohnen muß. Nur war diese Gesetzmäßigkeit nicht physiologisch begründet- Und deshalb ist sie nicht unwandelbar. Wenn in Spanien, in England, in irgendeiner deutschen Stadt des Mittelalters die Juden ausgetricbcn wurden, waren äußerer und letzter Anlaß stets die Sünden einzelner Juden. Aber für diese Einzelsünden wurde die örtliche Gesamtheit haftbar geniacht. Warum diese im Sinne menschlicher Gcrechtigkeit unzulässige Verallgemeinerung? Weil man „die Juden" stets als eine in sich selbst eng zusammenhängende Gemeinschaft sah, weil die „Judenschaft" des Landes oder Ortes sich immer wieder von Zeit zu Zeit, selbst in den Epochen stärkster „Assimilation" auf ein Gemeinschaftszentrum zurückzog. weil infolgedessen die Nichtjuden niemals ganz die Empfindung verloren, die Juden in ihrer Gesamtheit wollten schließlich doch etwas anderes sein, als die Umwelt, und wollten cs bleiben. Es ist durchaus verständlich, daß gegen diese Eigenbrötelei sich die Umwelt auflehnte und daß diese Auflehnung in desto brutaleren Formen geschah, je brutaler und geistig finsterer die Zeit war, in der sich ständiges Unbehagen zum akuten Konflikt steigerte. Kam cs aber ji„ solchem Konflikt, so wurde — und auch dies ist menschlich nhne weiteres begreiflich — im Augenblicke des Ausbruchs der Volksleidenschpft alles vergessen, was vorher gewesen war. Vergeffen wurde, insbesondere, >vos auch heute wieder meist vergessen wird und was doch das stärkste Argument gegen die „B üttheorie" der Rasse-Aytisemiten darstellt, daß in jeder Julenschaft der Welt zu jeder Zeit ein ständiger Prozeß zentrifugaler Kraftwirkung im Ablauf war. daß sich ständig an der Außenseite Teile der Gemeinschaft loslösten und daß diese abgespaltenen Teile restlos in derlUmwelt verschwanden. Die Aeußerlichkeiten, unter denen sich diese Absplitterung vollzog, nie Glaubenswechsel, Namensänderung und ähnliches, kommen für die Würdigung dieses Vorgangs hier nicht in Frage. Entscheidend ist. daß ständig Jaden in nichtjüdischer Umwelt chjgingcn und daß manche »och völlig „reinblütige" Juden, die diesen Weg beschritten, für das Vaterland ihrer Wahl Leistungen vollbrachten, die nur auH einem aufs höchste gesteigerten Gefühl innerer Verbundenheit mit diesem Vaterland erklärlich sind. Man tut diese Erscheinungen in judenfeindlichen — wi§ übrigens auch in jüdischnationalen — Kreisen gern als Ausnahmen, Renegatentum oder desgleichen ab. Aber mit solcher rem wortmäßigen Abstempelung ist sachlich nichts erklärt. Wären es selbst Ausnahmen, so würden sie doch schlagend beweisen, daß ein Jude in nichtjüdischer Umwelt tatsächlich aufgehen kann, daß also eine physiologische Unmöglichkeit nicht vorli!egt. Aber sind es denn wirklich Ausnahmen? Die große Menge selbst der sogenannten Gebildeten kennt freilich nur die paar Einzelmenschen, die ihreifi.Namen in das Buch der Geschichte geschrieben haben, wie D i s r a e l i, Stahl, Manin, Eambetta. Ich führe absichtlich nur solche Namen an, die auch vom Standpunkte des politisch rechtsstehenden Judenfeindes nicht angreifbar sind. Aber weiß nicht jeder von uns, daß neben diesen weltbekannten Großen die Fülle der Kleineren!und Kleinen steht, derqn Namen kein Lied, kein Heldenbüch meldet und die trotzdem vollgültiges Beweismaterial gegen die Behauptung der physischen llnverschinelzbarkeit sind, gerade weil sie sich in der^Masse aufgelöst haben? An der physischen Beschaffenheit kann es also nicht liegen. Bleibt der Wille zum völkischen oder volksgleichen Eigenleben, der in jeder jüdischen Gemeinschaft den Kern zusanunen- ^lußenrande noch so vipl Teilchen ahaber entspringt nicht aus der Physis, keit des Judentums, der Gemeinschaft gelegt sei. sie von neuem sehr leber gebärden, saugt seine stä des messianischen Gedan hält, auch wenn am?! splittern. Dieser Wille er entspringt aus einer Idee, aus der Idee der Unsterblichgöttlichen Mission, die gerade auf diese Und diese Idee ist auch heute nicht tot.?luch heute und gerade wieder heute sind Kräfte am Werk, big zu machen. Der Zionismus, mag er sich noch so irreligiös, teilweise geradezu rcligiongfeindlich ärksten Kräfte schließlich aus der Wurzel sens, aus der Vorstellung von, üuscrwählten Volk. Und in der Schicht der ewig Uiiklaren, zwischen verschiedenen Volkstümer» Schwankenden wird, ohne daß man sich selbst auch nur innerlich zu dem Gedanken der A,ckmvähltheit bekennt, in Wahrheit dieser Gedanke gerade hcute gezüchtet. Wer verurteilt,ist, täglich eine Reihe jübi|'dier, von Juden für Juden geschriebener Zektungcn und Zeischriften zu lesen, gleichviel ob sie religiös orthodoxer oder liberaler Richtung, ob sie zionistisch oder zwischenschichtlich geleitet sind, muß einen — gelegenjlich bis zu körperlicher Hebe keit gesteigerten — Widerwillen! empfinden gegenüber diesem unglaublichen Maß von Selbstgefälligkeit, von. schleimigen, „Würde"- Geschwätz, von Uebe?spannüng der Pflicht zur „Abwehr des Antisemitismus", die in diesen Kreisen dahin verstand!-n wird, daß gegen jede leiseste Andeutung^vo», Leder gezogen werden muß, wenn nur irgend ein Jude belroffen wird. Ei besteht kein Zweifel darüber, däß wir heute innerhalb der Judenheit mitten in einer ausgesprochenen Anti-AssimilalionSbewegung stehen, die. wenn man ihr „ich? einen Riegel fiorfchiebt, sckilietzlich inS selbstgewählte Ghetto führen muß. Es wird vielleicht ein höchst komfortables, mit allen technischen Errungenschaflen der Neuzeit und mit einem geradezu verschwenderische» Maße von sogenannter Geistigkeit ausgestattcles Ghetto sein, ohne abendlichen Torschluß und ähnliche historische Erinnerungen. Aber die unsichlbareiü Maucrit, aus den „Bausteinen" der Selbstverdumninngs - Vereine i und der Makulatur der Sclbstberäucherungs Presse gS bröckeligen Steinwälle dis MstielalterS?ln diese Erkenntnis chichtet, werden fester halten, alS die muß die Arbeit aller derer miknüpfen, die entschlossen sind, niht die Hände in den Schoß >u legen